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Grexit: Diese Köpfe entscheiden über Griechenlands Zukunft

Redaktion

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am

Von Claudio Kummerfeld

Der Grexit schwebt als Drohkulisse über Europa. Ein Treffen jagt das nächste. Doch wer sind die Entscheider, welche Institutionen sind involviert? Ein Überblick… diese Köpfe entscheiden über Griechenlands Zukunft.

Jeroen Dijsselbloem versucht den Grexit zu verhindern
Der Eurogruppen-Vorsitzende Jeroen Dijsselbloem ist der wohl wichtigste Akteur im Griechenland-Rettungsapparat. Er muss durch Vermitteln zwischen den verschiedenen Positionen verhindern, dass es zu einem Grexit kommt.
Foto: Rijksoverheid / Wikipedia (Public Domain)

Mal wieder (welch ein Wunder) gab es keine Lösung im Griechenland-Drama. Grexit ja oder nein, Schuldenschnitt ja oder nein, welche Art von Reformen… weiter bleibt alles unklar. Angeblich soll es jetzt Ende der Woche den finalen absoluten entscheidenden Termin geben. Aber am Kochtopf namens Griechenland-Rettung rühren so viele Köche mit, dass man kaum noch einen Überblick hat. Wir versuchen diesen Überblick zu schaffen.

Eurogruppe

Die sogenannte „Eurogruppe“ ist der Zusammenschluss aller EU-Mitgliedsstaaten, die den Euro als Währung nutzen. Somit sind Länder wie Großbritannien und Dänemark nicht Mitglied in der Eurogruppe. Da Griechenland den Euro hat, und es neben der Stabilität der Währung auch darum geht dieses Mitglied in dieser Währung zu halten, ist die Eurogruppe eine der drei Institutionen, die Griechenland mit Krediten stützt. Der niederländische Finanzminister Jeroen Dijsselbloem zählt nicht gerade zu den mächtigsten Politikern Europas, aber wenn es um die Rettung Griechenlands geht, ist er im „technischen Ablauf“ sozusagen der Vorarbeiter, der Mann, der im Tagesgeschäft das Thema Griechenland vorantreibt. Angela Merkel, Francois Hollande und Mario Draghi sind zwar mächtigere Figuren, aber Dijsselbloem ist vielleicht sogar der entscheidende Macher in diesem „Spiel“. Er muss zwischen der Tsipras- und der Merkel-Fraktion vermitteln, also den Befürwortern und den Gegnern eines Schuldenschnitts.

Wolfgang Schäuble fungiert in der Eurogruppe quasi als Statthalter von Angela Merkel, und beharrt bisher auf der strikten Einhaltung der Devise Geld gegen Reformen, wogegen Francois Hollande möglichst schnell eine Einigung will, und daher wohl bereit wäre Griechenland weitgehend entgegenzukommen.

Die europäischen Rettungsschirme bekannt unter den Abkürzungen ESM und EFSF sind keine Instrumente der EU-Kommission, sondern der „Eurogruppe“. Die EU-Mitglieder, die den Euro haben, haben einen völkerrechtlichen Vertrag geschlossen um einen Schutzschirm für kriselnde Mitglieder aufspannen zu können, z.B. zur Verhinderung des Grexit, also des Ausscheidens von Griechenland aus dem Euro oder sogar der EU. Daher zahlen auch nur die Euro-Länder in diese Rettungsschirme ein. Daher liegt die Entscheidungsgewalt über die Rettungsgelder nicht bei der EU, sondern der Eurogruppe.
Was sind ESM und EFSF? Hier die Erläuterung.

Europäische Zentralbank

Ohne EZB-Chef Mario Draghi wäre der Grexit schon vor Monaten gekommen. Er ist der Zahlmeister im sich jahrelang hinziehenden Griechenland-Desaster. Die EZB steuert gerade stramm auf die Marke von 100 Milliarden Euro bei den ELA-Krediten (Notkredite) für die griechischen Banken zu, die damit wiederum die ständig neuen griechischen Staatsanleihen (T Bills) kaufen.

Hier eine genaue Erläuterung zum Ablauf der ELA´s.

Mario Draghi verwendet die Notkredite wie auch die hunderten Milliarden von Euro für das Quantitative Easing (Geldschwemme) um, wie er selbst auch sagt, der europäischen Politik Zeit zu verschaffen – Zeit um den Grexit zu verhindern und Zeit um die Konjunktur in Europa mit politischen Mitteln in Schwung zu bringen. Die Politik kriegt es aber nicht gebacken, und so muss Mario Draghi ständig weiter Geld nach Griechenland pumpen. Täte er das nicht, wären Staat und Banken längst pleite. Griechenland müsste zwar nicht automatisch aus dem Euro ausscheiden (Grexit), aber ein bankrottes und illiquides Land muss einen Weg finden schnell wieder attraktiv zu werden, und das ginge über eine eigene für Ausländer billige Währung.

Mario Draghi versucht mit ELAs den Grexit zu verhindern
EZB-Präsident Mario Draghi.
Foto: World Economic Forum / Wikipedia (CC BY-SA 2.0)

Euro-Staaten

Die Mitgliedsstaaten in der Eurozone, die ihre Finanzminister in die „Eurogruppe“ entsenden, entscheiden letztendlich, ob weitere Gelder für Griechenland freigegeben werden. Von daher sind die Schwergewichte Merkel und Hollande die beiden entscheidenden Player in diesem Spiel. Man könnte sagen die beiden + Dijsselbloem geben den Ton an in Sachen Griechenland-Rettung. In den meisten Euro-Ländern muss nur die Regierung weiteren Griechenland-Hilfen zustimmen, in Deutschland aber auch der Deutsche Bundestag. Angela Merkel könnte gerade eben so noch eine Mehrheit im Bundestag erreichen, um ggfls noch einmal weitere Milliarden für Griechenland freizuschaufeln – diesmal wären es 7,2 Milliarden Euro.

Zurecht selbstbewusst treten zunehmend die Staatschefs des Baltikums Estland, Lettland und Litauen auf. Hier hat man knallhart seine Staatshaushalte saniert, mit der Folge von niedrigen Staatsschuldenquoten, aber auch einem geringen Lebensstandard in großen Teilen der Bevölkerung. Deshalb drängt man gerade von dieser Seite darauf gegenüber Griechenland hart zu bleiben. Wie sollte man weitere Hilfsgelder für Athen ohne Gegenleistung sonst vor seinen eigenen Wählern vertreten?

EU-Kommission & EU-Parlament

Diese beiden europäischen Machtinstitutionen haben bei der Griechenland-Rettung gar nichts zu melden. Die Rettungsmilliarden laufen an beiden vorbei. Und da sie mit dem Geld nichts zu tun haben, reden sie auch in keinster Weise mit. Gerne verwechselt man die Eurogruppe mit der EU-Kommission oder Europa selbst. Aber dies sind zwei verschiedene paar Schuhe. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ist zwar regelmäßig anwesend, wenn es darum geht den Grexit zu vermeiden, aber außer warmen Worten kann er nichts zum Gelingen der Mission beitragen. Natürlich gebietet Juncker über milliardenschwere EU-Infrastrukturfonds uvm, und hat als Präsident der EU-Kommission generell ein kräftiges Standing. Indirekt kann er also schon ein gewichtiges Wörtchen in die Runde schmeißen, aber halt nur indirekt.

Der Franzose Pierre Moscovici unter Jean-Claude Juncker zum Währungskommissar der EU-Kommission ernannt worden. Es ist also für diesen Bereich in Europa zuständig, kann aber außer Appellen und Aufforderungen genau wie Jean-Claude Juncker nicht mitreden, wenn es um Griechenland geht, denn auch sein Ressort steuert bisher keine Cent zur Rettung des Landes bei.

Pierre Moscovici_en_mai_2010
EU-Währungskommissar Pierre Moscovici.
Foto: Charles Hendelus / Wikipedia (CC BY 2.0)

IWF

Christine Lagarde als Präsidentin und Olivier Blanchard als Chefvolkswirt bilden in den beiden wichtigsten Funktionen die französische Fraktion im Internationalen Währungsfonds (IWF). Beide stehen Griechenland eigentlich positiv gegenüber – man möchte alles dafür tun den Grexit zu vermeiden, im Rahmen seiner Möglichkeiten. Aber einerseits müssen sie die strikten IWF-Statuten nach außen durchsetzen, und andererseits tun Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis alles dafür schlechte Stimmung zu verbreiten, wie z.B. erst vor wenigen Tagen, also Tsipras den IWF kriminell nannte. Als 1/3-Bestandteil der „Institutionen“ (vormals Troika) ist der IWF der wichtigste Geldgeber, da die Eurogruppe bisher hoffte Griechenland würde durch den Druck der strengen IWF-Auflagen zu Reformen gezwungen sein. Christine Lagarde hat erst letzte Woche klar gemacht, dass der IWF am 30.06. auf die Zahlung der im Juni aufgelaufenen 1,5 Milliarden Euro durch Griechenland besteht. Ansonsten wäre eine Nichtzahlung de facto ein Zahlungsausfall, also per Definition die Staatspleite für Griechenland.

Christine Lagarde
IWF-Chefin Christine Lagarde.
Foto: MEDEF / Wikipedia (CC BY-SA 2.0)

Kurzfristiges Szenario gegen den Grexit

Wenn man sich mal wieder nicht einigt Ende dieser Woche, gibt es z.B. eine Möglichkeit, für die in Brüssel niemand abstimmen muss. Mario Draghi könnte die ständig erhöhten Notkredite für griechische Banken (ELA´s) schlicht und einfach um 1,5 Milliarden Euro stärker erhöhen als vorgesehen. Was würde damit geschehen? Das selbe wie immer: die griechischen Geschäftsbanken würden davon griechische Staatsanleihen kaufen. Finanzminister Yanis Varoufakis könnte seine Anleiheemissionen um 1,5 Milliarden Euro stärker erhöhen als normal. So hätte er ratz fatz bis 30.06. das Geld in der Kasse, um zu diesem Stichtag die fällige IWF-Kreditrate zu zahlen. Und mal wieder die Staatspleite verhindert. Mal wieder ein paar Tage Aufschub, damit die europäische Politik den Grexit mit „politischen Mitteln“ verhindern kann – die Hoffnung stirbt zuletzt.

4 Kommentare

4 Comments

  1. Avatar

    KK

    23. Juni 2015 12:27 at 12:27

    Der Satz: ….. das ginge über eine eigene, für Ausländer billige Währung …

    bedeutet eigentlich:

    freie Fahrt für Aufkäufe griechischer Substanz durchs Ausland.

    D.h., der Rest,
    das, was noch verblieb nach dem von

    Latsis und Anderen spottbillig

    bereits Einverleibten
    ( an frührerem Staats- und Privateigentum )

    kann dann ebenfalls ins Ausland ‚verschreddert‘ werden.

    Ja, da bleibt noch die bisher ungefragte Frage: w e m bekommts ?

    (Deren Antworten oft im Dunkeln bleiben, da Geld auch die Macht hat, zu Verschweigen und zu Verbergen.

    Brave new word, tatsächlich.

  2. Avatar

    joah

    23. Juni 2015 21:12 at 21:12

    @ Herr Kummerfeld: Haben Sie zu der Aussage „ESM, EFSF sind völkerrechtliche Verträge“ eine weitere Quellenangabe oder ist dies lediglich von der Webseit aktueller Regierungsorgane (Link Bundesregierung) entsprechend direkt übernommen worden? Würde mich brennend interessieren – Danke ohnehin für den Hinweis.

  3. Avatar

    admin

    24. Juni 2015 00:48 at 00:48

    Hallo joah! Ja, diese Info wurde von der Quelle „Bundesregierung“ übernommen.

    • Avatar

      joah

      24. Juni 2015 01:18 at 01:18

      alles klar, danke – dann muss ich wohl selbst weiter graben

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Aktuell: ifo-Institut hebt BIP-Prognose an – dramatische Staatsverschuldung

Claudio Kummerfeld

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am

Brandenburger Tor in Berlin

Die Wirtschaftsleistung in Deutschland soll im Jahr 2020 nicht so dramatisch einbrechen wie zunächst angenommen. Damit liegt die vor wenigen Minuten präsentierte Veröffentlichung des ifo-Instituts im Trend anderer Institute aus den letzten Tagen. Der Absturz der deutschen Wirtschaft verlaufe glimpflicher als gedacht. Das BIP (Bruttoinlandsprodukt) werde in 2020 um 5,2 Prozent schrumpfen, während man bei ifo noch im Sommer ein Minus von 6,7 Prozent vorhergesagt hatte. Der Rückgang im zweiten Quartal und die Erholung derzeit würden günstiger verlaufen als man es erwartet hatte.

Dafür werde das Wachstum der Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr geringer ausfallen. ifo rechnet beim BIP nun mit 5,1 Prozent statt 6,4 Prozent. Im Jahre 2022 erwartet das ifo-Institut plus 1,7 Prozent. Interessant sind auch die folgenden Aussagen der Wirtschaftsforscher. Besonders ins Auge fällt die dramatische Neuverschuldung des deutschen Staates – und das nicht nur im laufenden Jahr, sondern auch noch in den beiden Folgejahren. Hier ifo im Wortlaut:

„Die Unsicherheit bei den Prognosen ist sehr groß, weil niemand weiß, wie die Corona-Pandemie weiter verläuft, ob es nicht doch noch einen harten Brexit gibt und ob die Handelskriege beigelegt werden“, sagt Wollmershäuser.

Die Zahl der Arbeitslosen wird von durchschnittlich 2,3 Millionen im vergangenen Jahr auf 2,7 Millionen im laufenden Jahr steigen. Im kommenden Jahr wird sie auf 2,6 Millionen zurückgehen und 2022 dann 2,5 Millionen betragen. Damit erhöht sich die Quote in diesem Jahr von 5,0 Prozent auf 5,9 Prozent. 2021 sinkt sie auf 5,7 Prozent und im übernächsten Jahr auf 5,5 Prozent.

Der Überschuss des Staates von 52,5 Milliarden Euro im Jahr 2019 stürzt in diesem Jahr auf minus 170,6 Milliarden, weil die Ausgaben wegen der Stützung der Wirtschaft drastisch steigen und die Einnahmen sinken. Im kommenden Jahr wird der Fehlbetrag noch 86,9 Milliarden erreichen, im übernächsten immerhin 68,4 Milliarden.

Auch der viel kritisierte deutsche Überschuss in der Leistungsbilanz (Exporte, Importe, Dienstleistungen, Transfers) sinkt in diesem Jahr, von 244 Milliarden auf 215,4 Milliarden, denn die Exporte gehen 2020 deutlich schneller zurück als die Importe. Im kommenden Jahr steigt der Überschuss aber wieder auf 276,2 Milliarden. Im Jahr 2022 erreicht er 290,1 Milliarden.

Tabelle mit BIP-Details vom ifo-Institut

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So tickt die Börse: Grenke, Wirecard und Steinhoff: Die Schwachstelle im System

Stephan Heibel

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Grenke droht nach Wirecard zum nächsten Debakel für die Börse zu werden, wenn das Unternehmen nicht schleunigst alle Vorwürfe entkräftet. Ich habe den Blick auf Gemeinsamkeiten mit Wirecard und Steinhoff geworfen und mit Hilfe eines Kunden die Schwachstelle im System gefunden, die Betrügereien zumindest ermöglicht. Ob Grenke die Schwachstelle genutzt hat, ist noch offen.

Nach Steinhoff und Wirecard spekuliert Fraser Perring nun auf betrügerische Machenschaften bei Grenke Leasing. Über seine Researchfirma Viceroy (Vize-König) hat er eine 64 Seiten lange Analyse zu Grenke veröffentlicht, die den Aktienkurs um über 50% hat einbrechen lassen. Das pikante daran: Perring selbst ist im Vorfeld der Veröffentlichung der Vorwürfe massiv short gegangen, verdient sich also eine goldene Nase an dem Kurseinbruch.

Inzwischen hat Firmenpatriarch Wolfgang Grenke zu den Vorwürfen Stellung bezogen. Wir befinden uns meiner Einschätzung nach erst am Anfang einer Auseinandersetzung, die in den kommenden Wochen und Monaten mit immer neuen Details Anleger verunsichern wird. Ausgang ungewiss.

Da es sich um eine Masche handelt, die sich zu wiederholen scheint, habe ich mich ein wenig dahinter geklemmt, was nun wirklich das Problem ist. Stark geholfen hat mir dabei ein Kunde, der bei einem US-Unternehmen vor vielen Jahren entsprechende Machenschaften aufgedeckt hatte. Das System ähnelt sich immer wieder. Ich will versuchen, die Schwachstelle im System zu identifizieren, damit wir als Anleger das Risiko besser einschätzen können.

Es gibt verschiedene Wege, immaterielle Vermögensgegenstände zu Geld zu machen. Ich denke mir hier mal ein eigenes Beispiel aus: Die Software, die ich zum Betrieb des Heibel-Tickers entwickeln ließ, hat mich viel Geld gekostet. Da ich ohne die Software meinen Laden nicht betreiben könnte und ich sehe, was ich dadurch verdiene, ist die Software für mich subjektiv ein Vielfaches dessen wert, was ich dafür ausgegeben habe. Doch niemand möchte mir einen entsprechenden Geldbetrag dafür geben, denn für Dritte ist meine individuelle Software nahezu wertlos. Daher laufen Entwicklungskosten bei mir als Kosten und nicht als Investition. Einen Wert erschaffe ich damit nicht.

Wenn man nun hohe Wachstumsziele verfolgt und jeden Cent locker machen möchte, um ihn zu investieren, dann ärgern einen diese Kosten. Ich kann den Wert meiner Software nicht als Sicherheit hinterlegen, weil es niemanden gibt, der der Software einen in meinen Augen auch nur annähernd fairen Wert bemisst. Also könnte ich doch eine Auslandsgesellschaft gründen und diese kauft mir meine Software für meinen Wunschpreis ab. Das Geld für den Kauf erhält die Auslandsfirma aus einer anderen Abteilung meines Unternehmens und so fließen meinem Unternehmen Bargeld zu, während irgendwo anders eine Forderung entsteht. Die Forderung ist natürlich, und davon wäre ich als Unternehmensgründer überzeugt, durch den hohen Wert der Software sehr gut besichert.

Okay, hier verlassen wir meinen kleinen Heibel-Ticker als Beispiel, denn hier ist nun schon ein Konzern mit einer etwas komplexeren Struktur erforderlich.

Nun kommen die Wirtschaftsprüfer ins Spiel: Alle Gesellschaften, also sowohl die Konzernmutter in Deutschland als auch die Töchter in Luxemburg, Malta, Dubai und Brasilien (das sind nur zufällig Standorte von Grenke-Töchtern), werden dann von lokalen Wirtschaftsprüfern geprüft. Da kommen dann ein paar hochbezahlte und erfahrende Akademiker für mehrere Tage in die Räume des Unternehmens, drehen alles auf links und schauen nach, ob die jeweiligen nationalen Gesetze eingehalten wurden.

In Brasilien wird nicht geprüft, ob deutsche Gesetze eingehalten wurden. Es werden die jeweiligen Jahresabschlüsse nach den nationalen Gesetzen testiert.

Nun kommt der Konzernbilanzbuchhalter ins Spiel. Er übernimmt die Zahlen der einzelnen Landesgesellschaften und „konsolidiert“ sie in die Konzernbilanz. Bei diesem Vorgang würde dann der obige Softwarekauf herausgerechnet, da es sich um ein internes Geschäft handelt. Doch bei der Konsolidierung befinden wir uns in einem Bereich, den ich als anfällig bezeichnen würde: eine Schwachstelle.

Denn selbst im SAP-System gibt es noch kein ausgereiftes Modul, das diese Problematik zufriedenstellend gelöst hat. Bei meinen Recherchen habe ich in Erfahrung gebracht, dass SAP mit einem Partnerunternehmen derzeit ein solches System entwickeln möchte. Bis heute ist im SAP-System noch viel Handarbeit erforderlich, um die Konsolidierung umzusetzen. Viele Unternehmen haben an dieser Stelle eigene Lösungen entwickelt, die inzwischen vollautomatisch laufen, aber einen internationalen Standard gibt es noch nicht. Zu komplex sind die Anforderungen durch die Vielzahl der Geschäftsmodelle und die Vielzahl der beteiligten Länder bis hin zur Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten bzw. Handlungsspielräumen.

Wir haben es hier also mit testierten Zahlen zu tun, die im Zuge der Konsolidierung in einer Art verwendet werden, die nicht internationalen Gesetzen unterliegen. Es gibt Best Practice Vorschriften für Buchhalter, es gibt Empfehlungen und Leitlinien, aber meines Wissens riskiert ein Buchhalter, der im Rahmen der Konsolidierung „Fehler“ macht, nicht Kopf und Kragen, sondern erst einmal nur eine Rüge, sollte es auffliegen. „Hoppla, da ist mir wohl ein Fehler unterlaufen“.

Auch die Konzernbilanz wird natürlich geprüft. Doch ist es dem Prüfer nicht zuzumuten, sämtliche oben genannten Feinheiten zu überblicken. Er muss die konsolidierten Zahlen als gegeben hinnehmen und prüft deren Konsistenz, nicht aber Herkunft. Fragen über die Herkunft wird der Konzernbilanzbuchhalter beantworten und da können Sie von ausgehen, dass er eine plausible Erklärung hat, denn er kennt das Geschäft ja wesentlich besser als der Prüfer.

Auch die Herkunft wird jedoch geprüft. Der oben genannte Kunde erzählte mir aus seiner Erfahrung, dass alle 5-6 Jahre zwei Hochschulabgänger von der Konzernzentrale in einzelne Landesgesellschaften geschickt wurden, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Erfahrene Prüfer wurden kaum eingesetzt, da es sich hierbei um einen Pflichtbesuch handelte, nicht jedoch um eine Pflichtprüfung: Zur Pflichtprüfung würde es nur werden, wenn falsche Ergebnisse teuer würden. Mangels entsprechender internationaler Sanktionsmechanismen in diesem komplexen Umfeld ist es für Prüfungsgesellschaften ökonomisch sinnvoll, dort ein paar günstige Arbeitskräfte hinzuschicken. Diese Frischlinge hören sich dann vor Ort mit stauenden Augen die Hintergründe zu den Zahlen an und glauben letztlich alles, was ihnen erzählt wird.

Nach einigen Jahren könnte der Konzern dann die 100%ige Softwaretochter aus Brasilien wieder übernehmen und in den Konzern eingliedern. Die Softwarefirma hat eine Software im Bestand, die über Jahre einen stabilen Wert ausgewiesen hat. Der entsprechende Kredit der Firma wird dann vom Konzern unter gleichen Bedingungen mit der gleichen Bescherung weitergeführt. Über die Zeit bläht sich die Bilanz des Unternehmens auf.

Grenke nutzt eine Partnerfirma im Ausland, CTP, um Leasingfirmen im Ausland zu betreiben. Diese Leasingfirmen werden nur dann zu Töchtern (also gekauft), wenn sie sich als erfolgreich zeigen. So werde das Risiko ausgelagert, sagt Patriarch Wolfgang Grenke. Viceroy Research behauptet, diese Auslandstöchter würden keinen Gewinn abwerfen, sondern nur über immer höhere Kredite einer anderen Konzerntochter, Grenke Finance, subventioniert.

In der Telco wurde Grenke nach den Eigentümern von CTP von VOR 2020 gefragt und ist einer Antwort ausgewichen, was von Perring über Twitter sofort mit Wirecard verglichen wurde, die auch lange Zeit Fragen zu Verhältnissen zwischen Partnergesellschaften nicht beantworten wollte. Mann Oh Mann, echt spannend!

Natürlich dürften Unternehmensteile Verluste erwirtschaften, das macht das ganze System noch nicht korrupt. Beispielsweise könnte so strategisches Wachstum verfolgt werden.

Ich würde die Situation derzeit so beschreiben: Es ist durchaus möglich, über ein Netz von Auslandsgesellschaften Zahlen vorzutäuschen, die nicht der Wirklichkeit entsprechend. Es gibt deutliche Schwachstellen in unserem System und es gab immer wieder Unternehmen, die diese Schwachstellen betrügerisch ausgenutzt haben. Viceroy hat nun bei Grenke viele Elemente entdeckt, die auch Unternehmen ausgewiesen haben, die diese Schwachstellen betrügerisch genutzt haben. Das allein reicht jedoch noch nicht, um Grenke den Betrug nachzuweisen.

Wer jetzt in Grenke investiert, weil die Aktie „günstig“ ist, der sollte sich der Gefahr bewusst sein. Sollten sich die Vorwürfe als richtig herausstellen, ist die finanzielle Basis des Leasing-Anbieters gefährdet. Grenke ist nun gefordert, die Vorwürfe vollumfänglich zu entkräften. Das ist, sofern Grenke sauber wirtschaftet, ärgerlich, weil es ein Riesenaufwand bedeutet! Auf der anderen Seite ist es natürlich auch sehr riskant, wenn Grenke tatsächlich die oben genannte Schwachstelle das ein oder andere Mal genutzt haben sollte.

Wer also in Grenke spekulieren möchte, der sollte forensische Blanzprüfungsfähigkeiten haben, um sich eine Meinung zu bilden. Andernfalls gilt meine alte Regel: Bilanzierungsunregelmäßigkeiten = Finger weg! Warten wir’s ab, denn der Ausgang ist einmal mehr ungewiss.

Einer, der öffentlich darauf spekuliert, dass an den Vorwürfen nichts dran ist, ist Fondsmanager Hendrik Leber von Acatis. Mindestens genauso wichtig wie das, WAS gesagt wird, ist, WER sagt es. Acatis ist mit 5,02% Anteilen an Grenke einer der Großaktionäre des Konzerns. In der Situation, wie sie ist, hat Leber keine andere Wahl, als die Vorwürfe als haltlos zu bezeichnen. Er hatte drei Möglichkeiten: Viceroy zustimmen, dann wäre seine Beteiligung schon morgen wertlos. Das kann er seinen Anlegern nicht antun, in diesem schlimmsten Fall müsste er zumindest versuchen, die Beteiligung noch irgendwie mit Verlusten loszuschlagen. Möglichkeit zwei wäre „nichts sagen“. Das kann ein so wichtiger Aktionär nicht ewig tun, sein Schweigen würde ihm irgendwann negativ ausgelegt. Möglichkeit 3 ist, die Vorwürfe als haltlos zu erklären. Entweder er trennt sich nun von seiner Beteiligung unter Verlust, oder aber er hat recht und steht am Ende als Fels in der Brandung da. Ungeachtet dessen, ob Leber tatsächlich weiß, was los ist, ist seine Aussage damit ziemlich wertlos, schade.

Ich bleibe am Ball und werde Updates in meinem Heibel-Ticker veröffentlichen. Bei Interesse geht es zur Anmeldung über www.heibel-ticker.de

So tickt die Börse

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Banken: Nach den großen jetzt die kleinen – Aufseher biegen Vorgaben zurecht

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Türme von Banken in Frankfurt

In der aktuellen Coronakrise sieht man es in vielen Bereichen. Wo es nicht passt, wird es von staatlicher Seite eben passend gemacht. Das ändert nichts an der miesen Lage, aber es sieht dann eben optisch besser aus. So zum Beispiel bei zahlreichen Zombieunternehmen, die auch nach der Krise wohl nicht wieder gesunden werden, die aber dank Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis Jahresende weiter machen können. Völlig überschuldet, aber noch liquide. Läuft. Und die Banken, die bekamen auch schon Hilfe.

Aufsicht hilft Banken mit verschiedenen Maßnahmen

Seit März müssen die Banken Kredite, die sie ihren Kreditnehmern gestundet haben, nicht als Kreditausfälle abschreiben. Also sind offiziell keine Verluste sichtbar, obwohl diese Kreditforderungen in vielen Fällen wohl ganz oder teilweise wertlos sind. Und heute verkündet die BaFin, dass die kleineren Banken in Deutschland, die unter direkter Aufsicht der BaFin stehen, ab dem 22. September bis Juni 2021 eine Erleichterung erhalten. Es wird ihnen nämlich erlaubt „gewisse Risikopositionen“ gegenüber der Zentralbank zeitlich befristet nicht zu berücksichtigen, wenn sie die Verschuldungsquote berechnen. Details der Regelung und den Voraussetzungen zur Nutzung kann man hier nachlesen. Weiter sagt die BaFin heute, Zitat:

Der europäische Gesetzgeber hat mit Artikel 500b der Europäischen Eigenmittelverordnung (Capital Requirements Regulation – CRR) vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie eine zeitlich befristete Möglichkeit geschaffen, um gewisse Risikopositionen aus der Berechnung der Verschuldungsquote (Leverage Ratio) auszunehmen. Dies soll die Durchführung geldpolitischer Maßnahmen erleichtern. Gemäß Artikel 500b der CRR erklärt die BaFin nach Konsultation der Europäischen Zentralbank (EZB) als betroffener Zentralbank und in Koordination mit der Deutschen Bundesbank, dass außergewöhnliche Umstände vorliegen, die diesen Ausschluss rechtfertigen.

Die selbe Erleichterung zur Berechnung der Verschuldungsquote bei Banken hatte die EZB als Aufsichtsbehörde letzte Woche schon den großen Banken gewährt, die unter ihrer direkten Aufsicht stehen. Beim Klick an dieser Stelle finden Sie unseren heutigen Artikel über eine aktuelle Veröffentlichung der Bundesbank, wonach die Banken in Deutschland (als Gesamtbetrachtung) letztes Jahr 2 Milliarden Euro Verlust gemacht haben, nach 12,2 Milliarden Euro Gewinn in 2018.

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