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Fachkräftemangel? Was stimmt hier nicht? Jeder zweite neue Job nur befristet

Es gibt eigentlich (!) bei einer voll ausgelasteten Konjunktur, bei Fachkräftemangel und Job-Boom zwei ökonomische Weisheiten, die als regelnde Kraft des "freien Markets" von selbst greifen sollten. Zu aller erst...

FMW-Redaktion

Es gibt eigentlich (!) bei einer voll ausgelasteten Konjunktur, bei Fachkräftemangel und Job-Boom zwei ökonomische Weisheiten, die als regelnde Kraft des „freien Markets“ von selbst greifen sollten. Zu aller erst wären da die Löhne, die dann drastisch steigen sollten, weil Arbeitgeber vorhandenes Personal unbedingt halten und neues Personal unbedingt anlocken wollen. Wie man aktuell in den USA sieht, funktioniert diese ökonomische Weisheit entweder nicht, oder die traumhaft guten Arbeitsmarktdaten stimmen einfach nicht.

Die andere Weisheit ist, dass sich bei extrem niedrigen Arbeitslosenquoten die Verhältnisse so verschieben, dass die Arbeitnehmer und Bewerber auf neue Stellen zunehmend in einer besseren Position sind, und immer bessere Konditionen fordern können, was die Art des Arbeitsverhältnisses angeht, Urlaubstage, Zusatzleistungen, Boni etc. Wie man ganz aktuell in Deutschland sehen kann, scheint auch dieser Mechanismus der sich verschiebenden Machtverhältnisse bei einer fast erreichten Vollbeschäftigung nicht so recht zu funktionieren.

Denn in Deutschland haben laut RP nach einer Antwort der Bundesregierung an die Grünen im Jahr 2016 45% aller Prozent der neu eingestellten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nur einen befristeten Arbeitsvertrag erhalten (1,6 von 3,4 Millionen neuen Jobs). 2015 waren es nur 41%. Und bei diesen Zahlen sind Azubis und Minijobber schon rausgerechnet!

Laut der Forschungstocher der Bundesagentur für Arbeit „IAB“ erhielten 25-29jährige 2015 noch zu 47% befristete Jobs, 2016 lag der Anteil bei 50%. Bei neuen Jobs für unter 20jährige waren es 2016 sogar 59% befristete neue Jobs. Bei neuen Jobs für 30-39jährige waren 2015 noch 38% befristet, 2016 schon 49%. Die Quote von fest übernommenen Mitarbeitern nach Auslauf der Befristung verharrt bei 40%. Und wir haben eine voll brummende Volkswirtschaft, und überall suchen Arbeitgeber total händeringend nach neuen Mitarbeitern?

Also ist ein spürbarer Anstieg bei den Befristungen zu verzeichnen, obwohl die Arbeitslosigkeit in Deutschland stetig weiter zurückgeht. Damit dürfte doch eigentlich auch der Mangel an verfügbaren Fachkräften in allen Bereichen zunehmen. Geht man nach ökonomischen Weisheiten, müsste dann eigentlich der Anteil befristeter Jobs bei Neueinstellungen deutlich abnehmen, weil die Arbeitgeber doch bemüht sein müssten mit guten Konditionen möglichst viele hoch qualifizierte Arbeitnehmer anzulocken. Oder stimmt das „Narrativ“ des Fachkräftemangels in vielen Bereichen unserer Volkswirtschaft einfach gar nicht.

Die Grünen, Linken und SPD haben im Rahmen des Bundestagswahlkampfs verkündet sie wollen die sogenannte „sachgrundlose Befristung“ neuer Jobs abschaffen. Denn diese zeitliche Befristung von neuen Jobs mit bis zu zwei Jahren Laufzeit können Arbeitgeber ohne spezifisichen Grund vornehmen – quasi eine Art Versicherung dafür, dass man neue Arbeitnehmer auch über die Probezeit hinaus noch schnell, einfach und ohne Kosten los werden kann. Natürlich ist die Union gegen die Abschaffnung dieser anlassfreien Befristung, da man natürlich die Arbeitgeberseite und schwindende Flexibilität im Blick hat.

Aber nochmal, jenseits beider Sichtweisen: Geht man nach dem Mechanismus der freien Märkte, müsste der Anteil befristeter Jobs bei Neueinstellungen dramatisch schnell sinken. Denn wir haben ja angeblich totalen Fachkräftemangel, und daher müssten die Arbeitgeber ja eigentlich bemüht sein neue Arbeitnehmer mit guten Konditionen anzulocken – und eine unbefristete Anstellung ist ja wohl der Kern von guten Konditionen, neben dem Gehalt!

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5 Kommentare

  1. Diese sehr berechtigten Fragen sollten doch mal von der Bundesregierung schlüssig beantwortet werden!

  2. Mich würde interessieren, was man so landläufig unter Fachkraft versteht. Gibts da eine Definition dafür oder handelt es sich dabei um ein von jedem Betrieb zu definierendes Attribut?
    Natürlich will jedes Unternehmen Fachkräfte haben, alleine schon um im Wettbewerbskampf zu bestehen.Für mich klingt das irgendwie nach: Kann das was wir brauchen, ist jung, willig und billig!….der Rest bleibt besser zu Hause! Der Begriff Fachkraft (20.17) bekommt immer mehr einen gefährlich faden und undefinierbaren Beigeschmack. Manche Unternehmen stellen z.B. nur mehr Nichtraucher ein…und leiden unter Fachkräftemangel.
    Kann mir das jemand erklären?

  3. Durch die Globalisierung haben wir heute eine viel umfangreichere „Ausbalancierung“ der Arbeitskräfte weltweit. Das führt dazu, dass dringend benötigte Arbeitskräfte in heutiger Zeit zu gleichen oder sogar „billigeren“ Löhnen eingestellt werden können, als noch vor 30 Jahren. Daher müssen die Arbeitgeber auch keinen höheren Lohn zahlen, sondern finden auch ohne Lohnerhöhungen gute Arbeitskräfte aus anderen Ländern.

    Eine „sachgundlose Befristung“ sollte aber abgeschafft werden. Mein Sohn ist schon seit fast 4 Jahren befristet eingestellt. Heiraten + Kinder + Hauskauf will er aber erst in Angriff nehmen, wenn er einen unbefristeten Job hat……
    So wird es vielen jungen Menschen gehen. Da sollten sich die Firmen fragen, ob sie nicht lieber unbefristet einstellen und auf diesem Wege jungen Menschen eine Sicherheit geben und auch für Nachwuchs in für kommende Jahrzehnte sorgen. Eigentum verpflichtet! Das gilt auch und insbesondere für Firmen!
    Die Politik kann das durch die Abschaffung der sachgrundlosen Befristung einleiten!!

  4. Wer sich über diesen Widerspruch wundert sollte sich mal die Zahlen der Arbeitskräfteerhebung des statistischen Bundesamtes (Destatis) genauer ansehen und dabei auf die Kernerwerbstätigen schielen. Das sind dann die erwerbstätigen Erwerbspersonen. 2015 gab es davon nur noch 36 Mio. Und wenn man sich dann durch die Genesis-Datenbank von Destatis wühlt findet man für 2015 rund vermutliche 45 Mio. Erwerbspersonen. Damit gab es 2015 9 Mio. erwerbslose Erwerbspersonen, wobei aber Minijobbende Erwerbspersonen in der Rechnung als vollwertige Erwerbstätige betrachtet werden.

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