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Griechenland: Juncker bot Tsipras 34 Milliarden Euro an – abgelehnt!

Redaktion

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Von Claudio Kummerfeld

Was war da los auf dem G7-Gipfel und kurz davor? Der Präsident der EU-Kommission Jean-Claude Juncker lehnte es ab mit Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras zu telefonieren. Juncker bot zuvor Tsipras 34 Milliarden Euro an – abgelehnt… die Hintergründe!

Jean Claude Juncker will Griechenland helfen
Präsident der EU-Kommission: Jean-Claude Juncker
Foto: Factio popularis Europaea / Wikipedia (CC BY 2.0)

Ein Rettungsvorschlag für Griechenland

Aber zurück zum Anfang. Jean-Claude Juncker war einer der europäischen Politiker, die Alexis Tsipras noch freundlich und aufgeschlossen gegenüber standen – bis jetzt. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Jean-Claude Juncker als Präsident der EU-Kommission das große Ganze im Blick hat, das er erhalten will (Europa). Um endlich eine elegante Lösung für Griechenland zu finden, bei der auch die europäischen Staatschefs gegenüber ihren Wählern ihr Gesicht wahren können, bat Juncker Alexis Tsipras letzte Woche an, dass Griechenland aus diversen EU-Fördertöpfen 34 Milliarden Euro erhalten solle, so berichten es gut informierte Kreise. Doch Tsipras lehnte ab!

Griechenland hätte das Geld verwenden können um groß angelegt öffentlich zu investieren in Straßen, Brücken und Energie. Dadurch würden viele Menschen erst einmal wieder Arbeit bekommen. Genau der Rettungsanker, und vor allem genau das Investitionskonzept, von dem Finanzminister Varoufakis seit Wochen in seinen Vorträgen und Interviews immer sagt, dass Griechenland sie dringend braucht.

Ablehnung

Umso erstaunlicher, dass Alexis Tsipras in seiner Heimat von diesem Vorschlag niemandem berichtete. Das Einzige, was man von ihm hörte waren negative Äußerungen, wie schrecklich das alles sei, was aus Brüssel kommt (frei zusammengefasst). Vor dem griechischen Parlament sagte Tsipras alleine auf Grundlage der griechischen Vorschläge sei eine Einigung möglich. Hat man das schon mal gehört, dass der Schuldner, der in einer dramatischen Notlage ist, seiner Bank die Kreditbedingungen diktiert? Denn nichts anderes ist es ja im Grunde genommen, worum es hier geht (abgesehen von der menschlichen Tragödie dahinter). Was Juncker am meisten geärgert hat, sogar böse verstimmt hat, soll die Tatsache gewesen sein, dass Alexis Tsipras in der griechischen Öffentlichkeit mit keinem Wort seinen 34 Milliarden Euro-Vorschlag erwähnt hat nach dem Motto „die EU bietet uns kein Geld an“. Juncker sagte bei G7-Treffen das Angebot der EU sei „kein Friss oder Stirb-Angebot“ gewesen.

Warum?

Warum hat Tsipras abgelehnt? Zwei Erklärungen sind möglich. Erstens sind solche Infrastrukturgelder zweckgebunden. Sie müssen für ganz bestimmten Projekte (Brücken etc) ausgegeben werden, aber Tsipras braucht sofort Cash, um es in den „normalen“ Staatshaushalt stecken zu können, für die Bezahlung der laufenden Ausgaben. Zweitens erwartet ganz Europa immer noch eine verbindliche und seriöse Liste von Maßnahmen, mit der Griechenland meint sich restrukturieren zu können. Anscheinend möchte man in Athen aber am liebsten einfach so Geld bekommen, ohne dafür etwas anbieten zu müssen, und ohne es für etwas Bestimmtes ausgeben zu müssen.

Jetzt könnte man einfach sagen diesen 34 Milliarden-Vorschlag gab es gar nicht, alles Erfindung. Aber mehrere Personen haben unabhängig voneinander die Richtigkeit dieses Angebots bestätigt. Was dem auch noch mehr Glaubwürdigkeit verleiht: es gibt ja so oder so reichlich EU-Fördertöpfe, die alle Mitgliedsstaaten anzapfen können. Es wäre also gerade für den Präsidenten der EU-Kommission ein Leichtes solche Gelder freizugeben – das ist unendlich einfacher als wenn man Rettungsaktionen beschließt, vorher aber erst mal von allen Mitgliedsstaaten das OK einholen muss.

Alexis Tsipras´ Problem: er ist endlich in der Realpolitik angekommen. Vor der Wahl hat er dem griechischen Volk Versprechungen gemacht, die unrealistisch waren. Jetzt sitzt ihm seine fundamentale Linke bei Syriza im Nacken und macht jede Menge Druck. So muss er sich entscheiden – wen enttäuscht er, Syriza + Wähler oder Europa?

12 Kommentare

12 Comments

  1. Avatar

    Hinterfrager

    9. Juni 2015 14:15 at 14:15

    Die „Hintergründe“ hierzu sollten jedoch stichhaltig mit Quellen belegbar sein – und zwar mehr als einer. Nur leider sind diese trotz intensiver Recherche in den einschlägigen Suchmachinen schlicht nicht zu finden…

  2. Avatar

    admin

    9. Juni 2015 15:13 at 15:13

    Hallo „Hinterfrager“. Vielen Dank für Ihren Kommentar. Wenn es sich um nicht belegbare Gerüchte handelt, die auch recht unglaubwürdig klingen, erwähnen wir dies stets eindeutig in unseren Artikeln. Wir recherchieren für unsere Artikel in öffentlich zugänglichen Quellen und auch über unsere Kontakte, die teilweise nicht namentlich genannt werden wollen. Sie stimmen mir sicher zu, dass bestimmte Funktionsträger oder Mitarbeiter in Behörden/Parlamenten nicht mehr lange dort arbeiten würden, wenn ihre Vorgesetzten wüssten, dass sie Informationen an die Presse weiterreichen?

    • Avatar

      Hinterfrager

      9. Juni 2015 15:36 at 15:36

      Dann sollte dies auch aus Text und Überschrift genau so hervorgehen und nicht unreflektiert der Indikativ verwendet werden („Juncker bot Tsipras 34 Milliarden Euro…“) – sonst gerät man unter den Qualitätsaspekten für saubere journalistische Arbeit nämlich sehr schnell ins Schlingern…

  3. Avatar

    joah

    9. Juni 2015 15:16 at 15:16

    Ich würde da persönlich einen Unterschied zwischen Europa (Kontinentaldefinion mehrerer unabhängiger Länder) und der „Europäischen Union“ (Enteignungsorganisation) ziehen – Europa erhält sich von allein, die EU nur durch (illegitime) Zwang(slegitimation) und Gewalt. ;-)

    Zitat: „Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Jean-Claude Juncker als Präsident der EU-Kommission das große Ganze im Blick hat, das er erhalten will (Europa).“

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    Jürgen Leyendecker

    9. Juni 2015 15:41 at 15:41

    Bitte erklären Sie uns Lesern die Voraussetzungen und Wirkungsweisen solcher zweckgebundener Infrastrukturmaßnahmen. Ich denke dabei an Fragen wie: Hat Griechenland überhaupt eine ausreichend funktionierende Verwaltung, um größere Infrastrukturmaßnahmen zu planen und begleitend bis zur erfolgreichen Fertigstellung zu überwachen. Welche Eigenmittel muss Griechenland aus eigener Kraft mit in die Infrastrukturmaßnahmen investieren, um die Programme überhaupt erst abrufen zu können und woher sollen diese finanziellen Mittel bei einem bankrotten Staatshaushalt kommen? Soweit mir bekannt, müssen größere Infrastrukturprojekte europaweit ausgeschrieben werden. Wenn ich an den Bau größerer Brücken und sonstiger Ingenieurbauwerke denke, wer wird wohl den größeren Nutzen davontragen, deutsche und französische Baukonzerne oder die griechische Bauwirtschaft? Wenn also ein beachtlicher Teil dieser Gelder nicht in der griechischen Wirtschaft landet, kann man vielleicht das bescheidene Interesse der griechischen Regierung nachvollziehen? Angenommen die notwendige Manpower würde in der griechischen Verwaltung existieren, wieviele Jahre würden vergehen, bis auf die Planung, der Bau der Infrastrukturprojekte und damit vieleicht ein Nutzen für die griechische Wirtschaft zu verzeichnen wäre? In Deutschland ziehen für solche Projekte schnell 10-15 Jahre ins Land. Würde Griechenland nur die Hälfte dieser Zeit benötigen, stellte dies einen Zeithorizont dar, der Griechenland in der derzeitigen Lage überhaupt nicht hilft. Und für die Akzeptanz dieses Pakets, soll Griechenland weitere Rentenkürzungen abnicken, auf jegliche Politik, den eigenen Arbeitsmarkt betreffend, verzichten und sonstige Kröten schlucken, welche die Gläubiger an Griechenland herantragen? Noch ist das Land souverän.

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      admin

      9. Juni 2015 17:09 at 17:09

      Hallo Herr Leyendecker,

      Herr Varoufakis betont ja selbst immer wieder, dass es ihm um langfristige strukturelle Maßnahmen geht, die Griechenland auf die Beine helfen sollen. Er spricht ja z.B. von einem Marshallplan für Griechenland etc. Es ist zwar nicht das selbe, aber EU geförderte Infrastrukturprojekte garantieren vielen Bauarbeitern erstmal auf Jahre hinweg Arbeit – auch wenn der Baubeginn natürlich etwas dauert :-)

      • Avatar

        Hinterfrager

        9. Juni 2015 17:25 at 17:25

        Es gibt schlicht und einfach in Europa keine Finanzierung ohne Co-Finanzierung, Herr Kummerfeld ! JEDES Projekt, das durch die EU gefördert wird, MUSS nach den EU-Statuten anteilig durch den jeweiligen Staat bzw. die Region mitfinanziert werden. Und auch unter diesem Aspekt ist Hellas schlicht und einfach pleite. Und zwar bereits seit Mai 2010. Punkt.

  5. Avatar

    Chris

    9. Juni 2015 16:07 at 16:07

    Wieviele Milliarden oder Billionen hat Mario D.in Junckers Geldspeicher geschüttet?Die Griechen sind nur die ersten in der Schlange der Panzerknacker!Hoffentlich reichen die Talerchen für alle!

  6. Avatar

    Katarina

    9. Juni 2015 16:47 at 16:47

    Wenn man schon von den den 34 Milliarden spricht, dann soll man bitte auch die ganze Wahrheit schreiben:
    1. die Griechen wissen sehr wohl von dem „Angebot“ der 34 Milliarden, Herr Tsipras hat absolut nichts verschwiegen! Sowohl im griechischen Parlament als auch in den griechischen Medien war es ein Thema.
    2. man sollte auch erwähnen, was mit dem Angebot der 34 Milliarden verknüpft war, nämlich die Unterschrift unter ein drittes sogenanntes „Hilfspaket“, welches uns nur noch tiefer in die ewige Versklavung ziehen würde. Über 200 Milliarden Euro „Hilfe“ aus den ersten Memoranden haben gereicht. Wir haben gesehen, wohin das Geld tatsächlich geflossen ist…
    Wir sind dankbar, dass Herr Tsipras dem „fürsorglichen“ Angebot des Herrn Juncker widerstanden hat!

  7. Avatar

    jumeirah

    9. Juni 2015 16:58 at 16:58

    Wie alle wissen,G 7, ist eine Kriminelle Vereinigung,mit denen würde ich mir keinen Kredit so andrehen lassen!

  8. Avatar

    zrt

    9. Juni 2015 17:21 at 17:21

    Meine Quelle (natürlich geheim) sagt mir, dass die Mondbewohner den Griechen 34 Mlrd. angeboten haben, aber Tsipras hat abgelehnt…

    Believe! Oder so.

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    Bazon

    9. Juni 2015 18:16 at 18:16

    Den Herren Varoufakis und Tsipras geht es vorranging um eine Schuldenumstrukturierung wenn nicht um einen Schuldenschnitt sowie eine strikte Ausklammerung weiterer sozialer Einschnitte. Das ist der Kasus Knaxus, und in diesen Fragen muß man sie unterstützen, wenn man in der Tat “das große Ganze“ im Blick haben will – nämlich den Frieden und die Prosperität innerhalb Europas und seiner Völker. Vielleicht findet hier auch schon das letzte Gefecht einer freien demokratischen Gesellschaft gegen die unaufhaltsam wachsende Vorherrschaft eines neuen Finanzfeudalismus statt! Nochmal festgehalten: die Griechen haben in einer freien Wahl ihre korrupten Eliten und das Fakalaki-System abgewählt – also genau jene Leute, die bis heute im Hintergrund noch die Fäden ziehen, die neue Regierung sabotieren und eng mit diesen finanzfeudalistischen Strukturen verbunden sind!! Der Finanz- und Medienkrieg, der derzeit gegen das Land geführt wird, läßt jedenfalls hellhörig werden. Diesen rüden Umgangston kannte ich so noch nicht, und ich bin schon ein paar Jährchen auf der Welt unterwegs.
    In den Berichterstattungen wird permanent von irgendwelchen Hilfsgeldern und Solidarätszahlungen Europas geredet, was diese aber nicht sind! Selbige haben den Schuldenstand des Landes nahezu explodieren lassen und es hätte selbst einem ökonomischen Laien einleuchten müssen, dass man in ein ökonomisch ohnehin geschwächtes und vorwiegend agrarisch geprägtes Land nicht permanent Geld hineinschiessen kann, das aus eigener Kraft mitsamt Zins und Zinseszins niemals zurückgezahlt werden kann!
    Wer bitteschön geht zu einer Bank, nimmt einen Kredit auf und bekommt beim nächsten Termin vom freundlichen Bankberater keine Beratung zur Umstrukturierung sondern die Pistole an die Stirn gedrückt mit dem Befehl, man möge doch bitte einen neuen Kreidt aufnehmen, um den alten zu begleichen? Das Spiel kann man natürlich ewig so weitertreiben, bis….ja bis alles zusammenstürzt, mitsamt der Bank.
    Also hier muß man schon kriminellen Vorsatz unterstellen und ich frage mich, wer hier ernsthaft noch glaubt, Merkel oder Schäuble würden Politik im Sinne Griechenlands, Deutschlands oder gar Europas machen!? Realsatire vom Feinsten!
    Griechenland ist die Blaupause für das, was allen anderen Staaten noch blühen wird – vor allen denjenigen, die auf Rohstoffen sitzen, auf Industrie, auf manpower und die natürlich unabhängig sind: Entzug der Souveränität, der Rechte und Freiheiten, der Identität durch vorsätzliche Ruinierung (im Falle GR Insolvenzverschleppung seit 2010!) und brutalstmögliche Einbindung in die Überwachung demokratisch nicht legitimierter Institutionen. Was betreibt die EU hier konkret? Erpressung, Rohstoffgewinnung, Markteroberung, -kontrolle (siehe Auftragsvergabe für Großprojekte oder Privatisierungsprojekte). Ich glaube das nennt man hybride Kriegsführung; es fliegen keine Bomben, es wird mit $, € und Worten geschossen!

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Autoindustrie: Das Problem ist der Standort Deutschland

Claudio Kummerfeld

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Autoindustrie in Deutschland im Wandel

Steht die deutsche Autoindustrie vor einem Niedergang wie der Standort Detroit, die ehemalige Hochburg der Autoproduktion in den USA? Die Deutsche Bank (DB) hat ein hochinteressantes Research-Dokument dazu veröffentlicht. Darin wird die Branche nicht wirklich schlecht geredet. Aber schaut man genauer hin, geht es vor allem um den Standort Deutschland, der problematisch sein soll. Die deutsche Autoindustrie selbst sei relativ gut aufgestellt, aber eben nicht der Standort Deutschland. Vorab wollen wir aus der Analyse einige Aussagen erwähnen, was denn positiv am Standort Deutschland zu bewerten ist.

Der Automobilstandort Deutschland verfüge über außergewöhnliche Vorteile. Zu nennen sei vor allem die enge technologische und räumliche Verzahnung von Herstellern, industriellen Zulieferern, Ausrüstern (z.B. Maschinenbau), Entwicklungsdienstleistern, Logistikunternehmen sowie von universitären und sonstigen Forschungseinrichtungen. Von dieser vertikal integrierten Wertschöpfungskette sowie dem über Jahrzehnte gewachsenen Know-how der Beschäftigten könne der Standort zehren. Auch der intensive brancheninterne Wettbewerb war und ist ein Motor für stetige Innovationskraft und Produktivitätsfortschritte. Fasst man aber alle in der Analyse der DB skizzierten Faktoren zusammen, dann falle es jedoch schwer, die Zukunftsaussichten für den Automobilstandort optimistisch zu sehen.

Negative Standortfaktoren für die Autoindustrie in Deutschland

Negativ zu erwähnen hat die DB-Studie so einiges. Und dabei geht es überhaupt nicht um den Absturz während der Coronakrise, sondern um strukturelle Faktoren. Zum Beispiel würden strenge CO2-Grenzwerte für neue Pkw in der EU dazu führen, dass die Hersteller mehr Elektroautos auf den Markt bringen müssten. Der resultierende Kostenanstieg verschärfe den Strukturwandel in der Branche. Kaum jemand erwarte, dass die Netto-Bilanz dieses Strukturwandels für die Wertschöpfung und Beschäftigung der Automoindustrie in Deutschland positiv ausfallen wird.

Auch die Unsicherheiten hinsichtlich der Klima- und Energiepolitik hätten dazu beigetragen, dass der Kapitalstock in energieintensiven Branchen wie der Metallerzeugung oder der Chemieindustrie in Deutschland seit vielen Jahren sinke. Diese Sektoren zählen auch zur automobilen Wertschöpfungskette. Durch die Investitionszurückhaltung würden laut der Studie Teile dieser Kette geschwächt. Höhere Kosten kämen auf die Autoindustrie auch durch die geplante Verschärfung der europäischen Abgasnormen zu (Euro 7). Im Volumensegment dürfte der Kostenaufschlag pro Fahrzeug besonders ins Gewicht fallen. Dies setze die Produktion von „Autos für den Durchschnittsbürger“ in Hochlohnländern wie Deutschland, aber auch in Frankreich oder Italien unter Druck.

Bei klassischen Standortfaktoren wie der Steuerbelastung von Kapitalgesellschaften, Lohnhöhe oder der Flexibilität bei Arbeitszeiten habe sich Deutschlands Position laut der Studie der DB im internationalen Vergleich zuletzt eher verschlechtert. Auch die anhaltenden Handelskonflikte würden die Investitionsbereitschaft hemmen. Zudem ist die Pkw-Nachfrage im wichtigen westeuropäischen Absatzmarkt gesättigt. Schließlich bedeute die demografische Entwicklung eine Herausforderung, da sie zu einem sinkenden Erwerbspersonenpotenzial führe und die Nachfrage dämpft.

Angesichts der strukturellen Herausforderungen sei es fraglich, ob die früheren Produktionshöchststände am Standort Deutschland jemals wieder erreicht werden. Die DB befürchtet, dass es immer schwerer wird, eine konkurrenzfähige Produktion von Pkw im Volumensegment in Deutschland aufrechtzuerhalten. Der Anteil Deutschlands an der globalen, aber auch an der europäischen Autoproduktion könnte in den kommenden Jahren sinken. Ähnlich sei es der Autoindustrie im US-Bundesstaat Michigan (Detroit) ergangen, wo heute deutlich weniger Fahrzeuge gefertigt werden als zu Beginn des Jahrhunderts. Die deutsche Autoindustrie sei besser für die elektromobile Zukunft und andere strukturelle Herausforderungen der Branche gerüstet als der Automobilstandort Deutschland.

Autoindustrie wird sich anpassen – Standort mit Problem?

Wir wollen nur kurze und interessante Auszüge der DB-Studie zitieren. Zum Beispiel gehen wir nochmal auf den Detroit-Vergleich ein. Die DB sagt, dass dieser Vergleich vielleicht zunächst schockieren möge. Aber noch immer würden in Michigan viele Light Vehicles (LV) produziert. Allerdings waren es in den letzten Jahren etwa ein Drittel weniger Fahrzeuge als zu Beginn dieses Jahrhunderts. In der Folge ist der Anteil des Bundestaates an der gesamten LV-Produktion der USA von knapp 25 Prozent im Jahr 2000 auf deutlich weniger als 20 Prozent in den letzten Jahren gesunken. Profitiert hätten dagegen einige Südstaaten der USA, in denen auch deutsche Hersteller in neue Autofabriken investiert haben. Hohe Standortkosten in Michigan (z.B. Lohn- und Pensionskosten der angestammten Belegschaft) seien ein wesentlicher Grund für diese Verschiebung innerhalb der USA gewesen. Eine ähnliche Entwicklung sei für den Automobilstandort Deutschland nicht unwahrscheinlich. Auch in Deutschland könnten die Produktionszahlen der Branche dauerhaft unterhalb der früheren Niveaus verharren. Der Anteil Deutschlands nicht nur an der globalen, sondern auch an der europäischen Automobilproduktion drohe zu sinken.

Die DB-Studie geht an das gesamte Thema durchaus differenziert heran. Man schreibt die Branche nicht einfach pauschal ab. Unter dem Strich sei man davon überzeugt, dass die deutsche Autoindustrie besser für die „elektromobile“ Zukunft und andere strukturelle Herausforderungen der Branche gerüstet sei als der Automobilstandort Deutschland. Die Unternehmen könnten Standortentscheidungen frei treffen und sich im Laufe der Zeit anpassen, wenn sich die Rahmenbedingungen an einem Standort verschlechtern. Bei der Beurteilung der Zukunftsperspektiven des Standorts Deutschland würden aus heutiger Sicht jedoch die negativen Faktoren überwiegen. Bedauerlich dabei sei, dass ein Teil dieser Faktoren durch eine klimapolitische Regulierung begünstigt werde, die deutlich weniger effektiv als möglich und teurer als nötig sei.

Der Vorwurf an die deutsche Autoindustrie, technologische Trends zu verschlafen, werde auch beim Übergang zu E-Mobilität stetig wiederholt. Doch auch in diesem Fall sei er laut DB nicht pauschal zutreffend. Richtig sei, dass der Anteil deutscher Hersteller an den verkauften Elektroautos in vielen Märkten unter ihrem Marktanteil bei traditionellen Fahrzeugen liegt. Gleichwohl gleicht der Übergang vom Verbrennungsmotor zur E-Mobilität einem Langstreckenlauf und nicht einem Sprint. Kein Anbieter liege uneinholbar vorne. Zudem sei die Produktpipeline der deutschen Hersteller gut gefüllt. Die Deutschen seien eben lediglich später dran als manche Konkurrenten, aus Sicht der Autoren der Studie jedoch nicht zu spät.

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Biden sei dank: Märkte glauben an die große Rettung – Risiko war gestern

Claudio Kummerfeld

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Joe Biden tritt heute sein Amt als US-Präsident an. In Windeseile wird er sich offenkundig daran machen sein 1,9 Billionen US-Dollar schweres Stimulus-Paket durch den US-Kongress zu bekommen. Die dortige Mehrheit ist zwar hauchdünn. Aber die Märkte sind frohen Mutes. Woran man das sieht? Schauen wir auf den folgenden Chart im Tweet. Er zeigt die Rendite für US-Schrottanleihen (Junk Bonds). Dies sind Anleihen, bei denen das Ausfallrisiko besonders hoch ist. Da Anleger für ein hohes Risiko entschädigt werden wollen und müssen, erhalten sie höhere Renditen als Inhaber von (vermeintlich sicheren) Staatsanleihen. Die Rendite fungiert hier also als Risikoprämie.

Die Höhe der Risikoprämie zeigt an, für wie ausfallgefährdet der Markt diese Anleihen hält. Je höher die Rendite, desto höher ist in den Augen des Kapitalmarkts das Risiko, dass die begebende Firma dahinter pleite geht, und somit die Anleihe nicht zurückzahlen kann. Im Chart sehen wir seit dem Jahr 2010 den Verlauf der Rendite bei US-Schrottanleihen. Zum Start der Coronakrise im März 2020 schoss die Rendite von 5 Prozent auf über 11 Prozent in die Höhe. Und danach beruhigte sich die Lage wieder, aktuell auf nur noch 4,13 Prozent – ein Rekordtief! In den letzten Monaten kamen die Impfstoff-Hoffnungen auf. Und jetzt seit einigen Tagen wird der große Stimulus in den USA immer konkreter. Wie gesagt, Joe Biden wird heute vereidigt. Und wie seine neue Finanzministerin Janet Yellen gestern klar machte, wird man die US-Volkswirtschaft kräftig mit Geld fluten.

Und wie sie sagte, sei das kräftige Schuldenmachen im Augenblick wichtiger als der Blick auf eine zu hohe Staatsverschuldung. Die müsse man zwar später mit höheren Unternehmenssteuern wieder abbauen, aber kurzfristig müsse man sich stark neu verschulden und die Konjunktur anfeuern. Und ja, der Kapitalmarkt scheint fest daran zu glauben, dass somit die Schrottunternehmen weiterhin im Spiel bleiben, und ihre Schulden weiterhin bedienen können. Wenn nur genug frisches Geld vom Staat kommt, geht die Party also weiter? Dieser Chart zeigt es jedenfalls an. Die Risikoprämie sinkt immer weiter, auf wie gesagt ein Rekordtief von nur noch 4,13 Prozent.

Hier klicken, um den Inhalt von Twitter anzuzeigen

Blick nach Deutschland

Aber schauen wir auch mal nach Deutschland. Hier sehen wir im folgenden Langfristvergleich seit dem Jahr 2010, wie die Rendite für deutsche Staatsanleihen immer weiter fällt, und der Dax (orange) immer weiter steigt. Das immer weiter sinkende Zinsniveau (in Deutschland dank hoher Bonität deutliche Negativrendite) treibt die Anleger in Aktien, Immobilien etc. Aktuell notieren die Aktienmärkte an ihren Allzeithochs. Heute hat auch der deutsche Staat mal wieder für 30 Jahre laufende Anleihen verkauft, mit einem Bruttovolumen von 1,5 Milliarden Euro. Die Nachfrage lag bei einem Volumen von 1,79 Milliarden Euro.

Und (wie gesagt 30 Jahre Laufzeit) die Emissionsrendite lag bei minus 0,13 Prozent, nach minus 0,06 Prozent im November. Immer weiter sinkende Zinsniveaus, immer mehr Stimulus – da wird die Lücke doch gut aufgefangen oder besser gesagt aufgefüllt, die Corona gerissen hat? Und diese Rettungsorgie wird vor allem in den USA kräftig weiter gehen, davon darf man ausgehen. Und so könnte man glatt sagen, dass „Risiko“ bei Anleihen irgendwas war, dass man mal kannte – aber heute gibt es das nicht mehr?

Chart zeigt Vergleich von Dax gegen Anleiherenditen

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Achtung: Korrektur voraus – Werbung

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Lieber Börsianer,

die Stimmung auf dem digitalen Börsenparkett ist prächtig. Wir haben überhaupt nicht genug Geld, um alle die großartigen Titel des internationalen Kurszettels kaufen zu können, so eine verbreitete Empfindung.

Das sind einige der Zutaten dieser Euphoriewelle, die bereits seit einigen Monaten über die Aktienmärkte hinwegrollt.

Fokussierung auf wenige Trendbranchen: Die Hausse verkürzt sich zunehmend auf einige wenige Titel aus einigen Trendbranchen wie Wasserstoff oder E-Mobilität. Das waren zuletzt etwa die Favoriten auf der Privatanleger-Plattform Tradegate: NEL ASA, Plug Power, Xiaomi, Tesla und Ballard Power.

Es ist ein Warnsignal, wenn eine Hausse nur noch auf den Schultern weniger Aktien liegt. Gesund ist eine Hausse immer dann, wenn sie von möglichst vielen Aktien aus unterschiedlichen Branchen getragen wird.

Kauf zu jedem Preis: Typisch ist dabei, dass die Anleger derzeit bereit sind, für eine „geile“ Aktie jeden Preis zu bezahlen. Die Bewertung interessiert nicht mehr, solange der Titel einer Trendbranche zuzurechnen ist. Typisch ist auch, dass man diese Aktien nicht erst in einer Woche haben will, sondern jetzt sofort. Folglich verzichten immer mehr Anleger auf die Bestimmung eines Kauflimits und fassen stattdessen billigst zu.

In der Folge erleben wir immer öfter prozentual zweistellige Kursanstiege auf Tagesbasis, ohne dass eine Nachricht aus dem Unternehmen vorliegt. Zu Deutsch: Die Kursanstiege sind in der Regel nicht mehr fundamental begründet.

Am Ende entsteht ein gewaltiger Sog, dem wir uns kaum noch entziehen können. Selbst Profis fallen dann um, werfen ihre bewährten Strategien über…..

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