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Inflation fällt überraschend stark EZB-Zinsen: Darum steht die nächste Zinserhöhung auf der Kippe

EZB: Zinserhöhung im Juli wankt
EZB-Hauptsitz in Frankfurt. Foto: Liesa Johannssen/Bloomberg

Die Europäische Zentralbank steht vor einer neuen Richtungsentscheidung. Überraschend schwache Daten zur Inflation haben die Erwartungen an eine weitere Zinserhöhung deutlich gedämpft. Statt eines klaren Kurses zeichnet sich innerhalb der EZB inzwischen ein Streit über den weiteren Zinskurs ab. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, ob die Notenbank ihre Zinsen überhaupt noch einmal anheben wird.

Inflation bringt EZB ins Grübeln

Die jüngsten Inflationsdaten haben viele Währungshüter überrascht. Wie die am Mittwoch veröffentlcihten Verbraucherpreise im Euroraum zeigten, stieg die Inflation im Juni nur noch um 2,8 Prozent, nachdem sie im Mai noch bei 3,2 Prozent gelegen hatte. Analysten hatten im Vorfeld mit 3,0 Prozent gerechnet. Gleichzeitig haben die Ölpreise den gesamten kriegsbedingten Preisanstieg seit Beginn des Iran-Konflikts Ende Februar wieder abgegeben. Damit wächst innerhalb der EZB die Unsicherheit, ob eine weitere Zinserhöhung überhaupt noch notwendig ist. Während einige Notenbanker weiterhin vor anhaltendem Preisdruck warnen, plädiert ein zunehmend größeres Lager für eine Zinspause.

Die überraschend schwachen Inflationsdaten haben damit einen Richtungsstreit innerhalb der EZB entfacht. Ob die Zinsen in diesem Jahr noch einmal steigen, ist so offen wie seit Wochen nicht mehr.

EZB-Rat ringt um den richtigen Zinskurs

Trotz der rückläufigen Inflation wollen mehrere Währungshüter die Inflationsgefahr noch nicht als gebannt ansehen. EZB-Chefvolkswirt Philip Lane warnt davor, dass sich die höheren Preise zeitverzögert über steigende Löhne und Dienstleistungen weiter im Wirtschaftssystem festsetzen könnten. Auch Estlands Notenbankchef Ülo Kaasik hält mindestens eine weitere Zinserhöhung für „vernünftig“. Bundesbankpräsident Joachim Nagel schlug ähnliche Töne an und betonte, dass sich die EZB beim weiteren Zinskurs keine Optionen verbauen dürfe. Solange keine neuen Lohndaten vorliegen, sei Vorsicht angebracht.

Dem gegenüber steht eine wachsende Gruppe innerhalb der EZB, die den Inflationsdruck inzwischen als deutlich geringer einschätzt. Ausschlaggebend ist vor allem der kräftige Rückgang der Ölpreise. Nachdem Hoffnungen auf ein Kriegsende im Nahen Osten aufgekommen waren, fiel der Brent-Ölpreis wieder in den Bereich von rund 70 US-Dollar und liegt damit deutlich unter den Annahmen der jüngsten EZB-Projektionen. Zwar bleibt die geopolitische Lage fragil. Die vereinbarte 60-tägige Waffenruhe steht auf unsicherem Fundament, und auch rund um die Straße von Hormus kommt es immer wieder zu Zwischenfällen und Einschränkungen des Schiffsverkehrs.

Dennoch sehen mehrere Notenbanker derzeit keine größeren Zweitrundeneffekte. Finnlands Notenbankchef Olli Rehn erklärte gegenüber Bloomberg, er rechne nicht mit einer nachhaltigen Verfestigung des Preisdrucks. Auch Griechenlands Notenbankchef Yannis Stournaras sprach sich dafür aus, die Zinsen zunächst unverändert zu lassen. Zudem räumte EZB-Präsidentin Christine Lagarde beim jährlichen Notenbankforum im portugiesischen Sintra ein, dass die Risiken für Inflation und Wachstum im Euroraum inzwischen breiter ausbalanciert seien.

September wird zur Richtungsentscheidung

Bei der EZB-Sitzung im Juli rechnen die Finanzmärkte kaum mit einer Änderung der Zinsen. Das ECB Watch Tool signalisiert jedoch weiterhin eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent, dass die EZB ihre Zinsen im Herbst noch einmal anheben könnte. Umso stärker rückt die Sitzung im September in den Fokus. Bis dahin liegen neue Inflations- und Lohndaten vor, die den weiteren Kurs der Notenbank maßgeblich beeinflussen dürften.

Der überraschende Rückgang der Inflation hat die Debatte innerhalb der EZB jedenfalls neu entfacht. Ob die Falken oder die Tauben die Oberhand gewinnen, dürfte maßgeblich davon abhängen, ob die Energiepreise niedrig bleiben oder der Nahost-Konflikt die Inflation erneut anheizt. Genau darin liegt derzeit die größte Unsicherheit für den weiteren Zinskurs der EZB.

FMW/Bloomberg



Stefan Jäger
Über den RedakteurStefan Jäger
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
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