Allgemein

Der unmögliche Spagat eine Notenbank-Chefs Fed-Entscheidung: Wird Powell noch einmal Öl ins Feuer gießen?

Fed Powell Öl ins Feuer

Am Mittwoch findet die letzte Fed-Sitzung des Jahres statt, fast vier Jahre nach der mittlerweile berühmt gewordenen Sitzung vom Dezember 2018, als Jerome Powell die vierte Zinsanhebung des Jahres ankündigte (insgesamt die neunte), dabei seinen berühmten Satz der weiteren Bilanzreduzierung auf „Autopilot“ aussprach. Gefolgt von einer Reaktion der Märkte, mit der er wohl nicht gerechnet hatte. Der große S&P 500 drohte mit einem Minus von 19,7 Prozent in den Bärenmarkt abzugleiten, für die Rendite-abhängigen USA ein GAU.

Jetzt ist die Situation durch eine extrem schädliche Inflation sicherlich grundsätzlich anders, aber wenn die Fed mit ihrer Zinsanhebung in „Warp Speed“ so weitermachen würde, könnte sie die Weltwirtschaft, das Weltfinanzsystem und die eigene Ökonomie in große Schwierigkeiten bringen. Wie wird Fed-Chef Powell am Mittwoch den großen Spagat verbal bewältigen, vier Jahre nach seinem Kommunikationsgau von 2018?

Hierzu ein paar Überlegungen.

Fed: Zinsanhebung und Bilanzreduzierung, das Fallbeil für die Kapitalmärkte

Auch wenn der monetäre Klimawandel wohl unumgänglich war, aufgrund einer ausgeuferten Inflation, so hat die Entwicklung des Anlagejahres 2022 wohl alle Investoren überrascht.

Der marktbreite S&P 500, immerhin über 30 Billionen Dollar schwer, schloss am Freitag fast 18 Prozent unter seinem Allzeithoch, der Bondmarkt akkumuliert (Bloomberg US Aggregate Total Return) bei minus 12,6 Prozent. Dergleichen haben Investoren in ihrem Berufsleben noch nicht erlebt.

Die Ursachen dafür sind historisch einmalig:

Der 40 Jahre währende Rückgang der Zinsen endete ausgerechnet in einer Phase, in der die Inflation aufgrund mehrerer gleichzeitig auftretender Stressfaktoren in die Höhe schoss. Hier sei nur die Billionen Dollar schwere Ausweitung der Geldmenge durch die Fed, während und nach der Corona-Krise genannt.

Die historische Zinsentwicklung:

Langzeitchart Inflation, 10yr-Tr Fed Powell

Aufgrund des schnellsten Zinsanhebungszyklusses der Neuzeit musste dies zu einem Kollaps der Rentenmärkte führen, denn je niedriger der Zinskupon, umso stärker die prozentualen Kursverluste der Anleihen. Der Kursverfall der 100-jährigen österreichischen Staatsanleihe gibt das Anschauungsbeispiel.

Aber so kann es für die Fed nicht weitergehen, Zinsschritte in einer derartigen Geschwindigkeit.

Tweet Bilello Zinstreppe 2022

Denn parallel hierzu senkt die US-Notenbank ihre Bilanz, mit angekündigten Schritten von 95 Milliarden Dollar monatlich. Und dieser zweite Hebel bei der monetären Geldstraffung verstärkt die Wirkung der Geldpolitik enorm, deshalb auch die Reaktion der Märkte vor vier Jahren nach dem verbalen Fauxpas von Jerome Powell mit der Bilanzreduzierung auf „Autopilot“:

Tweet Lyn Alden Fed-Tightening Powell

Aber es gibt noch weitere Argumente, die die Fed dazu bewegen wird, den Fuß langsam vom Gaspedal hinsichtlich des Zinsangebungszyklusses zu nehmen. Einiges wurde schon von Hannes Zipfel in seinem Artikel „Zentralbanken beginnen zurückzurudern“ genannt, über das Thema Peak Inflation an dieser Stelle schon ausführlich berichtet. Insbesondere darüber, dass sowohl die Ölsorten WTI und Brent im Jahresvergleich mehr und mehr disinflationär wirken.

Lesen Sie auch

Auch wenn es bei der morgigen Ausgabe der aktuellen US-Verbraucherpreisdaten CPI durch nachlaufende Faktoren noch etwas Verzögerung im Rückgang der Inflationsrate geben sollte, die Notenbank befindet sich langsam an einem Scheideweg.

Die Fed und die globale Bedeutung stark steigender US-Zinsen

Die Volkswirtschaft der USA ist nicht nur die größte der Welt, viel extremer ist sogar noch die Dominanz ihres Kapitalmarktes – vom Aktienmarkt, über den gigantischen Anleihemarkt bis hin zur Bedeutung des US-Dollars als Weltleitwährung. Rasche Änderungen beeinflussen unmittelbar die globalen Wirtschaftsräume. Der extreme Zinspfad der USA ist nicht allzu lange ohne heftige Kollateralschäden durchhalten.

Vieles hängt am US-Dollar.

Wenn die Weltleitwährung zu rasch aufwertet (2022 in der Spitze um 16 Prozent gegenüber dem Euro), so hat dies sofort Auswirkung auf die Importkosten der meisten anderen Länder. Rohstoffe werden zumeist in Dollar abgerechnet, der Inflationsdruck im Ausland nimmt zu.
Wenn der Außenwert des Dollars steigt, bekommen fast alle Länder in der Welt Probleme. Vor allem die Emerging Markets, die sich stark in Dollar verschuldet haben.

Viele Staaten haben auch deshalb ihre Zinsen stark anheben müssen, um die Abwertung der eigenen Währung zu verringern. Was in der Folge wiederum dämpfende Wirkung auf die eigene Wirtschaft haben wird.

Die gestiegenen US-Zinsen machen US-Staatsanleihen attraktiver und damit den Dollar noch stärker. Zugleich erschwert dies den Schwellenländern eigene Anleihen zu emittieren, dass Insolvenzrisiko selbst großer Emerging Markets steigt.

Man blickt immer gebannt auf die Wirtschaftsdaten aus den USA, unterstützt die Forderungen nach weiteren Zinsanhebungen, um die Inflation einzudämmen. Außer Acht lassend, dass mit starken Zinssteigerungen eine globale Finanzkrise befördert werden kann.

Aber auch in den USA wird sich die Verschärfung der Finanzbedingungen auf die Wirtschaft und sogar den US-Haushalt auswirken. Benötigen Zinsanhebungen doch neun bis 12 Monate bis sie so richtig in der Ökonomie angekommen sind. Und die erste Zinsanhebung der Fed war erst Mitte März diesen Jahres.

Über die US-spezifischen Wirkungen einer Verschärfung der Geldpolitik wurde schon ausführlich berichtet. So wie dem großen Damoklesschwert, welches über dem US-Häusermarkt hängt. Wo viele variabel verzinste Immobilienkredite zu erheblich höheren Zinsen finanziert werden müssen. Mit einer absehbar verstärkten Ausfallrate der Kredite.

Oder dem absehbaren Ende der „Konsumsause“ bei hoch verschuldeten US-Konsumenten, wenn demnächst nach 20 Monaten negativer Realeinkommen die Nachfrage zurückgehen sollte. Mit den schon beschriebenen Kausalketten von rückläufigem Konsum – Arbeitslosigkeit – Unternehmensgewinnen, bis hin zu den Steuereinnahmen.

Diese werden benötigt, um die gestiegenen Staatsschulden zu erheblich höheren Zinsen zu finanzieren:

Tweet Henrich Zinskosten US-Haushalt Fed Powell

Dies ist erst der Anfang, nach einem Jahrzehnt extrem niedriger Zinsen.

Die US-Zinsen, wirklich „for longer and higher“?

Fazit

Durch den Kampf gegen die Inflation musste die unheilvolle Nullzinspolitik der letzten Dekade beendet werden. Exzesse beseitigt und das Verhältnis zwischen Risiko und Preis wieder etwas zurechtgerückt werden. Aber im zweiten Teil des Mandats der Fed geht es auch um die US-Wirtschaft, mit dem zeitlich verzögerten Indikator Arbeitslosenrate.

Die Fed muss für Preisstabilität sorgen, aber nicht gegen die eigene Wirtschaft agieren.

Aber eines wurde in den letzten Jahren immer wieder erwähnt, ist aber aktuell in Vergessenheit geraten: Das übergeordnete Ziel sowohl der Fed als auch die EZB, ist die finanzielle Repression, also der relative Abbau der Verschuldung der Staaten über eine leicht höhere Inflation, bei einem Zinsniveau, welches sich unterhalb des Schuldendienstes bewegen muss. Dies wurde bereits einmal erfolgreich praktiziert durch die USA und Großbritannien nach dem 2. Weltkrieg und den damals angehäuften Kriegsschulden.

Mit Wachstum allein kommt die Welt nicht mehr von ihren Schulden herunter.

Daher muss der Traum von positiven Realrenditen für längere Zeit noch ein nicht realisierbarer Traum bleiben.

All diese Gedanken haben Jerome Powell und seine fundierte Ökonomen sicherlich auf ihrem Radar.

Wir werden am Mittwoch Abend vernehmen, wie der Notenbank-Chef Jerome Powell auf die verzwickte derzeitige Lage reagieren wird. Wo doch die Märkte teilweise so gegen seine Politik der Straffung der „Financial Conditions“ gewettet haben. Powell wird vermutlich Vorsicht walten lassen, sein Kommunikationsgau von 2018 ist erst einen Olympiazyklus alt.

Er dürfte sich jedoch daran erinnern, schließlich hat er mittlerweile schon sehr lange Erfahrung mit der Wirkung von „Notenbank-Worten“, wenn der größte Wal am Kapitalmarkt unerwartete Andeutungen macht. War er nicht schon im Mai 2013, bei Ben Bernankes Ankündigung einer geplanten Verringerung von Anleihekäufen durch die Fed, Mitglied der Notenbank? Bekannt geworden als Taper Tantrum, Wutanfall der Märkte, als es um den zentralen Schmierstoff ging, die Liquidität an den Märkten.



Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Lesen Sie auch

3 Kommentare

  1. „Powell und seine fundierten Ökonomen“… was für ein Vokabular.
    Ist das hier noch Information?
    Oder schon eine Heilslehren-Verkündung?

  2. Dr. Sebastian Schaarschmidt

    Um ganze 2 Milliarden US-DOLLAR hat die FED ihre Bilanz in der letzten Woche reduziert und nicht wie angedacht um das Zehnfache.

    Damit bleibt die FED hinter ihrer Bilanzreduzierung zurück, die eigentlich, klammert man die Feiertage aus, viel stärker schrumpfen sollte.

    Schauen wir uns nunmal die Bilanz genauer an: Hauptsächlich kurz laufende Staatsanleihen, 0,5 bis 5 Jahre wurden ver und Langläufer ( 10 – 30 J.) gekauft.
    Immer noch ist die FED mit Anleihekäufen am Markt aktiv, indem sie vor allem Langläufer frisch in’s Depot nimmt.
    So wuchs die Sparte der Langläufer, allein in den letzten Monaten, kontinuierlich an.
    Warum macht sie das? Nun das liegt in erster Linie an der zu erwartenden Refinanzierbarkeit der Staatsschulden.
    Da die FED, zurecht, davon ausgeht, das die zukünftigen Leitzinsen, unter den heutigen liegen, muss sie in erster Linie Kurzläufer abstoßen und dafür Langläufer in’s Depot nehmen.
    Das drückt natürlich die Rendite der Kurzläufer nach oben und die der Langläufer nach unten ( „Zinsabstandsgebot bei hoch verschuldeten Staaten und Unternehmen „).
    Somit stellt die FED sicher , das die Staatsschulden langfristig finanzierbar bleiben.
    Was sagt uns das? Nun anhand der Zinskurve sehen wir, das die FED, innerhalb der nächsten 25 bis 35 Monate ( “ Antizipierung der Zinskurve „) die Zinsen wieder senken wird und zwar jetzt kommt’s, unter 2,5 Prozent!
    Also eine Senkung der Leitzinsen um satte 150 Basispunkte zu heute, innerhalb der nächsten 2,5 Jahre.
    Das ist realistisch, wenn wir uns die zurück liegenden Zyklen anschauen, so die die Zyklen 2000 bis 2003 und 2007 bis 2009.
    Nehmen wir uns das Beispiel 2000 bis 03 vor: Im Jahre 2000 erhöhte die FED erst die Zinsen auf 6,5 Prozent,nur um diese dann umso stärker zu senken.
    Ein ähnliches Bild ergibt sich in den Jahren, vor und nach der Finanzkrise.
    Daraus ergibt sich ein negatives Chartbild für zukünftige Zinsen. Der Markt antizipiert die zukünftige Entwicklung der Zinsen und nimmt diese in der Regel um einige Monate vorweg.
    Somit ergibt sich für die Jahre ab 2025 eine neue Phase der Niedrigzinspolitik der FED mit ausgiebigen QE Programmen ( Leitzinsen von 0,5 Prozent und tiefer plus QE).
    Die Frage wann genau diese neue Phase der Niedrigzinspolitik einsetzt ist weniger wichtig, als die Tatsache das dies mit 75 % er Wahrscheinlichkeit innerhalb der nächsten 2,5 Jahre geschieht bzw geschehen wird.
    Szenario Eins: Die FED erhöht die Zinsen jetzt nochmals um 0,5 Prozent und geht dann in eine längere Phase des Abwartens über, die diese dann spätestens in 15 Monaten nach unten verlässt.
    Szenario Zwei: Die Fed erhöht noch zweimal die Zinsen um jeweils 0,5 Prozent u und geht dann in spätestens 25 Monaten zu ersten Zinssenkungen über.
    Die Zinssenkungen werden dabei heftiger und härter ausfallen als die vorherigen Zinsanhebungen. Analogien zu den vorherigen Phasen sind gegeben.
    So oder so werden die langfristigen Zinsen deshalb, langfristig, weiter sinken.

    1. Hallo, eine Woche davor waren es aber 37 Mrd. US-Dollar…in Summe von 2 Wochen passt es also wieder…in den letzten 3 Monaten waren es 250 Mrd. US-DOLLAR…auch da passt es in etwa

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.




ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Meist gelesen 7 Tage