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„Früher Gastronomie, heute Supermarkt“ – Analyse über Jobwanderung

Gastronomie, Hotellerie und Tourismus haben massiv Jobs verloren. Wohin gingen die Menschen und warum? Hier eine Detailanalyse.

Gastronomie

Wir alle sehen es. Die Gastronomie hat überall schwer zu kämpfen mit Personalmangel. Man sieht sogar, dass einzelne Betriebe oder Filialen von Cafes ganz geschlossen haben, oder ihre Öffnungszeiten deutlich verkürzen. Ein Cafe-Betreiber sagte mir zum Beispiel: Wir öffnen morgens zwei Stunden später und schließen Abends früher. Wir können nur noch eine Schicht fahren, es fehlt Personal. Aktuell mag die Lage durch viele Corona-Erkrankungen noch schlimmer sein.

Aber das Problem begann mit der Coronakrise. Als viele Menschen in der Gastronomie und in Hotels von Arbeitslosigkeit bedroht waren und auf Kurzarbeit gesetzt wurden, haben sich viele auf der Suche nach Sicherheit in andere Branchen verabschiedet. Das Argument der Jobsicherheit wird in einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervorgehoben! Aber, so möchten wir ergänzen: Ebenso wichtig sind die Argumente einer besseren Bezahlung in anderen Branchen, und die vielerorts viel besseren und familienfreundlicheren Arbeitszeiten.

Die Gastronomie wird sich zukünftig extrem anstrengen müssen in Sachen Arbeitszeitflexibilität und vor allem besserer Bezahlung, um wieder neues Personal anzulocken. Der Demografiewandel schlägt oben drauf noch massiv zu. Immer weniger neue Arbeitskräfte rücken in den Arbeitsmarkt nach, während gleichzeitig immer mehr Menschen in Rente gehen.

Gastronomie, Hotellerie und Tourismus verloren sehr viele Arbeitnehmer während Coronakrise – wohin die Reise ging

Die heute veröffentlichten Daten des IW basieren auf einer Auswertung von Daten der Bundesagentur für Arbeit. Und sie zeigen die dramatische Dimension der Job-Flucht. 216.000 Menschen verließen 2020 ihren Beruf in den Bereichen Gastronomie, Hotellerie und Tourismus. Um die Größenordnung zu verstehen: Im Jahresschnitt 2020 waren in der Branche rund 788.600 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Es war 2020 also eine dramatische Abwanderungswelle.

Das IW betitelt seine Studie mit dem Ausspruch „Fachkräftemangel: Früher Gastronomie, heute Supermarkt“. Denn die größte Gruppe der abgewanderten Mitarbeiter (34.800) fand neue Jobs in Verkaufsberufen, beispielsweise als Kassierer im Supermarkt. Rund 27.200 Menschen traten einen neuen Job im Verkehrs- und Logistikbereich an, beispielsweise als Lagerlogistiker oder Paketboten. Auch der Bereich Unternehmensführung und -organisation profitierte von Jobwechseln – hier fingen 27.100 Menschen neu an, unter anderem in Sekretariaten. Beliebte Ziele waren zudem die Lebensmittelherstellung, Reinigungsberufe und Erziehung (siehe Grafik).

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Man floh also aus Gastronomie, Hotellerie und Tourismus – und suchte sein Glück in Berufen mit besseren Arbeitszeiten, vermeintlich mehr Jobsicherheit und besserer Bezahlung. Hier dazu Aussagen des IW im Wortlaut:

Trotzdem orientieren sich viele Mitarbeiter um, wenn die wirtschaftlichen Aussichten getrübt sind, neue Lockdowns drohen und nicht klar ist, welche Perspektive die Branche kurzfristig bieten kann. „Während der Krise dürfte für viele Sicherheit noch wichtiger geworden sein“. „Aber auch weichere Faktoren spielen eine größere Rolle, beispielsweise feste Arbeitszeiten, die sich gut mit dem Privatleben verbinden lassen.“ Damit Unternehmen wieder mehr Arbeitskräfte finden können, müssen sie als Arbeitgeber attraktiver werden – also beispielsweise die Vereinbarkeit von Schichtarbeit und Familie verbessern, mit Arbeitszeitkonten für mehr Flexibilität oder der Organisation von Kita-Betreuung in Randzeiten. „Allerdings wird sich das Problem des Fachkräftemangels damit nicht komplett lösen lassen“. „Ohne weitere politische Unterstützung, beispielsweise bei der Förderung von Fachkräftezuwanderung, wird es nicht gehen.“

Wechsel von Gastronomie, Hotellerie und Tourismus in andere Branchen



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