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Energiekrise eskaliert am Terminmarkt Gaspreis jetzt über 300 Euro – drei aktuelle Gründe für die große Rally

Der europäische Terminmarkt-Gaspreis notiert jetzt deutlich über 300 Euro. Es gibt drei aktuelle Gründe für diese große Rally.

Gas-Pipeline

Der für Europa letztendlich wichtige Großhandels-Gaspreis Dutch TTF (Terminmarkt Lieferung im September) notiert aktuell bei 310,20 Euro pro Megawattstunde – was umgerechnet mehr als 500 Dollar pro Barrel Öl entspricht. Gestern Abend wurde die Marke von 300 Euro bei TTF auch schon kurzzeitig überschritten. Im Juni noch unter 100 Euro, sah man Anfang August noch Kurse um die 200 Euro. In der Grafik sieht man den Kursverlauf seit Jahresanfang. Der Markt nähert sich in schnellen Schritten dem kurzfristigen Allzeithoch vom 7. März bei 344 Euro. Es wurde erreicht gut zwei Wochen nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs, als die Panik am größten war. Aber jetzt sehen wir einen seit mehr als zwei Monaten anhaltenden Anstieg im Gaspreis, anstatt damals eine kurze schnelle Panik.

Drei Gründe für diese aktuell massive Rally im Gaspreis

Gestern besprachen wir bereits zwei schlechte Nachrichten für den Gaspreis, die den Kurs gestern noch nicht hochtrieben, aber es nun mit einem halben Tag Verzögerung doch getan haben. Der Gaspreis zieht an wegen den steigenden Verknappungsängsten. Erstens hatte Gazprom letzten Freitag verkündet, dass man ab dem 31. August für 3 Tage kein Gas mehr durch Nord Stream 1 leitet aufgrund von Wartungsarbeiten. Die Angst nimmt zu, dass danach auch kein Gas mehr kommt, oder dass sich diese Ausfälle im Winter häufen könnten.

Zweitens wurde diese Woche auch vermeldet, dass die extrem wichtige Freeport-Verladestation für Flüssiggas in den USA, die für 20 Prozent der Verschiffungskapazität des Landes steht, nach einem Unfall nicht Mitte Oktober, sondern doch erst Ende November richtig an den Start geht. Zahlreiche für den Weltmarkt eingeplante Tankerladungen werden deshalb ausfallen, und der globale Wettbewerb zwischen Asien und Europa – um Flüssiggas aus den USA – wird zunehmen. Dies sorgt nachvollziehbar für eine weitere Eskalation beim Gaspreis, was die Verknappungsangst widerspiegelt.

Und als dritte schlechte Nachricht muss man aktuell bedenken, dass die Gaslieferungen aus Norwegen in den letzten Tagen leicht gesunken sind. Denn an verschiedenen Stellen bei Gasfeldern gibt es seit Tagen Ausfälle. Geht man in folgender Grafik rechts oben auf die zweite Übersicht, sieht man die leicht sinkenden Gasflüsse aus Norwegen und bei Lieferungen von Flüssiggas per Schiff.

Gasspeicher füllen sich weiterhin schnell

Der Gaspreis explodiert also weiterhin, denn beim Gesamtblick auf das Thema Gas regiert aktuell die Verknappungsangst, dass sämtliche Bemühungen um alternative Gasquellen zu Russland und um einen geringeren Gasverbrauch nicht ausreichen könnten, um die Versorgung mit ausreichen Gas für den Winter sicherzustellen. Die sich seit Wochen schnell füllenden Gasspeicher in Deutschland und der EU werden vom Terminmarkt für Gas derzeit nicht als entlastender Faktor gewertet. Laut aktuellsten Daten von „Gas Infrastructure Europe“ sind die Gasspeicher im Gesamtschnitt der EU jetzt zu 78,05 Prozent gefüllt, und die täglichen Einspeicherungen machen (noch) gute Fortschritte. Mit der dreitägigen Abschaltung von Nord Stream 1 ab dem 31. August dürfte diese Auffüllung erstmal abgebremst werden.

Dutch TTF-Gaspreis im Kursverlauf seit Jahresanfang Dutch TTF-Gaspreis im Kursverlauf seit Jahresanfang.



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3 Kommentare

  1. Der Gaspreis über 300 Euronen/MWh….
    Hier ein paar Ideen, wie wir das (zumindest für Deutschland) ändern könnten:
    1. nach dem Hashtag End the ECB könnte ja nun der Hashtag #Nordstream2jetzt folgen.
    2. wir benennen die Pipelines einfach um. Aus Nordstream 1 wird 2 und umgekehrt. Dann kann das Gas wieder strömen. Nordstream 1 ist ja schliesslich nicht böse.
    3. Italien hat ja kürzlich Gas in Algerien bestellt. Nun könnten wir den Italienern ja einen Aufpreis zahlen (wird immer noch günstiger als LNG von jenseits des Äquators) und somit unser Guthaben bei der EZB auch bekannt unter der Bezeichnung Target 2 abbauen.

  2. Der Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz Robert Habeck verkennt sowohl die Qualität von russischem Gazprom-Erdgas, als auch aktuelle technische Probleme der Gazprom-Pipeline Nord Stream. Ex-Ifo-Präsident Prof. Hans(-)Werner Sinn, ein ehemaliger kompetenter Ökonom, gefällt sich mittlerweile lieber in einer Rolle als wirtschaftspolitischer Populist, und nennt Bundesminister Habeck einen vernünftigen Wirtschaftspolitiker. Normalerweise könnte/sollte man deswegen aktuell vermuten/befürchten, daß die deutsche Industrie den Wirtschaftsstandort Deutschland in Frage stellt. Zu letzterem wird es aber sehr wahrscheinlich nicht kommen, da der jetzige Industriepräsident/BDI-Präsident Siegfried Russwurm die Bundeskanzler Olaf Scholz-Koalition wirtschaftspolitisch unterstützt. Die künftige ökonomische Situation der deutschen Industrie bleibt in diesem Zusammenhang abzuwarten. Die aktuelle Situation auf dem Erdgasmarkt wirkt sich teilweise auf die Ölindustrie/steigende Nachfrage nach Erdöl aus.

  3. Herr Habeck kokettiert ja damit, dass er keine Ahnung hat. „Wir lernen gemeinsam…“
    Mir sind Profis lieber. Wo also sind seine Staatsminister?

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