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EZB über kurzfristig höhere Inflation, die „durchschaut“ werden muss

Die EZB-Zentrale in Frankfurt am Main

Der Chefökonom der Europäischen Zentralbank (EZB) Philip Lane hat heute der spanischen Zeitung El País ein Interview gegeben (hier der gesamte Text im Original). Dabei ist natürlich das Themenfeld Inflation wieder mal von zentraler Bedeutung. Wie so viele Notenbanker scheint auch Mr. Lane daran zu glauben, dass eine Notenbank die Inflation exakt auf ein Ziel lenken und dort punktgenau halten kann. Und da man die Inflation so gut im Griff hat, braucht man auch die Zinsen in der Eurozone auf absehbare Zeit nicht anheben, wie Christine Lagarde es letzte Woche erklärte?

EZB-Chefvolkswirt Philip Lane über „unerwartet“ hohe Inflation in der Eurozone

Philip Lane wird zitiert mit dem Ausspruch, dass die Inflation derzeit „unerwartet hoch“ sei – aber man glaube bei der EZB, dass sie im nächsten Jahr zurückgehen werde. Und wenn man die Situation mittelfristig betrachte, sei die Inflationsrate immer noch zu niedrig – sie liege unter dem Ziel von 2 Prozent, aber nicht zu hoch. Die derzeit hohe Inflation hänge damit zusammen, dass die Erholung auf globaler Ebene stark gewesen sei. Es gebe derzeit nunmal diese Engpässe und die hohen Energiekosten, die zusammen den Hauptfaktor für den Preisanstieg darstellen würden.

Er wisse, dass auch in Spanien die Energiekosten erheblich gestiegen seien. Man denke bei der EZB, dass die Engpässe im nächsten Jahr nachlassen und die Energiepreise sinken oder sich stabilisieren werden. Es gebe auch noch andere Faktoren, wie zum Beispiel die Erholung einiger Preise, die im Jahr 2020 gefallen waren. Ja, man habe bei der EZB von „Inflation, Inflation, Inflation“ gesprochen, aber diese Inflationsphase sei sehr ungewöhnlich und vorübergehend, und kein Zeichen für eine chronische Situation, so die Worte von Philip Lane. Man befinde sich heute in einer ganz anderen Situation als in den 1970er und 1980er Jahren.

Thema differenziert betrachten

Bezüglich dem Drängen von deutschen Gewerkschaften nach 4 Prozent Lohnerhöhungen und diesem Druck auf die Inflation sagt Philip Lane, dass ein kollektives Interesse daran bestehe, das Geschehen genau zu beobachten. Aber man solle das Ganze differenziert betrachten. In den letzten Jahrzehnten habe man gesehen, dass die Lohnerhöhungen in der Eurozone nicht hoch genug waren, um eine Inflation von 2 Prozent zu erzeugen. Allerdings sollten solche Verhandlungen auch von allgemeineren Erwägungen wie Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit eines Landes, einer Branche oder eines Unternehmens geprägt sein.

Es sei wichtig, dass bei den Lohnverhandlungen die gestiegenen Lebenshaltungskosten berücksichtigt werden, dass aber auch ein unhaltbarer Anstieg der Arbeitskosten vermieden wird. Dieses Gleichgewicht zu finden, sei der Schlüssel. Man werde auf nicht nachhaltige Muster achten, die zu einem Druck führen könnten, der aus Sicht der Inflation unerwünscht ist. „Aber lassen Sie mich betonen, dass wir dies im Moment nicht sehen“, so Philip Lane. Es handele sich eher um einen Risikofaktor, den man im Auge behalten müsse, als um etwas, für das man Anzeichen sehe.

Zu Inflationssorgen in Deutschland sagt Philip Lane, dass die geldpolitischen Entscheidungen der EZB nicht durch irgendeine Form von äußerem Druck bestimmt würden. Die EU-Verträge würden der EZB die Unabhängigkeit gewähren, ihre Aufgabe zu erfüllen, die darin bestehe, mittelfristig eine Inflation von 2 Prozent zu erreichen, also eine Inflation, die weder zu hoch noch zu niedrig ist. Entscheidend für die Entscheidungsfindung der EZB sei die Einschätzung der mittelfristigen Inflation, also über einen mehrjährigen Zeithorizont. Bei der mittelfristigen Inflationsperspektive konzentrieren man sich bei der EZB darauf, wohin sich die Inflation im Jahr 2023, 2024 usw. entwickeln könnte, und nicht auf die kurzfristige Dynamik.

Großer Instrumentenkasten – höhere Inflation muss durchschaut werden

Was die Geldpolitik der Politik anbelangt, so konzentriere man sich nicht auf eine bestimmte Komponente, denn die Geldpolitik erstrecke sich natürlich auf verschiedene Kategorien, nicht nur auf das Pandemie-Notkaufprogramm (PEPP), sondern auch auf das reguläre Ankaufprogramm für Vermögenswerte (APP). Man habe auch Zinsen und das gezielte Kreditprogramm TLTRO als Instrument. Man habe also viele Möglichkeiten – aber die Geldpolitik der EZB werde auf der Grundlage dessen entschieden, was notwendig sei um sicherzustellen, dass sich die Inflation mittelfristig bei 2 Prozent stabilisiert. Die kurzfristige Volatilität sei etwas, das man durchschauen müsse. Gleichzeitig sei man auch dafür verantwortlich zu erklären, dass es gewichtige Gründe gibt, die für einen Rückgang der Inflation im nächsten Jahr sprechen, und dass man geduldig genug sein muss, um auf einen vorübergehenden Anstieg der Inflation nicht überzureagieren.



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