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Fed und Zinssenkungen – es geht um Insulin, nicht um Zucker

Das Hauptgebäude der Fed in Washington DC

Die US-Notenbank Fed verschweigt eine bittere Wahrheit: Die laxe Geldpolitik ist schon lange kein süßer ökonomischer Stimulus mehr, sondern spätestens seit Mitte September für alle sichtbar überlebenswichtiges Insulin für das US-Finanzsystem.

Fed – eine „hawkishe“ Zinssenkung?

Die Investmentbanker von Goldman Sachs, denen eine große Nähe zur Fed of New York und dem US-Finanzministerium zugeschrieben wird, erwarten für morgen eine „hawkishe“ Zinssenkung und die Bestätigung quantitativer Maßnahmen im Umfang von mind. 60 Mrd. US-Dollar pro Monat. Kurz zur Begriffsklärung „hawkish“: im Zinsentscheidungsgremium der Fed, dem sogenannten Federal Open Market Committee (FOMC), kommen alle sechs Wochen die sieben Verwaltungsräte des Federal Reserve Systems, der Präsidenten der Fed of New York sowie weitere vier Präsidenten regionaler Fed-Distrikte zusammen und entscheiden über Offenmarktgeschäfte der US-Notenbank. Als Falke (Hawk) gilt ein stimmberechtigtes Mitglied, das eher zu restriktiver Geldpolitik neigt, also für höhere Zinsen und eine Verknappung des Geldangebots votiert. Als Tauben (Doves) gelten hingegen Mitglieder, die eher zu lockerer Geldpolitik neigen, also genau die gegenteilige Politik favorisieren.

Wenn die Analysten von Goldman Sachs nun von einer „hawkishen“ Zinssenkung sprechen, dann zielt dies auf die erwartete geringe Neigung der Mehrheit der Komiteemitglieder bezüglich weiterer Zinssenkungen in der Zukunft ab. Als Begründung für diese Sicht heißt es, dass die US-Wirtschaftsdaten noch relativ robust sind und der Markt von einer Zinssenkungsspirale entwöhnt werden soll, um der Fed noch zinspolitischen Spielraum für eine zukünftige Rezession zu belassen. Für die morgige Sitzung wird ein Zinsschritt in Höhe von 25 Basispunkten (0,25 Prozent) auf eine Spanne von dann 1,5-1,75 Prozent mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent erwartet.

Die Wallstreet ist hypnotisiert vom Zentralkomitee

Neben der aktuellen Entscheidung ist für die Märkte aber vor allem der Ausblick auf die weitere Entwicklung der Zinsen und der Geldmenge enorm wichtig. Das Wetten auf die Zukunft ist schließlich die Essenz der Börse. Eine diesbezügliche Orientierung stellt das Offenmarkt-Komitee der Fed den Marktteilnehmern auf vier verschiedenen Wegen und zu drei unterschiedlichen Zeitpunkten zur Verfügung. Zunächst wird nach der Notenbank-Sitzung eine Erklärung (Statement) an die Presse verteilt. In diesem Text wird neben der Bekanntgabe der Maßnahmen auch über Schlüsselwörter, den sogenannten Fed-Code, die Einschätzung der aktuellen wirtschaftlichen Lage sowie die geldpolitische Neigung (Bias) der FOMC-Mitglieder für die Zukunft offenbart. Darüber hinaus wird ein Punkte-Diagramm veröffentlicht, die sog. Dot Plots, aus der die konkreten Zinserwartungen der stimmberechtigten Mitglieder für die nächsten Sitzungstermine hervorgeht. Zirka eine halbe Stunde später steht der Präsident der Fed den Medienvertretern in einer Pressekonferenz Rede und Antwort. Momentan ist das mit dem Juristen Jerome Powell kein Ökonom. Drei Wochen nach der Sitzung wird dann noch als vierte Information das Minutenprotokoll (Minutes) veröffentlicht. Aus dieser Zusammenfassung der Diskussionen während es Meetings erhoffen sich die Marktteilnehmer konkrete Hinweise auf zukünftige geldpolitische Entscheidungen.

Von jeher haben die Beschlüsse des Offenmarktausschusses eine enorme Bedeutung für alle Finanzmärkte weltweit. Der Einfluss der US-Notenbank reicht aufgrund der Bedeutung des US-Dollars als Weltleitwährung weit über die 12 Fed-Distrikte in den USA hinaus. Der Dollar-Zins und die Dollar-Geldmenge bestimmen mittlerweile über das Wohl und Wehe großer Teile der Weltwirtschaft. Umso verständlicher ist der eigentlich perverse Fokus des Zentrums des Kapitalismus, der Börse, auf ein bürokratisches Zentralkomitee.

Die Fed ist nicht mehr ernst zu nehmen

Begründet werden soll die von Goldman Sachs und anderen erwartete zukünftige Zurückhaltung in Sachen Leitzinssenkungen durch die Fed mit zwei Argumenten: zum einen der nach wie vor robusten Wirtschaftslage in den USA und zum anderen mit der Entwöhnung der Finanzmärkte von der Idee eines andauernden Zinssenkungszyklus. Diese erwartete Begründung wäre an Lächerlichkeit kaum noch zu übertreffen. Fakt ist: Hätte die Fed in den letzten sechs Wochen nicht nachweislich mehr als 200 Mrd. US-Dollar frisch gedruckten Geldes in den US-Geldmarkt gepumpt, was bezogen auf diesen Zeitraum der größten quantitativen Maßnahme in der modernen Fed-Geschichte entspricht, dann gäbe es heute keine US-Wirtschaft mehr, die in irgendeiner Weise robust sein könnte.

Viele Journalisten werden natürlich bezüglich dieser gigantischen Offenmarktinterventionen in dreistelliger Milliardenhöhe Fragen an den Vorsitzenden Powell stellen. Doch auch seine Antworten glaubt Goldman Sachs bereits zu kennen: Er wird die Notfallinjektionen in den US-Repomarkt als temporäre und rein technische Maßnahme deklarieren, die nichts mit der eigentlichen Geldpolitik der Fed zu tun hat (It´s just a technical Issue to fix). Dass dem nicht so ist, sieht man daran, dass die Federal Reserve zusätzlich zu ihren mittlerweile zweimal aufgestockten Geldmarktinjektionen auch noch ein bis mindestens Ende Juni 2020 laufendes Staatsanleihekaufprogramm in Höhe von 60 Mrd. US-Dollar pro Monat aufgelegt hat. Es scheint sich also um ein recht ausgeprägtes und nachhaltiges „technisches“ Problem zu handeln. Man könnte es auch Überschuldung nennen – aber das wäre bezogen auf die Stimmung an der Wallstreet und der Mainstreet natürlich eine fatale Rhetorik. Offiziell hat nämlich nach Aussage von Jerome Powell die Verschuldung keinerlei Einfluss auf die Politik der Fed.

Fakt ist aber, dass auch in Folge der Flut an neuen Staatsanleihen wegen der Rekordverschuldung der Trump-Administration die Fed am Offenmarkt in einem Ausmaß interveniert, wie zu Zeiten der Weltfinanzkrise. Vergegenwärtigt man sich die Tatsache, dass ohne ständig sinkende Kreditkosten und ohne den Gläubiger der letzten Instanz, die Fed, die US-Wirtschaft, der US-Staat, viele US-Unternehmen und der Aktienmarkt bereits kollabiert wären, dann ist das Bild vom Kleinkind, das nach Süßigkeiten schreit nicht ganz passend. Süßigkeiten in Form von Schulden und vorgezogenem Konsum hatte die Weltwirtschaft in den letzten Jahrzehnten schon viel zu viel und ist schuldenmäßig völlig überzuckert. Damit der Patient diese Überzuckerung auf Kredit überlebt, braucht er dringend Insulin, sprich Zinssenkungen.

Dieser Wahrheit muss sich auch die Fed beugen. Ob sie ihre Notfallmaßnahmen nun durch Absenkung des Leitzinses oder durch den Ankauf von kurzfristigen Staatsanleihen fortsetzt, hat den gleichen Effekt – in beiden Fällen sinkt der Zins am kurzen Ende der Zinsstrukturkurve. Vor Jahresfrist wollten die Gouverneure der US-Notenbank gemäß den damaligen Dot Plots die Zinsen in diesem Jahr sogar noch viermal anheben. Nun wird es morgen die dritte Zinssenkung geben. Mit Süßigkeiten verteilen hat das nichts zu tun, sondern mit Zwangsläufigkeit – wegen des Halloweens am US-Geldmarkt.

Fazit und Ausblick

Die Analysten von Goldman Sachs liegen vermutlich mit ihrer Prognose zum Ergebnis der morgigen Fed-Sitzung goldrichtig. Ihre Nähe zu den Entscheidungsträgern der Fed of New York sowie die Statements verschiedener Fed-Gouverneure im Vorfeld legen diesen Schluss nahe. Die Begründung der US-Notenbank zu ihren Entscheidungen wird erneut eine Mischung aus Verbalakrobatik, Verwirrung und offen Lügen sein. Wenn eine Zentralbank bereits so stark und anhaltend Notfallpolitik betreibt, ist jeder Beschwichtigungsversuch reine politische Rhetorik. Als Marktteilnehmer sollte man sich dessen bewusst sein. Wer dennoch alles auf eine Karte setzt und nur Aktien in seinem Portfolio hält, der darf sich anschließend nicht beschweren oder nach dem Staats rufen, wenn die Herren des Zentralkomitees Fehler machen (wie so oft und zuletzt vor einem Jahr). Das Sicherheitsnetz unter dem Markt kann dann sehr schnell verschwinden. Die Bedeutung der Zentralbanken für die Börsen kann man jedenfalls gar nicht hoch genug einschätzen. Sie sind die Notfallmediziner, die den Patienten Weltwirtschaft schlicht und einfach am Leben erhalten. Alles andere, was Sie täglich in den Wirtschaftsmedien hören, sehen und lesen, ist mittlerweile nur noch Beiwerk und Prosa.



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7 Kommentare

  1. …geiler Artikel…

    1. Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen!

  2. Ein UBS Stratege meint: Die Zeit ist reif für die Baisse ( Investing com de )

  3. Den Glauben an die „S&P-Trumpete“ habe ich noch nicht aufgegeben. Dafür bete ich drei mal täglich den „Bär unser“ :-) :

    Bär unser, der Du bist im Himmel
    Geheiligt werde Dein Put
    Dein Pessimismus komme
    Dein Crash geschehe
    Wie im Himmel so auch an der Wall Street
    Unseren täglichen Kurssturz gib uns heute
    Und vergib uns unsere Gewinne
    Wie auch wir vergeben unseren Kontrahenten
    Und führe uns nicht in bullische Versuchungen
    Sondern erlöse uns von den Optimisten
    Amen

  4. Super, der Artikel!

  5. @ Lausi , bei solchen Gebeten werde ich Gläubiger der neuen Finanzreligion.Florian Homm oder irgendein Crash-Prophet würde Gott spielen u.DT müsste wohl oder übel die Teufelsrolle übernehmen.Der erste Bibelsatz der neuen Religion lautet: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als der DJ auf 30000.

  6. Super Beitrag, es gibt keinen Grund zu dovisch zu sein, denn die Aktien sind am Hoch, die High Yields im Gegensatz zu Anfang 2019 erstaunlich stark ( wer kauft diesen Schrott ? ) u.die tieferwarteten Firmengewinne sind auch super. Zudem haben die Trumpenländer früher als die Restwelt gemerkt,dass zu tiefe oder Negativzinsen sehr grosse Nebenwirkungen haben.
    Wie schon erwähnt könnte auch ein wenig Reservepulver nicht schaden für den Fall des gut möglichen
    Transfers des höchsten Ami-Bosses zurück in die perverse Milliardärsliga, von einem möglichen SCHWARZEN SCHWAN noch gar nicht gesprochen.

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