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Gesichtserkennung: Die zwei Gesichter des Fortschritts

Gesichtserkennung - Vor- und Nachteile

Die Technik der Gesichtserkennung zeigt einmal mehr: technologischer Fortschritt hat gute und schlechte Seiten. Immer wieder wird vor der technologischen Zukunft gewarnt, mit dem Fortschreiten der künstlichen Intelligenz und den Gefahren, die sich für die Gesellschaft daraus ergeben können. Und von Zeit zu Zeit gibt es auch die Übersichten mit der Anzahl der Überwachungskameras, die in den Städten dieser Welt installiert sind. Nicht nur in China, sondern auch in Städten wie London. Aber das Reich der Mitte nutzt die Technik der Gesichtserkennung zur kompletten Überwachung seiner Bürger, mit immer größeren Möglichkeiten (siehe hierzu den faszinierenden Artikel der NZZ, „Mein neues Leben in China„).

Gesichtserkennung: Der technogische Fortschritt und die Grundrechte

In meinem beruflichen Werdegang durfte ich eine Zeit lang über das Grundrecht der informationellen Selbstbestimmung gemäß Art. 2 Grundgesetz unterrichten, welches sich aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht ableitet. Dabei stets auch davor warnend, in sozialen Medien nicht zu viele Bilder von sich preiszugeben, vor allem nicht in kompromittierenden Situationen – das Internet vergisst nicht. Dass es aber so schnell zu einem Missbrauch personenbezogener Daten kommen wird, ist schon erstaunlich, war aber zu erwarten.

Jetzt setzt die Entwicklung der Überwachungssysteme und ihre Einbindung in das World Wide Web mittels KI noch einen drauf. Selbst Tech-Investor Peter Thiel warnte vor Kurzem auf einer Konferenz in Florida vor den Gefahren bei bestimmten Technologien. Man habe irrationale Angst vor bestimmten Entwicklungen, wenn eine Technik sich über den Menschen mit seiner Intelligenz stellen sollte, übersähe dabei aber Technologien, die dazu dienten, den Menschen weitgehend zu überwachen.

Er warnte vor einem System bei Technolgien der Gesichtserkennung, die gerade in autoritären Systemen wie in China gefördert werden –  skurrilerwise ist er aber selbst an zwei Firmen beteiligt, die diese Technologien stetig weiterentwickeln: Palantir und Clearview AI.

Ein Kommentar von Miriam Heckel im Handelsblatt offeriert ein paar Daten zu einer Entwicklung, die gerade von China aus mit Hochdruck unterstützt und in die Welt exportiert wird.

China stets ganz vorne dabei

Zunächst ist die Entwicklung nicht neu, in Städten Kameras zur Überwachung jedweder Art einzusetzen. Mitte 2020 gab es laut Daten- und Informationsdienst IHS Markit weltweit schon 770 Millionen Kameras im Einsatz, rund die Hälfte davon in China.

Im Ranking lagen auch chinesische Metropolen vorne, aber auch die britische Hauptstadt strebt nach großem Überblick.

Taiyuan 466.255 Kameras – 119 pro 1000 Einwohner‘
Wuxi 300.000 – 90/1000
London 627.727 – 67/1000
Changsha 260.000 – 56/1000
Beijing 1150.000 – 56/1000

Moskau 193.000 – 15,4/1000
Berlin 17.464 – 4,9/1000

Aber wie erwähnt: das Start-up Clearview AI stammt aus den USA (New York, gegründet 2017) und hat bereits eine Datenbank mit drei Milliarden Gesichtern erstellt. Wie von der Kommentatorin dargelegt, werden nach dem Hochladen eines Fotos in der App alle Bilder, die das System zu diesen Menschen im Netz finden kann, geliefert, plus der dazugehörigen Internetadressen. Dabei gehe es nicht nur um typische „erkennungsdienstliche“ Fotos, sondern um alles, was in den sozialen Netzwerken an Schnappschüssen zu finden ist. In den USA verwenden Strafverfolgungsbehörden diese Technologie, der Nachbar Kanada hat die App aber bereits verboten.

In China gibt es zwei Start-up-Firmen, die sich auf die Technik der Gesichtserkennung spezialisiert haben: Megvii Technology und SenseTime.

Sie sind Teil eines größeren Netzwerks, welches mit Hilfe der KI ein landesweites Überwachungssystem aufbaut. Damit gibt es aber schon wieder ein Wettrennen zwischen den USA und China, um eine Technik, die ein wenig erschauern lässt. Was für eine Vorstellung, jeden Menschen an allen öffentlichen Orten finden und verfolgen zu können. Eine Horrorvorstellung für eine freiheitlich demokratische Grundordnung und es riecht schon ein wenig nach der dystopischen Erzählung von George Orwell – 1984.

Sicherlich hat die Technik der Gesichtserkennung große Vorteile im Alltagsleben und bei Sicherheitskontrollen, wie zum Beispiel an Flughäfen.

Nicht aber, wenn diese zur Beobachtung und Überwachung von Bürgern eingesetzt wird, was zu einem Social Scoring führt, mit staatlicher Sanktionierung oder auch Privilegierung.

Der Bericht von Miriam Merkel endet mit einem persönlichen Erlebnis zum Stand der Technik: Beim Einstieg in ein Flugzeug in New York (JFK) benötigte sie weder Pass noch Bordkarte, es genügte die Gesichtserkennung – nicht in einer Maschine von Air China, es war die Lufthansa.

Fazit

Technik erleichtert in vielerlei Hinsicht das Leben ungemein. Wenn aber der zweiten Seite von Entwicklungen nicht rechtzeitig Aufmerksamkeit geschenkt wird (denken wir nur an den Extremfall der Nutzung der Atomkraft, aber auch die Vor-und Nachteile beim Einsatz von Drohnen), so wird es rasch kritisch für das Gemeinschaftsleben, schlicht für die Demokratie.

Das Thema Gesichtserkennung ist ambivalent: Von großem Vorteil bei der Prävention und der Repression in der Arbeit von Sicherheitsorganen, von großem Nachteil bei der Wahrung der Privatsphäre. Wie fast immer gibt es keine einfachen Lösungen.



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