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Interessantes aus der Presse

Gunnar Heinsohn: Deflation erreicht Amerika

Markus Fugmann

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am

In diesem Artikel prognostiziert Gunnar Heinsohn, dass die USA keine andere Möglichkeit haben werden, als das Quantitative Easing wieder „heraufzufahren“. Heinsohns Artikel erschien ursprünglich in dem sehr empfehlenswerten Malik-Blog:

Niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte hat eine Zentralbank mehr Geld für das Hochtreiben von Preisen über das am Markt erreichbare Niveau hinaus bereitgestellt als die Federal Reserve der Vereinigten Staaten. Und sie hat keineswegs abseitige Ramschpapiere gekauft, deren Preise abstürzen, weil sie ohnehin niemand will. Im Gegenteil, sie hat sich auf die allerbesten, also traditionell mündelsicheren Papiere geworfen: (1) Versprechen, bei Zahlungsverzug preisstabiles Eigentum an Bauten und Land zu übergeben (Hypotheken) und (2) Versprechen, vereinbarte Zahlungen jederzeit aus Steuern sicherzustellen, für deren Bereitstellung alle Eigentümer der Nation herangezogen werden können (Staatsanleihen).

Nichts besichert (deckt) Geld besser als die Schulden reicher Staaten und/oder preisstabile IA-Immobilien innerhalb ihrer Grenzen. Nichts auch besichert Kredite, über die Geld an Schuldner gelangt, besser als deren Pfänder aus diesen beiden Vermögensklassen. Nichts überdies eignet sich besser für das Hereinnehmen in das Eigenkapital von Bankunternehmen und aller übrigen Firmentypen als IA-Immobilien und/oder mit Triple-A bewertete Staatstitel. Und schließlich finden sich kaum bessere Investitionen als solche in preisfeste oder sogar in preislich anziehende Staatsanleihen, Pfandbriefe und Hypotheken.

Wenn diese allerbesten Leckerbissen der Vermögensmärkte einmal schlecht werden wie etwa 2007/2008, gibt es kaum noch Rettung, weil dann die Differenz zwischen ihren bezahlten und jetzt gefallenen Preisen aus dem Eigenkapitalen glattgestellt werden müssen, in denen ebenfalls diese abgerutschten Positionen stecken. Da nun niemand Verluste aus Vermögenstiteln mit Verlusten aus denselben Titeln glattstellen kann, brausen dann aus Milliarden Kehlen Hilferufe um den Globus. Wer dann die aufgedruckten alten Preise bezahlt und nicht auf das weitere Absacken der gepurzelten wartet, wird als Retter erlebt – von den Geldlohnbeziehern der Banken und Unternehmen nicht weniger als von ihren Eigentümern.

3.200 Milliarden Dollar bezahlt die Fed für Hypothekenbündel und Treasuries allein seit 2008 (http://www.nytimes.com/2014/09/16/business/as-bond-buying-ends-yellen-now-will-chart-course-for-federal-reserve.html). Sie nimmt diese Positionen also nicht – wie die Zentralbankregeln verlangen – als Pfänder für die Refinanzierung herein, weil sie erstklassig, also im Preis so stabil sind, dass sie Verluste verhindern, wenn die Fed gegen säumige Schuldner aus der Bankenwelt vollstrecken muss. Sie nimmt sie vielmehr gerade deshalb herein, weil ihre Marktkurse unter den Einstandspreisen liegen und niemand da ist, den sie zum Kauf in Höhe des Nennwerts verlocken. Eben dieser Kampf gegen die am Markt zu erwartende Deflation ist der Sinn des Quantitative Easing. Die Zentralbank will damit die Marktwirtschaft vorübergehend ausschalten.

Bis 2008 hatte die Fed erst lediglich 1.000 Milliarden Dollar gegen den Preisverfall von Hypotheken und Staatstiteln eingesetzt, weil sie noch eine andere Verteidigungslinie ausprobierte. Das war die auch heute ungebrochen weiter laufende Zinsnullung. Sie erlaubt das Preistreiben von Titeln, solange deren dabei fallender Ertrag höher bleibt als der bei der Zentralbank zu entrichtende Zins. Verlangt die vier Prozent, wird man nur drei Prozent bringende Titel nicht kaufen. Verlangt die Zentralbank aber nur 0,1 Prozent, kann der Dreiprozenter im Preis sogar verdoppelt werden. Das senkt seinen Ertrag zwar auf 1,5 Prozent ab, doch die liegen komfortable fünfzehnmal höher als der Zentralbankzins. Die Zinsnullung entfaltet durchaus Wirkung an den Aktienbörsen, reicht aber nicht für den privaten Ankauf von Hypotheken auf schwer veräusserliche und allmählich verrottende Immobilien. Damit Geschäftsbanken nicht untergehen beim Ausgleichen (aus dem Eigenkapital) der Preisabschläge auf die Immobilien und dadurch ja auch für pfandpotente Schuldner als Kreditgeber ausfallen, kauft die Fed sie nahe des Ausgangspreises selber. Während sie also nach den Regeln der Zentralbankkunst verpflichtet ist, nur hereinzunehmen, was ohne fremde Hilfe am Markt reüssiert, will sie beim Quantitative Easing den Markt außer Kraft setzen.

Das Brechen der Marktkräfte kann die Fed selbstredend nur deshalb in Angriff nehmen, weil sie – in Gestalt der Regierung – einen Kapitalgeber letzter Hand hinter sich weiß, der sie mit Nachschüssen immer wieder befähigt, Verluste auszugleichen, wenn sie die über Markpreis gekauften Papiere unter ihrem eigenen Einsatz verkaufen muss. Da Nachschüsse der Regierung meist aber die Form von Staatsanleihen haben, kann das nur funktionieren, wenn die ebenfalls nicht unter ihre Nennwerte fallen. Damit die Zentralbank also überhaupt rekapitalisierbar bleibt, muss sie selbst den Preis ihres Eigenkapitals durch Ankauf der darin steckenden Staatstitel vor Deflation bewahren. Nur sie kann das und nur solange sie das tut, kann sie private Käufer ermutigen, diese Titel ebenfalls zu halten und nicht panisch abzustoßen. Sie haben also das Signal, dass am Ende immer jemand – die Fed also – da ist, der nahe am Einstandspreis zugreift.

Mit der Kaufpause für Treasuries und Hypotheken-Papiere seit Oktober 2014 ist dieses Signal zwar nicht auf gänzlich verstummt, aber extrem leise gestellt worden. Die blosse Ankündigung der Signaldämpfung zur Jahresmitte für den Oktoberbeginn reicht allerdings aus, um allein zwischen Juni und August 2014 die amerikanische Inflation Richtung Deflation von 2,1 auf 1,7 Prozent (Euroraum: 0,3%) abzusenken (M. Mackenzie, „Inflation outlook poses challenge for Fed“, Financial Times, 08-10-2014, S. 22).

Dabei hat die Fed noch nicht angedroht, ihre Bestände über 4,2 Billionen Dollar plötzlich zu verkaufen, um zu testen, ob es dafür – anders als bis Oktober 2014 – endlich Käufer gibt, die freiwillig am Markt Preise in einer Höhe zahlen, die von der Fed ja ausdrücklich gegen die Marktkräfte nach oben getrieben wurden. Zusätzlich zum Versprechen, die Titel noch lange nicht am freien Markt anzubieten, garantiert die Fed, für die – von der Regierung zu überweisenden – Erträge auf diese 4,2 Billionen auch weiterhin Hypotheken und Staatspapiere anzukaufen (http://www.bankrate.com/finance/federal-reserve/what-did-federal-reserve-say.aspx#ixzz3FetWbUmz). Das sind dann zwar nicht mehr 85 Milliarden, aber immer noch rund 15 Milliarden Dollar pro Monat.

Wenn es ungeachtet des Verzichts auf Verkauf der Problempapiere nebst der Zusage, für sie auch weiterhin rund 180 Milliarden Dollar pro Jahr einzusetzen, in Amerika schon bis August 2014 knapp 20 Prozent Richtung Deflation geht, ist der Verdacht groß, dass auch in absehbarer Zukunft Käufer fehlen, die 4,2 Billionen Dollar auf den Tisch legen möchten, um die Fed-Bestände zu übernehmen. Für diese Skepsis gibt es starke Gründe. Schon 2012 stehen von 316 Millionen Amerikanern nur 97 Millionen in Vollzeitstellen des privaten Sektors, der die Steuern für den Rest erarbeitet. Neben ihren eigenen Familien und Altersansprüchen müssen sie für Ernährungsbeihilfen an über 100 Millionen andere Amerikaner aufkommen (http://cnsnews.com/news/article/101m-get-food-aid-federal-gov-t-outnumber-full-time-private-sector-workers). Bei PISA 2012 (OECD) schneidet mehr als die Hälfte der Kinder Amerikas in Mathematik mangelhaft, ungenügend oder noch schlechter ab. Es sind diese Kinder, unter denen die Steuerzahler für die US-Schuldenbedienung und die Käufer der bei der Fed aufgelaufenen Papiere heranwachsen sollen. Doch wie sollen Halbalphabeten konkurrenzfähige Firmen zum Erfolg führen? Weil man darauf keine hoffnungsvolle Antwort geben kann, sehen im August 2014 drei Viertel aller Amerikaner die Zukunft des Nachwuchses pessimistischer sehen als die eigene Gegenwart (J. Hook, „As U.S. midterm elections loom, voters are exited about noody“, The Wall Street Journal, 10.12. Oktober 2014, S. 11). Da auch ausländische Investoren diese Fakten irgendwann herausbekommen, dürfte die amerikanische Deflation weitergehen. Deshalb sollte ein neuerliches Hochfahren des Quantitative Easing für die Reinflation der Preise durch die Fed niemanden überraschen.

Ein Kommentar

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  1. Avatar

    Wolfgang Koch

    23. Oktober 2014 16:25 at 16:25

    Die Titanic war unsinkbar!Die,von den diversen Notenbanken gepamperten Märkte sind es auch!Sollte es im ISIWUA(Islamischer Staat im Westen&Amerika)noch Geschichtsbücher geben,werden unsere männlichen Nachfahren,(weibliche dürfen nicht!),es nachlesen können.

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Allgemein

Lesetipp: Die Kamelkurve prophezeit der Welt die Krise

Redaktion

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am

Von

FMW-Redaktion

Dubai ist ein Frühindikator für die Welt. Und die Dinge stehen derzeit nicht zum Besten im Wüstenstaat. Warum die „Kamelkurve“ die Krise auch für die Weltwirtschaft ankündigen könnte, lesen Sie in der „Welt“ hier..

https://twitter.com/Schuldensuehner/status/679258959895773184/photo/1

Weitere Artikel zu Dubai finden Sie hier..

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FMW

Die großen Crashs 1929 und 2008. Warum sich Geschichte wiederholt

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Heute erscheint das Buch von Barry Eichengreen „Die großen Crashs 1929 und 2008. Warum sich Geschichte wiederholt“ auf deutsch (englisches Original: „Hall of Mirrors“). Barry Eichengreen ist der Nestor der Crash-Forschung, in seinem Werk analysiert er die Gründe, die zu den Crashs der Jahre 1929 und 2008 führten. Wir haben zu diesem Thema am Freitag ein Interview mit dem Autor veröffentlicht unter dem Titel „Eichengreen: Ein deutscher Marshallplan für Griechenland„.

Hier nun, mit freundlicher Genehmigung des FinanzBuch Verlags, ein Auszug aus der Einleitung des Buches:

Barry Eichengrenn Crash 1929 und 2008

Dies ist ein Buch über Finanzkrisen. Es beschreibt die Ereignisse, die
solche Krisen verursachen. Es handelt auch davon, warum Regierungen
und Märkte so reagieren, wie sie es tun. Und es handelt von den
Konsequenzen.
Es schildert die große Rezession von 2008 und 2009 und die große
Depression von 1929 bis 1933 – die beiden großen Finanzkrisen unseres
Zeitalters. Nicht nur in politischen Kreisen weiß man, dass es Parallelen
zwischen diesen beiden Episoden gibt. Viele Kommentatoren haben
beschrieben, wie das Wissen über das frühere Ereignis – die »Lektionen
aus der Großen Depression« – die Reaktionen auf die Ereignisse 2008
und 2009 beeinflusst hat. Weil diese Ereignisse so auffällig denen der
1930er-Jahren ähnelten, lieferte diese Erinnerung an die Vergangenheit
eine Art Objektiv, durch das man sie betrachten konnte. Die Tendenz, die
Krise aus der Perspektive der 1930er-Jahre zu sehen, wurde noch dadurch
verstärkt, dass Politiker von Ben Bernanke – Vorsitzender des Board of
Governors der Federal Reserve – bis Christina Romer – Vorsitzende des
ökonomischen Beratungskomitees des Präsidenten Barack Obama – diese
Geschichte in ihren früheren Karrieren als Akademiker studiert hatten.
Infolge dieser Lektionen verhinderten die Politiker das Schlimmste.
Nachdem die Pleite von Lehman Brothers das globale Finanzsystem an
den Rand des Abgrunds geführt hatte, versicherten sie, dass sie keine
weitere Pleite einer für das System äußerst wichtigen Finanzinstitution
mehr zulassen würden, und sie hielten dieses Versprechen. Sie widerstanden
einer Politik unter dem Motto: »Bettle deinen Nachbarn an«, die in
den 1930er-Jahren den Zusammenbruch der internationalen Transaktionen
verursacht hatte. Die Regierungen erhöhten ihre öffentlichen Investitionen
und senkten die Steuern. Die Zentralbanken fluteten die Finanzmärkte
mit Liquidität und gewährten einander solidarisch Kredite in einer
Weise, die es so noch nie gegeben hatte.

Diese Entscheidungen waren vor allem vom Wissen über die Fehler der
Vorgänger beeinflusst. In den 1930er-Jahren unterlagen die Regierungen
der Verführung des Protektionismus. Sie ließen sich von einem veralteten
ökonomischen Dogma leiten, kürzten ihre öffentlichen Ausgaben
zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt und versuchten, ihre Budgets ins
Gleichgewicht zu bringen, als stimulierende Investitionen notwendig gewesen
wären. Es machte keinen Unterschied, ob die betreffenden Politiker
Englisch sprachen, wie Herbert Hoover, oder Deutsch, wie Heinrich
Brüning. Ihre Maßnahmen verschlimmerten nicht nur den Niedergang,
sondern sie scheiterten sogar an der Aufgabe, das Vertrauen in die öffentlichen
Finanzen wiederherzustellen.
Die Zentralbanker hielten an der Idee fest, dass sie nur so viele Kredite
bereitstellen müssten, wie es für die legitimen Bedürfnisse der Unternehmen
erforderlich war. Sie gewährten mehr Kredite, wenn die Wirtschaft
expandierte, und weniger, wenn es einen Rückgang gab, womit sie Booms
und Krisen noch verstärkten. Sie vernachlässigten ihre Verantwortung für
finanzielle Stabilität und schritten nicht als Kreditgeber in Notfällen ein.
Das Ergebnis war ein sprunghaftes Ansteigen von Bankenpleiten und ein
verkümmerndes Kreditgeschäft. Man ließ zu, dass die Preise kollabierten
und Schulden nicht mehr zu managen waren. Milton Friedman und
Anna Schwartz geben in ihrem einflussreichen Werk über die Geschichte
der Geldpolitik den Zentralbanken die Schuld an diesem Desaster. Sie
kommen zu dem Fazit, die unfähige Politik der Zentralbanken sei mehr
als jeder andere Faktor für die ökonomische Katastrophe der 1930er-Jahre
verantwortlich gewesen.
Da die Verantwortlichen die Lektionen aus dieser früheren Episode gelernt
hatten, gelobten sie, es diesmal besser zu machen. Wenn damals die
Welt in Deflation und Depression gestürzt war, weil ihre Vorgänger weder
die Zinsen gesenkt noch die Finanzmärkte mit Liquidität geflutet hatten,
würden sie diesmal mit einer expansiven Geld- und Finanzpolitik reagieren.
Wenn die Finanzmärkte zusammengebrochen waren, weil ihre Vorgänger
panische Anstürme auf die Banken nicht verhindert hatten, würden
sie auf ganz entschiedene Weise mit den Banken umgehen. Wenn
Bemühungen, den Staatshaushalt auszugleichen, den Niedergang in den
1930er-Jahren verstärkt hatten, würden sie finanzielle Anreize schaffen.
Wenn der Zusammenbruch der internationalen Kooperation die Probleme
der Welt verschlimmert hatte, würden sie persönliche Kontakte und
multilaterale Institutionen nutzen, um sicherzustellen, dass es diesmal
eine angemessene Koordination politischer Maßnahmen gab.
Als Resultat dieser ganz anderen Reaktionen erreichte die Arbeitslosenquote
in den USA 2010 einen Spitzenwert von 10 Prozent. Das war
immer noch besorgniserregend hoch, aber die Quote lag doch weit unter
den katastrophalen 25 Prozent während der großen Depression. Hunderte
Banken gingen pleite, aber nicht Tausende. Es gab viele Verwerfungen
an den Finanzmärkten, aber deren völliger und äußerster Kollaps wie in
den 1930er-Jahren wurde mit Erfolg abgewendet.
Das war nicht nur in den USA so, sondern auch in anderen Ländern.
Jedes unglückliche Land ist auf seine eigene Weise unglücklich und ab
2008 gab es unterschiedliche Grade der wirtschaftlichen Unzufriedenheit.
Aber abgesehen von einigen fehlgeleiteten europäischen Ländern erreichte
dieses Unglück nicht das Niveau der 1930er-Jahre. Weil die politischen
Maßnahmen besser waren, fielen die sozialen Verwerfungen, die
Schmerzen und das Leid geringer aus.
So sagt man jedenfalls.
Diese nette Geschichte ist leider zu einfach.
Sie lässt sich nicht mit der Tatsache in Einklang bringen, dass man die
Risiken nicht antizipiert hat. Bei einem Besuch der London School of
Economics 2008 hat Königin Elisabeth II. eine später berühmt gewordene
Frage gestellt: »Warum hat das niemand kommen sehen?«, fragte sie
die versammelten Experten. Sechs Monate später schickte eine Gruppe
prominenter Wirtschaftswissenschaftler der Königin einen Brief und entschuldigte
sich für »den Mangel an kollektiver Fantasie«.

(..)

Die Architekten des Euro waren sich dieser Geschichte bewusst. Man erinnerte
sich sogar noch intensiver an sie, weil 1992 bis 1993 der Wechselkursmechanismus
zusammenbrach, der die europäischen Währungen
miteinander verband wie ein Seil eine Gruppe von Bergsteigern. Daher
bemühten sie sich um ein stärkeres währungspolitisches Arrangement.
Es sollte auf einer Einheitswährung basieren und nicht von den Wechselkursen
zwischen einzelnen Landeswährungen abhängig sein. Die Abwertung
einer Landeswährung sollte nicht mehr möglich sein, weil die einzelnen
Länder dann keine nationale Währung mehr haben würden, die sie
abwerten könnten. Dieses Euro-System sollte nicht von nationalen Notenbanken
reguliert werden, sondern von einer supranationalen Institution,
der Europäischen Zentralbank.
Wichtig ist, dass der Vertrag zur Einrichtung der Währungsunion keine
Möglichkeit zum Ausstieg vorsah. In den 1930er-Jahren konnte ein Land
durch eine unilaterale Entscheidung seiner nationalen Legislatur oder seines
Parlaments den Goldstandard abschaffen. Im Gegensatz dazu wäre
die Abschaffung des Euro in einem Land ein Vertragsbruch und würde
das gute Verhältnis dieses Landes mit seinen Partnerstaaten innerhalb der
EU gefährden.
Die Architekten des Euro vermieden zwar einige Probleme des Goldstandards,
sorgten dafür aber für andere Probleme. Indem das Euro-System
ein trügerisches Bild der Stabilität schuf, setzte es große Kapitalströme in
die südeuropäischen Länder in Gang, welche schlecht dafür gerüstet waren,
mit ihnen umzugehen – wie schon in den 1920er-Jahren. Als diese
Ströme die Richtung wechselten, führten die Unfähigkeit der nationalen
Zentralbanken, Geld zu drucken, und der nationalen Regierungen, sich
dieses Geld zu leihen, zu tiefen Rezessionen – wie schon in den 1930er-Jahren.
Der Druck, etwas zu verändern, wurde immer stärker. Die Unterstützung
von Regierungen, die das nicht taten, wurde schwächer. Es häuften
sich die Prognosen, der Euro werde ebenso scheitern wie der Goldstandard;
Regierungen in notleidenden Ländern würden ihn verlassen. Und
falls sie zögern sollten, dies zu tun, würden sie von anderen Regierungen
und politischen Führern abgelöst werden, die zum Handeln bereit wären.
Schlimmstenfalls könnte sogar die Demokratie in Gefahr sein.
Es stellte sich heraus, dass dies ein falsches Verständnis der Lehren aus
der Geschichte war. Als Regierungen in den 1930er-Jahren den Goldstandard
aufgaben, waren der internationale Handel und das Kreditwesen
schon zusammengebrochen. Diesmal taten die europäischen Länder gerade
genug, um dieses Schicksal zu vermeiden. Daher musste man den
Euro verteidigen, um den gemeinsamen Markt, den Handel innerhalb
Europas und den Zahlungsverkehr zu bewahren. In den 1930er-Jahren
zählte die politische Solidarität zu den frühen Opfern der Depression.
Trotz der Belastungen durch die Krise setzten die Regierungen diesmal
ihre Konsultationen und ihre Zusammenarbeit mithilfe internationaler
Institutionen fort, die stärker und besser entwickelt waren als die
in den 1930er-Jahren. Die wirtschaftlich und finanziell starken EU-Länder
vergaben an ihre schwachen europäischen Partner weiterhin Kredite.
Diese Kredite hätten zwar höher sein können, aber verglichen mit den
1930er-Jahren waren sie dennoch umfangreich.
Und schließlich kam es nicht zu einer Krise der Demokratie, wie sie
diejenigen prognostiziert hatten, die mit dem Kollaps des Euro rechneten.
Es gab Demonstrationen, auch solche, bei denen es zu Gewalttaten kam.
Regierungen stürzten. Aber anders als in den 1930er-Jahren überlebte
die Demokratie. Die Kassandras des Zusammenbruchs hatten die Wohlfahrtsstaaten
und die sozialen Sicherheitsnetze übersehen, die infolge der Depression
aufgebaut worden waren. Sogar dort, wo die Arbeitslosenrate
bei mehr als 25 Prozent lag, wie es in den am schlimmsten betroffenen
Teilen Europas der Fall war, kam es nicht zu offenkundiger Verzweiflung.
Das schwächte die politische Gegenreaktion. Es begrenzte den Druck, das
bisherige System zu verlassen.
Es ist allgemein bekannt, dass die Erfahrung der Großen Depression
die Wahrnehmung und die Reaktionen auf die große Rezession stark
geprägt hat. Aber um zu verstehen, wie diese Geschichte genutzt – und
missbraucht – wurde, muss man sich nicht nur die Depression genauer
ansehen, sondern auch die Entwicklungen, die sie ermöglicht haben. Wir
müssen also ganz am Anfang beginnen, nämlich im Jahr 1920.

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Interessantes aus der Presse

Verwirrung um Lagardes Grexit-Aussagen: IWF bringt Korrektur

Markus Fugmann

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Von Markus Fugmann

Hat sie oder hat sie nicht? Das ist hier die Frage – der IWF sagt nun: sie hat nicht. Gemeint sind die Aussagen der IWF-Chefin Lagarde gegenüber der „FAZ“. So wird ihr Satz allgemein so zitiert:

„Der Austritt Griechenlands ist eine Möglichkeit“, würde aber nicht das Ende der Eurozne bedeuten („likely not spell the end of the
euro.“).

Doch taucht ein wörtliches Zitat in dem Artikel der „FAZ“ gar nicht auf.

Nun hat der IWF gestern eine Richtigstellung der Äusserungen Lagardes herausgebracht, „to clarify and put into context the quotes reported in the FAZ
interview.“ Das Interview der „FAZ“ mit Lagarde wurde in englischer Sprache durchgeführt, der IWF hat die Aussagen Lagardes nun gestern im Original veröffentlicht.

Nun hat ein Sprecher des IWF auf Nachfrage einer Nachrichtenagentur klar gemacht, dass Lagarde in dem Interview weder das Ende der Eurozone noch das Ende des Euro in dem Interview erwähnt habe. Ofefnkundig versucht also der IWF, die Wellen, die das Interview mit der „FAZ“ aufgebracht hat, wieder zu glätten. Man ist nervös – auch und gerade beim IWF..

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