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Energiekrise Gaspreis vor Absturz? Unverhoffte Hilfe könnte aus Indien kommen

Kann der Gaspreis weiter fallen? Neben dem guten Wetter und voller Gasspeicher könnte Indien als entlastender Faktor für Europa hinzukommen.

LNG-Tanker fährt in einem Hafen ein

Wer würde auf die Idee kommen, dass Indien mal ein echter Entlastungsfaktor für den Gaspreis in Europa werden könnte? Bevor wir zu dortigen aktuellen Vorgängen kommen, schauen wir erstmal auf die aktuelle Lage in Europa. Das Wetter ist seit Wochen zu warm für diese Jahreszeit. Bei maximal hohen Lieferungen von Flüssiggas (LNG) aus Übersee und deutlich weniger Gasverbrauch sind die Gasspeicher immer noch dabei sich zu füllen, obwohl sie sich eigentlich längst leeren müssten bei steigendem Heizbedarf. Aber da er viel geringer ist als üblich in dieser Jahreszeit, steigen die Speicher-Füllstände weiter an.

Volle Gasspeicher, warmes Wetter – entlastende Faktoren für den Gaspreis

In Deutschland sehen wir laut Daten von Gas Infrastructure Europe aktuell einen Füllstand der Gasspeicher von 99,55 Prozent. Die letzten vier Tage ging es jedes Mal minimal weiter bergauf. Im EU-Schnitt sind es 95,31 Prozent. Das ist fast schon eine traumhafte Konstellation, wenn man bedenkt, dass über die Ostsee-Pipelines aus Russland kein Gas mehr geliefert wird. Volle Speicher dank zu warmem Wetter und viel LNG aus Übersee sind derzeit entlastende Faktoren für den Gaspreis. Im Chart sehen wir den Verlauf im Dutch TTF-Gaspreis (Terminmarkt-Kontrakt Dezember). Mit aktuell 114 Euro hat der Markt sich vom Hoch bei 342 Euro im August deutlich erholt. Aber es könnte noch weiter runter gehen.

Verlauf im Dutch TTF-Gaspreis in den letzten zwölf Monaten

Indien könnte helfen die Situation in Europa weiter zu entschärfen

Mehr als 30 mit LNG beladene Tanker warten derzeit vor Europas Küsten darauf, dass der Gaspreis wieder ansteigt – wenn nämlich die Heizperiode beginnt, und der höhere Gasverbrauch zu einer Netto-Entnahme aus den Speichern führt. Dann wird LNG wieder stärker nachgefragt, und der Gaspreis kann steigen? Aber halt. Blicken wir nach Indien. Dort tut sich was. LNG, das in Indien nicht mehr abgenommen wird, könnte auch bei steigendem Gasverbrauch in Europa in den nächsten Wochen und Monaten weiterhin für ein Überangebot an LNG sorgen, so dass der Gaspreis womöglich gedämpft bleibt oder fällt.

Nach dem Motto: Die LNG-Lieferanten wissen irgendwann nicht mehr wohin mit ihren Tankern? Indien blockt derzeit, China dämpft seine Konjunktur durch immer neue Covid-Restriktionsorgien, und Europa hat aktuell schon zu viel. Das könnte für einen Stau sorgen, für ein Überangebot – was für den Gaspreis ein entlastender Faktor wäre. Der Gasexperte Stephen Stapczynski von Bloomberg berichtet aktuell von Vorgängen aus Indien, die Europa wirklich helfen könnten. Indien sieht sich derzeit plötzlich mit einem Überangebot an LNG konfrontiert, da die Kunden des Landes die hohen Preise nicht zahlen wollen und sich auf Alternativen stürzen.

Die Lagertanks der LNG-Importterminals in Dahej und Hazira in Indien sind nahezu ausgelastet, so dass sich die geplanten Lieferungen möglicherweise verzögern werden, so Händler, die mit der Angelegenheit vertraut sind. Indien ist das jüngste Land, das von einer überraschenden LNG-Schwemme betroffen ist – ein krasser Gegensatz zu den monatelangen Engpässen aufgrund des knappen weltweiten Angebots und der ausbleibenden Lieferungen der Lieferanten. Ein Rückgang der LNG-Lieferungen nach Indien könnte die weltweiten Gaspreise nach unten drücken und so die von steigender Inflation und hohen Stromrechnungen geplagten Kunden entlasten.

Aufgrund der hohen Spotpreise haben industrielle Gaskunden in Indien weit weniger Gas von LNG-Terminals gekauft, was zu einer Auffüllung der Lagertanks führte, so die Händler. Das Land war gezwungen, im September die bisher teuerste LNG-Lieferung zu kaufen. Die Industriekunden kaufen stattdessen billigere Brennstoffe wie Ölprodukte und im Inland produziertes Gas, sagten die Händler, die um Anonymität baten, da die Informationen nicht öffentlich sind.

Die geringere Nachfrage aufgrund höherer Preise habe zu einer geringeren Auslastung des größten Importterminals von Petronet LNG Ltd. in Dahej im Westen Indiens geführt, sagte Chief Executive Officer Akshay Kumar Singh während einer Telefonkonferenz am Donnerstag. Shell Plc, die Hazira betreibt, lehnte eine Stellungnahme ab.

Indiens Energieriesen haben mehrere langfristige LNG-Verträge, die die Lieferung an das Land vorschreiben, was es schwierig macht, die Importe deutlich zu drosseln, wenn die Inlandsnachfrage nachlässt. Das nach Indien gelieferte LNG wird meist für industrielle Anwendungen und nicht für die Stromerzeugung verwendet, und konkurriert mit Heizöl anstelle von Kohle.

Den Schiffsverfolgungsdaten zufolge gingen die Lieferungen im Oktober im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 20 % zurück, da die Importeure ihre Spotkäufe einstellten. Die asiatischen LNG-Spotpreise liegen zwar deutlich über dem für diese Jahreszeit üblichen Niveau, sind aber gegenüber August um etwa 65 % gesunken. Ein weiterer Rückgang der LNG-Preise könnte dazu führen, dass die indische Industriegasnachfrage wieder anspringt und die LNG-Lagerbestände abgebaut werden, so die Händler.

FMW/Bloomberg/GIE



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6 Kommentare

  1. Interessant und auch wieder nicht interessant.

    Bleiben wir nüchtern, müssen wir folgendes erkennen:

    1. Gas gibt es genug auf der Welt.
    2. Infrastruktur für Förderung gibt es zu wenig. Will man die Energiewende mit Gas bewältigen, fehlen auch noch viele Gaskraftwerke.
    3. LNG ist zu teuer und zu umweltschädlich, selbst wenn es wieder auf seine Tiefstpreise herabfällt. Der tiefste Preis ergibt sich aus den Gesamtkosten, die erforderlich sind, es bereit zu stellen. Die sind deutlich höher als bei Erdgas via Pipeline und werden noch weiter steigen, wenn das Angebot dauerhaft ausgeweitet werden muss.

    Daraus ergibt sich logisch:

    1. Mit Flüssiggas läßt sich die Energiewende nicht umsetzen.
    2. Mit Flüssiggas kann die Industrie nicht weiter existieren. Sie muss in großen Teilen abwandern.

    Und ganz persönlich füge ich hinzu:

    Mir tut es leid um die Bäcker und ihr tolles Handwerk. So vielfältiges und gutes Brot bekommt man sonst nirgends auf der Welt.

    1. Mit industriellem Brot und günstiger Energie hergestellt kann uns dann bestimmt auch die USA mit weichem Toastbrot beliefern

  2. @ Felix:

    Das ist jetzt mal aber ein sehr kurzes Fazit und wird der Vielfalt der Möglichkeiten in keinster Weise gerecht.

    Pipelinegas:
    Dieses Gas ist quasi tot. Einmal wegen der Abhängigkeiten und zudem würde Russland sein Gas im Wissen um den Wert nicht mehr zu solch günstigen Preisen zur Verfügung stellen. Die Möglichkeit des HUBs in der Türkei würde die Abhängigkeit von Russland erweitern auf eine Abhängigkeit von Erdogan. Das will bestimmt niemand :-) Es käme also nur als kleiner prozentualer Anteil zum Einsatz.

    LNG
    Aktuell die einzige Möglichkeit, Europa mit Gas auf Dauer zu versorgen. Nicht unbedingt zur Stromerzeugung, sondern vornehmlich für den industriellen Einsatz. Teuer und umweltbelastend – ja – aber ein systemischer Ersatz bis zur Transformation 2050.

    Fracking
    Wäre eine günstige Möglichkeit für die Erdgasbereitstellung, denke ich. Aber politisch nicht gewollt und in der ausreichenden Menge fraglich. Da fehlt mir aber der Sachstand.

    Europäisches Erdgas
    Die Niederlande (noch Lieferant für Deutschland) wollen ihre Förderung einstellen. Norwegen bläst schon aus dem letzten Loch und wird eher weniger liefern können. Gasfelder um Zypern und Kreta sind politisch aktuell schwer umzusetzen, wären aber eine coole Lösung. Erdgas Nordsee scheint zumindest in Gang zu kommen. Liefermengen sind mir auch nicht klar.

    Wasserstoff / Ammoniak
    Immer mehr Lieferverträge dahingehend werden abgeschlossen. Die sonnenreichen Gegenden sind da die Lieferanten und preislich könnte es das LNG deutlich unterbieten oder zumindest in Konkurrenz stehen.

    Erneuerbare Energien
    Werden weiter ausgebaut, aber letztlich können sie (hier) noch nicht einmal den Stromverbrauch mit seiner zukünftigen Steigerung abdecken.

    Kernkraft
    Dieser Energiezweig wird sich verstärken und Energie europaweit liefern können. Bei entsprechendem Überhang läßt sich daraus wiederrum Wasserstoff produzieren (ja, große Verluste).

    Das ist das Dilemma. Will man die Energiewende tatsächlich schaffen, um auf Kohle und Öl gänzlich zu verzichten, dann bleibt einfach nur der Schwerpunkt Kernkraft. Ich bin kein Freund davon, aber es erscheint als einziger gangbarer Weg, außer Desertec würde wieder reaktiviert werden.

    Die Bäcker und ihr Handwerk werden hier nicht aussterben :-))) es wird halt nur etwas teurer.

    1. Mein Fazit ist noch kürzer :
      Kernkraft ausbauen, so wie andere Staaten. Enfach nachmachen, wenn uns keiner auf unserem Energieweg folgt

    2. Hallo jumpin1,

      es ist einfach so: wir verbrauchen die Energie jetzt im Moment. jeder von uns muss täglich mehrmals essen – naja, die meisten jedenfalls. Wir leben in der Mehrzahl nicht davon, dass wir uns darüber Gedanken machen, dass wir mit einiger Evolution auch von Licht alleine leben könnten.

      Ein Industriebetrieb braucht die absolute Sicherheit, dass zu jeder Zeit jede benötigte Menge Energie auf Knopfdruck da ist.

      Alles andere ist nette Unterhaltung darüber, was noch sein könnte. Irgendwo, irgendwann. Wenn es jemand aus diesem Stadium hebt, so dass es die og. Bedingung erfüllt, dann kann dieser jemand womöglich ein gutes Geschäft machen.

      Aber solange es diesen jemand nicht gibt, ist das alles auf dem Mond und ihre interessanten Überlegungen spielen einfach keine Rolle.

      In ein paar Stunden wird wieder frisch gebacken. Wenn die Energie da ist und nicht so teuer ist, dass noch genügend Menschen das Brot kaufen können und wollen.

      Und wenn nicht, geht das Licht eben aus. Bei etlichen Bäckereien gehen gerade die Lichter aus.

      Und mit der aktuellen grünen Politik ist leider absehbar, dass das Licht noch bei ganz vielen ausgeht. Und das ohne, das etwas besser wird. Stattdessen feiert die Kohle wieder Urstände.

  3. @Felix: kurz und richtig!

    @jumpin1: keinen Plan

    >>Pipelinegas: Dieses Gas ist quasi tot.
    1. Pipelines lassen sich reparieren. 2. Baltic Pipe, Power of Siberia, Norpipe,…genau die sind alle, alle tot!!!

    >>LNG: ein systemischer Ersatz bis zur Transformation 2050
    Wenn das so kommt, dann können wir dicht machen.

    >>Fracking: Wäre eine günstige Möglichkeit für die Erdgasbereitstellung
    da haben sie bestimmt auch die Reinigung des Grundwassers, Erdrutsche, … https://www.bmuv.de/themen/wasser-ressourcen-abfall/binnengewaesser/grundwasser/grundwasserrisiken-hydraulic-fracturing

    >>Wasserstoff / Ammoniak: Immer mehr Lieferverträge dahingehend werden abgeschlossen.
    Die Frage ist nicht wie viele Verträge, sondern die Menge. Auf deutsch nichts relevantes!

    >>Erneuerbare Energien: nicht einmal den Stromverbrauch mit seiner zukünftigen Steigerung abdecken
    na klar Stromverbrauch D: 2010 – 541TWh -> 2020 491 TWh … die tauschen gerade alle ihre Lampen gegen LED’s weil der Strom so billig ist

    >>Kernkraft: sich verstärken und Energie europaweit liefern können
    genau deswegen steigt der Strompreis seit 2021, weil Frankreich mit seinen Atomkraftwerken so super liefert, ich will mehr davon (was du rauchst)

    >>dann bleibt einfach nur der Schwerpunkt Kernkraft
    Da werden bestimmt bald Zimmer frei, sie doch da ein!!!

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