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Umfrage unter Ökonomen EZB: Zinsen steigen wohl bald – Zinssenkungen passé?

EZB: Zinsen steigen wohl bald – Zinssenkungen passé?
Flaggen der Europäischen Union vor dem Hauptsitz der EZB. Foto: Alex Kraus/Bloomberg

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Serie von Zinssenkungen vorerst beendet. Nach acht Schritten in Folge zeichnet sich ab, dass die Zinsen ihren Tiefpunkt erreicht haben, während die Inflation stabil bei rund 2 Prozent verharren dürfte. Nun fragen sich Anleger und Ökonomen, ob die geldpolitische Ruhephase anhält oder die Währungshüter bald doch wieder reagieren müssen – eventuell mit einer Zinsanhebung.

EZB: Zinsen steigen eher, als dass sie fallen

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Serie von Zinssenkungen abgeschlossen. Neue Projektionen werden voraussichtlich bestätigen, dass die Inflation mittelfristig bei 2 % liegen wird. Das geht aus einer aktuellen Umfrage von Bloomberg unter Ökonomen hervor.

Die Befragten erwarten, dass der Einlagensatz mindestens bis Ende des kommenden Jahres bei 2 % bleibt. Rund ein Viertel rechnet sogar mit einer oder mehreren Zinserhöhungen zwischen Juni und Dezember 2026.

In den vergangenen Wochen haben sich die Währungshüter zunehmend zuversichtlich und auch offensiver geäußert, dass die bisherigen acht Zinssenkungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte ausreichen, um die Teuerung nahe 2 % zu verankern. Damit liegen Analysten und Investoren auf einer Linie: Auf weitere geldpolitische Lockerungen in diesem Jahr spekuliert kaum noch jemand.

Ökonomen erwarten, dass die EZB die Zinssenkungen beendet hat
Ökonomen glauben, dass die EZB keine weiteren Zinssenkungen mehr vornimmt.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde selbst betonte, die Zentralbank sei nach der Zinsentscheidung im Juli „an einem guten Punkt“.

„Der Rat kann vorerst abwarten“, sagt Luca Mezzomo, Leiter der makroökonomischen Forschung bei Intesa Sanpaolo. Allerdings könnten „eine ausbleibende Erholung der Binnenkonjunktur und/oder neue externe Schocks“ weitere Senkungen der Zinsen notwendig machen.

Über 40 % der befragten Ökonomen erwarten bis Ende März 2026 mindestens einen weiteren Schritt nach unten. Mezzomo selbst rechnet mit einer finalen Senkung der Zinsen im Dezember auf 1,75 % und warnt vor einer zu schwachen Inflation im mittleren Zeithorizont.

Prognosen bleiben nahezu unverändert

Die Einschätzungen der Experten sind geteilt: Während die einen eine Überhitzung fürchten, rechnen andere mit einer zu schwachen Teuerung. Eine Absenkung der Prognose für 2027 auf bis zu 1,7 % würde nach Ansicht der meisten Befragten mit hoher Wahrscheinlichkeit eine weitere Zinssenkung nach sich ziehen. Allerdings halten sie dieses Szenario nicht für realistisch.

Stattdessen erwarten die meisten, dass die im Juni veröffentlichten Projektionen von 2 % Preissteigerung bestehen bleiben und dass die Aussichten für 2026 leicht nach oben angepasst werden.

„Die Hürden für eine weitere Senkung der Zinsen sind derzeit hoch“, sagt Dennis Shen, Ökonom bei Scope Ratings. „Wir rechnen in diesem Jahr mit keinen weiteren Zinsschritten.“

EZB: Die Zinsen steigen wohl eher, als dass sie fallen
Der Wirtschaftsausblick der EZB is größtenteils unverändert

Einschätzung von Bloomberg Economics

„Die EZB hat keine Eile, die Zinsen erneut zu senken, da die Wirtschaft trotz höherer US-Zölle robust bleibt und die Kerninflation noch nicht so weit zurückgegangen ist, wie der Rat es gerne sähe. Das jüngste EU-US-Handelsabkommen bringt wenig Entlastung, und die Zolleffekte dürften in den kommenden Monaten stärker sichtbar werden.“
— David Powell, Senior Economist für die Eurozone

EZB lässt Zinsen unverändert - Zinssenkung auf Eis gelegt
US-Zollpolitik und Geopolitik sind díe größten Risiken für den Euroraum

Konjunkturaussichten bleiben unsicher

Über die künftige Richtung der Konjunktur herrscht weniger Klarheit. Rund 40 % der Ökonomen sehen die EZB-Politik derzeit zwar als leicht wachstumsfördernd, dennoch überwiegen Unsicherheiten. Die Zölle auf Warenexporte in die USA werden die Nachfrage belasten, doch die grundsätzliche Einigung auf ein Handelsabkommen nimmt Investoren etwas Unsicherheit und könnte sogar neue Investitionen anstoßen.

Auch steigende Verteidigungsausgaben in Europa, politische Krisen und geopolitische Spannungen können den Konjunkturverlauf maßgeblich beeinflussen. „Handelsabkommen, ein Waffenstillstand in der Ukraine und fiskalische Herausforderungen stehen alle im Raum – die Ergebnisse sind aber ungewiss“, sagt Julie Ioffe, Europa-Strategin bei TD Securities. „Wie die Wirtschaft reagiert, bleibt offen und erschwert dem EZB-Rat klare Entscheidungen.“

Besonders Frankreich steht im Fokus: Die Gefahr einer weiteren Regierungskrise gefährdet die Konsolidierung des defizitären Haushalts und vergrößert die Renditedifferenz zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen. Lagarde, die Investoren zu Beginn ihrer Amtszeit mit der Aussage verärgerte, die EZB sei „nicht dazu da, Spreads zu schließen“, betont inzwischen, sie verfolge die Marktentwicklungen „sehr genau“.

Grenzen der Handlungsfähigkeit

Ökonomen erwarten jedoch, dass die EZB vorerst zurückhalten wird. Nur ein Befragter hält es für möglich, dass die Zentralbank in den kommenden zwölf Monaten das selektive Anleihekaufprogramm TPI (Transmission Protection Instrument) aktiviert. „Lagarde muss vermeiden, den Fehler von 2020 zu wiederholen“, mahnt Carsten Brzeski, Chefökonom der ING. Zugleich müsse sie deutlich machen, dass das TPI nur für Länder gelte, „die sich an die europäischen Fiskalregeln halten oder zumindest auf dem Anpassungspfad sind“.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass Investoren, die möglichen Zinserhöhungen bereits auf die Agenda setzen, nicht zu stark in diese Richtung gedrängt werden.

Eine klare Bestätigung, dass der Zinsboden erreicht ist, wird die EZB nach Einschätzung der meisten Analysten bei ihrer nächsten Sitzung kommende Woche nicht liefern. Doch je länger sie stillhält, desto stärker dürfte sich diese Sicht verfestigen.

„Mit zunehmendem Marktfokus auf Zinserhöhungen wird es für die EZB entscheidend sein, vollständig datenabhängig zu bleiben und so wenig wie möglich an Ausblicken zu geben – bei gleichzeitiger Wahrung einer lockeren Grundhaltung“, erklärt Fabio Balboni, Eurozonen-Ökonom bei HSBC.

Das könne helfen, Spekulationen auf Zinserhöhungen bereits im kommenden Jahr zu dämpfen. Andernfalls drohten steigende Anleiherenditen und Störungen in der geldpolitischen Transmission.

FMW/Bloomberg



Stefan Jäger
Über den RedakteurStefan Jäger
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
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3 Kommentare

  1. Zinserhöhung? Das kann doch nicht sein. Fugis Lieblingsökonom sieht das eher so:

    https://www.welt.de/politik/deutschland/article68ba9d316775f2119f5a0b9a/DIW-erwartet-Wirtschaftsaufschwung-aber-haelt-Steuererhoehungen-fuer-unvermeidlich.html

    Manche betteln um die Streichung ihres Jobs.

  2. Bitte nennen Sie diesen (ich lese ihn so) Mann nicht „Ökonom“. Das ist eine Beleidigung für echte Ökonomen. Dieser „Mann“ ist einer von der Abt. Agit-Prop der Regierung.

  3. wirtschaftswachstum? – ja, es sind eben nicht die hellsten kerzen auf der torte hier diejenigen, die die noch weniger hellen in ihren entscheidungen beeinflussen. wo soll das bitte genau noch mal herkommen? auch die aktuelle sau, die durchs dorf getrieben wird, die ki, schafft kein wachstum – schon gar nicht in eu – sondern bestenfalls kosteneinsparungen bei unternehmen und arbeitslose.

    die trump-zölle entfalten erst langsam ihre wirkung, und china wird versuchen europa mit allem zu überschwemmen, was sie in den usa und am schwachen binnenmarkt nicht verkaufen können – was wie bei den e-kfz zu weiteren zöllen und eher deflationären tendenzen führen wird. so schlittert die welt in einen wirtschafts-/zollkrieg – das ergebnis eines solchen kann man historisch belegen.

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