Blick in die Finanzgeschichte: Die Architektur des Geldsystems – wie Kapital Sicherheit sucht und der Handel folgt
Im letzten Artikel haben wir die Spannungsfelder offengelegt, die einem Kredit- und Zinsbasierten Geldsystem innewohnen. Das Zinsparadoxon erzwingt dabei entweder eine ständige Ausweitung der Geldmenge oder eine harte Umverteilung. Der erste Riss im System erscheint, sobald sich die durch Zins und Zinseszins exponentiell wachsende Geldmenge vom tatsächlichen Wirtschaftswachstum entkoppelt. Der Kipppunkt wird dann erreicht, wenn Schulden und Zinslast ein absurdes Niveau erreichen. Absurd ist kein wissenschaftlicher Begriff, aber unser Geldsystem ist auch kein natürliches Phänomen, sondern ausschließlich aus dem menschlichen Geist heraus entstanden. Ein exponentiell wachsendes Geldsystem in einer natürlichen Welt zu verankern, ist mit Abstand betrachtet schlicht absurd.
Finanzgeschichte der Staatsschulden: Die systemische Schwachstelle im Geldsystem
Theoretisch ließe sich argumentieren, das System sei kontrollierbar. Doch eine nähere Betrachtung enthüllt weitere fundamentale Spannungsfelder: Insbesondere die fatale Liaison des Staates als größtem Kreditnehmer auf der einen Seite und den Kapitalsammelstellen als größten Kreditgebern auf der anderen führt unweigerlich zu systemischen Krisen.
Da permanentes Wachstum nicht möglich ist, muss theoretisch umverteilt werden. Je länger diese Umverteilung hinausgezögert wird, desto heftiger fällt die anschließende Entladung aus. Aber selbst wenn die Umverteilung dauerhaft gelänge, würde sich Kapital erneut ansammeln und dem Wirtschaftskreislauf entzogen – mit all seinen deflatorischen Auswirkungen. Alternativ würde sich das Kapital einen neuen Wirtschaftsraum suchen, in dem es durch Kredite und Zins weiterwachsen kann. Wie man es dreht und wendet: Es gibt keinen Ausweg; irgendjemand muss zum Schluss die offene Rechnung begleichen. Im Mittelalter war die Enteignung der Gläubiger das letzte Mittel, wenn aus der Bevölkerung keine höheren Abgaben und Steuern mehr erzwungen werden konnten, um das Spannungsfeld zu entladen.
Geldsystem im Mittelalter: Monarchische Willkür und die Entladung von Schuldenzyklen
Das Beispiel der Fugger aus Augsburg diente dieser Veranschaulichung. Sie waren ein prominentes, aber bei Weitem nicht das einzige Beispiel: Die gesamte Geschichte des frühen Finanzwesens ist vielmehr eine Chronik von Staatsüberschuldung auf der einen und großem privatem oder institutionellem Vermögen auf der anderen Seite. Der schnellste Ausweg für die hoch verschuldeten Monarchen war dabei stets die Enteignung, meist rechtlich gestützt oder gewaltsam, um die Schulden zu annullieren.
Finanzgeschichte der Entschuldung: Enteignung als letztes Mittel im Geldsystem
Hier ein kurzer Überblick über weitere bemerkenswerte historisch dokumentierte Fälle:
Die früheste Hauptbank des Christentums waren die Tempelritter. Ihr weitreichendes Filialnetz, das sich über weite Teile Europas und Nordafrika erstreckte, machte sie zum Hauptfinanzier der französischen Monarchie. Als König Philipp IV. so hoch verschuldet war, dass dieser seine Machtbasis als bedroht sah, ließ er den Orden 1307 zerschlagen und das Vermögen einziehen getarnt als Inquisition – eine gewaltsame Enteignung, bei der die Schuldscheine demonstrativ verbrannt wurden. Der damalige Anführer der Templer, Großmeister Jacques de Molay, wurde schließlich am 18. März 1314 auf einer Insel in der Seine in Paris als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Seine Hinrichtung besiegelte endgültig das Ende der militärischen und finanziellen Macht des Templerordens.
1345 folgten bereits die Florentiner Bankhäuser Bardi und Peruzzi, als das englische Königshaus nach dem Hundertjährigen Krieg den Zahlungsausfall erklärte. Der Kollaps beider Bankhäuser löste eine schwere Finanzkrise in Florenz und ganz Europa aus und markierte das Ende der toskanischen Vormachtstellung im internationalen Bankwesen.
Der Fall der Medici im 15. Jahrhundert zeigt, dass selbst die engste Verflechtung von politischer Macht und finanziellem Kapital nicht vor dem Untergang schützt. Die Bank wurde schließlich 1494 nach der Vertreibung der Medici aus Florenz geschlossen.
Nach den Fuggern wurden die Genueser Banken von den Habsburgern durch wiederholte Staatsbankrotte in den Abgrund gerissen.
Isaac Abrabanel, ein historisch gut dokumentierter Hoffinanzier der Spanischen Krone, ließ 1492 einen Teil seines Vermögens zurück und floh nach der Vertreibung der Juden durch das Alhambra-Edikt nach Italien.
Kolonisation und Geldsystem: Wie Expansion das Finanzsystem stabilisierte
Mit Beginn des 16. Jahrhunderts brach eine neue Epoche an, die dem latent krisenanfälligen, kredit- und zinsbasierten Geldsystem eine beispiellose Entwicklungschance bot: die Große Zeit der Entdeckungen und die anschließende Kolonisation.
Finanzgeschichtliche Lösung des Zinsparadoxons durch Expansion und Eroberung
Anstatt sich in ständiger Umverteilung zu bekriegen, eröffnete die Expansion die Möglichkeit, das Zinsparadoxon auf globaler Ebene zu lösen. Die Kolonien wurden zur neuen Quelle realen Reichtums.
Die Geldmenge konnte nun durch neue Gold- und Silberminen ausgeweitet werden, die das Wachstum der Schulden und Zinsen unterfütterte und besicherte. Was in Europa zur Instabilität führte, wurde durch Eroberung im großen Stil zur Grundlage neuer Stabilität. Diese gewaltige Umverteilung vollzog sich nun im globalen Stil: weg von den Kolonien, hin zu den europäischen Seefahrer-Nationen. Aber auch das war nur eine zeitliche Lösung, denn sobald die große Welle der Kolonisation abgeschlossen war, begann der Umverteilungskampf erneut. Reichtum ist relativ und reduziert auf das Wesentliche nichts anderes als eine ungleichmäßige Verteilung.
Das Geldsystem im Umbruch: Die Flota de Indias und die Preisrevolution Europas
Nun stellt die Entdeckung eines Kontinents eine herausragende Leistung dar, die ohne Kredite und die Aussicht auf wirtschaftliche Erfolge schwer realisierbar erscheint. Hier zeigt sich natürlich auch die schöpferische Seite des Kreditsystems. Aber es muss auch gesagt werden, dass kein europäisches Land Handelsdelegationen und Diplomaten ausgesendet hat, die friedliche Kontakte zu den Einwohnern aufbauen sollten – sondern militärisch ausgerüstete Konvois, die den Auftrag hatten, Gold, Silber, Gewürze und wertvolle Rohstoffe für die Krone zu erobern. Die Spanische Silberflotte, die Flota de Indias, soll hier exemplarisch dienen: Sie war nicht nur ein Waren- oder Schatztransport, sondern die Aorta des modernen europäischen Kreditsystems ab 1561. Ohne das Silber aus der Neuen Welt hätte das exponentiell wachsende, zinsbasierte Geldsystem Europas im 16. Jahrhundert den systemischen Kollaps erlitten. Der größte Teil des Silbers war bereits vorab verpfändet oder zur Begleichung von Schulden der spanischen Krone reserviert, die den gesamten Eroberungsfeldzug finanziert hatte. Ein Großteil des Silbers verließ Spanien in der Folge schnell wieder, um die europäischen Handelsbilanzen auszugleichen. Auch der aufblühende Handel mit Asien entzog Silber, die Handelsbilanz war negativ, da mehr importiert als exportiert wurde.
Die Europäische Preisrevolution (1561–1650): Inflation als Mechanismus der Umverteilung
Der Zustrom aus den Minen von Potosi, dem heutigen Bolivien, war so konstant, dass eine Welle der Inflation die Preise in Europa deutlich ansteigen ließ. Diese Periode wird historisch die Preisrevolution genannt, sie hatte massive Auswirkungen auf die Bevölkerung und führte zu einer tiefgreifenden Umverteilung von Vermögen. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts stiegen die Preise für Waren und Grundnahrungsmittel um 300 bis 400 Prozent.
Kapitalströme in der Finanzgeschichte: „Follow the Money“ im globalen Geldsystem
Blickt man aus einer übergeordneten Perspektive auf diese Zeit, und beachtet man dabei das investigative Leitbild follow the money, enthüllt man eine markante Auffälligkeit. Nur wo überschüssiges Kapital und Expertise vorhanden ist, können Expeditionen gestartet werden. Und – noch wichtiger: Kapital folgt der Sicherheit, und der Handel folgt dem Kapital. Das ist ein Leitgedanke, den wir in diesem Artikel verfolgen. Dabei beleuchten wir die Rolle der jüdischen Gemeinschaften.
Das sephardische Kapital gepaart mit dem kulturellen Wissen der Gemeinden spielt in der Entwicklung des Geldsystems und der Kolonisation eine bedeutende Rolle, und ihre systematische Vertreibung verschiebt die Machtverhältnisse nachhaltig.
An dieser Stelle ist eine historische Klarstellung notwendig: Die Analyse der Kapitalströme und -netzwerke, die nun folgt, ist eine systemische. Sie darf unter keinen Umständen mit den antisemitischen Narrativen des „Wuchers“ oder der „Finanzverschwörung“ verwechselt werden. Die Rolle jüdischer Gemeinden als Kreditgeber und Finanzagenten war eine historisch erzwungene ökonomische Nische, die durch das Zinsverbot der christlichen Kirche und die gesellschaftliche Ausgrenzung geschaffen wurde. Die daraufhin folgenden Pogrome und Vertreibungen waren die brutale Konsequenz dieser religiös und politisch institutionalisierten Ausgrenzung.
Wissen und Kapital in der Finanzgeschichte: Kartografie, Handel und Macht im Geldsystem
Ein kurzer historisch Überblick ist nötig, wie die damals bekannte Welt aufgeteilt war. Es gab drei monotheistische Hauptreligionen, das Judentum (seit 2000 v.Chr.), das Christentum und den Islam (ab 7. Jahrhundert). Alle drei Religionen stimmen im Alten Testament überein, gehen aber bei der Deutung und der Frage des Messias auseinander. Europa war stark christlich geprägt, das ist der spätrömische Einfluss. Als es zur römischen Staatsreligion erklärt wurde, erbte die Kirche einen Großteil der Tempelanlagen der vormals polytheistischen Staatsreligion, die im Laufe der Jahrhunderte große Vermögen und Ländereien angehäuft hatte. Nach dem Zerfall des Römischen Imperium stieg die Kirche über Nacht zu einer institutionelle Großmacht auf und war direkt mindestens auf Augenhöhe mit den frühen Monarchen Europas.
Zudem war der christliche Glaube recht attraktiv und verbreitete sich schnell auch unter heidnischen Stämmen, bot er doch Seelenheil für alle und, vielleicht noch wichtiger, einen freien Tag pro Woche, den Sonntag. Als Institution unterlag die Kirche keiner Erbteilung. Im Gegenteil, über die Jahrhunderte fielen ihr oft Ländereien durch Erbschaften zu, wenn Seuchen und Krankheiten wüteten. So entwickelte sie sich zum größten Grundbesitzer Europas und besaß beachtliche Reichtümer. Das Verhältnis zur jüdischen Religion war gespalten, der Vorwurf des „Gottesmörder“ wog schwer. Die christliche Religion verbot offiziell die Zinseinnahme, das sogenannte kanonische Zinsverbot, aber auch hier ist die Haltung der Kirche gespalten, denn inoffiziell gab es viele Schlupflöcher, um das Zinsverbot zu umgehen. Die jüdische Religion spricht sich auch gegen die Zinseinnahme aus, aber nur untereinander, gegenüber Nicht-Juden war sie toleriert.
Judentum und Christenheit sind sehr eng miteinander verflochten. Das Judentum war aufgrund seines Alters weit verzweigt in Europa und trug maßgeblich zur schnellen Verbreitung des Christentum bei, da die ersten Christen meist konvertierte Juden waren. Das Herkunftsland Judäa lag an einer zentralen Handelsroute zwischen Asien und Europa, das förderte den Aufbau internationaler Handelsnetzwerke und Stützpunkte. Diese anfänglich noch tolerante Koexistenz beider Religionen endete mit dem Konzil 1215, in dem die Kirche die jüdische Gemeinschaft systematisch ausgrenzt.
Landbesitz und traditionelle Berufe wurden erst erschwert und später gänzlich verwehrt. Das drängte die Juden in das Kreditgewerbe. Und jede andere so ausgegrenzte Bevölkerungsgruppe übrigens genauso. Während das kanonische Zinsverbot der Kirche de facto ein Monopol auf die Geldleihe schuf, eine Ironie der Geldgeschichte, füllten sie eine unverzichtbare ökonomische Nische und avancierten zu unentbehrlichen Finanziers der Fürsten und Könige. Ihre Funktion beschränkte sich jedoch keineswegs auf die reine Kreditvergabe zur Staatsfinanzierung. Sie übernahmen oft zusätzlich die Rolle des Schatzmeisters und des Steuereintreibers, was unmittelbar zur Refinanzierung der gewährten Kredite diente. Gerade diese exponierte und komplexe Doppelrolle sicherte zwar ihre Geschäfte, machte sie aber bei der Bevölkerung höchst unbeliebt. Die meisten Juden waren arm, aber die wenigen Hofjuden oder Finanzagenten wie Isaac Abravanel konnten große Reichtümer anhäufen. Sie agierten als geschützte, aber jederzeit absetzbare Funktionäre. Ihr Erfolg war direkt an die Gunst des Monarchen gebunden. Die Tatsache, dass die Könige Isabella und Ferdinand von Spanien im Jahr 1492 bis zuletzt versuchten, Abraham Senior zur Konversion zu bewegen, zeigt die extreme Notwendigkeit seiner administrativen und finanziellen Expertise. Abravanels eigenes Angebot von 30.000 Dukaten (ca. 45 Millionen Euro heutiger Kaufkraft) als Lösegeld für die gesamte jüdische Gemeinschaft zeigt die Größenordnung des Kapitals, das er unmittelbar kontrollierte und mobilisieren konnte.
Jüdische Finanznetzwerke und ihr Beitrag zur europäischen Geldgeschichte
Sie waren aber auch in intellektuellen Berufen wie der Medizin und der Kartographie spezialisiert. Die wissenschaftliche Exzellenz jüdischer Gelehrter in Astronomie und Kartografie im europäischen Mittelalter und der frühen Neuzeit entstand durch eine einzigartige Kombination aus Notwendigkeit und kultureller Freiheit.
Diese Exzellenz manifestierte sich in berühmten Gelehrten wie Abraham Zacuto, dessen astronomische Tafeln die Navigation von Seefahrern wie Vasco da Gama und Christoph Kolumbus entscheidend unterstützten. Ohne die Zuverlässigkeit dieser Tabellen wäre das Risiko der Navigation auf unbekannten Weltmeeren unkalkulierbar gewesen. Abraham Cresques, Vertreter der mallorquinischen Kartografenschule im 14. Jahrhundert, schuf die wohl wichtigste Karte des Mittelalters, den Katalanischen Weltatlas. Er vereint nicht nur die damaligen Handelsrouten im Mittelmeer, sondern erweitert sie nach Norden und Osten und stellt die damals bekannte Welt detailliert dar.
Der entscheidende Motor war die religiöse und ökonomische Notwendigkeit. Erstens schuf das Erfordernis, den komplexen Lunisolarkalender korrekt zu fixieren, um die Daten religiöser Feste festzulegen, eine starke und kontinuierliche Tradition der astronomischen und mathematischen Bildung.
Darüber hinaus agierten jüdische Gelehrte als kulturelle Brückenbauer, indem sie das antike Wissen, insbesondere aus dem Griechischen, bewahrten und zwischen der arabischen und der lateinischen Welt übersetzten.
Zweitens trieb der transnationale Fernhandel der sephardischen Netzwerke die Kartografie und Navigation voran: Fundiertes Wissen über Geografie, Seerouten und die Beherrschung von Navigationsinstrumenten war für die Sicherheit von Waren und Kapital unerlässlich. Die wichtigste legale Einnahmequelle war der Handel mit Gütern, die nicht streng zunftreglementiert waren wie z.B. Gewürze, Seide und Diamanten. Die weit verzweigten jüdischen Gemeinden in Europa und Nordafrika boten dabei ideale Vertrauens- und Kommunikationsnetzwerke für den überregionalen Handel und den Kapitaltransfer.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Wissen und das Kapital der sephardischen Netzwerke hatte seinen Ursprung im Handel und wurde durch die Ausschlüsse und Religion konzentriert. Die Gemeinden entwickelten sich zu Kapitalsammelstellen im System, ihre Liquidität wuchs durch den Zinshebel. Im Mittelalter waren Zinssätze von fünf bis 20 Prozent oder mehr üblich – und wie wir schon gezeigt haben, des einen Freud, des anderen Leid. Das war gleichzeitig der Nährboden für Pogrome und Vertreibung.
Finanzgeschichte des Kapitaltransfers: Vom iberischen Raum zu Europas neuen Finanzzentren
Um 1300 lebte auf der Iberischen Halbinsel die größte und intellektuell bedeutendste jüdische Gemeinschaft Europas, gefolgt von Italien. 1391 markierte den Wendepunkt: Die massiven Pogrome, die in Sevilla begannen und sich über ganz Kastilien und Aragon ausbreiteten, dezimierten die jüdischen Gemeinden in Spanien, zwangen viele zur Konvertierung – und zur Flucht nach Portugal. Das markiert den Beginn der „Sephardische Diaspora“, übersetzt „Die Zerstreuung der spanischen Juden“ – und des Aufstiegs Portugals zur führenden Seemacht.
Ohne die Geschichte alleine darauf reduzieren zu wollen, hier die historischen Fakten zum Handel: Zu Beginn der europäischen Expansion ab 1450 waren etablierte europäische Handelszentren wie Venedig, Genua sowie die von Spanien und Portugal dominierten Häfen Sevilla, Cádiz, Lissabon und Antwerpen die wichtigsten Umschlagplätze für Überseewaren. Lissabon und Antwerpen profitierten direkt vom Goldenen Zeitalter der Portugiesen, während die spanischen Häfen an Bedeutung verloren.
Aber auch in Portugal waren Juden nicht sicher. 1497 erzwang der portugiesische König Manuel I. die Zwangsbekehrung. Die Inquisition, eine unglaublich grausame Form der Gerichtsbarkeit, wurde später eingeführt, um die Zwangskonvertiten Conversos zu überwachen. Nach der Vertreibung aus Portugal zog ein erheblicher Teil der sephardischen Kaufleute und Conversos nach Antwerpen. Sephardisches Kapital half beim Aufbau des Finanzwesens und der Börse. Die Belagerung und Zerstörung Antwerpens durch spanische Truppen (die „Spanische Furie“ 1576) und vor allem die Schließung der Scheldt-Mündung durch die Holländer zerschlugen die kommerzielle Dominanz der Stadt. Das Kapital, die Expertise und die Netzwerke flossen in die Niederländische Republik Holland im Norden.
Mit dem Aufstieg der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande ab 1585 begann das Goldene Zeitalter der Holländer. Amsterdam bot die notwendige religiöse Toleranz und den politischen Rechtsstaat durch die Generalstaaten. Die politischen und finanziellen Innovationen der Republik, einschließlich der Gründung der Amsterdamsche Wisselbank (AWB), machten Amsterdam zur dominierenden Finanzmetropole Europas und zum Dreh- und Angelpunkt des internationalen Handels. Die Abwanderung von Antwerpen nach Amsterdam war damit der entscheidende Kapitaltransfer, der das Goldene Zeitalter der Niederlande begründete.
Der Ursprung des modernen Geldsystems: Holland und die Geburt des Kapitalismus
Nach der Befreiung von der spanischen Fremdherrschaft etablierten sich die Niederlande als eine frühe oligarchische Staatsform. Sie zeichneten sich durch eine hohe religiöse Toleranz aus, während Reichtum ideologisch und moralisch gefestigt war. Sie gelten als die Erfinder des Kapitalismus, der Schutz des Kapitals vor politischer Willkür war ein Leitgedanke. Die Etablierung der Niederlande als handelsgetriebene Republik markierte somit einen Wendepunkt im Verhältnis von Kapital und politischer Macht: Die Macht diente dem Kapital, nicht umgekehrt, wie es die Fugger oder Templer erlebt hatten.
Das wichtigste Regierungsorgan waren die Generalstaaten, eine Versammlung von reichen Patriziern, die sieben Provinzen unter sich vereint hatten. Sie waren es auch, die 1602 die VOC gründeten, die erste Aktiengesellschaft der Welt. Sie ist uns meist unter dem Namen Niederländische Ostindien-Kompanie geläufiger, und war eines der ersten global agierenden Unternehmen mit staatlichen Exekutivrechten. Sie durfte Krieg führen, Söldner anwerben, Land in Besitz nehmen und besteuern und hatte Handelsmonopole per Gesetz. Sie avancierte in Verbindung mit einem stabilen Banksystem zum größten Unternehmen der Welt. Aber auch sie war ein reiner Eliteclub und keine Volksaktie. Bei Ausgabe der Aktien zu einem Nennwert von 3000 Gulden entsprach dies etwa dem zehnfachen Jahreseinkommen eines Handwerkers.
Amsterdam in der Finanzgeschichte: Der Rechtsstaat als Fundament des Geldsystems
1609 wurde die Amsterdamer Wechsel Bank gegründet, um das chronische Problem der Währungsunordnung zu lösen. Im 17. Jahrhundert zirkulierte in Amsterdam eine unüberschaubare Vielfalt an Münzen aus ganz Europa, deren Wert und Feingehalt ständig schwankte. Die AWB bot eine sichere, einheitliche Rechnungseinheit und eine zentrale Clearingstelle für alle großen Wechsel und Zahlungen. Händler konnten ihre Münzen dort hinterlegen und erhielten im Gegenzug Gutschriften auf ihren Konten (sogenanntes Bankgeld), das als stabil und vertrauenswürdig galt. Diese Guthaben konnten auch miteinander verrechnet werden, ein Händler aus Lissabon konnte mit einem Lübecker Kaufmann seine Forderungen ausgleichen. Die AWB wurde von der Stadt Amsterdam garantiert und gewährleistete so die Sicherheit der Einlagen, auch unabhängig von der Religionszugehörigkeit der Einleger. Dies zog enormes Kapital an, insbesondere sephardisches und etablierte Amsterdam als den sichersten Finanzplatz Europas, was wiederum die Grundlage für die niedrigsten Zinsen schuf. Die sephardischen Gemeinden gründeten ab dem späten 16. Jahrhundert hochspezialisierte Handelshäuser und Wechselbanken. Namen wie Pereira oder Suasso dominierten den internationalen Kreditmarkt.
Der 30jährige Krieg brachte der AWB weitere immense Kapitalzuflüsse, insbesondere aus den vom Krieg betroffenen Regionen. Sie wurde zur wichtigsten Finanzinstitution, die das niederländische Goldene Zeitalter erst ermöglichte. Sie gilt als Blaupause für die Bank of England, obwohl sie selbst keine Banknoten ausgab. Sie war die Kapitalsammelstelle zum Ende des 17. Jahrhunderts, das Zinsniveau lag bei drei bis vier Prozent und Geld war reichlich vorhanden. Die Krise von 1672 war eine wichtige Bewährungsprobe, die den Ruf der AWB als sicherster Finanzplatz Europas zementierte – aber auch ihr verwundbare Seite offenbarte.
Invasion, Finanzkrise und Bank-Run 1672
Die AWB sah sich mit einer schweren Bank-Run-Situation konfrontiert, die unerwartete Invasion Frankreichs löste eine massive Panik an den Finanzmärkten aus. Kaufleute und Einleger versuchten, ihre Guthaben von der AWB in physisches Gold und Silber abzuheben, um es vor dem Zugriff feindlicher Truppen in Sicherheit zu bringen. Die AWB konnte ihre Einleger während dieser größten Finanzkrise des 17. Jahrhunderts vollständig auszahlen. Ihr Ruf basierte auf der Tatsache, dass sie Einlagen in Form von Münzen und Barren nahezu vollständig in ihren Tresoren hielt (ein Vorbild eines Vollreserve-Bankwesens). Die Bank brach unter der Last des Ansturms nicht zusammen, im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Instituten. Die Krise zeigte der europäischen Finanzwelt, dass die AWB – garantiert von der Stadt Amsterdam – selbst unter extremster militärischer Bedrohung solvent blieb. Dies festigte die weltweite Reputation der AWB und garantierte, dass Amsterdam bis zur Gründung der Bank of England als der sicherste Hafen für Kapital in Europa galt. Dies war eine wichtige Voraussetzung dafür, dass das sephardische Kapital und andere europäische Vermögen dort konzentriert blieben. Aber die Krise hatte auch gezeigt, wie verwundbar Holland geopolitisch positioniert war.
Die Einlagen waren mittlerweile auf über 20 Millionen Gulden angewachsen und die Zinsen lagen bei moderaten drei bis vier Prozent, bevor sich in London 1694 mit der neuen Bank of England eine lukrative und ebenfalls staatlich gesicherte Anlagemöglichkeit ergab. Mit der Gründung der Bank of England wanderte das Kapital über den Kanal, um das goldene Zeitalter des Britischen Empires einzuläuten. Zwar hatten die Engländer die Juden bereits 1290 vertrieben, aber die Zeiten hatten sich entscheidend weiterentwickelt. Wie es zur Gründung der Bank of England kam, lesen Sie im nächsten Beitrag.
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Vielen Dank Herr Harz für diesen schönen, informativen und unterhaltsamen Artikel.
Und ich entnehme daraus u.a. dass die Länder die jüdische Gemeinschaften verfolgten ihren wirtschaftlichen Abstieg einleiteten und die Regionen, die diese Gemeinschaften dann willkommen aufnahmen eine wirtschaftliche Blütezeit erlebten. Es ist ja fast wie ein Orakel für die nahe Zukunft unseres Landes, die Grundlagen sind ja m.E. schon wieder einmal gelegt…
@Jens
vielen Dank für Ihre freundliche Rückmeldung und die präzise und tiefgehende Zusammenfassung der Kernthese, die sich implizit durch viele Abschnitte der Finanzgeschichte zieht.
Sie haben damit einen der wichtigsten und bittersten Lehrsätze der gesamten Wirtschaftsgeschichte auf den Punkt gebracht.
Die historische Lehre: Intoleranz und Kapital
Ihre Beobachtung zur Verfolgung und Aufnahme jüdischer Gemeinschaften ist historisch absolut zutreffend und ein zentraler Schlüssel zum Verständnis des Aufstiegs und Falls von Wirtschaftszentren:
Vertreibung als Eigentor: Länder wie Spanien (1492) oder England (bis zur Wiederaufnahme – wird im nächsten Beitrag zur Serie beleuchtet) verloren mit der Vertreibung der jüdischen und sephardischen Gemeinschaften einen immensen Pool an mobilem Kapital, internationalen Handelsnetzwerken und vor allem finanziellem Know-how. Diese Expertise war in der Buchhaltung, im Wechselgeschäft und in der Kapitalbeschaffung unerlässlich.
Aufstieg durch Toleranz: Die Verlagerung dieses Kapitals befeuerte direkt den Aufstieg von Handelszentren, die diese Gemeinschaften aufnahmen. Amsterdam wurde im 17. Jahrhundert zur führenden Finanzmacht der Welt, unter anderem, weil es ein sicherer Hafen für vertriebene Händler und Finanziers wurde, die ihr Kapital und ihre Netzwerke mitbrachten. Dasselbe galt später für die City of London (im Zusammenhang mit der Gründung der BoE).
Die Verfolgung war somit nicht nur ein moralisches, sondern immer auch ein ökonomisches und strategisches Eigentor von immensem Ausmaß.
Das „Orakel für die nahe Zukunft“:
Ihre Analogie, dass diese historischen Muster als Orakel für die Zukunft dienen könnten, ist die logische Konsequenz aus dieser Beobachtung.
Die Geschichte lehrt uns, dass der strukturelle Abstieg einer Gesellschaft immer dann beginnt, wenn sie beginnt, ihr Talent, ihr Kapital und ihre intellektuelles Know-how aus ideologischen oder politischen Gründen zu vertreiben oder zu vergraulen.
Dieser Mechanismus ist nicht auf eine spezifische Gruppe beschränkt. Die ökonomische Gesetzmäßigkeit lautet: Jede Gesellschaft, die ihre fähigsten und mobilsten Bürger oder Unternehmer dazu zwingt, ihre Koffer zu packen, verliert langfristig an Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft. Das ist eine unerbittliche Gleichung der politischen Ökonomie, die sich über Jahrhunderte hinweg bestätigt.
Vielen Dank für Ihren wertvollen Beitrag zu dieser Diskussion!
Vielen Dank, Herr Hartz, für Ihre Arbeit, geschichtliches Hintergrundwissen zum Geldsystems für uns aufzubereiten. Ich finde Ihren Abriss sehr interessant, lehr- und aufschlussreich!
@Karola
vielen Dank für Ihr freundliches Feedback! Es freut mich sehr zu hören, dass der Abriss über das geschichtliche Hintergrundwissen zum Geldsystem für Sie informativ und aufschlussreich ist – und dass Sie sich die Zeit genommen haben, alles zu lesen.
Genau das ist das Ziel dieser Serie: Die Finanzmechanismen hinter den großen politischen Ereignissen zu beleuchten, damit die heutigen Unklarheiten besser verständlich werden.
Wir werden in den nächsten Teilen fortfahren, diese „Roten Fäden“ zu verfolgen – von der Gründung der Bank of England bis hin zur Etablierung des modernen Fiat-Geldes.
Da jetzt merklich immer mehr England in Erscheinung tritt und vorher 1651 der Navigation Act beschloss um die Niederländische Handelsschifffahrt zu beschränken. Es läßt sich feststellen das daraufhin und später sich England an Niederländische Besitzungen erfreute. Die Niederlande bekam Prosamen als Ausgleich.
Aber immerhin ein kleines Völkchen leistete Großes was ein Grosses Volk oder die Obrigkeit sich nahm.
Und dann noch Napoleon……Übrigens auf Mauritus sprechen die Mauritianer französisch, die Meng die Engländer nicht. Da haben die Engländer den Franzosen……………die Franzosen den Niederländer……die Niederländer stop die Portugiesen hatten einen Stützpunkt……Wer fragte die Einheimischen, kanner.
Was war das Thema? Ach ja, sehr guter Artikel. Weiter so, weiter so.
@Albi
vielen Dank für Ihr enthusiastisches Feedback!
Ihr Kommentar greift die geopolitische Rivalität zwischen England und den Niederlanden und die Rolle des Kolonialismus perfekt auf. Die im nächsten Artikel beleuchtete Finanzrevolution war tatsächlich der Motor für diese aggressive englische Expansion, die die Niederlande schließlich als See- und Handelsmacht ablöste.
Wir werden in den kommenden Teilen weiter auf die grausamen imperialen Konsequenzen dieser finanzpolitischen Entscheidungen eingehen.
Danke für diese schöne Reihe.
Zeigt wieder mal das Staatsanleihen Schrott sind im Zeitverlauf.
@Mickey
vielen Dank für Ihr positives Feedback zur Reihe!
Ihre Schlussfolgerung, dass Staatsanleihen über den Zeitverlauf „Schrott“ sind, ist aus der reinen Kaufkraftperspektive (Inflation) natürlich nachvollziehbar.
Allerdings möchten wir im nächsten Teil genau darauf eingehen, dass Staatsanleihen – und das ist der entscheidende Punkt in unserer Analyse – aus Sicht der Kapitalelite niemals als einfache Anlage zur Kaufkrafterhaltung gedacht waren. Dazu mehr im nächsten Teil.
Mit einer goldgedeckten Währung versuchte zum Beispiel das Deutsche Kaiserreich von 1871 bis 1914 der Inflation Herr zu werden. …
Es bestand eine sogenannte Einlösepflicht für Geldscheine in Goldmünzen im Verhältnis Eins zu Eins…
Das heißt…Sie konnten mit ihrem 20 Markschein des Reiches zum Bankschalter gehen und dort die Einlösung in eine 20 Mark Goldmünze verlangen.
Eine 20 Münzgold- Münze enthielt zum Beispiel 7,17 Gramm Feingold…
Erst mit der Julikrise von 1914 kam das Elend…
Die Verpflichtung wurde aufgehoben….
Am Ende stand die Hyperiflation…
@Dr. Sebastian Schaarschmidt
vielen Dank für diese präzise Zusammenfassung der Goldkernwährung des Kaiserreichs. Sie haben den Kern des Problems erkannt: Die Einlösepflicht garantierte die Währungsstabilität bis zum Juli 1914.
Die Geschichte lehrt uns jedoch, dass Krieg immer die ultimative Ursache für die Abschaffung des Goldstandards ist. Die Aufhebung der Einlösepflicht 1914 war der entscheidende Akt, der es dem Staat ermöglichte, die Geldpresse anzuwerfen und Schulden ohne physische Deckung zu erzeugen.
Dieser strategische Wert der Golddeckung (als Bremse für die Kriegsfinanzierung) und ihre gezielte Aufhebung werden wir in den nächsten Teilen unserer Serie aus Sicht der Kapitalelite beleuchten.
Diese Artikelserie ist das beste Argument für die Einführung von Wirtschaft und Finanzen als Schulfach. Die großen Banker verhinderten das in den USA vorsätzlich.
Wenn man ein bißchen phantasiert könnte man sagen, dass die großen Kriege und Verbrechen durch totalitäre Systeme im 20. Jahrhundert unmöglich gewesen wären, wenn die Menschen das Geldsystem verstehen würden.
Umso trauriger, dass wir trotz all unseres heutigen Wohlstandes und speziell des deutschen Bekenntnis zum „Nie wieder“, immer noch keine Ahnung davon in der Breite der Gesellschaft haben und damit auch die Politik in der ständigen Gefahr schwebt, diese Fehler zu wiederholen.
@Felix
Vielen dank für Ihren Kommentar.
Sie sprechen einen entscheidenden Kernpunkt an: Die Finanzierung von Kriegen (wie durch die BoE-Kredite oder die Mefo-Wechsel) ist oft der wahre Motor hinter politischen und ideologischen Verbrechen. Ihre These, dass Wissen über das Geldsystem ein Schutzmechanismus gegen die Wiederholung historischer Fehler wäre, wird von der kritischen Geschichtsforschung geteilt.
Die Verdrängung der Finanzmechanik aus dem öffentlichen Diskurs ist historisch belegt und diente oft der Elite zur Absicherung ihrer Macht. Gerade in Deutschland, wo das Bekenntnis zum „Nie wieder“ so zentral ist, sollte die Analyse der ökonomischen Kausalitäten – wie die Industrie den Krieg als Geschäftsmodell forderte – ein unverzichtbarer Teil der gesellschaftlichen Aufarbeitung sein.
Wir hoffen, dass diese Reihe einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, diese essenzielle Lücke zu schließen.
Die ersten beiden Teile liefern das allgemeine Setup und das nötige historische Hintergrundwissen, um alle späteren Entwicklungen besser einordnen zu können. Mit der Gründung der Bank of England (BoE), die wir im nächsten Teil aufgreifen, wird das erste große Kapitel dieser Serie abgeschlossen sein: der historische Abriss über die Institutionalisierung der Geldschöpfungsmacht an eine private, aber staatlich legitimierte Elite.
In den dann folgenden Teilen beleuchten wir, wie sich diese Macht ungehindert entfaltet. Ohne etwas vorwegnehmen zu wollen, bleibt eine traurige Erkenntnis: So sehr wir Geld auch glorifizieren, es hinterlässt stets eine Schneise der Zerstörung.
@ Thomas
Geld ist meiner Meinung nach die großartigste Erfindung der Menschheit. Eine Meinung die sicherlich spontan kaum jemand teilen würde. Aber ohne Geld wären weder Transaktionen, die über örtlichen Tauschhandel hinaus gehen möglich, noch Kapitalbildung für größere Vorhaben. Ohne Geld würden wir uns hier jetzt nicht austauschen, sondern irgendwo im Dreck nach ein paar Wurzeln graben um den nächsten Tag zu erleben.
Das bedeutet aber natürlich auch, dass jeder Geld verstehen muss. Wenn nicht, werden unsere Fortschritte zu einer tödlichen Gefahr für unser Überleben.
Und wenn man ferner davon ausgeht, dass nicht nur die Zyklik unseres Geldsystems real ist, sondern auch andere Zykliken wirksam sind, Stichwort „The Fourth Turning“, die sich nicht nur aus dem Geldsystem begründen, dann bedeutet dass, dass wir ab jetzt (erste Vierte Wende nach 1945) alle 80 bis 90 Jahre erneut vor dem gleichen Risiko stehen.
Und wenn man diesen Gedanken noch etwas weiterspinnen will, dann hätte man auch eine Erklärung dafür, warum unsere Galaxie so leer an Leben zu sein scheint.
@Felix
Sie haben Recht: Geld ist die großartigste Erfindung der Menschheit, weil es Handel und Zivilisation über den Tauschhandel hinaus ermöglicht. Gerade deshalb ist es unsere Pflicht, es zu verstehen.
Ihre Schlussfolgerung, die die Zyklik unseres Geldsystems direkt mit dem universellen Überlebensrisiko (Stichwort „leere Galaxie“) verbindet, ist analytisch bestechend. Das Finanzsystem ist demnach nicht nur der Motor unseres Fortschritts, sondern auch das zentrale systemische Risiko für Zivilisationen.
Wir werden in den kommenden Teilen weiter aufzeigen, wie die Institutionalisierung der Geldschöpfungsmacht (BoE) diesen systemischen Hebel geschaffen hat.
„Die fatale Liaison des Staates als größtem Kreditnehmer auf der einen Seite und den Kapitalsammelstellen als größten Kreditgebern auf der anderen führt unweigerlich zu systemischen Krisen.“
Der entscheidende Satz.
Die berühmt-berüchtigte Public-Private-Partnership, die den Menschen den goldenen Käfig verspricht.
Wo ich eine andere Sicht einnehme:
Qualitatives Wachstum ist nahezu unendlich möglich und liegt in der Natur des Menschen.
Ökonomisches Wachstum endet im Schlaraffenland.
Ab dann macht es keinen Sinn mehr von ökonomischem Wachstum zu reden.
Im Schlaraffenland erfüllt sich die Prophezeiung, dass der Kapitalismus sich selbst abgeschafft hat.
Zu unterscheiden sind Geld, Kredit und Kapital.
Kapital ist real, Geld und Kredit sind finanzielle Ansprüche und Verpflichtungen.
Angesammeltes Kapital wird nicht dem Wirtschaftskreislauf entzogen.
Kapital im volkswirtschaftlichen Sinne sind Grundstücke, Gebäude, Infrastruktur, Maschinen, Software …
Dieses angesammelte Kapital steht dem Wirtschaftskreislauf für produktive Zwecke und zur Schaffung realen Wachstums zur Verfügung.
Das Geld, das per Kreditschöpfung zur Finanzierung dieses Kapitals geschaffen wurde, bleibt bis zur Rückzahlung des Kredits im Umlauf und ist zu jedem Zeitpunkt bei irgendeinem Wirtschaftssubjekt auf dem Konto, es wird gespart, gehortet, anders ist es nicht möglich, die berühmte Gleichung I = S.
In der Realität werden die Kredite, zumindest bei aggregierter Betrachtung, nicht zurückgezahlt, sondern revolviert und Geld und Kredite wachsen in etwa synchron mit dem Realkapital.
Die Zinsen werden mit produzierten realen Gütern und Dienstleistungen bezahlt, weil die Eigentümer und Mitarbeiter des Bankensystems diese realen Güter und Dienstleistungen zum physischen Überleben und Komfort brauchen, Geldhortung macht für die Inhaber der Lizenz zum Gelddrucken keinen Sinn.
Das Unheil entsteht, wenn die berüchtigte private-public-partnership in Aktion tritt und – aus den von Ihnen geschilderten Gründen – Kredite für Zwecke vergibt, die nicht zum Ansammeln von Realkapital führen, wie etwa Kredite für Krieg, oder exzessive Wohlfahrt zum Wählerstimmenkauf.
Wie das in der Praxis läuft, haben Sie sehr bildhaft dargestellt.
Es gab (?) Zeiten, da sorgte eine vernünftige Regulierung dafür, dass der Staat sich nicht durch geldschöpfende Bank-Kredite finanzieren konnte, sondern nur geldmengenneutral auf dem Wertpapiermarkt.
@ Di Palma
Da haben sie einen Punkt. Herr Hartz arbeitet sich darauf hin, und wird bestimmt nach der BoE darauf kommen: „Die Kreatur von Jekyll Island“. Diesen „Krimi“ sollte jeder lesen.
@Felix
Alles begann mit der Idee, einen Artikel über die Gründung der FED zu schreiben. Aber so wie unser Geldsystem völlig aus dem Ruder läuft, so erging es mir mit der Materie. Irgendwann war klar – das geht sich nicht aus – wir müssen weiter ausholen und eine Serie daraus machen. Denn was sich in Europa im Laufe von mehreren Jahrhunderten abspielte, verlief in den USA in Zeitraffer.
Sie haben absolut Recht: „Die Kreatur von Jekyll Island“ sollte jeder lesen. Das Buch enthüllt die Verschleierung und die Machtverschiebung, die wir hier historisch aufarbeiten.
Wir zeichnen aktuell das institutionelle Fundament dieser Machtstruktur. Sobald wir die Bank of England (BoE) als Mutter aller Zentralbanken ausreichend beleuchtet und abgeschlossen haben, springen wir über den Atlantik. Dann wird deutlich, wie die dortigen Kapitaleliten die europäischen Mechanismen der Geldschöpfung in Amerika kopierten und perfektionierten.
@Di Palma
vielen Dank für Ihren erneuten, analytisch präzisen und tiefgründigen Kommentar. Es freut mich, dass Sie die Debatte auf dieses wichtige Niveau heben.
Sie haben Recht: Geld, Kredit und Kapital müssen strikt unterschieden werden, und Ihre Definitionen zur Ansammlung von Realkapital (Grundstücke, Maschinen, Software) sind die notwendige Grundlage jeder soliden volkswirtschaftlichen Betrachtung.
1. Das Dilemma des „Exponentiellen Schlaraffenlands“
Ihre kritische Unterscheidung zwischen qualitativem (unendlichem) Wachstum und dem Ende des ökonomischen Wachstums im Schlaraffenland ist philosophisch korrekt. Das ist der Punkt, an dem die mathematische Logik des Zinseszinses auf die physischen Grenzen der Realität trifft:
Zins und Realität: Sie argumentieren korrekt, dass die Zinsen für geschaffenen Kredit durch reale Güter und Dienstleistungen (und deren Kaufkraft) bezahlt werden. Die Eigentümer des Bankensystems (die Kapitalsammelstellen) brauchen diesen realen Gegenwert zum Überleben.
Der Wendepunkt: Hier liegt jedoch die systemische Gefahr, die unser Artikel beleuchtet: Wenn der Zinseszins auf das Realkapital angewandt wird, erzwingt er eine Wachstumsrate, die historisch nur durch Expansion (Kolonisation) oder Spekulation (Blasen) aufrechterhalten werden konnte. Dies führt dazu, dass das System über seine realwirtschaftliche Basis hinauswächst.
2. Die Fatale Liaison: Das „Stimmrecht des Kapitals“
Sie lokalisieren die Ursache des Unheils präzise in der Public-Private-Partnership, die Kredite für unproduktive Zwecke vergibt (Krieg, exzessive Wohlfahrt). Unsere historische Analyse liefert den Grund, warum dies geschieht:
Die fatale Liaison der Public-Private-Partnership offenbart sich in der Notwendigkeit des Kredits: Der Staat ist der größte, unersättliche Kreditnehmer des Systems. Wenn der Staat – als einziger Akteur mit unbegrenzter Steuerhoheit – seine Rolle als Schuldner letzter Instanz aufgibt, gerät das System sogar noch schneller außer Kontrolle. Die Große Depression von 1929, die wir in einem folgenden Artikel beleuchten werden, wird uns auf erschreckende Weise zeigen, welche systemischen Folgen entstehen, wenn die staatliche Kreditaufnahme als Stabilisator ausfällt.
Keine Altruisten: Das Kapital (die Private-Partnership) weiß, dass Krieg – so schrecklich er ist – realen Wert schafft (Eroberung von Rohstoffen, Märkten) und somit die sicherste Wette zur Absicherung der Papierschulden ist. Die Fugger-Lehren und die Akzeptanz der BoE-Noten und Mefo-Wechsel zeigen, dass die Elite aktiv auf den Krieg als Geschäftsmodell setzen musste, um die Realisierung ihrer Gewinne zu garantieren.
3. Die Regulierung: Eine verlorene Kunst
Ihr Hinweis auf die vernünftige Regulierung (Staat finanziert sich nur geldmengenneutral auf dem Wertpapiermarkt) ist ein zentraler Punkt:
Ja, es gab Zeiten (z.B. der klassische Goldstandard), in denen die Verflechtung zwischen Staat und Geldschöpfung gesetzlich begrenzt war (z.B. indem Zentralbanken nicht direkt Staatsschulden kaufen durften).
Doch die Geschichte des „Dritten Roten Fadens“ zeigt, dass die Elite stets die politische Macht besaß, diese Regulierungen zu unterlaufen oder abzuschaffen (wie die BoE-Gründung 1694 und die Aufhebung des Goldstandards 1914).
Wir werden in den nächsten Teilen weiter beleuchten, wie diese institutionalisierte Macht der Bankiers das Geldsystem kontinuierlich zugunsten der Kapitalsammelstellen umgestaltete.
Vielen Dank für diesen wertvollen Kommentar, der die Debatte in die Tiefe führt!