Der chinesische Ökonom Li Daokui erklärt High-Tech und KI zu Scheinlösungen, um Chinas Wirtschaft zu retten, und warnt vor einer systemischen Blockade des chinesischen Wachstumsmodells.
Gefährlicher KI-Bluff: Ein Top-Ökonom warnt China
In einem Vortrag, den der Direktor des Academic Center for Chinese Economic Practice and Thinking (ACCEPT) und Professor an der renommierten Tsinghua-Universität kurz vor Bekanntgabe der chinesischen BIP-Zahlen für das 2. Quartal anlässlich des China Macro-Economy Forum (CMF) an der Renmin University hielt, vertrat er die These, dass sich die chinesische Wirtschaft nicht K-förmig auseinanderentwickele, sondern unter einer allgemeinen Abkühlung der chinesischen Wachstumsmotoren leide.
Die Wohlstandsillusion: Hohe Arbeitslosigkeit und Investitionskrise
Diese K-förmige Entwicklung spaltet die Wirtschaft in China in den traditionellen Teil, der für die westliche Welt billige Konsumgüter wie Spielzeug, Möbel, Kleidung, Schuhe und elektronische Geräte wie Handys und Tablets herstellt, und den neuen High-Tech-Sektor wie den Automobilsektor rund um die E-Autos, die Chipindustrie und nicht zuletzt den KI-Sektor. Während der erste in den letzten Jahren immer weniger zum Wirtschaftswachstum beiträgt, legt der zweite deutlich zu. Aber gerade der Automobilsektor zeigt noch eine zweite K-Spaltung offen, nämlich zwischen schwächelnder Binnenwirtschaft und stetig steigenden Exporten.
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Li Daokui bestreitet diese Markerzählung und bezeichnet sie als gefährlich, weil sie das eigentliche Problem verdecke. Ein schmaler Aufwärtsstreifen, so Li Daokui, sei strukturell zu schwach, um in der Breite in Zukunft die Masse der Beschäftigten in Lohn und Brot zu halten. Die eigentliche makroökonomische Krise sei die Gesamtabkühlung, die China seit drei Jahren erfasse und bislang weder in der politischen Debatte noch in der Marktkommunikation angemessen benannt werde.
Als Beleg für seine These führt Li Daokui die Arbeitslosenquote unter städtischen Einwohnern an, die offiziell bei rund 5 Prozent liegt. Allerdings umfasst diese Arbeitslosenquote nur diejenigen, deren letztes Arbeitsverhältnis und ihr „Hukou“, also ihr offizieller Wohnsitz, identisch waren. Li Daokui rechnet noch „entmutigte Arbeitslose“ hinzu, also jene, die aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind, ohne Arbeit zu finden, und kommt so auf eine bereinigte Quote von 10,2 Prozent städtischer Arbeitslosen. Besonders kritisch ist die Lage der jungen Arbeitnehmer, bei denen die offizielle Arbeitslosenquote schon höher als 15 Prozent ist. Diese Zahl spiegelt nur einen Teil der veränderten chinesischen Arbeitswelt wider, denn ein immer steigender Teil arbeitet in der Gig-Economy, also als Kurierfahrer, Ausfahrer von Lieferdiensten, Didi-Fahrer und Ähnlichem. Zusammen mit dem Heer der Wanderarbeiter dürfte mittlerweile über die Hälfte der städtischen Bevölkerung in China in informellen Beschäftigungsverhältnissen ohne soziale Absicherung ihren Lebensunterhalt verdienen.
Als zweiten Indikator nennt Li Daokui, dass die Investitionen in Anlagen (FAI) nunmehr seit mehreren Monaten zurückgehen. Dies, so der Harvard-Absolvent, sei in der Geschichte der Volksrepublik nur zweimal aufgetreten, nämlich 1961, also nach dem „Großen Sprung nach vorn“, der die schlimmste Hungersnot seit dem Ende des Bürgerkrieges auslöste, und 1967 während der Kulturrevolution. Li Daokui macht damit deutlich, dass er die aktuelle Investitionsschwäche nicht als zyklisches Phänomen, sondern als strukturellen Bruch einordnet.
Tatsächlich zeigen die Zahlen der Statistikbehörde für das erste Halbjahr, dass die Investitionen in den High-Tech-Sektor wachsen, während sie in der traditionellen Industrie abnehmen.
Billiges Kapital zerstört Arbeitsplätze: Die verheerende Logik staatlicher Subventionen
Eine strukturellere Erklärung für diesen Befund liefert Michael Pettis, Senior Fellow am Carnegie Endowment for International Peace und Finanzprofessor an der Peking University. Pettis teilt Li Daokuis Diagnose einer strukturellen Wachstumsblockade, setzt aber an einer anderen Stelle an. Chinas Lohnkosten gehören, so Michael Pettis, gemessen an der Produktivität zu den niedrigsten der Welt. Unter normalen Marktbedingungen müsste ein solcher Arbeitskräfteüberschuss Unternehmen dazu bewegen, stärker auf arbeitsintensive Produktionsmodelle zu setzen. Tatsächlich geschieht das Gegenteil. Ein großer Teil des chinesischen Wachstums entsteht in kapitalintensiven Branchen. Für Pettis deutet das darauf hin, dass nicht Arbeit, sondern Kapital in China der billigere Produktionsfaktor ist. Der Grund dafür liegt aus seiner Sicht in der strukturellen Verbilligung von Kapital durch staatliche Subventionen, insbesondere in den politisch bevorzugten Sektoren.
Für Pettis sind die Wachstumsraten im High-Tech-Sektor nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass dort das tragfähige Wachstumsmodell der Zukunft entsteht. Wenn Kapital künstlich verbilligt wird, führt gerade dieser Kapitalzufluss dazu, dass Investitionen in Sektoren gelenkt werden, die zwar hohe Produktionskapazitäten aufbauen, aber vergleichsweise wenige Arbeitsplätze schaffen.
Die Wurzel des Problems sieht Li Daokui im Ausfall der zwei Wachstumsmotoren, die Chinas Aufstieg seit den 1990er Jahren trugen: die Immobilien und die lokale Infrastruktur. Das Platzen der Immobilienblase führt zu einer langsamen Abnahme des Wohlstandes, gerade des Mittelstandes. Das schlägt sich in einem Konsumboykott nieder, der sich besonders deutlich in der Automobilbranche niederschlägt. In diesem Jahr sind die Verkäufe trotz staatlicher Fördermaßnahmen um etwa 20 Prozent eingebrochen.
Rund 41 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Ausgaben der vergangenen zwei Jahrzehnte gingen auf das Konto der Lokalregierungen und erzeugten damit einen enormen Multiplikatoreffekt für das Wachstum, wie Li Daokui doziert. Er schreibt aber der fiskalischen Handlungsunfähigkeit der Kommunen die Hauptschuld an der gegenwärtigen Abkühlung zu.
Im Gegensatz zu den Kommunen weist die Zentralregierung eine offizielle Schuldenquote von unter 30 Prozent auf. Viele lokale Regierungseinheiten dagegen sind weit jenseits des gesamten BIPs ihrer Einheiten verschuldet. Neue Schulden werden von ihnen daher nicht in neue Infrastrukturprojekte investiert, sondern dienen der Ablösung alter Schulden. Auf Provinzebene ergibt sich ein ähnliches Bild. Mindestens sieben Regionen, darunter die Provinzen Guizhou, Gansu und Yunnan sowie die Millionenstädte Tianjin und Chongqing, weisen eine Staatsverschuldung von mehr als 100 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung auf. Weitere Provinzen wie Sichuan und Jilin nähern sich dieser Schwelle.
Aus der Ungleichverteilung der Schulden leitet Li Daokui die Forderung ab, dass die Zentralregierung die lokalen Haushalte entlastet und ihnen damit wieder Spielraum gibt, mit neuen Schulden Investitionen zu tätigen und somit Wirtschaftswachstum zu generieren.
Genau an dieser Stelle widerspricht Michael Pettis jedoch der von Li Daokui vorgeschlagenen Therapie. Die Übernahme der lokalen Schulden durch die Zentralregierung würde aus seiner Sicht zwar den Kommunen kurzfristig neuen finanziellen Spielraum verschaffen. Chinas eigentliches Problem würde damit aber nicht beseitigt. Die Lokalregierungen hätten nicht deshalb schlecht investiert, weil sie grundsätzlich nicht in der Lage gewesen wären, sinnvolle Investitionen zu tätigen. Sie hätten vielmehr über Jahre hinweg im Rahmen eines Wachstumsmodells gehandelt, das sie zu immer neuen Investitionen drängte, selbst wenn deren wirtschaftlicher Nutzen zunehmend fragwürdig wurde.
Solange sich an diesen Wachstumszielen nichts ändert, würde eine Übernahme der lokalen Schulden durch Peking das Problem deshalb lediglich von einer Bilanz auf eine andere verschieben. Die Kommunen investierten erneut, doch damit würde zugleich die Logik fortgeschrieben, die China überhaupt erst in seine heutige Schuldenproblematik geführt hat.
Allerdings zeigen die Berechnungen der Rhodium Group, dass China heute drei- bis viermal so viel Kapital benötigt, um so viel Wachstum zu generieren wie vor 20 Jahren.
Das Ende der Arbeit: Die KI-Revolution sprengt das Beschäftigungsmodell
Damit wird allerdings eine Frage sichtbar, die weder Li Daokui noch Michael Pettis ausdrücklich adressieren. Beide gehen letztlich davon aus, dass sich das Beschäftigungsproblem über das Wirtschaftswachstum lösen lässt: Mehr Wachstum schafft mehr Nachfrage nach Arbeitskräften und damit mehr Beschäftigung. Die KI-Revolution stellt diese Gleichung jedoch zunehmend infrage.
Schon heute zeigen die chinesischen Zahlen zum Wirtschaftswachstum, wie hohe Wertschöpfung in den High-Tech- und vor allem in den KI-nahen Bereichen mit vergleichsweise wenigen, dafür hochqualifizierten Beschäftigten entsteht. Nach Berechnungen der Rhodium Group beschäftigt ein typisches chinesisches Zementunternehmen im Median 20.174 Mitarbeiter, ein typisches chinesisches Chipunternehmen dagegen nur 830. Beide erzielen eine ähnliche Wertschöpfung.
Ein vergleichbarer Befund zeigt sich in den USA. Finanzvorstände erwarten für dieses Jahr einen KI-bedingten Anstieg der Arbeitsproduktivität von mehr als 2 Prozent, während gleichzeitig der Anteil routinemäßiger Bürotätigkeiten am gesamten Arbeitsvolumen sinkt. Die Produktivität frisst sich damit vertikal durch die Wirtschaft: Immer mehr Wertschöpfung wird mit immer weniger menschlicher Arbeitszeit erzeugt.
Damit verschiebt sich das eigentliche Problem für China. Es geht nicht mehr allein darum, wie Wirtschaftswachstum erzeugt wird, sondern darum, wie die daraus entstehenden Einkommen und Vermögenszuwächse an die Bevölkerung weitergegeben werden. Die Szenarien „Europe 2031”, „AI 2027” und „AI 2040 – Plan A” beschreiben bereits eine mögliche Zukunft, in der die bisherigen Vorstellungen von Arbeit und Gelderwerb grundlegend auf den Kopf gestellt werden.
Für China bekommt diese Frage eine besondere Bedeutung. Wenn High-Tech und KI tatsächlich einen immer größeren Teil der Wertschöpfung erzeugen, gleichzeitig aber nur einen kleinen Teil der Bevölkerung direkt beschäftigen, lässt sich die wachsende Produktivität nicht mehr allein über zusätzliche Arbeitsplätze in Einkommen für die breite Bevölkerung übersetzen. Die Relevanz dieser Frage zeigt sich bereits an der „Lying Flat“-Bewegung, die von der chinesischen Regierung als potenziell gefährliche Entwicklung eingestuft wird.
Seinen Vortrag beendet Li Daokui mit einer scheinbar optimistischen Schlussfolgerung: China müsse nicht die Therapie ändern, sondern nur die Dosierung der Medizin erhöhen. Chinas Wirtschaftsdaten legen allerdings nahe, dass die Diagnose noch nicht weit genug reicht.
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Wieso nur China? China kann die Folgen im Zweifel noch diktatorisch abfedern oder steuern. Schauen wir lieber einmal nach Deutschland.
Der Arbeitsmarkt verschlechtert sich bereits spürbar: 2025 gingen in der deutschen Industrie rund 177.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze verloren. Derzeit verschwinden weiterhin ungefähr 15.000 Industriearbeitsplätze pro Monat. Allein in der Autoindustrie waren Ende Juni 2026 etwa 42.300 Menschen weniger beschäftigt als ein Jahr zuvor, ein Rückgang um 5,8 %.
Und aus Wettbewerbsgründen dürfte sich dieser Prozess durch KI und Robotik noch beschleunigen. Meine persönliche Rechnung beginnt bei einem Szenario, in dem etwa 20 % der heutigen Arbeitsplätze wegfallen oder massiv an Arbeitsvolumen verlieren. Dann bekommen wir nicht nur ein Beschäftigungsproblem, sondern ein Finanzierungsproblem des gesamten Sozialstaates, Weniger Lohnsteuer und Sozialbeiträge auf der einen Seite, höhere Sozialausgaben auf der anderen.
Ab einem gewissen Punkt kann daraus ein sich selbst verstärkender Strudel werden.
Eigentlich sollte genau das eines der wichtigsten politischen Themen der kommenden Jahre sein. Ich selbst sehe dafür bisher nur eine wirklich tragfähige Lösung.