Anleihen

Griechenland zahlt IWF-Schulden zurück – was man in der Tagesschau nicht gesehen hat

Die Akropolis als Wahrzeichen von Griechenland

Wer gestern Abend um 20 Uhr die Tagesschau geschaut hat (hier das Video), der bekam dort zu hören: „Griechenlnad hat keine Schulden mehr beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Zwei Jahre vor Ablauf der Zahlungsfrist hat das Land 1,9 Milliarden Euro zurückgezahlt. Laut dem griechischen Ministerpräsidenten werde damit ein graues Kapitel geschlossen, das 2010 mit der schweren Finanzkrise seinen Lauf genommen hatte. Damals musste sich Griechenland vom IWF und seinen EU-Partnern Kredite in Milliarden höhe leihen“. Und zack, das war es von der Tagesschau zu dem Thema.

Wer also nur diese 15 Minuten Nachrichtendosis im TV konsumiert hat, wird sich denken: „Gut, mit Griechenland geht es wieder bergauf, das Land baut seine Schulden ab, alles bestens. Die Maßnahmen der letzten Jahre haben gefruchtet, und die Lage bessert sich“ … aber dem ist eben nicht so. Natürlich muss man sagen: In 15 Minuten TV-Ausstrahlung muss man viele Sachverhalte stark verkürzt darstellen aufgrund der knappen Zeit – und schließlich sind derzeit Nachrichten wie der Ukraine-Krieg wichtiger. Aber ein wenige Sekunden dauernder Hinweis in der Sendung hätte schon genügt, um klar zu machen, dass die Schuldenlast Griechenlands nicht sinkt, nur weil man Geld an den IWF überwiesen hat.

Wer auf der Webseite der Tagesschau gestöbert hat, fand auch einen Nachrichtenartikel zu dem Thema. Hier hat man den Sachverhalt schon etwas eingehender besprochen. Zum Beispiel wird erwähnt, dass Griechenland trotz des Schuldenschnitts im Jahr 2012 und der jüngsten Fortschritte immer noch die höchste Staatsverschuldung in der Eurozone hat. Ende 2021 schätzte der IWF den Schuldenstand auf gut 366 Milliarden Euro. Laut Regierungsprognosen soll die Verschuldung Ende dieses Jahres 189,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen – gegenüber 197,1 Prozent im Vorjahr und 206,3 Prozent im Jahr 2020, so wird es dort erwähnt.

Auch hier hört man Optimismus raus. 189,6 Prozent Schulden in Relation zum BIP gegenüber 206,3 Prozent vor zwei Jahren – das hört sich nach Fortschritt an. Aber man werfe doch bitte mal einen Blick auf die Entwicklung der tatsächlichen Staatsschulden in Griechenland in Euro, und nicht in Relation zur Wirtschaftsleistung. Denn wenn die Wirtschaft wächst, kann die Schuldenlast optisch gut reduziert werden, wenn man sie nur in Relation zur Wirtschaftsleistung stellt. Aber die tatsächlichen Schulden in Euro sind ein harter Fakt.

Erwähnt wurde bereits die Schätzung des IWF von 366 Milliarden Euro Schuldenlast zu Ende 2021. Laut Trading Economics (basierend auf Daten der griechischen Zentralbank) waren es 388 Milliarden Euro. Aber egal ob 366 oder 388 – interessanter ist der langfristige Trend für die Entwicklung der Staatsschulden in Griechenland. Im ersten Chart sehen wir den Verlauf des Schuldenstandes für die letzten zehn Jahre, und im zweiten Chart seit dem Jahr 2005. Man erkennt in den letzten Jahren einen kontinuierlichen Anstieg der Schuldenlast. Und im größeren Bild erkennt man gut den großen Schuldenschnitt aus dem Jahr 2012, durch den die Verschuldung deutlich sank. Aber den Höchststand vor diesem Schnitt hat man bis jetzt sogar wieder überschritten auf neue Rekordstände. Von einer Entspannung der Lage oder einem Schuldenabbau kann also keine Rede sein. Nur das steigende Bruttoinlandsprodukt (BIP) sorgt dafür, dass man bei der Betrachtung der prozentualen Relation von einer sinkenden Staatsverschuldung in Griechenland sprechen kann.

Und die Rückzahlung an den IWF? Nun, wenn Griechenland sich derzeit wieder gut und günstig am freien Anleihemarkt verschuldet, kann man natürlich locker die Schulden beim IWF früher zurückzahlen. Es ist „Linke Tasche Rechte Tasche“, aber es macht sich gut für die Optik. Für die Anleger ist es auch eine schöne Sache. Griechische Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit bringen ihnen aktuell eine Rendite von 2,73 Prozent – das ist doch allemal besser als 0,66 Prozent für deutsche Staatsanleihen – zumal man bei Griechenland-Bonds ja kein Währungsrisiko eingeht gegenüber deutschen Anleihen.

Und wer möchte da nicht höhere Renditen abstauben. Und das Ausfallrisiko? Wer glaubt bitte schön wirklich daran, dass Griechenland pleite gehen wird? Nach den gigantischen Rettungsmaßnahmen seit der Finanzkrise ist klar, dass die Euro-Partner alles tun werden, um das Land liquide und im Euro zu halten. Wie der Nachrichtentext der Tagesschau richtig schreibt: Insgesamt summierten sich die Notkredite und Hilfen aller Hilfsprogramme zwischen 2010 und 2018 für Griechenland auf rund 278 Milliarden Euro. Die Rückzahlung der Kredite des ESM und der EFSF durch Griechenland werde noch Jahrzehnte dauern. Würde man bei erneuten Krisen Griechenland pleite gehen lassen, müsste man wohl seine Forderungen abschreiben – und das würde man sicherlich nicht zulassen, sondern stattdessen lieber erneut mit frischem Geld retten.


source: tradingeconomics.com


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4 Kommentare

  1. Ein Trauerspiel und albekanntes Schema.
    Nein Lügen das tun wir nicht, aber wir erzählen euch auch nicht alles was wir wissen.
    In schlechten Zeiten wie diesen ringt man wahrscheinlich nach aufheiternden Nachrichten – anders möchte man deratige Ausrutscher nicht erklärt wissen !

    1. Für einen zugereisten Nicht-Sachsen aus Mosambik hast du die sächsische Bin-gegen-alles-Protestkultur inkl. anti-argumentativem Populismus echt perfekt assimiliert. Lästern, kritisieren, pauschalisieren, was das Zeug hält und wo es nur geht, wirklich großartig!

      Es ist nicht Aufgabe einer 15-Minuten-Tagesschau, jedes Thema bis ins kleinste Detail zu beleuchten. Dafür gibt es schließlich die Website der Tagesschau, in der es übrigens heißt: „Das positive Signal darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Haushaltslage Griechenlands weiter überdurchschnittlich angespannt ist. Zum einen haben allein die Ausgaben im Zuge der Corona-Krise die Schuldenstände in Europa dramatisch nach oben getrieben. An den Finanzmärkten hatte sich zudem zu Jahresbeginn die Sorge verstärkt, dass die in Europa bevorstehende Zinswende besonders die Länder im Süden Europas treffen werde.“
      Diese Kleinigkeit hat der Autor des Artikels vorsichtshalber vergessen zu erwähnen.

  2. Wenn Griechenland mal die Gasvorräte im östlichen Mittelmeer erschließt, wird es aber wie Phönix aus der Asche schießen… ;-)

  3. Wen der Einbau von Gasheizungen wie geplant verboten wird, dan wird es auch nichts mit Gas aus dem Mittelmeer, wegen dem die Tuerkei eh staendig Seemeilen verletzt. Wenn Einbau von Gasheizungen verboten wird, ist klar wo die Reise hin geht. Insofern versteht kein Mensch was da seit 2002 passiert. Zumindest in Deutschland darf ja dann mit Gas gar nicht mehr geheizt werden. Also gleich ohne Heizung. Obwohls auch dort sehr kalt werden kann. Seit 1990 klappt dort zumindest der Handel mit Kokain perfekt, der vorher ausgestorben war. Es ist so wie wir es sagen. Eigentlich sollte schon in den 70ern nirgendwo mehr in Meernaehe gebaut werden. In keinem Land…Insofern seit 2002 ist die Frage wie…

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