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Nord Stream 2 auf Eis gelegt – was nun Herr Putin mit dem Gas aus der Kälte?

Nord Stream 2 steht heute im Fokus, wenn es um den Markt für Gas geht. Aber zuerst der Blick zurück. Offenbar überraschte Präsident Wladimir Putin gestern alle mit dem Anerkennungscoup in Donezk und Lugansk. Die Rohstoffkuh Gazprom soll nun mit weniger Futter auskommen und lange Durststrecken überstehen können. Der militärische Komplex gedieh aus den Milliardeneinnahmen des russischen Gaskonzerns prächtig. Das stellte Putin mit Truppenaufmarsch und gemeinsamem Manöver mit Belarus weltweit zur Schau und trieb Kriegsängste an.

Was passiert, wenn die Kuh weniger Milch gibt und Milliardeninvestitionen im nordsibirischen Permafrostboden und im Ostseegrund versickern und nicht das gewünschte Payback ergeben, dürfte in der russischen Weite noch im Nebel liegen. Der chinesische Neukunde verspricht mit seinem Hunger auf Gas Abhilfe. Doch der Weg von Westchina über die Mongolei nach Westsibirien und zur Halbinsel Jamal erstreckt sich über mehrere Tausend Kilometer. Ohne neue Investitionen ist ein Pipelineanschluss nicht zu machen. Der Stammkunde Europa ist zugleich verschreckt und will sich andere Quellen erschließen.

Knapp kalkuliert

Die Rechnung könnte für alle knapp werden. Kurzfristig kann sich Europa aus der Schlinge von Versorgungsengpässen im Winter befreien. „Wir sind auch für den Fall vorbereitet, dass die russische Führung beschließen sollte, die Energiefrage als Waffe zu nutzen. Trotz derzeit hoher Nachfrage schränkt Gazprom seine Gaslieferungen nach Europa ein. Trotz des 10-Jahres-Tiefs bei den Gasvorräten, gibt es auf dem Spotmarkt keine Verkäufe. Dieses Verhalten hat die Glaubwürdigkeit Russlands als verlässlicher Energielieferant schon jetzt beschädigt“, erklärte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vorm Europäischen Parlament in Straßburg am 16. Februar.

Lassen sich ausbleibende bzw. weniger Lieferungen aus Russland kurzfristig mit Flüssiggas (LNG) aus den USA oder Japan kompensieren, bleiben der Preis- und Inflationsdruck in Europa hoch. Das schnürt Wirtschaft und Bevölkerung, bildlich gesprochen, die Luft zum Atmen ab. Sorgen Frühlingstemperaturen zwar für Erleichterung, droht im Herbst die Heizfront mit aller Wucht. Der grüne Wasserstoff kann die Lücke dann noch nicht schließen, weil die Energiewende kein Speedprogramm ist. Europäische Planer und Planerinnen sind gefragt, wie das genau zu machen ist.

Putin rechnet

Auch auf der russischen Seite geht die Frage um, wie sich Präsident Putins Schachzug finanzieren lässt. Im Systemwettstreit des kalten Krieges sorgten Knappheit und wirtschaftliche Not am Ende dafür, dass der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe RGW und die Sowjetunion Konkurs gingen und kollabierten. Ein Blick auf Zahlen, die der Brüsseler Think Tank Breugel vom europäischen Verband der Fernleitunsgnetzbetreiber Entsog zusammenstellt, zeigt die aktuellen Gasimportströme aus Russland nach Europa. Sie informieren, welche Gasleitungen zu welchem Umfang genutzt werden. Auch Lieferstopps bleiben dadurch nicht verborgen. Die Zahlen verraten auch, dass Gazprom über Nord Stream 1 von Ende Januar bis Mitte Februar täglich im Schnitt 170 Millionen Kubikmeter Gas nach Lubmin an die deutsche Ostseeküste durchpumpte. Auf das ganze Jahr gerechnet sind das 62 Milliarden Kubikmeter Gas, was über der nominellen Transportkapazität der Ostseegasleitung mit 55 Milliarden Kubikmeter im Jahr liegt. Sollte Russland den Hahn hier abdrehen, ist das, wie wenn sich Putin den Nachschub für frisches Geld abschneidet.

Bundeskanzler Olaf Scholz sagte in der gestrigen Presseunterrichtung zur aktuellen Lage in der Ukraine, dass er das Bundeswirtschaftsministerium gebeten habe, die nötigen verwaltungsrechtlichen Schritte zu unternehmen, damit vorerst keine Zertifizierung der Gas-Pipeline erfolgen kann. Ohne Zertifizierung könne Nord Stream 2 nicht in Betrieb gehen, so Scholz. Darauf reagierte der stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrats Dmitri Medwedew auf Twitter und erklärte: „Deutschlands Bundeskanzler Olaf Scholz hat den Stopp der Zertifizierung der Gaspipeline Nord Stream 2 angeordnet. Na ja. Herzlich willkommen in einer neuen Welt, wo die Europäer bald schon 2000 Euro pro Kubikmeter Gas zahlen werden!“

Präsident Putin traf sich indes in Moskau mit seinem aserbaidschanischen Amtskollegen Ilham Alijew. Übereinkommen mit Alijew ist Putin wichtig. Schließlich sind die Gasvorräte im Kaspischen Meer begehrlich. Erst jüngst im Februar reiste EU-Energiekommissarin Kadri Simson nach Baku, um erhöhte Gaslieferungen über den Südlichen Gaskorridor von Aserbaidschan über die Türkei bis nach Süditalien auszuloten. Gegenüber Alijew beteuerte Putin vor dem Hintergrund der Anerkennung der Volksrepubliken Donezk und Lugansk, dass Spekulationen über die Wiederherstellung des großrussischen Imperiums absolut nicht der Wahrheit entsprächen.

Wladimir Putin
Wladimir Putin. Foto: Kremlin.ru CC BY 4.0



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5 Kommentare

  1. Diese Kommissionspräsidentin ist schon lustig!
    Nach meiner Information hat sich „der Osten“ immer an die vertragsmäßigen Liefervolumen gehalten.
    War es nicht „der Westen“ der sich – aus welchem Untrieb auch immer – auf dem Spot-Markt orientierte anstatt die langjährigen Lieferverträge weiter zu pflegen?!
    Und dann beschwert man sich das nicht bereitwillig auf dem Spot-Markt angeboten wird, und das nur um die Folgen der eigenen Idiotie abzumildern?! man man man ….

    Btw.: Seid wann gibt es eine Pflicht auf dem Spot-Markt zu verkaufen ?
    Das werd‘ ich am WE mal bei meinem lokalen Bauern ausprobieren. Ich werde ihm vorwerfen das es eine Schweinerei ist das er Samstags nicht auf dem Wochenmarkt erscheint und ich deshalb seine Kartoffeln nicht kaufen kann.

  2. Keine Verkäufe oder keine Käufe ? Und zu welchem Preis ?
    Wir haben bis vor Kurzem Ukraine mit Gas versorgt, da Mallnow das Gas zu horrenden Preisen über Polen nach Ukraine geliefert hat, und wer hat bezahlt ? Na wer wohl.
    Ich bin überrascht welche Experten unsere hellen Politiker beraten die nicht mal rechnen können dass 50 Milliarden Kubikmeter Gas was Russland letztes Jahr nach Deutschland geliefert hat genau ein LNG Tanker am Tag bedeutet.
    Unabhängig davon dass wir kein Terminal haben um dieses Gas zu löschen, wer sollte diese Menge kommen und woher die Menge an LNG Tanker holen. Qatar hat über 90% seine Lieferungen über Langfristverträge verkauft. Wer also soll dieses Gas liefern ?
    Ich empfehle mal einen Tag das Gas abzuschalten dann sieht man wo das Licht in Deutschland ausgeht, dann darf sich jeder Politiker dazu gerne äußern.
    Und wäre ich aus dem NS2 Konsortium würde ich Deutschland in Grund und Boden auf Schadenersatz klagen sollte die Genehmigung nicht kommen, mal schauen was Habeck, Scholz und Baerbock dazu sagen.

    1. @Josef, mal schauen, was Sie Schlaumeier dazu sagen, wenn die Europäische Kommission im Prüfverfahren keine Genehmigung erteilen kann. Dann können Sie noch so sehr versuchen, Deutschland auf Schadenersatz in Grund und Boden zu klagen. Jeder Richter wird Sie auslachen und vermutlich wegen Unzurechnungsfähigkeit aus dem Gerichtssaal werfen.

      1. @Schlaumeier
        Wie auch immer der Deutsche wird dafür zahlen, ob die Regierung, der Steuerzahler oder der Uniper, BASF, OMV usw. Aktionär oder der Verbraucher.
        Putin kann sein Gas woanders verkaufen über Pipelines oder LNG, wir können derzeit wegen knappen Kapazitäten auf dem Weltmarkt nur von unseren Besatzern in den USA die ihr Ziel damit auch erreicht haben um ihren teueren Drecksgas in Deutschland zu verkaufen. Dann sind wir eben von den USA abhängig, nur dass sie eben geschäftstüchtiger sind und die nur dort liefern wo sie an meisten bekommen. Thats business, money, dollar.
        Besser so ?

  3. Man, auch russisches Erdgas kann man verflüssigen und an die Welt verkaufen.
    Wetten, die Amis kaufen es dann, und verkaufen es dann zum x fachen Preis an Europa.

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

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