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Handelskrieg – gute Nachrichten verkaufen oder investiert bleiben?

Containerschiffe in der San Francisco Bay - entspannt sich der Handelskrieg demnächst?

Die Wahrscheinlichkeit eines Deals im Handelskrieg zwischen den USA und China ist wegen der enormen realwirtschaftlichen Belastungen auf beiden Seiten stark gestiegen. Doch wie geht es an den Märkten weiter, wenn es tatsächlich zu einem Deal kommen sollte?

Handelskrieg – die Vorfreude auf einen Deal

„Sell on Good News“ ist eine der bekanntesten Börsenweisheiten schlecht hin. Sobald ein positives Ereignis, auf das die Marktteilnehmer zuvor bereits spekuliert hatten, eintritt, folgen Gewinnmitnahmen und fallende Kurse – zumindest vorübergehend. Damit ist die Frage, ob man nach dem Abschluss eines Handelsdeals investiert bleiben sollte, schon zum Teil beantwortet: Spekulanten mit kurzfristigem Trading-Horizont werden mit Sicherheit Gewinne realisieren oder sich zumindest stark enthebeln. Für mittel- und langfristig orientierte Investoren macht es aber keinen Sinn, Aktienpositionen zu verkaufen, da ein erheblicher ökonomischer Belastungsfaktor ja teilweise wegfällt. Einige Besonderheiten gilt es in diesem konkreten Fall dennoch zu beachten.

Erster Deal würde neue Hoffnungen auf mehr wecken

Momentan zeichnet sich aus den von mir gestern skizzierten Gründen ein Kompromiss zwischen den USA und China ab. Dadurch könnte es erstmals seit dem Inkrafttreten der ersten Strafzölle im Juni 2018 zum Abbau von Handelshemmnissen kommen. Da nicht damit zu rechnen ist, dass beide Seiten alle Forderungen in Phase 1 erfüllt bekommen, was in Gänze wahrscheinlich niemals passieren wird, darf man die daraus resultierende positive Psychologie nicht unterschätzen. Vor allem in den USA ist der Optimismus in Sachen Ausgang des Handelskriegs ungebrochen. Auch wenn man das als distanzierter Beobachter aus Europa nicht nachvollziehen kann. Das bedeutet aber ebenfalls, dass die angelsächsischen Medien sofort nach dem Erreichen eines ersten Deals neuen Optimismus auf weitere Deals schüren werden. Nicht umsonst gelten Bloomberg TV, CNBC, Fox Business und das Wall Street Journal etc. als die Cheerleader des US-Aktienmarktes.

Die Konjunkturdaten würden sich nach einer Entspannung im Handelskrieg kurzfristig verbessern

Als erste Reaktion würden sich die weichen Konjunkturdaten, also die Stimmungsindikatoren, signifikant aufhellen. So würde in Deutschland z. B. der durch eine Umfrage bei Finanzmarktprofis erhobene ZEW-Index sehr wahrscheinlich aus den Schuhen springen. Gleiches gilt für das Verbrauchervertrauen in den USA und die Stimmung bei den Einkaufsmanagern weltweit. Auch der US-Konsum würde durch die Stimmungsaufhellung und die gestiegenen Aktienkurse neue Impulse fürs Weihnachtsgeschäft erhalten. Man darf den Vermögenseffekt in einer sogenannten Wealth-Driven-Economy wie den USA nicht unterschätzen. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass für die Mehrausgaben die Aktiengewinne nicht realisiert, sondern beliehen werden, was die Verschuldung weiter nach oben treibt.

Die Auftragslage der Exporteure würde sich, abhängig von der Ausgestaltung eines möglichen Deals, sehr schnell und ggf. sehr stark verbessern und mit ihr der gesamte Außenhandel der USA und Chinas. Auch Deutschland als Exportnation würde den Rückenwind spüren, weshalb auch die deutsche Industrie davon profitieren dürfte. Zu guter Letzt würden verloren gegangene Jobs in gut bezahlten Sektoren in den USA und China neu entstehen. Es käme kurzum zu einer realwirtschaftlichen Erholung als natürliche Gegenreaktion auf die vorherigen, politisch bedingten Belastungen. Dies hätte schlussendlich auch positive Auswirkungen auf die Ertragslage der börsennotierten Unternehmen.

Achtung! Wechselwirkungen!

Wie lange ein solcher, die Gewinne der Aktiengesellschaften stützender Erholungsprozess andauern würde, hängt zum einen von der Art des Deals ab und zum anderen von der dann folgenden Entwicklung der Geldpolitik, der Anleihemärkte und des US-Dollars. Besonders in den USA wird nach wie vor der Handelskrieg als wesentlicher Grund für die globale und letztendlich auch amerikanische Wirtschaftsabkühlung betrachtet. Die heillose Überschuldung im In- und Ausland, vor allem in US-Dollar, ist noch nicht sonderlich präsent auf den Radarschirmen der amerikanischen Wirtschaftsanalysten. Doch das würde sich ändern, v. a. allem, wenn im Zuge der graduellen Wirtschaftserholung die Geldpolitik weniger Druck verspürt, die Märkte und die öffentlichen sowie privaten Schuldner zu alimentieren. Zusätzliche Zinssenkungen wären dann erst einmal passé, da die Notenbanken sich primär an den hereinkommenden Daten orientieren, die sich zunächst einmal verbessern würden.

Eine zunächst abwartende Haltung der Zentralbanken würde die Märkte noch nicht belasten, da die bereits beschlossenen Maßnahmen im Falle der Fed bis mindestens Ende Juni 2020 tragen (das „Non-QE“ über 60 Mrd. US$ pro Monat) und durch positive Konjunkturdaten ergänzt würden.
Mehr Aufmerksamkeit sollte man dagegen den Kapitalmarktzinsen schenken, die große Auswirkungen auf die Kreditkosten haben. Bereits im Zuge der jüngsten Vorfreude auf einen möglichen Deal waren die Renditen für langlaufende US-Staatsanleihen angestiegen. Geht dieser Trend einige Monate und einige Basispunkte weiter, würden nicht nur die Refinanzierungen bei US-Immobilien auf null fallen, sondern generell die Neigung zur Neuverschuldung. Zudem würde die Attraktivität von Dividendentiteln leiden, die ja bisher von dem Zinsschwund stark profitiert haben. Aktuell liegt die Dividendenrendite des S&P 500 mit 1,86 Prozent zwar historisch niedrig aber immer noch höher als der Zins für mittelfristige US-Staatsanleihen. Dreht sich dieser Trend um, würde das die hohen Bewertungen der Aktien nicht mehr vollumfänglich rechtfertigen.

Ein ebenfalls wichtiger Faktor ist der US-Dollar. Zwar ist davon auszugehen, dass sich primär der Yuan im Außenwert erholen dürfte, aber gegenüber allen anderen Währungen ist eine temporäre Dollarstärke zu erwarten. Dies wiederum würde die stark in US-Dollar verschuldeten Schwellenländer wie die Türkei, Argentinien oder Brasilien erneut unter Druck setzen, womit die Emerging-Market-Schuldenkrise sehr schnell wieder zurück aufs Tableau käme.

Fazit und mittelfristiger Ausblick

Ein partieller Deal zwischen China und den USA ist kurzfristig sehr wahrscheinlich geworden – alles andere wäre ökonomischer und damit politischer Selbstmord. Diese Erkenntnis reift zunehmend auch in den USA. Aus einem Deal würden sich zunächst starke Entlastungen für die Weltwirtschaft und ein positives Momentum für die Unternehmensgewinne ergeben, wovon die Aktienmärkte profitieren könnten.
Aber: Nimmt man die politischen Belastungen, wie Handelskrieg und Brexit, von den Schultern der Weltwirtschaft, wird diese sich ein stückweit aufrichten, nur um anschließend unter dem zunehmenden Druck der globalen Schulden erneut wieder in die Knie zu gehen. Diesen Zusammenhang könnte dann auch niemand mehr leugnen, was massenpsychologisch durchaus problematisch wäre und die Politik zu unangenehmen Ablenkungsmanövern motivieren könnte.

Ein wie auch immer gearteter Deal ändert rein gar nichts an dem Grundszenario einer anhaltend aggressiven Geldpolitik als alles dominierender Faktor in einer überschuldeten Welt mit extrem ungleicher Vermögensverteilung zwischen Schuldnern und Gläubigern. Dementsprechend sollte man als Anleger auch aufgestellt sein.



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4 Kommentare

  1. Ihre Ansichten implizieren meiner Meinung nach eine sehr gute Absicherung gegen fallende Kurse. Nach der Entlastung folgt der Aufschwung. Ein sich selbst tragendes System, bis auf das Damoklesschwert Schulden, das aber noch ziemlich lange mit Geldflutungen aller Art im Zaum zu halten ist. Es kommen ja noch direkte Aktienkäufe durch die Notenbanken. Danke für den Beitrag. War hilfreich, um wieder auf die Long-Seite zu wechseln. Schnelle und konstante Gewinne kann man sich nun mal nicht entgehen lassen.

  2. Kann man auch do sehen, aber wie schon erwähnt ,bei einem Deal mit Konzessionen verliert Trumpi sein Gesicht u.die Wiederwahl. Herr Zipfel warum kein Wort über die BBB Anleihenbombe? F.Zulauf sieht übrigens den Handelskrieg nicht als Hauptbelastung.Auch ohne Handelskrieg wäre eine Baisse überfällig, denn die Chinesen können auch nicht mehr helfen.
    Beitrag von F.Zulauf Juni 2019 : DIE SCHAUKELBÖRSE BEGINNT BALD

  3. Korrigenda: Beitrag: Achtung die Achterbahn beginnt bald

  4. „Aber: Nimmt man die politischen Belastungen, wie Handelskrieg und Brexit, von den Schultern der Weltwirtschaft“

    Wir leben in einer globalen Welt, den Brexit ,den Harten gibt es nicht, es sei denn die Briten wollen kollektiven Selbstmord begehen.

    Das „British-Empire“ wieder erstehen lassen wollen – na, wer´s glaubt…

    Das könnte mann durchaus auf den USA/China-Konflikt herunterbrechen, dies würde wohl keinen Unterschied bedeuten ?

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