Nach der jüngsten Zinssenkung der Fed hat Jerome Powell mit einer klaren Warnung die Hoffnungen der Märkte auf weitere geldpolitische Lockerungen gebremst. Der Fed-Vorsitzende betonte, dass eine weitere Anpassung der Zinsen im Dezember „keineswegs sicher“ sei – eine Aussage, die Investoren verunsicherte und die wachsende Spaltung innerhalb der US-Notenbank offenlegte. Powells Worte machen deutlich: Die Fed steht vor schwierigen Entscheidungen zwischen Wachstum, Inflation und Glaubwürdigkeit.
Fed senkt Zinsen – aber Powell warnt
Die jüngste Warnung von Fed-Chef Jerome Powell, dass Investoren ihre Erwartungen an eine Senkung der Zinsen im Dezember dämpfen sollten, hat die sich vertiefenden Gräben innerhalb der US-Notenbank offengelegt. Während einige Mitglieder der Federal Reserve auf eine Abkühlung des Arbeitsmarkts verweisen, warnen andere, dass anhaltender Inflationsdruck den Spielraum für weitere Zinssenkungen begrenze.
Wie Bloomberg berichtet, wird die Uneinigkeit durch die aktuelle Regierungsblockade in Washington noch verschärft, da offizielle Wirtschaftsdaten fehlen und sich die Fed-Ökonomen auf private Indikatoren stützen müssen.
Der Offenmarktausschuss (FOMC) stimmte mit 10 zu 2 Stimmen für eine Senkung der Zinsen um 0,25 Prozentpunkte auf eine Spanne von 3,75 % bis 4 %. Es war die zweite Zinssenkung in Folge – und zum ersten Mal seit sechs Jahren gab es Gegenstimmen in beide Richtungen: ein Mitglied forderte eine stärkere Senkung, ein anderes wollte gar keine.
In seiner Pressekonferenz betonte Powell ungewöhnlich direkt, dass ein weiterer Schritt im Dezember keineswegs beschlossen sei. „Eine weitere Senkung des Leitzinses im Dezember ist keineswegs eine beschlossene Sache – ganz im Gegenteil,“ sagte er. Später ergänzte er, es gebe „eine wachsende Zahl von Stimmen, die der Meinung sind, dass wir vielleicht einen Zyklus abwarten sollten“.
Die Märkte reagierten prompt: US-Staatsanleihen fielen so stark wie seit fünf Monaten nicht mehr, und die Rendite der 10-jährigen Treasuries stieg wieder über 4 %. Die Aktienmärkte gaben deutlich nach, stabilisierten sich nach den Quartalszahlen der großen US-Technologiewerte jedoch wieder.
Terminkontrakte, die an den Leitzins der Fed gekoppelt sind, preisen nun nur noch eine moderate Wahrscheinlichkeit für eine weitere Zinssenkung auf der Sitzung am 9.–10. Dezember ein – zuvor galt sie als nahezu sicher.
Uneinigkeit in der Fed nimmt zu
Bereits im September hatte die Fed erstmals in diesem Jahr die Zinsen gesenkt, nachdem die Beschäftigungszuwächse merklich nachgelassen hatten. Doch schon damals zeigte sich Skepsis unter mehreren Mitgliedern: Neun von 19 FOMC-Vertretern rechneten nur mit höchstens einer weiteren Senkung, sieben wollten überhaupt keine weiteren Schritte im Jahr 2025.
Die Abstimmung vom Mittwoch markierte zudem das dritte FOMC-Treffen in Folge mit abweichenden Meinungen – eine solche Serie hatte es zuletzt 2019 gegeben. Die Lage wird durch den Government Shutdown zusätzlich erschwert: Ohne offizielle Daten werten die Ökonomen der Fed derzeit verstärkt Berichte aus dem privaten Sektor und aus den Bundesstaaten aus, um Beschäftigungstrends zu erkennen.
Powell: Arbeitsmarkt vor Inflation
Trotz vereinzelter Entlassungsankündigungen von Konzernen wie Amazon, General Motors und Applied Materials bleibt die Zahl der Arbeitslosenmeldungen auf Staatsebene gering – ein Punkt, den Powell hervorhob. Dennoch machte der Fed-Chef deutlich, auf welcher Seite er im Streit zwischen Beschäftigung und Inflation steht.
Er spielte Inflationssorgen herunter und betonte, die Fed müsse reagieren, wenn der Arbeitsmarkt Anzeichen von Schwäche zeige, selbst wenn ein Teil der Entwicklung auf politische Maßnahmen wie Präsident Donald Trumps verschärfte Einwanderungspolitik zurückgehe. „Einige sagen, das sei ein Angebotsproblem, auf das wir wenig Einfluss haben,“ erklärte Powell. „Aber andere – und dazu zähle ich mich – sagen, dass die Nachfrage eine Rolle spielt und wir unsere Instrumente nutzen sollten, um den Arbeitsmarkt zu stützen, wenn wir solche Entwicklungen sehen.“
Politische Spannungen mit dem Weißen Haus
Sollte Powells Vorsicht tatsächlich eine Pause bei weiteren Zinssenkungen ankündigen, könnte das die Spannungen mit dem Weißen Haus weiter anheizen. Präsident Trump hat dem Fed-Chef wiederholt vorgeworfen, die Zinsen nicht schnell genug zu senken. Diese Angriffe nähren Sorgen um die Unabhängigkeit der Zentralbank.
Der Chefökonom von RSM US, Joe Brusuelas, erwartet, dass „abweichende Meinungen künftig eine dauerhafte Erscheinung bei Fed-Sitzungen sein werden,“ insbesondere wenn 2026 neue stimmberechtigte Mitglieder in den FOMC nachrücken und Trump möglicherweise einen Nachfolger für Powell ernennt, dessen Amtszeit im Mai endet.
„Es wird eine große Vielfalt an Ansichten darüber geben, welchen Kurs die Geldpolitik nehmen sollte,“ so Brusuelas weiter, „angesichts des Drucks aus dem Weißen Haus, die Fed-Politik den politischen Wünschen anzupassen, und der erheblichen Meinungsverschiedenheiten über die Risiken, die mit Inflation verbunden sind.“
Fazit: Eine gespaltene Notenbank in unsicheren Zeiten
Die jüngsten Entwicklungen verdeutlichen, dass die Fed in einem Spannungsfeld zwischen konjunktureller Abkühlung, politischem Druck und Inflationsrisiken steht. Powells Warnung vor überzogenen Erwartungen signalisiert, dass die Ära stetiger Zinssenkungen möglicherweise vorerst endet.
Während Investoren weiter auf Lockerung hoffen, scheint der Fed-Vorsitzende auf Vorsicht zu setzen – mit dem Ziel, die Zinsen so zu steuern, dass sie weder die Wirtschaft überhitzen noch das Vertrauen in die geldpolitische Glaubwürdigkeit untergraben.
FMW/Bloomberg
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken
