Die EZB hat die Zinsen heute unverändert belassen (hier das Statement). Nach acht Zinssenkungen am Stück von 4,0 % auf 2,0 % bleibt der Einlagensatz erst einmal unverändert. Bis September? Und dann ein neuer Zinsschritt? Das ist die Frage. Hier zeigen wir die Stimmen von acht verschiedenen Ökonomen, wie sie die Entscheidung und die Aussagen von Christine Lagarde bewerten.
Commerzbank: Dr. Jörg Krämer
EZB-Präsidentin Christine Lagarde dämpfte heute die Erwartung einer letzten Zinssenkung im September. Das erwartete Sinken der Inflationsrate unter die 2%-Marke sei vorübergehend. Lagarde schloss sogar eine Diskussion über irgendwann notwendige Zinserhöhungen nicht aus. Entsprechend ändern wir unsere Prognosen und erwarten für die September-Sitzung nicht mehr eine letzte Senkung des EZB-Einlagensatzes auf 1,75%.
Thomas Haas, Volkswirt, BVR
Nachfolgend Aussagen zusammengestellt von Bloomberg: Die wirtschaftspolitische Großwetterlage sorgt derzeit für schlechte Sicht — da nimmt man besser den Fuß vom Gas. Nach acht Zinssenkungen, davon sieben aufeinanderfolgend, legt die EZB nun eine Sommerpause ein. Die Geldpolitik befindet sich mittlerweile im neutralen Bereich und wirkt trotz Wirkungsverzögerungen kaum noch bremsend auf die Konjunktur, während sich die Inflation im Bereich des Zielwerts von zwei Prozent befindet.
Zwar hat der Euro jüngst deutlich aufgewertet, die Effekte dürften jedoch bislang überschaubar bleiben. Gleichzeitig herrscht hohe Unsicherheit über die Auswirkungen der US-Zollpolitik auf die Inflationsentwicklung. Insofern ist es sinnvoll, vor weiteren Schritten auf zusätzliche Klarheit zu warten. Im September, mit neuen Projektionen und mehr Daten, dürfte sich die Lage besser beurteilen lassen.
Ulrich Kater, Chefvolkswirt, DekaBank
Die Zinspause war an den Märkten erwartet worden. Schließlich hat die EZB in den vergangenen Monaten ihre Leitzinsen von “restriktiv” auf “neutral” zurückgenommen. Ob die Stufe “expansiv” mit weiteren Zinssenkungen notwendig sein wird, ist jetzt noch überhaupt nicht abzusehen.
Zwar läuft die Konjunktur im Euroraum weiterhin unterdurchschnittlich, die Inflation wird absehbar weiter sinken und der Euro hat eine Aufwertung hinter sich. Das alles reicht jedoch nicht aus für den Ruf nach weiterem geldpolitischem Schub. Reagieren müsste die EZB nur bei deutlichen Einbrüchen in der konjunkturellen Entwicklung. Das steht aktuell nicht an.
Reinhold Rickes, Chefvolkswirt, Deutscher Sparkassen- und Giroverband
Für den weiteren Ausblick sind zwei Zusammenhänge wichtig: Wenn die Zölle auf die Exporte aus Europa und insbesondere aus Deutschland in die USA nach dem 1. August um zehn Prozentpunkte höher ausfallen als erwartet (derzeit 15%) sinken die Exporte (in Deutschland rund um 0,8%) und damit das deutsche Wachstum in diesem Jahr um 0,3 bis 0,4%. Steigt der Euro-Außenwert gegenüber dem US-Dollar um 10% an (so seit Anfang dieses Jahres), wird nach rund einem oder eineinhalb Jahren die Inflation um 0,3 bis 0,5% sinken.
Für den Euroraum und Deutschland bedeuten diese beiden Zusammenhänge: Das Wachstum könnte weiter stagnieren bzw. doch nicht so stark in 2026 steigen wie eine Mehrzahl an Ökonomen es derzeit noch annehmen. Die Inflation könnte entgegen vieler Projektionen doch deutlich niedriger ausfallen und sich stärker in Richtung 1% entwickeln als es derzeit ebenfalls eine Mehrzahl an Ökonomen sieht. In diesem Spannungsfeld bleibt es nun spannend, wie die EZB weiter agiert. Die Mehrzahl der Chefvolkswirte aus der Sparkassen-Finanzgruppe erwarten noch ein oder zwei kleine Leitzinssenkungen in diesem Jahr.
Klaus Bauknecht, Chefvolkswirt, IKB
Eine finale Zinssenkung im September bleibt wahrscheinlich. Die Geldpolitik wäre dann immer noch neutral ausgerichtet, was angesichts der Unsicherheiten eine stabilisierende Politik darstellen würde. Die weitere Entwicklung der EZB-Politik hängt stark von externen Faktoren ab, insbesondere der US-Handelspolitik. Raum für deutlich niedriger Zinsen ist aber begrenzt. Der Gleichgewichtszinssatz in der Euro-Zone hat sich erhöht, und Zinsen unter 2% sind langfristig nicht haltbar.
Alexander Krüger, Chefvolkswirt, Hauck Aufhäuser Lampe
Kürzer und ohne weitere Guidance sind Geldpolitische Beschlüsse kaum zu formulieren. Die EZB sieht eine wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit und legt erst einmal eine Zinspause ein. Die Leitzinsen sind bereits deutlich gesunken, der Inflationsanstieg entspricht wohl noch länger dem Preisziel.
Dies vor Augen deutet sich eine längere Zinspause an. Der Stempel einer expansiven Geldpolitik dürfte nur bei ernsten Konjunkturproblemen vergeben werden. Hier könnten höhere US-Zölle als 10% für ein Umdenken bei der EZB sorgen. Die mehrheitlich weniger inflationskritischen Ratsmitglieder dürften dann zinsseitige Entlastung befürworten.
Ulrike Kastens, Volkswirtin Europa, DWS
Alles wie erwartet. Nach der Senkung des Einlagensatzes um insgesamt 200 Basispunkte legt die EZB nun im Juli eine Zinspause ein. Dies ist angesichts der konjunkturellen Entwicklung gerechtfertigt. Nach wie vor wächst die Wirtschaft und auch der Arbeitsmarkt zeigt keine Anzeichen von Schwäche. Zudem setzt sich der disinflationäre Trend weiter fort.
Dennoch bleiben die handelspolitischen Unsicherheiten hoch. Daher ist Abwarten angesagt. Neue Projektionen zu Wachstum und Inflation könnten im September mehr Klarheit über den weiteren geldpolitischen Kurs der EZB bringen.
Gunter Deuber, Chefvolkswirt, Raiffeisen Bank International
Die EZB war heute bemüht, sich kurz zu fassen. Die Unsicherheit hinsichtlich der Zinsentscheidung war ohnehin gering. Dem EZB-Rat war es dennoch wichtig, den Handelskonflikt als Quelle der Unsicherheit für den Konjunkturausblick hervorzuheben. Mit dem expliziten Verweis, dass auch die Risiko-Beurteilung des Inflationsausblicks für zukünftige Zinsentscheidungen wichtig sein wird, knüpft man somit zumindest indirekt eine Verbindung zum Handels-Deal.
Die falkenhafte Marktreaktion auf die Gerüchte eines unmittelbar bevorstehenden Abschlusses der Zollgespräche scheint somit konsistent mit der Lesart der EZB zu sein. Die September-Entscheidung könnte somit weniger daten- sondern eher event-getrieben sein.
FMW/Bloomberg
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