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Giovannie Cicivelli Tradingchancen

Devisen

Finanzielle Repression – der langfristige Plan der EZB, der immer noch nicht aufgeht

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Der Begriff wurde schon vor Jahren in der Fachpresse diskutiert – und dennoch eigentlich nicht so richtig in der Öffentlichkeit kommuniziert: die finanzielle Repression. „Schleichender Sparverlust“ oder Enteignung des Sparers zum Zwecke der Reduzierung der relativen Staatsverschuldung war und ist das Konzept der Europäischen Zentralbank, auch wenn es offiziell nie so benannt wurde. Man senkt die Zinsen für längere Zeit unter die Inflationsrate, die Sparkonten verlieren sukzessive an Wert, während in einer wachsenden Wirtschaft durch die niedrige Zinslast die Verschuldung zum BIP nach und nach sinkt – wie es in Deutschland seit Jahren zu beobachten ist. Der offizielle Aufhänger hingegen ist u.a. der Kampf gegen eine drohende Deflation und die Förderung der Kreditvergabe der Banken.

 

Das geschichtliche Vorbild

 

Die große Bewährungsprobe dieses finanztechnischen Instruments war die Situation nach dem 2. Weltkrieg, der auch die Siegermächte in eine hohe Staatsverschuldung getrieben hatte. Was auch sehr gut funktioniert hat, wie eine Studie von Carmen Reinhart, Professorin an der Harvard-Universität, nachweisen konnte. Von 1945 bis 1980 waren die Zinsraten etwa in der Hälfte der Zeit negativ (in Relation zur Inflationsrate). Die Sparer verloren also fast ständig Geld, wenn sie dem Staat Geld liehen. Großbritannien und die Vereinigten Staaten liquidierten dadurch im Durchschnitt jährlich Schulden von 3-4 % des BIP. In Australien und Italien, wo die Inflation besonders hoch lag, waren die Liquidationsraten durchschnittlich höher als 5 %.

 

Die Alternativen bei zu hohen Staatsschulden

 

Nach der Finanzkrise 2007 schossen die Staatsschulden in vielen Ländern in die Höhe. Auf über 100% im Vergleich zum BIP im Durchschnitt bei den OECD-Ländern. Es war den Finanzpolitikern aber schnell klar, dass das Vorhaben die Verschuldung mittels kontinuierlichem Wirtschaftswachstum bei einer derart hohen Quote allein durch die sinkende Zinslast nicht substanziell zu verringern ist. Eine inzwischen infrage gestellte Faustregel besagt, dass Staatsschulden über 90% eigentlich nicht tragbar sind.

Die harten Alternativen zur finanziellen Repression wären harte Ausgabeneinschnitte, Inflationierung der Schulden, Währungsreform oder der Staatsbankrott. Alles keine Maßnahmen, die Politiker während ihrer Amtszeit verantworten möchten. Was bei einer galoppierenden Inflation geschieht, kann man gerade in Venezuela beobachten.

 

Die Folgen der finanziellen Repression

 

Wie im gestrigen Bericht dargestellt, „EZB-Politik: Staat gewinnt, Bürger verliert gleich zwei Mal“, ist der Gewinner eindeutig der Staat, der Verlierer jeder Inhaber von Geldvermögen und die Altersvorsorge u.w. – siehe Bericht. Aber die weitere Nebenwirkung ist, insbesondere im Euroraum, dass diese Repression gar nicht richtig funktioniert, sprich die Staatsschulden gar nicht in Relation zum BIP sinken. Das große Damoklesschwert für die Europäische Union ist Italien, dessen Staatschulden weiter über 132% gestiegen sind, bei sklerotischem Wachstum und einer sich anbahnenden Rezession. Das Land verträgt keine höheren Zinsen, weil die Verschuldung erst recht untragbar würde. Aber ich will jetzt nicht wiederholen, was in vielen Artikeln von verschiedensten Fachleuten in diesem Forum schon ausreichend kommuniziert wurde. Die EZB wird wohl bald OMTs (Outright Monetary Transactions – vorbehaltlose geldpolitische Geschäfte) durchführen müssen, um das Auseinanderbrechen der Eurozone zu verhindern.

 

Fazit

 

Was in anderen Ländern schon geklappt hat, die Rückführung der Staatschulden, scheint in der sehr inhomogenen EU-Zone (Stichwort: Europa der zwei Geschwindigkeiten) nicht zu klappen. Wir Deutschen brauchen uns über unser Defizit, welches in Kürze unter 60% zum BIP fallen wird, nicht allzu sehr freuen, schließlich haben wir uns mit der Niedrigzinspolitik zwei große Zukunftsklötze ans Bein binden lassen. Die Vorsorgeproblematik angesichts des demographischen Wandels und das eigentlich „wertlose“ Kreditpaket in Form der Target-2-Salden in Höhe von über 900 Mrd. Euro. Und nicht zu vergessen aktuell ein jährlich im Wert schrumpfendes Geldvermögen (aktueller Bestand über 2,3 Bio.€).

 

Die Zentrale in Frankfurt. Foto: EZB

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Devisen

Brexit-Chaos: Gleichzeitig EU-Wahl und May-Rücktritt – Pfund-Trader fest anschnallen bitte!

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Theresa May versuchte gerade erst mit einer erneuten Luftnummer die Parlamentarier in London in Sachen Brexit mehrheitlich für sich zu gewinnen. Obwohl sie unzählige Male in den letzten Jahren sagte, dass es keine neue Volksabstimmung geben werde, stellte sie diese Woche genau das in Aussicht. Aber eben nur, wenn das Parlament vorher ihrem Brexit-Deal zustimmen würde. Diese krumme Nummer der Premierministerin hat das Fass wohl endgültig zum Überlaufen gebracht.

Laut der Zeitung The Times wird Theresa May morgen zurücktreten. Unglaublich. Die Briten haben gestern schon angefangen ihre Stimmen für die EU-Wahl abzugeben. Und während sie das nun bis Sonntag tun, tritt die Premierministerin zurück. Was für ein Timing. Es gibt auch andere Medien in UK, die davon ausgehen, dass May noch bis kurz nach der Wahl wartet, und dann ihren Rücktritt verkündet.

Aber der Rücktritt an sich scheint ausgemachte Sache zu sein. Ihr Kabinett soll nach ihrem Angebot für ein zweites Brexit-Referendum endgültig gemeutert haben. Wie nun bekannt wurde, soll May´s „neuer“ Gesetzesentwurf auch nicht morgen vorgelegt werden. Auch dies scheint ein klares Indiz für ihren Rücktritt zu sein. Was dann nächste Woche passiert? Die Tories werden wohl, wenn ihre Wähler in der EU-Wahl in Scharen die Brexit-Partei gewählt haben, Boris Johnson (Brexit-Hardliner) zum neuen Premier machen. Das darf man zumindest vermuten.

Und dann folgt ein Chaos, dass sich im Vergleich zu Theresa May dramatisch steigern dürfte. Da fehlt uns sogar die Phantasie für das Basteln von Horror-Szenarien. Man muss es einfach auf sich zukommen lassen. Als Forex-Trader, der gerne das Pfund handelt, sollte man sich schon mal warm anziehen vor dem Wochenende. Fast zeitgleich stehen ein Wahldebakel für die etablierten Parteien und der Rücktritt der Premierministerin an. Mal sehen, wo dann am Montag das Pfund in die Woche startet!

Das britische Pfund preist die negativen Schwingungen der aktuellen Lage diese Woche schon ein, soweit man das überhaupt tun kann. Die Tendenz ist seit Wochen negativ. Aber immerhin ist das Pfund gegenüber gestern Mittag nicht weiter gefallen (GBPUSD aktuell 1,2646). Man sollte sich aber auf weitere Abstürze morgen und Montag gefasst machen (nichts genaues weiß man ja jetzt noch nicht).

Brexit-Chaos im House of Commons
Das House of Commons in London. Foto: UK Parliament CC BY 3.0

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Aktien

Giovanni Cicivelli: Vorschau auf Dax, Forex-Trades, Aktienideen und Dividendenabschläge

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An dieser Stelle nur eine kurze Vorschau. Heute gibt es von mir konkrete Marken zum Dax, zwei Forex-Trades, Aktienideen und Hinweise zu zahlreichen Dividendenabschlägen in Aktienkursen. Wollt ihr das ausführliche Video täglich kostenfrei sehen, und habt euch noch nicht registriert? Dann bitte einfach hier klicken und anmelden.

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Anleihen

Türkei: Warum der Druck auf Lira, Aktien und Anleihen bald enorm steigen könnte

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Aktuell schwächelt der türkische Kapitalmarkt bereits. Nach den jüngsten Vorgängen (Präsident Erdogan lässt die Wahl in Istanbul wiederholen) war das Vertrauen ausländischer Investoren in die Rechtsstaatlichkeit in der Türkei erneut geschwächt worden.

Die türkische Lira befindet sich seit Monaten in einem langsamen schleichenden Abwärtstrend. Die Aktienkurse in der Türkei befinden sich im Absturz. Heute notiert der türkische Leitindex BIST100 mit -1,5%, und ist nun seit sechs Tagen hintereinander am Fallen. Mit einem Tiefststand seit Anfang 2017 hat er aktuell auch den Zustand eines Bärenmarktes erreicht. Die Rendite für zehnjährige türkische Staatsanleihen steigt alleine heute um fast einen ganzen Prozentpunkt (Wahnsinn) auf aktuell 19,26%. Im Februar waren es noch 14%.

Und jetzt Achtung! In den nächsten Tagen könnte sich die Lage dramatisch verschärfen. Denn die Türkei will von Russland Raketensysteme kaufen. Laut einem offenbar auf Insiderquellen in US-Militärkreisen beruhenden Bericht von CNBC habe die Türkei noch zwei Wochen Zeit diesen Deal mit Russland zu stornieren. Die US-Regierung übt also massiven Druck aus. Man solle doch lieber Patriot-Raketen vom US-Hersteller Raytheon kaufen. Würde die Türkei ihre Bestellung nicht „umbuchen“, würden die USA der Türkei die Lieferung von F35-Flugzeugen aus US-Produktion verweigern, und womöglich würden die USA Sanktionen gegen die Türkei einführen. Man bedenke abseits von Donald Trumps „launigem“ Gemüt: Die Türkei ist NATO-Mitglied, und die Mitgliedsstaaten sollen Waffensysteme kaufen, die innerhalb der Gruppe kompatibel sind. Und das wird auf russische Raketen wohl kaum zutreffen.

Geht man davon aus, dass die Reporterin von CNBC richtig recherchiert hat (der Bericht klingt doch recht glaubwürdig), könnte es bald hoch her gehen zwischen der Türkei und den USA. Es ist kaum vorstellbar, dass Präsident Erdogan den Russen-Deal jetzt noch absagt. Dies wäre ein Gesichtsverlust in der Öffentlichkeit, weil er sich von den USA hätte diktieren lassen, wo er seine Waffen einkaufen darf.

Man bedenke, welche Turbulenzen die winzigen US-Sanktionen am Kapitalmarkt verursachten, als die Türkei einen US-Pastor freilassen sollte. Was wäre erst los bei dieser Verweigerung der Türken in Sachen Raketen-Einkauf? Es dürfte die US-Rüstungshersteller verdammt hart treffen solch große Aufträge nicht zu erhalten, also Raketen und 100 Kampfjets. Die Reaktion aus dem Weißen Haus könnte also heftig ausfallen, und damit auch die Turbulenzen am türkischen Kapitalmarkt.

Noch sind wir in dieser Sache im „Wenn-Modus“. Wenn dies passiert, könnte danach dies und jenes passieren. Aber wer in türkischen Aktien, der Lira oder in Anleihen unterwegs ist, sollte dieses Szenario für die nächsten Tage im Hinterkopf behalten!

Türkei Istanbul
Die Hagia Sophia in Instanbul. Foto: Julian Nitzsche CC BY-SA 4.0

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