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Geht der Chipindustrie bald Neongas aus? Odessa, Nadelöhr der Weltwirtschaft

Chipindustrie - Neongas aus Odessa bald ein Problem?

Wie zwei Firmen die weltweite Chipindustrie beeinflussen – Odessa und Neongas

Die Chipindustrie ist in großer Sorge: Laut Pressemeldungen sind die ersten russischen Truppenteile in die Vororte von Odessa eingedrungen – und Odessa ist ein zentraler Standort für die Produktion von Neongas. Odessa ist daher ein Nadelöhr der Weltwirtschaft. Der Hafen, nebst Sewastopol auf der Krim der größte am Schwarzen Meer, wurde mit Beginn des Ukraine-Krieges geschlossen. Seit dem 24. Februar hat kein Schiff mehr dort an- oder abgelegt. In Mariupol, der zweiten großen Hafenstadt in der Ukraine, sollen russischen Truppenteile bereits bis ins Stadtzentrum vorgedrungen sein.

Im Krieg ist die Nachrichtenlage nicht immer überschaubar, aber es ist wohl unbestreitbar, dass Odessa und Mariupol für längere Zeit als Hafen und auch als Produktionsstandort ausfallen.

Nicht nur die Häfen Odessa und Mariupol sind von herausragender wirtschaftlicher und strategischer Bedeutung, sondern auch zwei kleine Firmen: Cryoin Engineering Ltd und Ingas LLC. Beide haben seit dem Einmarsch ihre Produktion eingestellt. In Friedenszeiten produzierten sie mit ihren Anlagen über 50 Prozent des weltweit benötigten industrietauglichen Neongas und einen bedeutenden Anteil des weltweiten Bedarfs an Krypton und Argon. Diese drei Gase gehören alle zur Gruppe der Edelgase.

Neongas wird hauptsächlich in der Chipindustrie verwendet. Dort kommen sogenannte Excimer-Laser bei der Fertigung zum Einsatz. Diese Gas-Laser werden mit einem Gemisch aus Edelgasen und Halogeniden betrieben.

Die BussinessKorea berichtete bereits am 21. Februar über die Möglichkeit eines bevorstehenden Engpasses. In der Ukraine wird neben Neongas auch Argon und Xenon produziert. Diese drei Rohstoffe sind in der Halbleiter-Industrie unersetzlich. Während der Ukraine-Krise 2014 verzehnfachte sich z.B. der Preis für Neongas. Die Chipindustrie hat zwar bereits technische Versuche unternommen, den Einsatz zu optimieren (z.B. durch Recycling), aber das reicht nicht aus. Neongas bleibt ein nicht substituierbarer Rohstoff. Ohne dieses Gas steht irgendwann die Produktion still.

Je länger also der Ukraine-Krieg dauert, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer weltweiten Produktionskürzung von Halbleiterprodukten kommt. Mit allen Konsequenzen für die Weltwirtschaft, die auf diese Vorprodukte angewiesen ist. Der weltweite Chipmangel verursacht bereits Schäden in Milliardenhöhe. Alleine die Automobilindustrie hat in 2021 7,7 Millionen weniger Autos produziert, der Umsatzschaden liegt bei geschätzt 210 Milliarden Dollar.

Gründe für den weltweiten Chipmangel in der Industrie

Eine Krise ist oftmals die Verkettung unglücklicher Einzelereignisse. Hier eine kurze Chronologie der Ereignisse:

Am Anfang der weltweiten Chipkrise stand das Mining, das Schürfen nach digitaler Währung. Die Kryptowelt hat einen unstillbaren Bedarf an Großrechnern und Grafikkarten erzeugt, der den Markt für Mikrochips bis heute am stärksten belastet. Hinzu kam der Handelskrieg zwischen den USA und China. Die Sanktionen der USA unter Donald Trump, die insbesondere die Mikroelektronik betrafen, führten dazu, dass vor Inkrafttreten der Sanktionen, der Markt von chinesischen Produzenten leergefegt wurde. Es kam zu regelrechten digitalen Hamsterkäufen.

Die Corona-Pandemie und die daraus unmittelbar folgende Disruption der Produktions- und Lieferketten beschleunigte die Krise. Am Beginn der Pandemie stornierten viele Hersteller, insbesondere die Automobilindustrie, aufgrund des abrupten Nachfrageeinbruches, ihre Bestellungen bei den großen Halbleiterproduzenten. Diese reagierten mit Produktionskürzungen, um keine Überkapazitäten zu schaffen. Mit dem Lockdown entstand aber plötzlich ein ganz erheblicher Bedarf an Heimelektronik, so dass die letzten verfügbaren Chips am Markt in Spielekonsolen, Streaming-Sticks, Plasmafernseher und Homeoffice-Hardware verbaut wurden.

Als die Nachfrage nach Automobilen wieder anstieg, waren keine Chips mehr verfügbar, der Markt war leer gekauft. Langsam griff die Krise in immer mehr Branchen um sich – mit Problemen, die bis heute nicht gelöst sind. Sie wären sicherlich im Laufe der Zeit gelöst worden, wenn nicht im Februar 2021 eine extreme Kältewelle mit unkontrolliertem Stromausfall in Austin (Texas, USA) die Werke von NXP, Samsung und Infineon erheblich beschädigt hätte. Im März kam es dann noch zu einem Großbrand im Werk von Renesas (Japan), einem wichtigen Halbleiterproduzenten für die Automobilindustrie. Die Hiobsbotschaften reißen nicht ab, Ende des letzten Jahres traf die Null-Covid Politik der chinesischen Regierung die Region Xi`an, die sich bis Ende Januar im strikten Lockdown befand. Diese Region beheimatet die zentrale Mikrochip-Produktion Chinas. Und nun droht mit Neongas ein elementarer Rohstoff knapp zu werden.

Wer sind die großen Chip-Produzenten?

Die fünf größten Vertreter der Chipindustrie der Welt sind Intel Corp. gefolgt von Samsung Electronics, TSMC, SK Hynix und Micron Technologies. Weitere große Hersteller sind Qualcomm, Broadcom, NVIDIA, Texas Instruments und Infineon. Selbst wenn vorerst noch gut gefüllte Neongas-Lagerbestände bei den Produzenten vorhanden sind, schließlich wurden Lehren aus dem ersten Ukraine-Konflikt gezogen, werden diese irgendwann erschöpft sein.

Die Halbleiterbranche gehörte bisher zu den Verlierern im S&P500. Während der Gesamtmarkt seit Jahresbeginn 5,62 Prozent verloren hat, stehen beim Philadelphia Semiconductor Index (SOX) minus 11,57 Prozent zu Buche (Stand 25.03.22). Dieser Index setzt sich aus den 30 größten US-Firmen der Halbleiterindustrie zusammen, die an der NASDAQ gelistet sind. Aber seit zwei Tagen steigt der Index impulsiv an, am 24. März sogar um über fünf Prozent:

Chipindustrie - Neongas aus Odessa bald ein Problem?

US-Regierung plant Milliarden Programm für die Chip-Industrie

Noch vor zwei Jahrzehnten produzierte die USA 40 Prozent der weltweiten Chipindustrie, heute sind es gerade noch 12 Prozent. Die neuesten Computerchips kommen sogar zu 90 Prozent aus Taiwan; ein geopolitisch recht interessantes Detail, wenn man an den Konflikt zwischen China, Taiwan und den USA denkt.

Um die heimischen Forschung und Fertigung zu stärken, wurde im Senat ein Gesetzesentwurf des Handelsausschusses für Wirtschaft, Wissenschaft und Verkehr befürwortet, der Finanzmittel in Höhe von 52 Milliarden Dollar vorsieht. Da die Spannungen zwischen den USA und China anhalten, überlegen die verantwortlichen im Weißen Haus, bestimmte strategische Investitionen in China einzuschränken. Die tendenziös eher pro-russische Haltung Chinas zum Ukraine-Krieg nährt diese Überlegungen. Man will verhindern, dass China von US-Technologie und Know-how profitiert.

Senatorin Cantwell, Vorsitzende dieses Ausschusses, weiß um die Tatsache, dass es aktuell um 30 bis 50 Prozent günstiger ist, eine Fabrik in Asien zu errichten. Hauptgrund hierfür sind staatliche Zuwendungen. Mit dem neuen Gesetzentwurf soll dies der Vergangenheit angehören.

Allerdings ist das Geld an Bedingungen geknüpft, und das bringt die großen, weltweit agierenden Konzerne in eine Zwickmühle. Intel hatte Pläne, eine Fabrik in Chengdu (China) für Siliziumwafer zu übernehmen und entsprechend umzurüsten. Diese Pläne wurden aber vom Weißen Haus wegen Sicherheitsbedenken abgelehnt.

Intel ist eine vom US-Verteidigungsministerium zertifizierte „Trusted Foundry“ und produziert auch Halbleiter für das Militär. Intel sieht nun von weiteren Expansionsplänen in China ab und plant eine Mega-Fabrik in den USA, um die weltweite Nachfrage nach Mikrochips bedienen zu können. Im Januar gab die Geschäftsleitung bekannt, 100 Milliarden Dollar in den Aufbau der neuen Fabrik in Ohio zu investieren. Die Pläne sind hochgesteckt, Intel plant die größte Chipfabrik der Welt. Micron Technologies plant ähnliche Investitionen in Höhe von 150 Milliarden Dollar über die nächsten zehn Jahre.

Diese Woche gab es eine Anhörung vor dem U.S. Senate Commerce Committee (Handelsausschuss für Wirtschaft, Wissenschaft und Verkehr); Intel-CEO Pat Gelsinger und Micron-CEO Sanjah Mehrota gaben sich die Ehre. Beide CEOs begrüßen den Ansatz der Regierung, so viel Geld zur Verfügung zu stellen. Das Gesetz muss noch vom Kongress gebilligt werden, bevor Präsident Biden es unterzeichnen kann.

Selbst wenn die in Aussicht gestellten Finanzmittel schnell verfügbar sind, wird es erhebliche Zeit in Anspruch nehmen, neue Chip-Produktionskapazitäten in den USA zu errichten. Der Aufbau komplexer Halbleiterproduktionen benötigt zwischen einem und drei Jahren. Dass sich aktuell Erdgaslieferanten finden, die in die Anlagen für die Herstellung von Neongas investieren, ist zwar möglich, aber das wird den Markt  kurzfristig nicht versorgen können. Die weltweit steigenden Rüstungsausgaben werden ebenfalls am Markt als Nachfrage spürbar werden. Der Anstieg des Philadelphia Semiconductor Index könnte sich als Strohfeuer erweisen, wenn wichtige Rohstoffe für die Produktion durch den Ukraine-Krieg immer knapper werden. Dies sollten Investoren bei ihrer Analyse bedenken – Odessa ist das Nadelöhr der Weltwirtschaft.

 

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3 Kommentare

  1. Offensichtlich übersehen oder vergessen sie aber hier was absolut endscheitendes was die Chip Herstellung betrifft. Neon bekommt die ukrei aus Russland und nirgends wo anderes her….

    Ohne russisches Palladium, Saphirsubstrate, Hexafluorbutadien und Neon wird der globale Prozessormarkt zu Ende gehen.
    Tatsache ist, dass Russland heute 80 Prozent des Marktes für Saphirpodgen ausmacht – dünne Platten aus Kunststein, die in der Opto – und Mikroelektronik verwendet werden, um Schichten aus verschiedenen Materialien, zum Beispiel Silizium, aufzubauen.
    Sie kommen in jedem Prozessor der Welt zum Einsatz – AMD und Intel sind da keine Ausnahme.“

    „Noch stärker ist die Position Russlands in der speziellen Chemie des Ätzens von Chips mit hochreinen Bauteilen. Russland macht 100 Prozent des weltweiten Angebots an verschiedenen Seltenen Erden aus, die für diese Zwecke verwendet werden.

    Das Verbot von Fertigprodukten für Russland wird zu einem Vergeltungsverbot für die Lieferung von Produktionskomponenten führen und zu einem akuten Mangel an Verarbeitern für die ganze Welt führen. Im Vergleich zu ihm wird die Situation mit Versorgungsunterbrechungen Ende 2021 relativ einfach erscheinen.
    Noch etwas konkreter…..
    „TechCet gilt als führender Experte für Materialmarktprognosen, Nachhaltigkeit in der Lieferkette und modernste Trends bei Prozessen und Materialien.
    TechCet-Analysten haben festgestellt, dass die USA von russischem HexafluorbutadiEn (C4F6), neOn und PallAdium abhängig sind, den wichtigsten Materialien zur Herstellung von Halbleiterchips.

    Russland ist die wichtigste Quelle von C4F6, das mehrere amerikanische Lieferanten kaufen und reinigen, um es in fortschrittlichen Prozessen zum Ätzen logischer Einheiten und Lithographie für die Chipproduktion zu verwenden. Der US-Markt verbraucht etwa 8 Millionen Tonnen C4F6 pro Jahr.

    Die Lieferung von Neon für Lasergas (notwendig für die Lithographie) in die Vereinigten Staaten erfolgt fast ausschließlich aus der Ukraine/Russland. Russland produziert Neon, ein Nebenprodukt der Stahlproduktion. Dann wird dieses Neon von einem spezialisierten ukrainischen Unternehmen abgebaut und gereinigt.
    Russland ist zusammen mit Südafrika auch ein wichtiger Lieferant von Palladium (Pd) und deckt etwa 33% der weltweiten Nachfrage. Palladium wird in Sensoren und Arbeitsspeicher (MRAM) verwendet.“

    „Odessa ist die Heimat des wenig bekannten Unternehmens Cryoin, das eine große Rolle in der globalen Halbleiterproduktion spielt.
    Kryoin erzeugt ein Nicht-Ionen-Gas, das zur Stromversorgung von Lasern verwendet wird, die Muster auf Computerchips ätzen.
    Cryoin liefert Neon an Unternehmen in Europa, Japan, Korea, China und Taiwan, aber das meiste davon wird in die USA verschifft.
    Die ukrainische Neonindustrie wurde gebaut, um die Gase zu nutzen, die als Nebenprodukte der russischen Stahlproduktion entstehen.
    Im Jahr 2014 lieferte die Ukraine etwa 70% des Neongases.
    Cryoin hat genug Inventar, um die Produktion nur bis Ende März zu unterstützen.
    TechCet schätzt, dass „Lieferungen aus Russland und der Ukraine in die USA 80 bis 90 Prozent aller Neonimporte ausmachen könnten“.
    „Wir sind in großen Schwierigkeiten. Wir haben keine Seltengase zum Verkauf“, sagte der Chef des japanischen Unternehmens Daito Medical Gas TzunEo Date. Sein Unternehmen handelt in Tokio mit verschiedenen Gasen.
    Unternehmen berichten, dass sie über Gasreserven verfügen, aber Versuche, Lieferanten außerhalb Osteuropas zu finden, werden zu einem Mangel an Vorräten und höheren Preisen führen, und zwar nicht nur für neOn, sondern auch für xenOn und cryptOn, die als Arbeitsmedium von Lasern verwendet werden, mit deren Hilfe die Photolithographie von Crackplatten durchgeführt wird.
    Etwa 40% des weltweiten Krypto-Angebots fällt auch auf die Ukraine.
    Laut Analysten der Deutschen Bank verfügen Mikrochip-Produzenten in der Regel über Gasreserven für 3-4 Wochen.
    Nach den Ereignissen auf der Krim im Jahr 2014 stiegen die Neonpreise um das Siebenfache.“

    Die Folgen für die Weltwirtschaft, wenn Russland die Lieferung dieser Rohstoffe an ausländische IT-Unternehmen blockiert, kann jeder im Umfang seiner eigenen Beeinflussbarkeit einschätzen.

    Wäre noch ausbaubar…..man kann wenn man 1 plus 1 zusammenzählt, ersehen wo das ganze hinführt…und wer die Hosen an hat.
    Russland hat alles um mit neunen Partnern die Chip Industrie neu aufzustellen…die da wären China aber auch Indien….was regelrecht scharf darauf ist…Taiwan ist überglücklich wenn es noch beliefert werden wird…denn einmal sind die Reserven beendet…und Odessa dürfte nicht wieder zu einem ukrei Staat gehören….

  2. @Walter Finger, gut zu wissen.Leute, die die russische Wirtschaft immer klein reden werden irgendwann merken dass nicht Grösse und Menge wichtig sind sondern die Art der Rohstoffe.Russland hat Alles was es braucht zum Überleben inkl.Energie und Agrarstoffe.
    Was macht die E- Autoindustrie ohne Batterien ? Was macht die Maschinenindustrie eines Exportlandes ohne Rohstoffe und Energie?
    Wie lange kann das Volk ruhiggestellt werden wenn die Inflation 50% der Bürger ins Existenzminimum befördert.

  3. Sehr gut formulierter und auf den Punkt gebrachter Beitrag. Danke für die Mühe. Liest man leider selten an anderen Stellen.

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