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Fed: Aufatmen trotz einer hawkishen US-Notenbank

Aktienmärkte steigen, obwohl die Fed hawkish war

Verwundert werden sich viele die Augen gerieben haben, ab 20:00 MEZ, am gestrigen Abend: Da leitete die US-Notenbank Fed eine Verdoppelung des Abbaus der Anleihekäufe ein – und die Aktienmärkte stiegen. Da stellte er sich den Fragen der Journalisten zu Zinsschritten und Inflation und die Aktienmärkte stiegen weiter. Wieder einmal trat ein Phänomen auf, welches umso ausgeprägter ist, desto mehr man sich vor einem bekannten Ereignis gefürchtet hat.

Aktienmärkte und die Fed: Tapering als Erleichterung

Die Ängste der Großinvestoren (Umfrage der Bank of America) vor der Fed-Sitzung war ein „Policy Error“ beziehungsweise die Bekanntgabe eines solchen, denn kein Mensch konnte allen Ernstes annehmen, man würde jetzt schon mit Zinsanhebungen beginnen. Es kam aber dazu, wie es in den letzten Tagen schon etwa als Konsens geäußert wurde: Verdoppelung des Taperings ab Januar und drei Zinsanhebungen für 2022, die Märkte waren teilweise von zwei ausgegangen. Die Dot-Plots für 2023 sind fast zu ignorieren, wer diese längeren Projektionen in der Vergangenheit beobachtet hat weiß, dass deren Eintreffen selten der Fall war. Die Fed-Entscheider haben als Prognostiker keine besondere Trefferquote, um es vorsichtig auszudrücken. Es kam also zu so etwas wie „Sell the Rumor“ (Im Vorfeld) und dann „Buy the facts“.

Ein weiteres Mal auch zu einem Prozedere, welches ich schon am Montag beim Wochenausblick und bei meinem Rückblick auf die Inflationsdaten des Freitags so beschrieben habe:

„Es ist schon wieder geschehen. Desto mehr sich Anleger vor einem Datum fürchten, umso größer sich die Medien um ein Thema kümmern, umso geringer werden die Marktreaktionen sein. Zumindest in der befürchteten Richtung. Falls die Daten etwa den Vorhersagen entsprechen, dann ist so etwas zumeist in den Kursen eingepreist. Kann es bei der Fed-Sitzung noch zu Überraschungen kommen?“

Warum aber diese überraschende Marktreaktion nach oben?

Eine Reihe von Gründen

Zunächst einmal war es dem Fed-Chef gelungen, den Märkten die Verschärfung der Geldpolitik so zu erklären, dass dies nicht sofort wieder konjunkturelle Sorgen aufgeworfen hätte. Powell begründete das verschärfte Tapering mit einer überaus robusten Konjunktur bei einer unerwartet hohen Inflation – und damit verschwand etwas das Szenario, was die Aktienmärkte wohl am meisten fürchten. Zinsanhebungen in eine sich abschwächende Wirtschaft (da man erkennbar spät dran ist) und damit die Furcht vor Stagflation. Damit würden die Unternehmensergebnisse weiter sprudeln, der Arbeitsmarkt in Richtung Vollbeschäftigung marschieren und der Konsum stark bleiben.

Gerade von diesem für die US-Wirtschaft so wichtigen Stützpfeiler schwärmte der Chairman der Notenbank, dieser sei das ganze Quartal außerordentlich stark gewesen. Auch wenn am selben Tag die gemeldeten Einzelhandelsumsätze etwas enttäuscht hatten.

Powell brachte einmal mehr das Argument der Pandemie, dieses Mal in Gestalt von Omikron, die neue ansteckende Variante, die im Januar Amerika heimsuchen und Delta verdrängen könnte. Damit müsse man Vorsicht walten lassen und angemessen auf die Lage reagieren.

Man wisse nicht, was die wirtschaftlichen Auswirkungen wären. „We know more in six weeks“, so Powell.

Ein bisschen verriet der Notenbankchef, worum es bei der Notenbankpolitik auch geht. Man wolle die Aktienmärkte nicht erschrecken mit den Maßnahmen. Da war er wieder – Powell, der Schutzpatron für die Märkte.

Aber ganz wesentlich für die kleine Erleichterungsrally dürfte die Vorsicht der Investoren gewesen sein, die vor diesem doch so wichtigen Ereignis in Deckung gegangen waren. Ist denn die Cashquote bei den großen Vermögensverwaltern laut Umfrage der Bank of America nicht auf lange nicht mehr gesehene fünf Prozent gestiegen? Kann man mit dieser Quote einen Zweiprozent-Anstieg beim Nasdaq ignorieren?

Und am gestrigen Tag versteilte sich die Zinskurve wieder, nachdem deren vorherige Abflachung schon für Sorgenfalten gesorgt hatte.

Ich muss mich in einer Sache wiederholen: In den ersten elf Monaten sind bereits über eine Billion Dollar in Exchange Traded Funds geflossen, der verhassten billigen Konkurrenz, 50 Prozent mehr als im Vorjahr und die Indexfonds laufen halt mit der Benchmark mit. Es dürfte fast die Hälfte der aktiven Fonds dem Index hinterherhinken, jetzt war die Chance für eine Aufholjagd da, zu Beginn der Woche. Aber was nun?

Die gestrige Marktreaktion beim S&P 500

Aktienmärkte am Fed-Tag

Tiefgrün, aber was um alles in der Welt hat die Anleger ab 20:00 Uhr bei Apple geritten? War es schon wieder der große Zwang in der schwersten Aktie der Welt investiert zu sein – FOMO – trotz des gigantischen Kurswerts?

Schon wieder stürzte der Volatilitätsindex VIX ab, um fast 12 Prozent auf 19,17 Punkte.

Dies waren erste Gedanken gleich nach der Fed-Pressekonferenz, am heutigen Tag werden zahllose Berichte über eine hawkishe Fed in den Medien erscheinen. Es wird wohl kaum ein Text so akribisch gelesen, wie das Statement der US-Notenbank, jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt. Aber auch „Jay“ Powell war vorbereitet, um Fehler zu vermeiden, viele Formulierungen klangen wie Standard.

Fazit

Jetzt kommen noch einige Ereignisse, die vielleicht schon heute die gestern euphorisierten Aktienmärkte wieder etwas vorsichtiger werden lassen.

Die Sitzung der Europäischen Zentralbank, in der es um die Frage geht, ob Christine Lagarde den hawkishen Schwenk der Fed so vollkommen ignorieren kann und natürlich den Freitag mit dem großen Verfall. Vor ein paar Tagen wurde schon über das Open Interest im Bereich der Optionen auf den Leitindex S&P 500 berichtet. Es lag bei 4700 Punkten, unweit vom Allzeithoch und wo schloss der Index gestern? Bei 4709 Punkten. Kommt es jetzt nicht noch zu Überraschungen, so stehen die Zeichen gut für die Fortsetzung der saisonüblichen Jahresendrally, die einige schon abgeschrieben hatten.

Aber: Dies sind Überlegungen zu einem versöhnlichen Jahresausklang, wie schon des Öfteren beleuchtet. Wie die Neuausrichtung der Depots ab Januar, in der so stark beachteten Bilanz der ersten fünf Handelstage sein wird, dies steht noch auf einem ganz anderen Blatt.



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