Die Aktienmärkte bleiben nervös: Trotz einer kräftigen Erholung zum Wochenschluss ist keine Entwarnung in Sicht. Goldman-Trader warnen vor anhaltendem Verkaufsdruck, steigender Volatilität und strukturellen Risiken. Besonders der S&P 500 steht im Fokus, da systematische Fonds und dünne Liquidität neue Ausschläge nach unten begünstigen könnten.
S&P 500: Goldman-Trader warnen
Nachdem sich die US-Aktienmärkte am Freitag deutlich erholt und einen brutalen Rückgang zur Wochenmitte fast vollständig wettgemacht hatten, droht in dieser Woche neuer Verkaufsdruck. Laut dem Handelsteam von Goldman Sachs werden vor allem trendfolgende, algorithmische Fonds erneut Aktien abstoßen.
Der S&P 500 hat bereits eine kurzfristige Schwelle unterschritten, die sogenannte Commodity Trading Advisers (CTAs) zum Verkauf von Aktien veranlasst. Goldman rechnet damit, dass diese systematischen Strategien – die sich primär an Markttrends und nicht an Fundamentaldaten orientieren – in der kommenden Woche Nettoverkäufer bleiben, unabhängig davon, ob die Aktienmärkte steigen oder fallen.
Sollte es zu einem erneuten Rückgang kommen, könnten allein in dieser Woche rund 33 Milliarden US-Dollar an Verkaufsvolumen ausgelöst werden. Fällt der S&P 500 unter die Marke von 6.707 Punkten, könnten sich laut Goldman-Daten im Laufe des nächsten Monats sogar bis zu 80 Milliarden US-Dollar an zusätzlichen systematischen Verkäufen anschließen. Selbst bei einem seitwärts tendierenden Markt erwarten die Strategen Abgaben von etwa 15,4 Milliarden US-Dollar. Und selbst im Fall steigender Kurse dürften CTAs noch rund 8,7 Milliarden US-Dollar an US-Aktien verkaufen.
Volatilität und Nervosität
Die Nervosität an der Wall Street war zuletzt deutlich erhöht. Goldmans Panic Index, der unter anderem die implizite Volatilität des S&P 500, den VIX, Put-Call-Skews und die Struktur der Volatilitätskurve kombiniert, lag zuletzt bei 9,22. Dieses Niveau signalisiert, dass sich die Aktienmärkte am Donnerstag nicht weit von einem Zustand maximaler Angst entfernt hatten.
Am Freitag legte der S&P 500 dann um 2 % zu und verzeichnete damit den größten Tagesgewinn seit Mai. Dennoch endete die Woche insgesamt äußerst volatil. Zuvor hatten sowohl der S&P 500 als auch der Nasdaq 100 zu Wochenbeginn deutlich nachgegeben. Auslöser war die Einführung eines neuen KI-Automatisierungstools von Anthropic PBC, das Milliarden an Marktkapitalisierung bei Software-, Finanz- und Asset-Management-Aktien vernichtete, da Anleger neue Disruptionsrisiken einpreisten. Die Futures auf den S&P 500 notierten am Sonntagabend in New York leicht höher.
Auffällig war zudem, dass die Positionierung systematischer Strategien am Freitag die meistdiskutierte Frage unter Goldmans Kunden war. Das unterstreicht, wie groß das Interesse an Kapitalflüssen und deren potenziellen Marktauswirkungen derzeit ist.
Dünne Liquidität verstärkt Schwankungen
Zusätzlich zu den CTA-Verkäufen sorgen dünne Liquidität und sogenannte Short-Gamma-Positionierungen für ein unruhiges Marktumfeld. Diese Konstellation kann Kursbewegungen in beide Richtungen verstärken, da Händler gezwungen sind, in steigende Aktienmärkte hinein zu kaufen und bei Rücksetzern zu verkaufen, um ihre Risiken auszugleichen.
Die Top-of-Book-Liquidität im S&P 500 – also das Volumen der Kauf- und Verkaufsorders zum besten Geld- und Briefkurs – ist stark eingebrochen. Sie liegt aktuell bei nur noch rund 4,1 Millionen US-Dollar, verglichen mit einem Jahresdurchschnitt von etwa 13,7 Millionen US-Dollar.
Das Goldman-Handelsteam um Gail Hafif und Lee Coppersmith betonte in einer Kundenmitteilung, dass die eingeschränkte Fähigkeit zur schnellen Risikoübertragung zu stärkeren intraday-Schwankungen führe und die Stabilisierung der Preisbildung verzögere.
Auch die Positionierung der Optionshändler hat sich ungünstig verändert. Nachdem diese zuvor in einer Long-Gamma-Phase agierten – was einen Ausbruch im S&P 500 über die Marke von 7.000 Punkten gebremst hatte –, gelten sie nun als neutral bis Short Gamma. Dieser Effekt wird besonders problematisch, wenn die Marktliquidität gering ist. Die klare Botschaft der Trader: Anschnallen.
Systematische Risiken bleiben hoch
Andere systematische Anlagestrategien verfügen weiterhin über erhebliches Potenzial zum De-Risking. Risk-Parity-Fonds liegen aktuell im 81. Perzentil ihrer historischen Positionierung über die vergangenen zwölf Monate, während Volatilitätskontroll-Strategien im 71. Perzentil notieren. Im Gegensatz zu CTAs reagieren diese Ansätze stärker auf anhaltende Veränderungen der realisierten Volatilität. Sollte diese erhöht bleiben, könnte ihr Markteinfluss deutlich zunehmen. Zwar steigt die realisierte Volatilität im S&P 500, doch liegt der 20-Tage-Wert noch unter den Niveaus von November und Dezember.
Auch saisonal ist kaum Entlastung in Sicht. Der Februar gilt historisch als schwächerer und volatilerer Monat für den S&P 500 und den Nasdaq 100, da unterstützende Januar-Effekte wie Altersvorsorgezuflüsse und hohe Einzelhandelsaktivität nachlassen.
Hinzu kommt eine nachlassende Kaufbereitschaft privater Anleger. Nach einem Jahr aggressiver Dip-Käufe zeigte der jüngste Zwei-Tage-Indikator ein Nettoverkaufsvolumen von rund 690 Millionen US-Dollar. Besonders stark unter Druck gerieten beliebte Retail-Trades rund um Kryptowährungen und krypto-nahe Aktien. Sollte sich daraus eine breitere Umschichtung weg von US-Aktien entwickeln, wäre dies ein klarer Bruch mit den Handelsmustern des Vorjahres.
FMW/Bloomberg
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Die Investmentbanking-Analysten von Goldman Sachs thematisieren Fundamentaldaten bei den US-Techriesen im Zusammenhang mit der Künstliche Intelligenz. Vielleicht können diverse Hedgefonds daran mitwirken, daß die genannten Fundamentaldaten einen entsprechenden Stellenwert bekommen.