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Der neue Steuermann in schwerem Fahrwasser Fed-Chef Warsh: Wenn eine Gratulation zur gefährlichen Drohung wird

Viel Glück, Kevin!

Fed-Chef Warsh Wenn eine Gratulation zur gefährlichen Drohung wird
Foto: mrchungg - Freepik.com

Es ist fraglich, ob man Kevin Warsh, den frisch gekürten, neuen Vorsitzenden der US-Notenbank Fed ernsthaft gratulieren kann. Er hat soeben den undankbarsten Job der globalen Finanzwelt angetreten – und das zu einem Zeitpunkt, der sich liest wie das Drehbuch für eine finanzielle Tragödie in mehreren Akten. Mit denkbar knapper Mehrheit und einer parteipolitischen Spaltung, wie sie die Geschichte der Fed noch nicht gesehen hat, erbt Warsh eine Zentralbank, die politisch unter Dauerbeschuss steht und direkt in ein makroökonomisches Minenfeld steuert. Man könnte fast Mitleid bekommen, wäre da nicht die bittere Ironie, dass jahrelange Fehlentwicklungen nun ausgerechnet unter einem Mann kulminieren, der in seiner ersten Amtszeit als Fed-Mitglied das Ende der geldpolitischen Ausuferung predigte.

Fed-Chef Warsh: Wenn eine Gratulation zur gefährlichen Drohung wird

Der vergangene Freitag war dabei nicht weniger als eine perfekte filmreife Vorpremiere auf das, was den neuen Fed-Chef Warsh in den kommenden Monaten erwarten wird. Während das breite Publikum noch gebannt auf die fallenden Tech-Aktien starrte – der S&P 500 verlor 1,24 Prozent, die Nasdaq tauchte um 1,54 Prozent ab – ereignete sich das eigentlich relevante Geschehen woanders. Es entfaltet sich im scheinbar langweiligen, aber größten Teilmarkt, dem Anleihemarkt. Die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe durchschlug die Marke von 5,1 Prozent. Die Anleger verdauten nicht nur die heißen Inflationsdaten der Woche, sondern auch die schleichende, unangenehme Erkenntnis, dass die Zinsen länger oben bleiben müssen, als sich die Wall Street in seit langem eingepreist.

Spätestens wenn Aktien um fünf Prozent korrigieren, wird die Medien Kampagne mit ihrer „Buy the Dip“ Message angeworfen und die Party geht weiter, als wäre nichts geschehen. Der Anleihemarkt ist eine ganz anderes, viel ungemütlicheres Biotop. Wenn die Renditen in diesem Tempo steigen, schnüren sie die finanziellen Bedingungen überall gleichzeitig den Bewegungsspielraum ein. Hypothekenzinsen bleiben hoch, die Kreditkosten für Unternehmen schießen in die Höhe, die Refinanzierung im sowieso schon ächzenden Gewerbeimmobiliensektor wird trotz dem Verschwinden aus der Tagespresse von einer Tragödie zur Posse. Nicht zu vergessen auch die Zinsausgaben des Staates, die bei der Budgetierung einen ganz anderer Zinspfad zugrunde gelegt wurden.

Wie lange hält der Konsument als Fundament des Goldilocks-Marktes den Inflationsdruck durch?

Und während sich diese gesamtwirtschaftliche Schlinge zuzieht, zeigt der viel zitierte US-Konsument bereits deutliche Schwächen. Die Zahlungsrückstände bei Autokrediten bewegen sich auf einem Niveau, das wir zuletzt in den düsteren Tagen von 2008 gesehen haben. Kreditkartenausfälle bewegten sich schon vor dem letzten Preisschock schon um Hochs, die an die Finanzkrise erinnern. Die Menschen flüchten sich zunehmend in hochverzinste Schulden, nur um ihren Konsum aufrechtzuerhalten, während die Inflation unerbittlich an den Reallöhnen nagt. Das ist der Stoff, aus dem gesellschaftliche Verwerfungen entstehen – auch das Fundament für neue Aktienrekorde?

Dieses hartnäckige Inflationsproblem ist der wahre Kern des Dilemmas von Kevin Warsh. Die Verbraucherpreise laufen bei 3,8 Prozent heiß, die Erzeugerpreise gar bei 6 Prozent, und der Ölpreis hat die ungemütliche Marke von 100 Dollar mit einer Wahrscheinlichkeit dauerhaft hinter sich gelassen. In diesem Umfeld von „sticky inflation“ kann die FED nicht mal eben mit Notfall-Zinssenkungen um die Ecke kommen oder die Druckerpresse für eine neue Runde quantitativer Lockerungen anwerfen, ohne das Risiko einer sich selbst verstärkenden Inflationswelle einzugehen. Es wäre, als würde man einen Brand mit einem Benzinkanister löschen wollen.

Die besondere Pointe dieser Besetzung

Ausgerechnet Kevin Warsh, der Mann, der jahrelang gepredigt hat, die Fed sei viel zu tief in die Finanzmärkte verstrickt und müsse ihre aufgeblähte Bilanz von 6,7 Billionen Dollar viel schneller abbauen, sitzt jetzt auf dem Schleudersitz. Er hat sich stets für eine Zentralbank stark gemacht, die nicht als permanenter Rückhalt für Aktienhalter und Spekulation dient, sondern zu traditionelleren geldpolitischen Werkzeugen zurückkehrt. Sehr nobel, sehr diszipliniert, sehr „die Märkte müssen auf eigenen Füßen stehen“. Es ist eben einfach, markige Reden über Moral Hazard zu schwingen, wenn die Aktienkurse in den Himmel schießen, die Volatilität schläft und alle so tun, als sei die Wirtschaft so solide wie nie.

Jetzt wird sich zeigen, ob er es wirklich ernst gemeint hat. Jetzt, wo der Anleihemarkt ob der weltweiten Schuldenorgien zu rebellieren beginnt – die Langfristrenditen klettern wie das Fieberthermometer eines Schwerkranken – und jeder Winkel der Wirtschaft den Druck zu spüren beginnt. Das Schiller-KGV, dieses unbestechliche Maß für Bewertungsextreme, klebt bei atemberaubenden 42 und ruft mit zynischem Grinsen: „Was könnte da schon schiefgehen?“. Diese Bewertungen funktionieren möglicherweise in einem Märchenland, in dem sich die Inflation in Luft auflöst, die Zinsen wieder gegen Null tendieren, die Gewinne unerschütterlich stark bleiben und die Liquidität nie versiegt. Mit anderen Worten: Es erfordert, dass absolut alles perfekt läuft, und zwar genau jetzt, wo eine Menge Dinge verstärkt das genaue Gegenteil tun.

Das (un-)mögliche Setup für den neuen Fed-Chef Warsh

Lässt Warsh die aus eigentlich gutem Grund wirkenden Marktkräfte zu und die Renditen weiter steigen, riskiert er eine breite Neubewertung der Märkte, eine Welle von Zahlungsausfällen, eine Schwäche am Immobilienmarkt und Kreditstress, der in die Realwirtschaft überschwappt. Senkt er die Zinsen zu aggressiv oder weitet er wieder den Anleihekauf aus, riskiert er einen Brandbeschleuniger in die bereits lodernde Inflation zu gießen. Unternimmt er nichts und versucht auszusitzen? Dann könnten die Märkte für ihn entscheiden – und der Anleihemarkt ist ein gnadenloser Richter. Er schert sich nicht um akademische Konzepte, sorgfältig formulierte Pressekonferenzen oder langfristige politische Visionen, wenn sich der Eindruck verfestigt, dass Inflation, Defizite und fiskalische Glaubwürdigkeit in Echtzeit erodieren. Fragen Sie Liz Truss – oder auch aktuell Keir Starmer – wie demütigend und schnell einen Anleiheinvestoren (mit) vom Sockel stoßen können.

In aller Aufrichtigkeit: Viel Glück, Kevin!

Kevin Warsh betritt eine wahrlich nicht beneidenswerte Bühne, in der die Inflation ansteigend und klebrig, der Verbraucher schwach und die Aktien euphorisch sind, während geopolitische Spannungen den Ölpreis treiben und der Anleihemarkt zur größten Quelle der Instabilität im gesamten Finanzsystem zu werden droht. Das ist keine weiche Landung, das ist ein Stresstest, getarnt als Beförderung. Zudem ist noch nicht absehbar, wie Warsh die geldpolitischen Vorstellungen seines Gönners Trump als auszuführenden Auftrag versteht.

Während alle anderen wie gebannt darauf starren, ob Nvidia an einem Tag mal 4 Prozent verliert, sollte Warsh seinen Blick auf den Treasury-Markt richten. Denn dort, im Maschinenraum des globalen Finanzsystems, entstehen gerade seine wahren Probleme. Es war sicherlich kein Zufall, dass sein Counterpart im Finanzministerium – Scott Bessent – gerade persönlich in Japan zugegen war. Jener Staat, der mit hoher Wahrscheinlichkeit der erste Dominostein sein wird, sollten Renditen außer Kontrolle geraten.



Oliver Stalzer
Über den RedakteurOliver Stalzer
Der Wirtschaftskolumnist Oliver Stalzer publiziert Wirtschaftspolitische und Finanzmarkt-Analysen
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2 Kommentare

  1. …in diesem Sinne…Ciao Jerome, geiler Job…welcome Mr. Warsh and good luck…

  2. Dr. Sebastian Schaarschmidt

    Mit einer US- Marktkapitalisierung von knapp über 75 Billionen US-Dollar …wird es immer schwerer die US- Märkte oben zu halten…die Anleger müssen immer mehr und mehr investieren… um die Indizes oben zu halten..

    Und irgendwann ist halt Ende Gelände…

    Wir stehen halt nicht mehr bei den 7,5 Billionen…von der Finanzkrise…sondern beim Zehnfachen…

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