Heute um 14:15 Uhr wird die EZB die Zinsen erhöhen, der Einlagensatz dürfte um 0,25 Prozentpunkte auf 2,50 % steigen, da sind sich so ziemlich alle Analysten einig. Ab 14:45 Uhr folgt die Pressekonferenz der EZB, die diesmal nicht in der Zentrale in Frankfurt, sondern in Berlin stattfindet. Die Inflation ist mit 3,3 % derzeit einfach zu hoch. Hier ist wichtig: Wie sehen die Inflationsaussichten der Zentralbank aus, erwartet man Zweitrundeneffekte aus der Inflation, die ihren Ursprung im Iran-Krieg hat, der die Brennstoffpreise antreibt? Das dürfte ein entscheidender Faktor sein.
EZB: Märkte rechnen mit weiterer Straffung
Sieht die EZB Zweitrundeneffekte, und sieht man die Notwendigkeit jetzt rechtzeitig einschreiten zu müssen? Dann könnte man für die folgende Zinsentscheidung am 29. Oktober schon mal die nächste Zinserhöhung andeuten. Wie es nach der heutigen Erhöhung der Zinsen weitergeht, ist weitaus ungewisser. Die Märkte rechnen mit zwei oder mehr weiteren Anhebungen, während Ökonomen skeptisch sind, so Bloomberg News. Auch die EZB-Vertreter sind geteilter Meinung: Einige sagen, die Zinsen müssten nach diesem Monat möglicherweise weiter steigen, andere mahnen jedoch zur Vorsicht, da keine Inflations-Zweitrundeneffekte vorliegen und weiterhin Risiken aus dem Nahen Osten und dem US-Handel bestehen.
Zinsen
„Die EZB wird diese Woche offensichtlich die Zinsen anheben“, sagte Jari Stehn, Chefökonom für Europa bei Goldman Sachs. „Aber die enorme Unsicherheit über die Aussichten und einige Anzeichen für eine Spaltung im EZB-Rat bedeuten, dass sie die Zinsaussichten wahrscheinlich völlig offen lassen wird.“
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Die Entscheidungsträger haben die Zinserhöhung im September weitgehend angekündigt, wodurch der Status der EZB als die „hawkischste“ Zentralbank innerhalb der Gruppe der Sieben gefestigt wird. Doch hinsichtlich der weiteren Entwicklung sind Meinungsverschiedenheiten aufgetreten. Gediminas Simkus aus Litauen erklärte, eine Anhebung auf 2,5 % werde nicht ausreichen, um die Inflation wieder auf 2 % zu senken, und verwies dabei unter anderem auf das stärkere Wachstum. EZB-Vorstandsmitglied Piero Cipollone warnte unterdessen davor, dass die EZB die Geldpolitik nicht übermäßig straffen sollte, um wirtschaftlichen Schaden zu vermeiden.
„Angesichts der erneuten Volatilität an den Ölmärkten und der steigenden Gaspreise werden die Falken zweifellos auf eine weitere Anhebung der Zinsen im Dezember drängen. Die Verschärfung der finanziellen Rahmenbedingungen und die begrenzten Anzeichen für indirekte Auswirkungen des Energieschocks stellen für sie jedoch erhebliche Hürden dar“, so sagen es aktuell David Powell und Simona Delle Chiaie von Bloomberg Economics.
Das liegt zum Teil daran, dass 2,5 % weithin als Obergrenze eines neutralen Bereichs angesehen werden, jenseits dessen die Konjunktur gebremst wird. Allerdings sind sich nicht alle einig. Der Ire Gabriel Makhlouf argumentiert, dass ein restriktiver Bereich erst ab 2,75 % beginne.
Bundesbank-Präsident Joachim Nagel erklärte, die Entscheidungsträger müssten auch den jüngsten Anstieg der globalen Anleiherenditen berücksichtigen, der „die Situation erschwert“, auch wenn straffere finanzielle Rahmenbedingungen der EZB helfen, die Inflation einzudämmen.
Wirtschaftsausblick
Neue Prognosen werden für die heutigen Beratungen und den künftigen Kurs der Zinspolitik von entscheidender Bedeutung sein. Es wird zudem erwartet, dass die EZB erneut alternative Szenarien veröffentlicht, wie sie es bereits im März und Juni getan hat. Was das Basisszenario betrifft, rechnen Analysten mit einer Aufwärtskorrektur der Inflationsprognose für das nächste Jahr gegenüber den im Juni angegebenen 2,3 %. Für 2026 erwarten sie eine unveränderte Prognose von 3 % sowie ein stärkeres Wirtschaftswachstum.
„Sofern die Prognose für 2028 nicht unter dem Ziel liegt – insbesondere bei der Kerninflation und der Inflation ohne Energie – wird dies die insgesamt etwas mehr als drei Zinserhöhungen bestätigen, die in den Prognosen berücksichtigt sind“, erklärte Greg Fuzesi, Ökonom bei JPMorgan, in einer Mitteilung. Die Entscheidungsträger der EZB müssen jedoch bedenken, dass ihre Schätzungen wahrscheinlich bereits etwas veraltet sind. Da der Stichtag im August lag, wird der Ausblick wahrscheinlich weder den jüngsten Anstieg der Anleiherenditen noch die höheren Energiepreise widerspiegeln.
Lagardes Zukunft
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Die Spekulationen über einen vorzeitigen Rücktritt von Christine Lagarde von der EZB nehmen zu, wobei ihre Äußerungen nach der Zinssitzung im Juli die bislang deutlichste Botschaft darstellten, dass sie nicht bis zum Ende ihrer Amtszeit im Oktober 2027 bleiben wird. Bloomberg berichtete im vergangenen Monat, dass das Weltwirtschaftsforum, bekannt für sein jährliches Treffen in Davos, weiterhin um sie als Nachfolgerin wirbt und dass Lagarde, die Ende Januar ihre Memoiren veröffentlichen wird, bereit zu sein scheint, diese Rolle anzunehmen.
Lagarde schloss kürzlich auch eine Rolle in der französischen Politik nicht aus, „in welcher Funktion auch immer ich am effizientesten sein werde“. Kurz nach ihrer Reise nach Berlin wird sie Ehrengast bei einem jährlichen politischen Treffen sein, das von Hervé Morin, dem Präsidenten der Region Normandie und Vorsitzenden der Partei „Les Centristes“, organisiert wird. Der Druck auf Lagarde, Klarheit über ihre Zukunft zu schaffen, könnte zunehmen, sollte das Vorstandsmitglied Isabel Schnabel die EZB vorzeitig verlassen. Die deutsche Funktionärin, deren Amtszeit bis Ende 2027 läuft, könnte zum Internationalen Währungsfonds wechseln.
Analystin blickt auf EZB-Zinsen uns Wirkung auf die Märkte
Ipek Ozkardeskaya, Senior Analyst beim Broker Swissquote, schreibt heute früh: Blick nach Europa – und hier zeigt sich die Politik in etwas bescheidenerer Manier: Es wird erwartet, dass die Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB) heute die Zinsen um weitere 25 Basispunkte anheben werden, da der erneute Anstieg der Energiepreise die Gesamtinflation im Euroraum wieder über 3 % getrieben hat. Auch den europäischen Politikern gefällt das nicht, aber was soll man machen? Wenn die Inflation steigt, erhöhen die Zentralbanker die Zinsen, um den Preisdruck einzudämmen (auch wenn in dieser Situation die Inflation durch externe Angebotsfaktoren und nicht durch die Nachfrage in die Höhe getrieben wird und höhere Zinsen die Inflation nicht verschwinden lassen werden).
Im Gegenteil: Die Öl- und Gaspreise sind nach Bekanntgabe dieser Daten nur noch weiter gestiegen, was darauf hindeutet, dass ganz gleich, was die EZB tut, die kommenden Inflationszahlen nur noch höher ausfallen könnten. Langfristig geht es darum, das Wirtschaftswachstum „genug“ zu verlangsamen, um einen Teil des Preisdrucks auszugleichen. Tatsächlich könnten höhere globale Renditen theoretisch die Schwelle für eine „Nachfragedestruktion“ bei Öl senken und das Aufwärtspotenzial begrenzen. Das ist also der Gedankengang: die Wirtschaft verlangsamen, um den Inflationsdruck umzukehren – oder zumindest nicht noch zu verstärken.
Nun ist die schlechte Nachricht, dass höhere Kreditkosten die Bewertungen belasten. Die gute Nachricht ist jedoch, dass die mögliche Anhebung um 25 Basispunkte in dieser Woche fast vollständig eingepreist ist, und eine noch bessere Nachricht ist, dass der Stoxx 600 in den zwei Monaten nach der letzten Zinserhöhung der EZB (11. Juni) um mehr als 7 % zulegte. Die Ergebnisse des zweiten Quartals waren zu stark, als dass sich die Anleger über höhere Kreditkosten Sorgen hätten machen müssen.
Daher kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, dass höhere EZB-Zinsen (und höhere europäische Renditen) zusätzlichen Abwärtsdruck auf den Stoxx 600 ausüben werden (der seit seinem Höchststand im August um 3 % nachgegeben hat), aber ich gehe davon aus, dass steigende Ölpreise zu wachsenden Divergenzen innerhalb des Index führen werden, wodurch Öl-, Energie- und Bergbauunternehmen weiterhin gestützt werden, während Branchen, die einen hohen Preis zahlen müssen, um zu überleben, stärker unter Druck geraten. Auf Indexebene wird es wahrscheinlich davon abhängen, wie stark die Energiepreise steigen, wer das größere Sagen hat.
FMW/Bloomberg
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