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EZB-Zinsen vor Anstieg? Experten bewerten heutige Aussagen

Die EZB hat entschieden und sich zu Inflation, Zinsen, Wirtschaftswachstum etc geäußert. Experten liefern aktuell Einordnungen.

Grafik: Tovovan-Freepik.com

Dass die EZB heute die Zinsen unverändert lassen würde, war vom Markt fest erwartet worden. Und so kam es auch. Wichtig waren die Aussichten. Isabel Schnabel hatte mit ihren Aussagen vom 8. Dezember die Tür für steigende Zinsen geöffnet, wenn auch nicht in absehbarer Zeit. Ob Christine Lagarde heute die Erwartungen der Zinsbullen verstärkt hat? Dazu haben in den letzten Minuten zahlreiche Experten ihre Einordnungen veröffentlicht, die wie von Bloomberg zusammengefasst nachfolgend zeigen.


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Ulrich Kater, Chefvolkswirt, DekaBank: Die EZB kann zufrieden sein: Die Inflation ist wieder gezähmt, die Leitzinsen sind wieder da, wo sie Wirtschaft und Häuslebauer nicht bremsen. So könnte es das ganze nächste Jahr über bleiben, denn die Gründe für weitere Zinssenkungen wie für Zinserhöhungen halten sich ziemlich genau die Waage.

Wie die US-Fed steht auch die EZB vor widersprüchlichen Signalen aus der Wirtschaft. Zum einen wächst die europäische Wirtschaft leidlich, zum anderen werden die Hoffnungen auf einen neuen Wachstumsträger Deutschland immer dünner. Die Entwicklung von Kerninflation und Löhnen ist noch zu stark, andererseits wird die Gesamt-Inflationsrate im kommenden Jahr unter die Zwei-Prozent-Marke fallen. Beides hat die EZB in ihren neuen Projektionen abgebildet. Das Ergebnis für die Geldpolitik wird voraussichtlich ein andauerndes Abwarten sein. Ohne außergewöhnliche Schocks könnten die Leitzinsen das ganze Jahr über unverändert bleiben.


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Ulrike Kastens, Senior Economist, DWS: Das wichtigste Ergebnis der heutigen EZB-Sitzung sind die neuen Projektionen. Im Vergleich zu September ist die EZB deutlich zuversichtlicher über die weitere konjunkturelle Entwicklung geworden, was sich in höheren Prognosen zum BIP-Wachstum für die Jahre 2025 und 2026 widerspiegelt. Wenig Veränderungen ergeben sich dagegen bei der Inflationsrate, die im Durchschnitt der Jahre 2025-2028 auf dem Ziel der Notenbank liegen sollte. Alles in allem ergibt sich daraus für uns kein geldpolitischer Handlungsbedarf. Die EZB ist auf dem aktuellen Zinsniveau gut positioniert.

Andreas Bley, Chefvolkswirt, Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken: Die letzte geldpolitische Sitzung des Jahres bleibt ohne vorweihnachtliche Bescherung – die EZB belässt die Zinsen unverändert. Die Wirtschaft im Euroraum zeigt sich relativ robust, die Inflation liegt stabil am Inflationsziel und die Finanzierungsbedingungen bremsen nicht mehr. Die leicht nach oben angepassten Projektionen signalisieren weiterhin eine stabile Inflationsdynamik, vorerst knapp unter dem Inflationsziel, sowie ein verhaltenes Wachstum in den kommenden Jahren. Abwärtsrisiken ergeben sich aus der laufenden Euro-Aufwertung, niedrigeren Energiepreisen, Umlenkungen chinesischer Waren und Verzögerungen im Emissionshandel. Gleichzeitig könnten höhere Staatsausgaben, vor allem aus Deutschland, sowie strukturelle Faktoren wie Deglobalisierung, Demografie und steigende Klimaschutzkosten für Preisdruck sorgen. Insgesamt reflektiert die Entscheidung ein bewusstes Abwarten in einem sehr unsicheren Umfeld.

Christian Lips, Chefvolkswirt, Nord LB: Die EZB handelt im weiterhin von großer Unsicherheit geprägten Umfeld richtig und fährt bis auf weiteres geradeaus, legt sich aber nicht unnötig auf einen Kurs fest. Die neuen Projektionen spiegeln die wirtschaftliche Resilienz und signalisieren eine Stabilisierung der Inflationsrate im Zielbereich auf mittlere Sicht. Die Prognose eines leichten und temporären Unterschreitens der 2%-Marke ist unkritisch und steht nicht im Widerspruch zur EZB-Strategie. Auch durch einige zuletzt etwas schwächer ausgefallene Stimmungsindikatoren ergibt sich für die EZB kein Handlungsbedarf. Zugleich bleibt mit der Zollpolitik sowie der neuen Fiskalpolitik die Unsicherheit über den Konjunkturverlauf hoch.

Die Währungshüter dürften nun längere Zeit die Leitzinsen unverändert lassen. Marktspekulationen auf eine bereits im zweiten Halbjahr 2026 anstehende Zinserhöhung halten wir für übertrieben und eine Überinterpretation der Äußerungen von Isabel Schnabel. Ein Umsteuern der Zinspolitik bereits im Laufe des Jahres 2026 dürfte im Rat nicht mehrheitsfähig sein – zumal 2026 neue politische Unwägbarkeiten (US-Midterms, deutsche Landtagswahlen, Vorwahlkampf Frankreich) lauern.

Reinhold Rickes, Chefvolkswirt, DSGV: “Quo vadis Zinsen?” Diese Frage wird auf den Finanzmärkten 2026 und 2027 für den Euroraum anders als in diesem auslaufenden Jahr diskutiert werden. Das folgt aus der heutigen EZB-Entscheidung, die Leitzinsen unverändert zu lassen, und der Veröffentlichung der neuen Projektionen mit mäßigem Wachstum und dauerhaft leicht über dem Zielniveau liegenden Inflationsraten.

Kernfragen sind: Wie wirken die Maßnahmen (Verteidigung, fiskalpolitische Sondermaßnahmen [bspw. DeutschlandSondervermögen]) auf die Konjunktur im Euroraum? Sind genügend Kapazitäten vorhanden oder führen die Maßnahmen bei guter Beschäftigungslage über Löhne oder Bietungsverfahren zu höheren Inflationsraten? Wie wirken sich CO2-Bepreisung und CBAM auf die Preise aus? Wie wirkt sich eine verstärkte europäische Importsubstitutionsstrategie anstelle der bisherig dominierenden Strategie zur Exportdiversifizierung aus?

Mein Fazit: Im ersten Halbjahr 2026 werden beide Szenarien je nach Indikatoren- und Stimmungslage die Zinsperspektiven die Diskussionen prägen. Ab dem Sommer 2026 dürften wir dann sehen, wo die Reise im Euroraum hingeht. Und wenn die Projektionen der EZB zutreffen sollten, wäre auch vorstellbar, dass wir dann im Gesamtjahr 2026 und bis in 2027 hinein, gar keine Leitzinssenkungen sehen. Auf die eingangs gestellte Frage wäre dann die Antwort „nusquam vadis.“ Das würde für Planungssicherheit sorgen, sodass die Geldpolitik ihrerseits stabile Grundlagen für einen Aufschwung setzt.

Gunter Deuber, Chefvolkswirt, Raiffeisen Bank International: Auf der abschließenden Zinssitzung des Jahres war der Fokus weniger auf die Leitzinsen gerichtet, welche wie erwartet unverändert belassen wurden, sondern vielmehr darauf, ob aktualisierte Wirtschaftsprognosen der EZB Rückschlüsse über den weiteren Leitzinspfad in den Jahren 2026 und 2027 zulassen. Aufwärtsrevisionen beim BIP-Wachstum und der Inflation für das Jahr 2026 bestätigen unsere Einschätzung, dass die Eurozone vor einer dynamischen zyklischen Erholung steht, und bekräftigen auch jene Marktakteure die eine Leitzinserhöhung mittelfristig als nächsten Schritt der EZB vermuten. Anstiege bei Bund-Renditen im Dezember, welche sich auch auf eine veränderte EZB-Erwartung zurückführen lassen, erhalten damit Rückenwind. Zinssenkungsphantasien für das Jahr 2026 wurde ein Riegel vorgeschoben.

Die Wachstumsprognosen für 2026 sowie die mittel- bis längerfristigen Projektionen für die Jahre 2027 und 2028 drücken keine deutliche Konjunkturmeinung in Richtung einer möglichen “Sonderkonjunktur” für die Jahre 2026 und 2027 aus. Immerhin könnte unserer Einschätzung nach das Wirtschaftswachstum im Euroraum 2027 näher bei 2% als bei 1,5% liegen. Insofern implizieren die aktuellen mittel- bis langfristigen Wachstums- und Inflationsprognosen für die Zinsmärkte vorerst keinen weiteren Neupreisungsdruck im Sinne weiterer oder prononcierterer Zinserhöhungsrisiken im Jahr 2026 oder 2027.

Dennoch prognostiziert die EZB auch mittelfristig ein Zuwachs an Wirtschaftsleistung leicht über Potenzialwachstum, bei einer Inflation am EZB-Inflationsziel. Insofern könnten Anzeichen auf ein optimistischeres Konjunkturbild für das Jahr 2026 und für 2027 – mit möglichen Folgeeffekten auf das Preiswachstum – in den kommenden sechs bis neun Monaten eine weitere Runde der Neupreisung am Eurozinsmarkt auslösen. Wir sehen Potenzial für eine falkenhaftere EZB-Kommunikation im Jahresverlauf 2026 mit der Option von moderaten Leitzinsanpassungen im Jahr 2027.

Alexander Krüger, Chefvolkswirt, Hauck Aufhäuser Lampe: Mit ihrem Zinsbeschluss “spielt” die EZB zur Jahreszeit passend “O du fröhliche”. Die Inflation ist eingefangen, weshalb die Notenbank zufrieden sein kann. Das zeigt auch ihr weitgehend unverändertes Wording. Das Lohnwachstum sowie der Anstieg der Dienstleistungspreise spielen zwar noch nicht richtig mit. Handlungsbedarf resultiert aus ihrer für 2026 auf 1,9% angehobenen Inflationsprojektion aber nicht. Vielmehr wird das Leitzinsniveau durch die Inflationsprojektion nach unten abgestützt. Stand heute wird sich die EZB 2026 in einem preisstabilen Umfeld bewegen. Damit besteht die Aussicht auf ganzjährig unverändert bleibende Leitzinsen. Perspektivisch geht der nächste Zinsschritt eher nach oben als nach unten.

Carsten Mumm, Chefvolkswirt, Donner & Reuschel: Die EZB startet entspannt und ohne Handlungsdruck ins neue Jahr 2026. Die Anhebung der eigenen Inflationsprojektion für 2026 auf 1,9 Prozent entspricht einer Annäherung an das Inflationsziel von 2 Prozent. Entscheidend für die Notenbanker ist ohnehin nicht die nominale Inflation, sondern die Verankerung der Inflationserwartungen nahe des Ziels. Da auch für 2027 und 2028 kaum Preissteigerungsdruck erwartet wird, sieht man sich auch hier offensichtlich auf dem richtigen Weg. Die Wahrscheinlichkeit für eine weitere Leitzinssenkung dürfte damit kaum noch nennenswert sein und nur im Notfall, etwa bei einer weiteren Eskalation von Handelskonflikten und/oder einer erheblichen Aufwertung des Euro, wieder ein Thema werden.

Eher ist davon auszugehen, dass der nächste Zinsschritt nach oben stattfindet, allerdings frühestens gegen Ende des Jahres 2026 und nur wenn der vornehmlich aus steigenden Staatsausgaben resultierende Konjunkturimpuls in den kommenden Monaten auf den privaten Sektor überspringen und dadurch eine deutlich stärkere als die bisher erwartete Wachstumsdynamik entfachen sollte. Der Kurs des Euro im Vergleich zum US-Dollar dürfte damit vorerst vor allem auf die erwartungsgemäß sinkenden Leitzinsen in den USA reagieren und schwächer tendieren. Für Aktien bedeuten moderate Inflation und stabile kurzfristige Zinsen auf inflationsähnlichem Niveau einen unterstützenden Faktor.

Klaus Bauknecht, Chefvolkswirt, IKB: Bundrenditen haben in Folge von Spekulationen über baldige EZB-Zinsanhebungen deutlich Auftrieb bekommen. Die gewohnte Betonung der EZB, dass sie datenabhängig agiert und keinen bestimmten Zinspfad verfolgt, hatte deshalb heute eine erhöhte Relevanz. Die EZB machte damit deutlich, dass eine Pause nach Zinssenkungen eben nicht automatisch bevorstehende Zinsanhebungen bedeuten. Die EZB-Prognosen stärken die Erwartung einer längeren Phase keiner geldpolitischen Veränderung. Die EZB hat zwar ihre BIP-Wachstumsprognose leicht nach oben angepasst. Sie erwartet aber weiterhin eine Inflation leicht unter dem Inflationsziel.

FMW/Bloomberg



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