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Kraft Sibiriens 2 als Ersatz für Nord Stream 2? Gas: So will Russland China zum größten Kunden machen

Wie Russland versucht, Europa als Gas-Kunde zu ersetzen

Der Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit SCO in Usbekistan stand für Russland auch unter dem Fokus, Warenströme, darunter besonders Erdgas, von Europa nach China umleiten zu können. Das Milliardengrab der Gasleitung Nord Stream 2 in der Ostsee wiegt schwer und verlangt nach Ausgleich. Dafür soll die Gasleitung Kraft Sibiriens 2 sorgen.

Gas-Nachfrage von China steigt

Auf die Frage, ob die geplante Gasleitung Kraft Sibiriens 2 die Ostseegasleitung Nord Stream 2 ersetzen könne, antwortete Russlands Vizepremier Alexander Nowak am Rande des SCO-Gipfels in Samarkand russischen Medien zufolge am 15. September: „Faktisch ja.“ Für Kraft Sibiriens 2 sei eine jährliche Transportkapazität von 50 Milliarden Kubikmeter Gas im Gespräch. Zuvor hatte Nowak erklärt, dass er demnächst endgültige Vereinbarungen mit China zu Kraft Sibiriens 2 erwarte. Schließlich gehe es um den steigenden Verbrauch von verflüssigtem Erdgas und Pipelinegas in China. Daher sollen die Lieferungen über die bestehende Gasleitung Kraft Sibiriens 1 in diesem Jahr auf etwa 20 Milliarden Kubikmetern Gas ansteigen.

Dazu gebe es Vereinbarungen über den Bau einer neuen Route von Wladiwostok nach Nordchina, um auf diesem Weg 10 Milliarden Kubikmeter Gas zu transportieren, umriss Nowak die Eckpunkte zu den drei Lieferoptionen per Pipeline. Den Vertrag zu Kraft Sibiriens 3, sprich zur fernöstlichen Lieferroute, schlossen der russische Gaskonzern Gazprom und Chinas Nationale Ölgesellschaft CNPC Anfang Februar vor der gemeinsamen Eröffnung der Olympischen Winterspiele durch Präsident Wladimir Putin und Chinas Starts- und Parteichef Xi Jinping am 24. Februar in Peking. Kurz darauf marschierten russische Truppen in die Ukraine ein. Beide Ostseegasleitungen, Nord Stream 1 und Nord Stream 2, liefern infolgedessen kein Gas nach Europa. Sie verfügen über eine Transportkapazität von je 55 Kubikmeter Gas im Jahr. 40 bis 50 Milliarden Kubikmeter Gas bezog Deutschland als größter Kunde aus Russland, bis Gazprom den Betrieb von Nord Stream 1 wegen Öllecks am vermeintlich letzten funktionstüchtigen Aggregat zur Gasverdichtung in Portowaja komplett einstellte.

Gas-Preise sollen Marktpreise sein

In Sachen Gaspreis gab sich Vizepremier Nowak zuversichtlich und antwortete laut russischer Nachrichtenagentur Tass auf die Frage nach Chinas möglicher Absicht, sich der vom Westen geforderten Obergrenze für russische Energieressourcen anzuschließen: „Wir haben von unseren chinesischen Freunden gehört, dass sie davon ausgehen, dass es Marktpreise geben sollte.“ In östlicher Richtung stoße Gazprom auf das Risiko, einem Käufermonopol gegenüberzustehen, wie dies nach der Stärkung der Position der EU als wirtschaftlicher und politischer Zusammenschluss eingetreten sei, warnte indes am 16. September das russische Nachrichtenportal für Öl und Gas neftegas.ru in einem Beitrag zur Fertigstellung eines neuen Pipelineabschnittes in China, der Gas von Kraft Sibiriens im Land transportieren soll. Denn auch China baut sein Pipelinenetz kräftig aus, um die avisierten Gas-Volumina aus Russland im großen Reich der Mitte in die Verbrauchszentren transportieren zu können.

SCO für transparenten Energiemarkt

„Das Wichtigste ist immer und überall die wirtschaftliche Entwicklung“, unterstrich der russische Präsident Wladimir Putin in der Abschlusspressekonferenz in Usbekistan am 16. September. Auch Xi strich in seiner Rede an die Regierungschefs der SCO-Länder Win-Win-Effekte für die SCO-Länder heraus und betonte, dass die Erklärungen vom Gipfel zu Schutz und Gewährleistung von internationaler Energie- und Ernährungssicherheit umgesetzt werden müssten. In der Samarkanderklärung, die der Kreml veröffentlichte, steht das Ziel der SCO, einen offenen und transparenten internationalen Energiemarkt zu schaffen.

Zugleich wird Putin nicht müde, Nord Stream 2, Europa für Gaslieferungen von der nordsibirischen Halbinsel Jamal anzubieten. Schließlich ist das Leitungssystem zum Abtransport von Gas im großen Stil bis an die deutsche Ostseeküste im Gegensatz zu Kraft Sibiriens 2 verlegt. Der Weg von Jamal nach China erstreckt sich über mehrere 1000 Kilometer durch Russland. Über 900 Kilometer liegen in der Mongolei.

Im Treffen mit Xi und Putin bekräftigte der mongolische Präsidenten Uchnaagiin Chürelsüch, dass er das Bauprojekt der Sojus-Wostok Gasleitung in der Mongolei auf gutem Weg sieht. Geplanter Baustart ist 2024. Bis die komplette Leitungstrasse von Jamal und vom traditionellen Fördergebiet in Westsibirien bis China verlegt ist, dürften mehrere Jahre vergehen, auch wenn die Vereinbarungen hierzu, wie von Nowak und Putin in Samarkand in Aussicht gestellt, demnächst finalisiert werden. Vom Lieferabkommen zwischen Gazprom und Chinas Nationaler Ölgesellschaft CNPC im Jahr 2014 bis zur Inbetriebnahme von Kraft Sibiriens 1 Anfang Dezember 2019 gingen gut fünf Jahre ins Land.

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Ausstehende Arbeiten zu Kraft Sibiriens 1 und 3 sind im Vergleich dazu überschaubar. Nimmt im kommenden Jahr das ostsibirische Gasfeld Kowykta den regulären Förderbetrieb auf, ist es technisch möglich, die Transportkapazität von 38 Milliarden Gas entsprechend dem Liefervertrag zwischen CNPC und Gazprom voll zu nutzen. Auch der Bau des Leitungsabschnitts von Wladiwostok an die nordostchinesische Grenze lässt sich vergleichsweise zügig umsetzen. Eine bestehende Gasleitung verbindet Wladiwostok mit der Pazifikinsel Sakhalin. Von dortigen Offshore-Vorkommen soll das Gas zum chinesischen Festland kommen. Folglich kann Russland über diese beiden Gasleitungen 48 Milliarden Kubikmeter Gas in absehbarer Zeit nach China exportieren.

Aktuell exportiert Gazprom über die Ukraine und den zweiten Strang der Schwarzmeergasleitung Turkish Stream Gas nach Europa. Nach Angaben von neftegas.ru waren dies Mitte September über beide Lieferrouten je rund 42 Millionen Kubikmeter Gas am Tag. Auf ein Jahr umgerechnet sind das in Summe über 30 Milliarden Kubikmeter Gas. Die Gasleitung Yamal Europa werde wegen Sanktionen nicht genutzt.

Die Türkei ist demnach für Russland zum Dreh- und Angelpunkt für Gastransite nach Südosteuropa geworden. Sie selbst bezieht über den ersten Leitungsstrang von Turkish Stream und die Blue Stream Pipeline russisches Gas und ist neben China heute der führende Gaskunde. Je nachdem, wie viel Gas beide Länder in diesem Jahr aus Russland bis Ende 2022 einführen, entscheidet sich, wer Gazproms Gaskunde Nummer 1 in diesem Jahr wird.

Insofern ist das Ziel, China zum größten Gaskunden zu machen, greifbar nah. Doch Kraft Sibiriens 2 als Ersatz für Nord Stream 2 zu deklarieren, hält nicht Stand. Ein solch großes Bauprojekt kostet Zeit und Geld. Nicht nur milliardenschwere Investitionen auf Jamal und den Bau der Infrastruktur zum Gas-Abtransport sind auszugleichen. Auch der Wegfall Europas als Haupteinnahmequelle für Erdgas dürften auf Dauer nachhaltige Spuren hinterlassen. Ob die beschworene Freundschaft zu China das trägt, liegt im Nebel.

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Foto: Kremlin.ru, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=40087092



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7 Kommentare

  1. Desto mehr Russland preiswertes Gas nach China, Indien und weitere asiatische Länder liefert, desto mehr kann Europa aus anderen Quellen beliefert werden.
    Nur eben zu einem vielfachen des Preises was Gas aus N1 u d N2 kosten würde.
    Auch Norwegen nimmt natürlich den Gaspreis, so wie er an der Börse z. Z. gehandelt wird.
    Da gibt es keine Sonderpreise.
    Die Zeiten des billigen Gas sind mit N1 und 2 vorbei.

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

  2. d.h. für Europa wied es auf Dauer sehe teuer. Welche Auswirkungen hat dies z.b. für die BASF?

  3. Tja dh in absehbarer Zukunft verfügt China und natürlich Nordamerika (aus eigenen Quellen) über reichlich preiswerte Energieträger. Ganz im Gegensatz zu der europäischen Industrie. Ein Standortnachteil der nicht auszugleichen ist. Das wird hier, nicht nur in D, zum Absterben ganzer Branchen führen. Die Produkte aus Europa werden einfach nicht mehr an den Mann zu bringen sein.

  4. Nicht nur Bundeskanzler a.D. Dr. Gerhard Schröder, RA verweist auf die energie- und rohstoffpolitische Bedeutung des G20-/OPEC+-Mitgliedslandes Russische Föderation für das G20-Mitgliedsland Bundesrepublik Deutschland. Auch der 45. US-Präsident Donald John Trump/G20 ist diesbezüglich ähnlicher Auffassung. Neben der „unstrittigen Qualität“ von russischem Erdgas bedarf es eines entsprechenden Zusammenspiels zwischen Rosneft, ExxonMobil und Saudi Aramco.

  5. Falls wir jemals wieder eine Regierung haben, die auch nur einen Pfifferling auf das Wohlergehen der Bevölkerung gibt, könnte es zu spät sein und Russland verkauft sein Gas woanders.
    In dieser Zeit werden wir dann von Industrienation über Schwellenland zum Entwicklungsland nach unten durchgereicht.

  6. Hallo Benno Witter,
    aber vorher werden die Menschen, die noch Reserven haben (die z. B. für die Altetsversorgung gedacht waren) diese dafür verwenden, zumindest eine warme Wohnung zu haben, und genug zu essen.
    Die Ärmsten der Armen, wurde für dieses Jahr in Deutschland die Grundsichrung um 0,67 % erhöht (in Spanien um 15 %).
    So geht der deutsche Staat mit Menschen um, die von etwa 5 Euro am Tag sich etwas zum Essen besorgen müssen. In einer Bedarfsgemeinschaft noch weniger.
    Schöne neue grüne Welt.

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

  7. Auch GB will mehr Gas, allerdings aus eigenen Bodenschätzen. Liz Truss hat angekündigt, daß das Moratorium für Frackinggas fallen wird. Die Deutschen behalten es aber bei.

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