Folgen Sie uns

Allgemein

FED-Kapitulation beweist: Das System lässt sich nicht mehr „normalisieren“

Avatar

Veröffentlicht

am

Im Dezember 2018 fielen die Kurse an der New Yorker Aktienbörse so stark wie in keinem Dezember seit der Großen Depression. Der rasante Abwärtstrend sandte Schockwellen durch das globale Finanzsystem, die Welt schien plötzlich vor der nächsten großen Finanzkrise zu stehen.

Werbung: Gratis in Aktien und ETFs investieren. Null-Provision, Null-Aufwand! Erhalten Sie eine Gratisaktie im Wert von bis zu 100€

Dann kam es zwischen Weihnachten und Neujahr zu einer dramatischen Kehrtwende: Die Kurse begannen eine rasante Aufholjagd und bescherten dem Dow Jones einen Börsenjanuar, wie man ihn seit Jahrzehnten nicht gesehen hat.

Das dramatische Auf und Ab war kein Zufall: Der Einbruch im Dezember war das Ergebnis der strategischen Umkehr der FED, die 2018 begonnen hatte, die Geldzufuhr ins System zu stoppen, ihm sogar Geld zu entziehen und die eigene Bilanz zu bereinigen.

Ernst Wolff über die Fed-Kapitulation
Der Autor Ernst Wolff.

Die Umkehr nach Weihnachten dagegen war auf zwei Reaktionen aus der Politik und der Bankenwelt zurückzuführen: Zum einen griff in den USA das 1986 unter Ronald Reagan geschaffene Plunge Protection Team, das über eine der größten Schwarzen Kassen der Welt verfügt, auf Geheiß von Finanzminister Mnuchin in die Märkte ein. Zum anderen sendete die Federal Reserve als weltweite Nr. 1 unter den Zentralbanken ein klares Signal aus: Sie wird ihre Abkehr von der Politik des billigen Geldes nicht – wie noch im Dezember großspurig angekündigt – „auf Autopilot“ fortsetzen, sondern an die Bedürfnisse der Märkte „anpassen“ und die Anfang Dezember angekündigten Zinserhöhungen vorerst aussetzen.

Die Fed-Kapitulation

Im Klartext heißt das: Die FED erkennt an, dass die Finanzmärkte in den vergangenen zehn Jahren so süchtig nach frischem Geld aus dem Bankensektor geworden sind, dass sie einen Entzug nicht mehr verkraften.

Diese Erkenntnis aber schafft ein riesiges Problem, denn genau diese Geldpolitik der FED und der übrigen Zentralbanken seit der Krise von 2007/2008 – Gelddrucken und Zinssenkungen – hat riesige Blasen an den Anleihen-, Aktien- und Immobilienmärkten erzeugt, die nach wie vor zu platzen drohen und das Finanzsystem in seiner Gesamtheit existenziell gefährden.

Was aber wird nun geschehen?

Niemand kann voraussagen, welche Entscheidungen die FED und die anderen Zentralbanken in den kommenden Monaten treffen werden. Da es aber nur drei verschiedene Möglichkeiten gibt, hier ein kurzer Blick darauf, wie sie aussehen und welche Folgen sie haben könnten:

1. Abwarten

Die Zentralbanken tun einfach nichts tun und warten ab. Die Folge: Nach einer kräftigen Erholung an den Märkten, die ja bereits in vollem Gang ist, werden diese in naher Zukunft wieder ins Stocken geraten und erneut fallen. Da diese Entwicklung mit einer derzeit einsetzenden weltweiten Rezession zusammenfällt, könnten die Kurse schon bald wieder kräftig abstürzen.

Angesichts der erheblichen sozialen Konsequenzen solcher Kurseinbrüche (zum Beispiel gewaltige Ausfälle bei Pensionsfonds und Rentenkassen) würde die Politik die Zentralbanken mit Sicherheit drängen, erneut einzugreifen und eine weitere Runde des „Quantitative Easing“ – also des Gelddruckens – zu beginnen. Sollten sich die Zentralbanken diesem Ansinnen verweigern, dürfte die Lage rasch brenzlig werden.

2. Den Märkten nachgeben

Die Zentralbanken geben den Märkten beim nächsten Abwärtstrend nach, entscheiden sich für ein erneutes Quantitative Easing (weitere Geldspritzen) und verzichten darauf, die eigenen Bilanzen weiter zu bereinigen. Damit aber würden sie einerseits ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen, was viele Anleger in sichere Häfen wie das Gold treiben und damit eine überaus unerwünschte Nebenwirkung erzielen würde.

Vermutlich würden die Märkte dennoch zu weiteren Höhenflügen ansetzen, allerdings mit fatalen Begleiterscheinungen: Es würde zu einer weiteren Ausdehnung sämtlicher Blasen, insbesondere der internationalen Kreditblase, kommen. Die Risiken im System würden weiter steigen und es bedürfte nur eines unerwarteten Großereignisses, um das ganze System wie ein Kartenhaus einstürzen zu lassen.

Ein solches Großereignis könnte in Europa zum Beispiel der Zusammenbruch der Deutschen Bank, eine Kette von Zusammenbrüchen überschuldeter italienischer Banken oder auch die Staatspleite eines Landes sein, wobei alle drei Ereignisse unabsehbare Konsequenzen im Bereich der Derivate hätten.

3. Die 1929er Variante

Die dritte Möglichkeit bestünde darin, dass die Zentralbanken etwas tun, was zurzeit niemand von ihnen erwartet: Dass sie den Märkten erneut Geld entziehen und zudem die Zinsen weiter erhöhen. Das stünde zwar im Widerspruch zu allen Signalen aus der US-Politik und der US-Bankenwelt, sollte aber auch nicht von vornherein ausgeschlossen werden. Eine solch radikale Maßnahme hat 1929 immerhin zum bisher größten internationalen Börsencrash und zur Großen Depression geführt – und die hat den Großbanken damals die Möglichkeit gegeben, 10.000 kleinere Banken zu schlucken.

Träfe die FED eine solche Entscheidung, wäre sie mit Sicherheit mit den größten Instituten der Wall Street abgesprochen, so dass diese sich rechtzeitig darauf vorbereiten könnten.

Ein solches Vorgehen würde auf jeden Fall schlimmere Folgen als 1929 haben, da die Risiken und auch die internationale Vernetzung heute ungleich größer sind als damals. Vor allem aber würde sie gewaltige soziale Konsequenzen nach sich ziehen: Handelsströme und Geldströme würden zusammenbrechen, Renten würden nicht mehr ausgezahlt, es käme zu Versorgungsengpässen, Plünderungen und Volksaufständen.

Auf jeden Fall wäre – wie der Gelbwesten-Protest in Frankreich bereits zeigt – mit gewaltiger staatlicher Repression, mit Polizei- und Militäreinsätzen gegen Demonstranten und dem Erlass von Notstandsverordnungen und Kriegsrecht zu rechnen.

Wie gesagt: Niemand kann momentan voraussagen, für welche der drei Varianten sich die Zentralbanken entscheiden werden. Fatal ist nur, dass alle drei eines beweisen: Das globale Finanzsystem ist durch die lockere Geldpolitik der vergangenen zehn Jahre in eine Lage gebracht worden, aus der es mit Hilfe klassischer Reformpolitik keinen Ausweg mehr gibt.

15 Kommentare

15 Comments

  1. Avatar

    Marko

    5. Februar 2019 14:44 at 14:44

    Aber : Die FED ist nicht die mächtigste Notenbank der Welt, das ist die EZB.

    Die EZB hat den Markt „voll im Griff“.

    Die sogenannten „angelsächsischen Märkte“ sind eher „Aktienmarkt-orientiert“, das liegt zum größten Teils daran, dass die Menschen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, auf Aktien-(Dividenden) angewiesen sind, weil es dort an „einigem hakt“. ;) :D

    Und das mit dem Aktienmarkt und so, interessiert die EZB, bzw den „Bundesbank-Beamtenladen“, wohl kaum … ? :D

    Siehe den EUR/USD Kurs ?

    Dieser „Wechselkurs“ ist eigentlich ein Wahnsinn, sollte man bedenken , dass die Amis ihre Zinsen erhöhen, und die EZB macht gar nix !

    Und das da, ist Macht !

    VG

    Marko

    • Markus Fugmann

      Markus Fugmann

      5. Februar 2019 14:50 at 14:50

      @Marko, sorry, aber die stete Wiederholung der derselben falschen These macht sie nicht wahrer! Spätestens mit der Finanzkrise wird die Fed unangefochten – sie vergibt Dollars an andere Zentralbanken (vor allem EZB), damit diese den immensen Dollar-Bedraf ihre Banken bedienen können. Siehe dazu ausführlich: Crashed: How a Decade of Financial Crises Changed the World von Adam Tooze. Ein EZB-Banker sagte damals: seit der Finanzkrise sind wir gewisserma0en der 13. Bezrik der Federal Reserve.
      Ich weiß, dass das Thema Lehman/EZB bei dir schon religiöse Züge hat – aber wir wäre es zur Abwechslung einmal mit Fakten?

  2. Avatar

    Anton Ehrler

    5. Februar 2019 15:50 at 15:50

    Sehr geehrter Herr Fugmann :Auf vielseitigen Wunsch eines einseitigen Foristen würde ich die 2 sogenannten Trollen, die dauernd Unmögliches behaupten bis auf weiteres aussperren auf dieser Plattform.
    Die Qualität leidet ,wenn Einer seit Monaten krampfhaft versucht die Verschuldung der USA schönzureden.
    Oder liegen Stelter, Sinn, Homm, Marx, leftutti, Zulauf, Faber ,Fugmann und und und Alle falsch ?

    • Avatar

      leftutti

      5. Februar 2019 16:22 at 16:22

      @Anton Ehrler, aussperren muss man den Troll ja nicht gleich, aber etwas Höflichkeit und Netiquette sollte man ihm schon nahelegen. Andererseits offenbart er der Öffentlichkeit sein wahres Wesen, wenn er andere als Lügner bezeichnet, die ihn, das arme Opfer, verleumden. So weiß nun zumindest jeder, was von dem Troll zu halten ist.

      • Avatar

        tm

        5. Februar 2019 16:33 at 16:33

        Unfassbar diese Verleumdungen Ihrerseits. Wie wäre es mit etzwas Höflichkeit und Respekt Ihrerseits anstelle der üblen Beldigungungen und infamen Unstellungen?

    • Avatar

      tm

      5. Februar 2019 16:32 at 16:32

      :-) achso, wer Fakten präsentiert, die Ihnen nicht gefallen, ist also ein Troll?

      Welches meiner Argumente, welche von mir präsentierten Fakten passt Ihnen denn nicht?
      Geringe Kreditbelastung, geringe Zahlungsrückstände und gesunkende private Schuldenquote sind nun einmal Tatsachen.

      Wie wäre es, wenn Sie in einem Diskussionsforum diskutieren, anstatt zu fordern, dass Ihnen nicht genehme Positionen zensiert werden?

      Es wäre aber tatsächlich schön, wenn Herr Fugmann dazu Stellung beziehen könnte.

      • Markus Fugmann

        Markus Fugmann

        5. Februar 2019 16:35 at 16:35

        @tm, wie wäre es, wenn ihr euch einfach vertragt und nicht gegenseitig Verleumdung unterstellt? :)

        • Avatar

          tm

          5. Februar 2019 16:45 at 16:45

          :-) gute Idee..

          tatsächlich hatte ich den Beitrag zur privaten US-Verschuldung als Beitrag zur Versachlichung der Diskussion angedacht – aber das ist wohl gründlich misslungen.

          Ich reagiere tatsächlich allergisch, wenn mir jemand vorwirft, ich würde falsche Zahlen präsentieren, obwohl die von mir dargestellen Zahlen völlig korrekt und leicht nachprüfbar sind. Ich beziehe nahezu alle Zahlen aus Bloomberg und damit indirekt aus der Primärquelle. Ich finde es mehr als unschön, wenn ich als Troll bezeichnet werde, wenn ich diese Zahlen als Argument anführe. Umgekehrt möchte ich dem Foristen, den ich Lügen vorgeworfen habe zugestehen, dass er Zahlen aus anderen Quellen benutzt hat und nicht wissentlich falsche Zahlen.

          Für eine sachliche, zielführende Diskussion wäre es m.E. gut, wenn es über die Zahlen und Fakten an sich keine Diskussion gäbe, sondern nur über deren Interpretation und Gewichtung.

          Aus meiner Sicht sind das ja alles spannende Themen. Ich sehe nicht, dass die US-Verbraucher überschuldet sind und habe dafür Argumente gebracht – ich sezte mich aber auch gerne mit Gegenargumenten auseinander. Nur so lernt man dazu.

          Ich möchte heirmit nochmals explizit klarstellen, dass ich mich zu einer sachlichen Diskussion bereit erkläre.

        • Avatar

          leftutti

          5. Februar 2019 23:07 at 23:07

          Ich würde mich dem gerne anschließen, wenn ich jemandem Verleumdung unterstellt hätte ;)
          Habe ich aber nicht, dafür aber den Begriff „Troll“ erwähnt. Gerne erkläre ich mich bereit, diesen Begriff nicht weiter zu verwenden, wenn die grundsätzlichen Kriterien dafür über einen statistisch signifikanten Zeitraum von 4 Wochen ab heute nicht weiter beobachtet werden können. Dazu gehört:
          1. Dass nicht nahezu jeder Kommentar zu einem Thema, der noch nicht einmal an @tm gerichtet ist, mit Phrasen wie ? Achso, Hm, interessant, ? oh je, ? oh man oh man, Ah ja ? u. ä. beginnt.
          2. Dass nicht jede kritische Antwort an @tm durch die Schallplatte-mit-Sprung-Methode beantwortet wird: Wenn Sie alle Statistiken, die Ihnen nicht gefallen, anzweifeln, worauf gründet sich Ihre Ansicht dann? oder Also weil die veröffentlichten Zahlen Ihnen nicht gefallen, sind diese Zahlen manipuliert?

          Dies würde eine gewisse Demut und eine demokratische Grundeinstellung von Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit voraussetzen sowie die Anerkennung der Möglichkeit, dass in den Zahlen von Bloomberg nicht der Weisheit letzter Schluss liegt, eine Unfehlbarkeit nicht ausgeschlossen ist und die Finanzmarktwelt in vielen Bereichen selbst durch Bloomberg nicht erklärt werden kann.

          • Avatar

            tm

            6. Februar 2019 09:30 at 09:30

            Sie beweisen einmal mehr, dass Sie nicht an einer offenen Diskussion interessiert sind – schade.

  3. Avatar

    barthez

    5. Februar 2019 15:53 at 15:53

    na ja ,sagen wir mal so „please dont forget“ die fed ist eine private veranstaltung der
    zu grossen teilen der “ primary dealers“ banken.und die ezb ist ohne die eu-kommission
    und die geldtöpfchen der selbigen praktisch handlungsunfähig. kurz: die fed = privat;
    die ezb =staatlich. tja und wenn man jetzt aus der historie weiss ,dass staaten die kontrolle über die geldmenge haben,dann sagen wir mal mindestens „ineffektiv“ damit umgehen. ich hoffe die taschen in berlin sind so tief ,um auf ewig die zinsen in italien
    auf überlebenslevel zu halten und alle monetären risiken abzubügeln.egal ob der liberale
    ami oder der sozi europäer ,am ende wird der kleine mann die risiken decken.ganz sicher.
    grüsse

    • Avatar

      tm

      5. Februar 2019 16:27 at 16:27

      Nein, die Fed ist nicht privat, sondern eine öffentlich-rechtliche Institution. Die Politik bestimmt die Besetzung und das US-Finanzministerium erhält die Gewinne. Richtig ist lediglich, dass alle Geschäftsbanken, die mit einer Fed Geschäfte machen wollen, Anteile halten müssen – damit ist aber praktisch keine Mitsprache und keine Gewinnbeteiligung (sondern eine feste Verzinsung) verbunden.

  4. Avatar

    Columbo

    5. Februar 2019 16:06 at 16:06

    Eine „Bad Bank“ für ausgewählte Foristen! Wer Lust hat, kann ja reinschaun.

  5. Avatar

    md

    5. Februar 2019 16:58 at 16:58

    hallo an alle. bitte hört auf mit ausgrenzungen oder sperrungen und dergleichen. ich finde jede ansicht und meinung muss geduldet werden. gerade das find ich gut. nein ehrlich. die diskussionen zwischen querdenker, besserwisser und und und gehören für mich auch zur qualität von fmw wie die begabten. also ich lese alle kommentare
    vg md

  6. Avatar

    Thomas

    6. Februar 2019 00:52 at 00:52

    So, die Fed ist nicht privat ?
    Wer das behauptet, der glaubt auch an Rettungsschirme und so einen Quatsch.
    Auf jedem Dollarschein steht „Federal Reserve Note“ und „This Note is legal tender for all debts …“ -> also Bundes Reserve Note ?
    und halt ein Schuldschein für die Schulden, was sonst !

    Mann, Mann, Mann – punmpt ruhig weiter die Blase auf – sie wird platzen, die Frage ist nur noch wann ….

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Allgemein

EZB ebnet argumentativen Weg für lang anhaltende Rettungsmaßnahmen

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Die EZB-Zentrale in Frankfurt

Seit der Finanzkrise 2008 veranstaltet die EZB ein Anleihekaufprogramm nach dem nächsten. Die Zinsen sinken im großen Bild gesehen immer weiter. Egal wie gut es der Konjunktur in der Eurozone zwischen 2008 und 2020 wieder ging. Die EZB druckte immer weiter Geld, kaufte immer weiter Anleihen. Länder wie Italien wurden mit EZB-Geld und immer weiter sinkenden Zinsen am Leben erhalten. Nach der Krise war vor der Krise.

Und nun, kommt nach der Coronakrise (die Impfstoffe kommen ja bald) wieder die nächste Krise, nämlich die Rettung der überschuldeten Unternehmen? Deswegen muss die EZB (wie es auch die Fed macht) zusammen mit den Regierungen der Mitgliedsstaaten immer weiter retten, retten und retten. Denn ja, wir wissen es alle. Mit gigantischen Kreditprogrammen, Zuschüssen, Kurzarbeitergeld uvm werden in Europa die Nöte der Coronakrise gemildert, und Probleme optisch versteckt. Am besten erkennt man das beim Thema Kurzarbeitergeld. In Deutschland wurde die ausgeweitete Funktion dieses Instruments erst letzten Freitag im Bundestag bis Ende 2021 verlängert – welch ein Zufall, bis zur Bundestagswahl kann die Kurzarbeit in ihrer jetzigen Form also weiterhin als neuer Dauerzustand für eigentlich arbeitslose Arbeitnehmer genutzt werden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

EZB kommt mit „Nicht zu früh aufhören“-Argumentation

Aber zurück zur EZB. Die einfache wie auch clevere Aussage der EZB lautet am heutigen Montag (frei und sinngemäß zusammengefasst): „Wenn wir die Hilfen zu früh einstellen, gefährden wir den Erfolg“. Tja, und wann das Ende der Hilfen angebracht ist, das ist bei der EZB bekanntermaßen eine sehr dehnbare Ansichtssache (siehe Anleihekäufe seit 2008 bis heute – hier eine wunderschöne historische Übersicht zu dem Thema). Im Rahmen ihres heute veröffentlichten Finanzstabilitätsberichts hat die EZB auch einen einzelnen Artikel veröffentlicht, bei dem es um die „Bewertung von Schwachstellen von Unternehmen“ in der Eurozone geht.

Und die Schwachstelle scheint offenbar darin zu bestehen, dass EZB und Regierungen ihre Hilfsprogramme zu früh auslaufen lassen könnten. Man sieht die Probleme wohl auch vor allem beim Zugang zu Krediten und bei steigenden Finanzierungskosten. Die Unterstützung durch die Geldpolitik der EZB habe dazu beigetragen, die tatsächlichen Insolvenzen bisher unter Kontrolle zu halten. Staatliche Kreditgarantien und Konkursmoratorien hätten eine groß angelegte Welle Unternehmenspleiten verhindert. Aber eine beträchtliche Anzahl von Unternehmen könnte gezwungen sein Konkurs anzumelden, wenn diese Maßnahmen zu früh aufgehoben werden oder die Kreditvergabebedingungen der Banken verschärft werden, so die heutige Aussage der EZB. Tatsächlich deute die historische Ko-Bewegung des Anfälligkeitsindikators mit den Unternehmensinsolvenzen und dem BIP-Wachstum darauf hin, dass sowohl die Regierungspolitik als auch die niedrigen Fremdfinanzierungskosten dazu beigetragen hätten, die Auswirkungen der Verschlechterung des Gesundheitszustands der Unternehmen auf die tatsächliche Zahl der Insolvenzen zu dämpfen – auch wenn die Auswirkungen je nach Land, Sektor und Unternehmensgröße unterschiedlich seien.

Dieser neu entwickelte Indikator mache laut EZB deutlich, dass die Anfälligkeit des Unternehmenssektors auf ein Niveau gestiegen ist, das zuletzt während der Staatsschuldenkrise im Euroraum beobachtet wurde. Finanzierungsrisiken hätten sich dank verschiedener Unterstützungsmaßnahmen bisher nicht materialisiert, aber die Anfälligkeit der Unternehmen könne weiter ansteigen und ein Niveau erreichen, das während der globalen Finanzkrise beobachtet wurde. Insbesondere wenn die zweite Welle der Pandemie die wirtschaftliche Erholung zum Stillstand bringe und das Wachstum schwächer ausfällt als prognostiziert, könnte ein frühzeitiger Ausstieg aus den Stützungsmaßnahmen schließlich zu einem deutlichen Anstieg der Unternehmenskonkurse führen, mit Auswirkungen auf die Finanzstabilität auch für die Banken im Euroraum, so die EZB.

Aus Rettung wird Dauerzustand

Tja, haben sie es auch rausgelesen? Diese Aussagen (wie auch jüngst die Warnung von Christine Lagarde vor der Rezession) bieten die perfekte Vorlage, damit KfW-Kredite, Null- und Negatzvinsen, Kurzarbeitergeld, Anleihekäufe in Billionenhöhe etc immer so weitergehen, Jahr für Jahr. Nicht denkbar? Nochmal, ich möchte erinnern an die letzten zwölf Jahre seit der Finanzkrise! Natürlich sind viele Maßnahmen sicherlich gut und richtig wie die KfW-Kredite, Zuschussprogramme etc. Aber vor allem was die EZB da anrichtet mit ihren Kaufprogrammen und abgeschafften Zinsen. Diese Maßnahmen, wenn sie jahrelang immer weiter beibehalten werden, schaffen ein Gesamtumfeld, das nicht mehr ohne zinslose Kredite leben kann, und Staaten die nicht mehr ohne negative Anleiherenditen leben können. Man gewöhnt sich an diese schöne neue Welt sehr schnell – oder besser gesagt, man hat sich längst daran gewöhnt. Ein Ende dieser Geldpolitik der EZB, ist die überhaupt noch vorstellbar bei der Schuldenexplosion bei Staaten und Unternehmen? Entweder immer so weitermachen, oder man riskiert einen großen Knall.

EZB-Grafik zur Verwundbarkeit der Unternehmen
Grafik: EZB

weiterlesen

Allgemein

Coronavirus: Die Impfung und die praktischen Folgen

Deutschland rüstet sich für die ersten Impfungen gegen das Coronavirus. Aber was passiert nach erfolgreicher Impfung? Wie wird man mit den verschiedenen Gruppen im praktischen Leben umgehen?

Wolfgang Müller

Veröffentlicht

am

Deutschland rüstet sich für die ersten Impfungen gegen das Coronavirus. Impfzentren werden bereits für Mitte Dezember vorbereitet, obwohl noch gar kein Vakzin zugelassen ist. Die Politik macht Druck.

Mindestens 96 Corona-Impfzentren sollen allein in Bayern bis Mitte Dezember einsatzbereit sein. In jedem Landkreis und in jeder kreisfreien Stadt im Freistaat ist mindestens ein Impfzentrum geplant, so ein Sprecher des Gesundheitsministeriums am Donnerstag.

Aber was passiert nach erfolgreicher Impfung? Wie wird man mit den verschiedenen Gruppen im praktischen Leben umgehen? Darüber wird man bald diskutieren.

Coronavirus: Immunisiert oder nicht

Im Prinzip müsste es im neuen Jahr vier verschiedene Gruppen innerhalb der Bevölkerung geben: Menschen, die bereits eine Infektion mit dem Coronavirus überstanden haben. Und dann die, die  registriert sind: eine diffuse Gruppe mit Bürgern, die selbst nicht genau wissen, ob sie vielleicht nicht schon infiziert waren, die große Gruppe derer, die sich noch vor der Infektion geschützt haben – und schließlich die Geimpften. Wie verfährt man in Zukunft mit den Menschen, die die Infektionskrankheit überwunden haben und die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit immun sind gegen die Krankheit und auch als Spreader des Coronavirus für die Mitmenschen wegfallen? Gibt es nach erfolgreicher Impfung so etwas wie einen Impfpass?

Der Impfpass, jetzt eine zweifelhafte Angelegenheit?

In Kürze, wenn die Zulassung des Impfstoffes vollzogen ist, wird es rasch zwei Gruppen von Bürgern geben, die annehmen können, die Krankheit bezwungen zu haben – die vormals Infizierten und die Geimpften. Nach dem Stand der Wissenschaft gilt eine rasche Wiederinfektion mit dem Coronavirus als unwahrscheinlich. Bei Abermillionen von Infektionen müsste dies schon aufgefallen sein. Die Zahl der Infizierten in Deutschland nähert sich der Ein-Millionen-Grenze (Ende dieser Woche?), die Dunkelziffer dürfte in Deutschland bei Faktor 3 bis 5, liegen, so die Annahme einiger Wissenschaftler aufgrund der Antikörpertests.

Jedenfalls wird die Zahl der „Immunen“ bald im Millionenbereich liegen. Während man den ehemals Infizierten nach langen Diskussionen keinen Immunitätsausweis zusicherte, so wird nach einer Impfung gegen Covid-19 sicherlich eine Impfbescheiningung ausgestellt werden, wie beim Impfpass nach jeder Standardimpfung.

Was wird passieren, wenn sich geimpfte Menschen sagen, „so jetzt bin ich geschützt, warum weiter eine Maske tragen?“ Nur eine von vielen praktischen Fragen.

Aber da beginnt bereits das Dilemma. Die Neufassung des Infektionsschutzgesetzes sieht eine „Impf- und Immunitätsdokumentation“ vor. Was wird diese für Folgen haben? Eine Wiedergewährung von Mobilitäts- und Freiheitsrechten? Der Ethikrat ist bereits bei der Beratung der Problembereiche.

Wo könnte der Impfpass Anwendung finden?

Trotz aller ethischen Bedenken, werden Impfungen bei Reisen in fremde Länder empfohlen oder sind sogar Verpflichtung (z.B. gegen Gelbfieber in bestimmten afrikanischen Ländern). Wie werden asiatische Länder auf die Impfung reagieren, Staaten wie Taiwan, Vietnam, Thailand, Südkorea, Australien, Neuseeland, die die Infektion bisher erfolgreich eindämmen konnten? Könnte ein Impfausweis nicht Voraussetzung werden, dass man nach der Einreise von Menschen aus Risikogebieten keine 14-tägige Quarantäne absolvieren muss?

Gibt es aktuell vor einer Reise mit einem Kreuzfahrtschiff nicht bereits die Verpflichtung zu einem Corona-Schnelltest, in dieselbe Richtung laufen Bestrebungen im Luftverkehr?

Und was ist eigentlich mit den vielen Unternehmen aus den Corona-geschädigten Branchen, sei es der Kulturbereich, bei Messen, oder jeglichen Veranstaltungen (Fußball) mit größerem Publikumsverkehr? Werden diese sich für das ethisch etwas zweifelhafte Instrument Impfbescheinigung einsetzen, weil es ihnen sofort Luft zum Atmen bringen würde? Oder wird dies der Staat abwiegeln und versuchen, die Branchen mit immer weiteren Notgeldern über Wasser halten? Eines ist doch schon heute absehbar: Bei einer Bevölkerungszahl von 83 Millionen Menschen, abzüglich der bereits Betroffenen und den Impfverweigerern wird es lange dauern, bis all die Freiwilligen oder auch Zwangsläufigen (Pflegepersonal?) im großen Umfang gegen das Coronavirus geimpft sind.

Fazit

Sicher ist es noch etwas früh, sich über die praktischen Folgen einer Impfung Gedanken zu machen. Allerdings werden Regelungen kommen, ja vermutlich sogar gefordert werden. Schließlich steht manchem Unternehmer das Wasser bis zum Hals und man sehnt sich nach Kunden, nach Menschen, die kein Risiko in Sachen Coronavirus darstellen, für sich und für andere. Wann werden die Diskussionen über die neue Sachlage starten?

Was werden die praktischen Auswirkungen der Impfungen gegen das Coronavirus sein?

weiterlesen

Allgemein

Was den schwachen Goldpreis aktuell bewegt

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Ein Barren aus Gold

Der Goldpreis ist die letzten Tage ohne Stärke unterwegs. Eigentlich ist das merkwürdig, denn der US-Dollar schwächelt seit Tagen, und müsste Gold (das in Dollar gehandelt wird) daher doch eigentlich Auftrieb geben. Der Dollar-Index (Währungskorb des US-Dollar gegen andere Hauptwährungen) hat binnen einer Woche von 92,80 auf 92,18 Indexpunkte verloren.

Corona-Impfstoffe dämpfen Aufwärtstrieb im Goldpreis

Mit aktuell 1.865 Dollar sieht man, dass die seit Donnerstag letzter Woche kurz aufgeflackerte Erholung mit Anlauf Richtung 1.900 Dollar wieder verpufft ist. Eindeutig ist zu sehen, dass die Anleger, die über das Vehikel der ETF (Exchange Traded Funds, hier die Begriffserklärung) in Gold investieren, letzte Woche auf der Verkäuferseite waren mit gut 30 Tonnen. Der folgende aktuelle Chart der Commerzbank zeigt seit Jahresanfang in gelb den Goldpreis-Verlauf, und in schwarz die Gold-ETF-Bestände. Die Nachfrage schlafft derzeit ab.

Chart zeigt ETF-Bestände in Gold im Vergleich zum Goldpreis

Die letzte wie auch die vorletzte Woche waren die Kapitalmärkte gefangen im Fieber der Corona-Impfstoff-Hoffnung. Nach Biontech und Pfizer kam letzte Woche Moderna mit einem fertigen Impfstoff, und heute früh dann auch noch AstraZeneca. Daher laufen die Aktienmärkte auch heute zum Wochenstart erfreulich nach oben. Alles was die Märkte positiv stimmt für eine Erholung der Weltwirtschaft, schwächt tendenziell den „Sicheren Hafen“ namens Gold. Im Chart sehen wir den Goldpreis im Verlauf der letzten 30 Tage. Der große Absturz in der Mitte des Charts rührt her von der ersten Impfstoff-Meldung gegen das Coronavirus vom 9. November von Biontech und Pfizer.

Laut heutiger Aussage des Commerzbank-Analysten Carsten Fritsch dürfte der aktuelle Optimismus hinsichtlich der Impfstoffe dagegen sprechen, dass es schon in Kürze zu einem neuerlichen Run auf die Gold-ETFs kommt. Entsprechend gedämpft sei der kurzfristige Ausblick für den Goldpreis. Die spekulativen Finanzanleger seien seiner Meinung nach durch den Preisrutsch Mitte letzter Woche offensichtlich auf dem falschen Fuß erwischt worden. Denn sie weiteten ihre Netto-Long-Positionen in der Woche zum 17. November auf gut 90.000 Kontrakte aus, nachdem sie diese in der Woche zuvor reduziert hatten. Entsprechend dürfte der Preisrückgang auf rund 1.850 Dollar letzten Mittwoch seiner Meinung nach auch durch spekulative Verkäufe begünstigt worden sein.

Mittel- und langfristig bergauf?

Bleibt es bei dem Szenario, welches wir letzte Woche schon erwähnten? Kurzfristig bleibt der Goldpreis trotz schwachem US-Dollar und dank der Corona-Impfstoff-Hoffnungen schwach? Aber mittel- und langfristig sieht man wieder Kurse über 1.900 Dollar und auch Richtung 2.000 Dollar? Das ist die Frage. Denn im großen Bild, da ist die Meinung der Notenbanker ja relativ eindeutig, wie man die letzten Tage und Wochen auch bei der EZB heraushören konnte. Die Geldpolitik (Anleihekäufe und Zinsen) wird noch sehr lange Zeit extrem locker bleiben, um die wirtschaftliche Erholung der Volkswirtschaften zu unterstützen. Also weiterhin Optimismus im größeren Bild für einen steigenden Goldpreis? Dieses Szenario bleibt vorhanden.

Chart zeigt Goldpreis-Verlauf in den letzten 30 Tagen

weiterlesen

Anmeldestatus

Meist gelesen 7 Tage