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Indizes

Handelsstreit: Kommt heute der Waffenstillstand?

An den Börsen kann man sich nur noch wenige Stunden für den Fall der Fälle wappnen

Wolfgang Müller

Veröffentlicht

am

Die Zeichen mehren sich: Es sind nur noch wenige Stunden bis zum Ablauf der Frist, nach der die nächste Stufe der Eskalation im Handelsstreit in Kraft treten soll – und auch an den Börsen kann man sich nur noch wenige Stunden für den Fall der Fälle wappnen. Beide Seiten haben bis zum Schluss gepokert, jeder wollte aus der Notlage des anderen bis zuletzt Kapital schlagen. Aber jetzt muss zumindest ein Waffenstillstand, in Form einer Verschiebung her.

Im Wirrwarr der Meldungen blickt kaum einer mehr durch über die ökonomischen Zusammenhänge, die sich aus den aktuellen Daten auch nicht unmittelbar ableiten lassen. Vor allem auch wegen der Reaktionen an den Börsen – diese bewertet die Zukunft, deshalb auch der alte Spruch eines legendären hessischen Börsenkommentators: „Fürs Gehabte gibts nichts!“

Wieso brauchen beide Seiten die Entscheidung im Handelsstreit? Eine Gegenüberstellung

In zahlreichen Artikeln der letzten Monate:

..habe ich jeweils auf die Sachzwänge hingewiesen, die aus ökonomischen Gründen zur Eindämmung im Handelsstreit führen müssten. Man hatte es aus vielerlei politischen und ideologischen Gründen ignoriert, bis die Konsequenzen immer deutlicher wurden. Hier ein paar der K.O.-Kriterien.

 

Handelsstreit: Die Nöte der Chinesen

Chinas Wirtschaft verliert nach einem Jahrzehnt schuldenfinanzierten Wachstums an Fahrt – zuletzt auf sechs Prozent, die schwächste Rate seit 27 Jahren. Ein Alarmzeichen für die chinesische Regierung, die dem Volk eine Verdoppelung des Bürgereinkommens zwischen 2010 und 2020 versprochen hatte. Der Handelsstreit verschärft den Abschwung, erkennbar an den letzten Zahlen, wie zum Beispiel:

  • Die Industrieprofite sind bereits sieben Monate in Folge rückläufig, zuletzt minus 9,9 Prozent zum Vorjahr und damit auf dem niedrigsten Niveau seit 2011.
  • Die Autoverkäufe liegen 15 Prozent unter dem Niveau des Vorjahresund sind nun schon 16 Monate in Folge gefallen.
  • Der Einbruch der Importe und Exporte, die die Auslastung der Firmen fallen lassen.

Zur Erinnerung: Bei der Finanzkrise verloren Millionen von Wanderarbeitern ihre Anstellung und mussten zurück ins chinesische Hinterland. Dies wird man 2020 unbedingt verhindern wollen.

Hinzu kommt ein ganz spezielles Problem mit der „Afrikanischen Schweinepest“: Dieser fielen bereits 100 der 200 Millionen chinesischen Tiere zum Opfer. Schweinefleisch ist ein ganz wesentlicher Bestandteil des chinesischen Wohlstandes. Obwohl man bereits an die Reserven in Kühlhäusern herangeht, haben sich die Preise verdoppelt, auch die chinesische Inflation für die Verbraucherpreise ist über acht Prozent in die Höhe geschnellt. Man braucht Lieferungen aus den USA. Und was wäre, wenn die Zölle auf die chinesischen Alltagsprodukte ab dem 15. Dezember mit weiteren 15 Prozent verzollt würden? Und was ist mit den Apple-Produkten, die von der Riesenfirma Foxconn mit einer Million Beschäftigten „zusammengeschraubt“ werden? Nur ein paar Aspekte, warum auch das geduldige China nicht einfach weiter eskalieren kann.

Handelsstreit und die Zwänge von Donald Trump

Obwohl es fast schon absurd klingt: der oberste Zwang ergibt sich aus dem unbändigen Wunsch ihres Präsidenten 2020 wiedergewählt zu werden. Daraus resultieren zwei Konsequenzen: Er braucht eine starke Wirtschaft und hohe Börsenkurse. Man kann es gar nicht oft genug wiederholen!

Die US-Indizes, die sich seit der Finanzkrise vervierfacht haben, entsprechen einer Markt Kapitalisierung von weit über 30 Billionen Dollar. Bereits bei einem Aktieneinbruch von 10 Prozent würde würden sich ca. 3,5 Billionen Dollar an Vermögenswerten in Luft auflösen. Mindestens 50 Prozent der Amerikaner wären davon richtig betroffen und der Konsum werde umgehend reagieren. Ein weiterer Einbruch wäre aber auch zu befürchten, wenn die zusätzlichen Zölle auf die Alltagsgüter kommen würden – damit beträfe es aber die unteren 50 Prozent der Amerikaner und damit viele Stammwähler Trumps.

Auch wenn es zahllose Argumente für eine Störung des Wirtschaftswachstums in den USA durch die Beeinträchtigung der Lieferketten im Welthandel gibt, es sind die beiden Achillesfersen der USA: Der US-Konsum und das Vermögen an den Börsen. Wenn Donald Trump den US-Verbraucher mit seinen 16 Billionen Dollar Jahresumsatz (das zweithöchste BIP weltweit, entsprechenden fast einem Fünftel der gesamten Weltwirtschaft) tangiert, bekommt er seine Rezession und zwar erst in einigen Monaten, in der heißen Phase des Wahlkampfes. Und brechen die Aktienkurse ein, vollzöge sich ein ähnliches Szenario.

 

Fazit

Es ist sehr wahrscheinlich, dass es in kurzer Zeit zu einem Waffenstillstand, sprich zu keiner weiteren Eskalation im Handelsstreit kommt. Wenn es Donald Trump aus seiner persönlichen Fehleinschätzung der Lage doch auf eine Verschärfung ankommen läßt, wird er meines Erachtens nach unmittelbar danach bestraft werden – und zwar in Form eines veritablen Einbruch der Aktienmärkte. Die Märkte haben bereits seit August darauf gesetzt, dass das ungeschriebene Gesetz in den USA auch unter Donald Trump gilt: Kein Präsident regiert gegen die Interessen der Wall Street!

Der Kampf um die wirtschaftliche, technologische und militärische Vormachtstellung wird dennoch weitergehen – vermutlich aber mit einer gewissen Verzögerung, wenn es zu dem Deal kommt..

Kommt es im Handelsstreit jetzt zu einem Deal?

7 Kommentare

7 Comments

  1. Avatar

    sabine

    13. Dezember 2019 09:23 at 09:23

    Und der Brexit? Bleiben die Börsen davon unberührt oder war der Sieg schon eingepreist?
    Fürs Gehabte gibts nix.

    Boris hat die Wahl haushoch gewonnen. Mit 364 gegen 203+48+11. Mein Kollege ist Vollblut-Engländer. Noch vor einem Jahr war er ganz gegen Boris, gemäß den Q-Medien. (Er schaut immer Tagesschau und ähnliches.) Mit der Zeit hörte er auch die Reden von Boris und ist mittlerweile für ihn. Er befürchtet nur, daß einige seiner Abgeordneten gegen ihn stimmen werden.
    Irgendwie wollen die meisten Engländer nicht in der EU bleiben. Echt komisch. Es gibt doch gar keine Alternative zum „Wohlstand und florierender Wirtschaft“ mit ihr?
    Oje, jetzt kommt der Absturz Englands, Isolierung usw.
    Hoffentlich bringen sie ihn nicht um, noch ihre einzige Chance. Ist ja auch nicht ganz so selten.

  2. Avatar

    BrettonWood

    13. Dezember 2019 09:33 at 09:33

    Also wenn es jetzt einen Deal gibt dann ist das ein Gesichtsverlust für beide Seiten. So wie das für mich aktuell klingt hat Donald wohl alleine einen Deal beachlosse , der nicht veröffentlich werden darf weil er nicht existiert.

    Damit öffnet Donald nun die Möglichkeit Grosszügig zu sein, und die Zölle zu verschieben und andere Rückabzuwickeln. Das muss er wohl er hat gepokert bis zum Schluss die Chinesen wollten sehen, es war ein Bluff, und den Bluff muss er zuhause ja nun irgendwie verpacken….also es gibt einen Deal, nur die Amis wissen davon 😂

    Da Donald aber doch durchblicken lassen hat was alles im Deal drinstehen soll, Auch wenn es keine Unterschrift gibt und auch keine Veröffentlichung ist ein Zustimmen von Peking ohne Vorbehalte am Schluss dann eben doch ein Kniefall….

    Und das wir diesem Kniefall sehen werden das glaube ich wirklich NICHT, ehrlich gesagt denke ich eher das China, die mit ganz anderen Denkmustern operieren, bevor ein Gesichtsverlust droht lieber den Scherz in Kauf nehmen, China ist nicht Donal Trump der sich für seine Zwecke laufend Prostituiert….man wird sehen was der Tag bringz ich bin Skeptisch

    • Avatar

      Ice 9

      13. Dezember 2019 10:24 at 10:24

      Seh ich auch so. Wenn die Zölle jetzt nicht kommen, hat Trump seine Glaubwürdigkeit verspielt, ist vor den Chinesen eingeknickt und in Zukunft in einer schwachen Verhandlungsposition. Wundere mich eh schon die ganze Zeit über Trumps timing. Bis zur Wahl sind es noch neun Monate, ob seine Taktik so lange reicht, um die Kurse hoch zu halten?

  3. Avatar

    BrettonWood

    13. Dezember 2019 10:33 at 10:33

    Wenn ich diesen Text der FAZ lese:

    Offenbar ist es den Amerikanern gelungen, eine Art Rückversicherung zu vereinbaren. Sollten die Chinesen ihren Versprechen nicht halten, können die alten Zölle unmittelbar wieder in Kraft treten. Die nachvollziehbare Durchsetzung der Vereinbarungen im Alltag war eines der großen Anliegen der amerikanischen Unterhändler. China hat nach amerikanischer Darstellung früher regelmäßig Zusagen etwa zur Industriespionage, Cyberangriffen oder die Respektierung von Eigentumsrechten an Hightech nicht eingehalten.

    Dann beschmeicht mich irgendwie das Gefühl das wir hier den schwarzen Peter umherschieben, nach dem China nun einseitig kaufend behauptet hat man hätte einen Deal und die Usa würden sich nicht daran halten (wozu die Usa eisern schwieg) dreht man den Spiess nun wieder um und nun Behaupten die Usa man hätte einen Deal, und falls die Zusagen nicht eingehalten werden kommen die Zölle automatisch zurück.

    Die Idee ist klar, man will am Schluss dem anderen den schwarzen Peter zuschieben ER hätte den Handelskrieg eskalieren lassen, und sei damit für den Absturz der Indizes/Weltwirtschaft verantwortlich…..

    Es mutet doch seltsam an, das man nun zum 3x Einseitig einen Deal verkündet und dabei die andere Seite einfach schweigt….

    Zwischendrin spart man ja auch nicht damit sich gegenseitig mit Nettigkeiten einzudecken…..

    Der Fisch stinkt doch am Kopf

  4. Avatar

    barthez72

    13. Dezember 2019 11:54 at 11:54

    Also
    1. Deal? -Wo ist die Änderund zu vorher—- KEIN DEAL–
    2. Nach Plan– Brexit—-(der EZB fehlen ca.14% Haftungsvolumen+Südländer haben jetzt Mehrheit)
    3. Noch ungelöst —Repokalypse– Kreise: „nicht die Hedgefonds“; Mist kommt aus Europa)
    4. Hühnerhaufen EU,allenortens–mehr Neuverschuldung,mehr Geld,GreenNewDeal,Billionen etc.
    5. Lagarde: „Vertrauen kommt leise,reitet weg auf Pferden“i.E.Vetrauen=Geld(musswohl Thema sein)
    6. M.Krall — Deutsche Bank ,ante Portas. Bilanzreduzierung,Geschäftsfelder verkauft
    7. Linksruck in BRD-Neuwahl-GrünRotRot— EU Bürgschaften
    8. Jpy,€,$,Yuan QE4 !! bei AllTimeHigh ????????? –explosion vom Dispokonto–
    9. 2o2o Rezession EU ,kaltes China ,USA ante Portas
    10. SEC verdächtige Marktmanipulation von Trump –Linksruck–Impeachment–
    11. Und JePo hat ne technische Störung !!
    Mein Fazit –Es bahnt sich eine Liquiklemme an oder ^^bald GELD alle^^ wenn nicht …..so und so
    Aber das ist nur meine Wahrnehmung, vllt. bild ich ich mir das auch alles nur ein ,ich mikriger Naivling !!

  5. Avatar

    barthez72

    13. Dezember 2019 12:00 at 12:00

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Gold/Silber

Goldpreis: Abverkauf als Vorbote für Crash der Aktienmärkte?

Markus Fugmann

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am

Der Goldpreis ist zuletzt stark unter Druck gekommen – hat das auch etwas für die Aktienmärkte zu bedeuten? Derzeit herrscht an den Märkten bekanntlcih Impfstoff-Euphorie – die US-Indizes mit exztrem starker Performance im November, es waren vor allem die Aktien und Indizes, die in der Coronakrise am Stärksten verloren hatten, die massiv stiegen. Daher hatte etwa der US-Nebenwerte-Index Russell 2000 (wichtigstes ETF: IWM) seinen besten Monat der Geschichte, obwohl knapp die Hälfte der in diesem Index enthalenen Unternehmen Verluste schreiben und in der Coronakrise ihre Verschuldung massiv nach oben geschraubt hatten, um die Krise finanziell zu überstehen. Nicht zufällig ist daher der Russell 2000, der die breite Wirtschaft der USA abbildet, der mit Abstand „teuerste“ Index der Wall Street.

Goldpreis und Aktienmärkte: ein seltsamer Zusammenhang

Der Goldpreis ist bekanntlich nun zweistellig im Minus seit seinem Hoch im August knapp unter der 2100-Dollar-Marke, alleine im November verlor das gelbe Edelmetall 5%. Heute folgt eine kleien Gegen-Reaktion bei Gold mit einem Anstieg über die 1900er-Marke, aber eines ist doch auffällig: die Aktienmärkte erwarten durch die Impfstoffe eine baldige Lösung der Coronakrise nach dem Motto: im Jahr 2021 wird alles so wie früher, oder sogar besser (Allzeithoch vieler Aktien-Indizes). Mit anderen Worten: die Menschen leben wie früher, die Nachfrage zieht an, wodurch tendentiell Inflation entsteht. Das ist die Sicht der Aktienmärkte.

Aber einiges ist hier ungewöhnlich! Zunächst einmal, dass der Goldpreis fällt, obwohl der Dollar schwach ist. Weiterhin ist auffällig, dass die Anleihemärkte eine andere Botschaft senden: denn hier steigen die Renditen nicht, was ja eigentlich passieren müsste, wenn die Wirtschaft wieder stark anzieht nach Ende der Coronakrise (starke Wirtschaft geht tendentiell einher mit infaltionären Tendenzen). Die Anleihemärkte also sehen diese Rückkehr in die alte Welt also offenkundig nicht – und es ist kein Geheimnis, dass die Anleihemärkte als „smarter“ gelten als die Aktienmärkte. Jene Aktienmärkte, die lange die Dimension des Corona-Problems ignoriert und verdrängt hatten, um dann plötzlich in Panik zu verfallen.

Zurück zum Goldpreis: warum fällt Gold? Offenkundig gehen die Investoren nicht davon aus, dass eine von den Aktienmärkten bereits eingepreiste Rückkehr zur Vor-Corona-Realität bald eintreten wird  – sonst müsste Gold eigentlich als bewährter Schutz vor Inflation steigen. Auch die Anleihemärkte sehen das Positiv-Szenario der Aktienmärkte offenkundig nicht.

Wenn nun der Goldpreis deutlich fällt, ist darin eine Botschaft enthalten, wie in folgendem Video von „Game of Trade“ erklärt. Das Video beginnt mit einer Analyse der Aktienmärkte, zeigt dann die derzeit euphorische Stimmung der Investoren – und erklärt dann den zentralen Aspekt: dass der fallende Goldpreis ein Vorbote ist für fallende Renditen, was wiederum absehbar auf erheblichen Streß für die Aktienmärkte hindeutet:

 

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen

 

Fallender Goldpreis als Vorbote für einen Crash der Aktienmärkte?

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Aktien

Markus Koch LIVE vor dem Handelsstart in New York – Tesla, Zoom, Salesforce

Redaktion

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Markus Koch meldet sich im folgenden Video LIVE vor dem Handelsstart in New York. Tech steht heute im Fokus der Börsianer, darunter, die Aktien von Tesla, Zoom, und Salesforce.

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Indizes

Aktienmärkte: Kommt jetzt der furiose Start zur Jahresendrally?

Startet jetzt die Jahresendrally? Wir befinden uns in der Woche nach Thanksgiving, einer traditionell nicht so starken Phase der Aktienmärkte..

Wolfgang Müller

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am

Als vorsichtiger Anleger oder gar als Aktien-Bär bekommt man derzeit jede Menge Begründungen für die eigene Positionierung: Nicht nur aus Gründen der Sentiments, auch die jüngste Performance im November macht eine Korrektur der Aktienmärkte höchstwahrscheinlich. Ich habe aber schon im Mai drauf hingewiesen, dass es für das Coronajahr 2020 keine Modelle für die Volkswirte gibt und erst recht keine passenden historischen Vergleichsdaten. Deshalb wird man ständig überrascht, wenn man sich aus den vielen Datenbanken und den aktuellen Nachrichten einen Vorteil verspricht.

Aktienmärkte: 2020, das Jahr der Extreme

Hier nur ein paar Paramater dieses außergewöhnlichen Börsenjahres.

Es gab den schnellsten Bärenmarkt aller Zeiten, als es im Februar diesen Jahres in nur 16 Handelstagen in diese 20-Prozent-Korrektur ging. Für den zweitschnellsten Absturz muss man schon ins Jahr 1929 zurückblicken, in dem es aber 30 Börsentage bis zu dieser Börsenphase gedauert hat. An dritter Stelle das Jahr 1987 mit 38 Tagen bis ins „Bear Market Territory“ – drei ungewöhnliche Börsenjahre, zweifelsohne.

Dann der schnellste Bullenmarkt:

Es dauerte beim Dow Jones nur 193 Handelstage vom Rezessionstief am 23. März bis zu einem neuen Allzeithoch, der Durchschnitt aus den letzten Rezessionen liegt bei 1428 Tagen. Im Übrigen befinden sich alle vier großen Indizes in den USA bereits auf neuen Höchstständen. Wieso gehen Analysten her und vergleichen die aktuellen Kurs- und Parameterentwicklungen mit früheren Phasen?

Was sind die Gründe für ein derartiges und von keinem (in seiner Dimension) voraussehbares Jahr der Aktienmärkte? Natürlich in erster Linie das Auftreten einer weltweiten Pandemie, die im ersten Viertel des Jahres zeitweise vier Milliarden werktätige Menschen in die häusliche Quarantäne gezwungen hatte. Die Folge waren monetäre Rettungsaktionen von Regierungen und Notenbanken, für die es kein historisches Beispiel gibt. Die Zinsen liegen in vielen Staaten nahezu bei null, die Bewertungen der Aktienmärkte haben eine ganz andere Relation als in früheren Zeiten. Aber die Fabriken und Flugzeuge stehen noch, im Vergleich zu Kriegen oder Naturkatastrophen – und wenn es tatsächlich gelingen sollte, die Pandemie in den nächsten Quartalen einzudämmen?

Die Besonderheiten des Novembers 2020

In diesem Jahr trafen im vorletzten Monat des Jahres schon zwei extreme Ereignisse unmittelbar aufeinander: Das Unsicherheitsmomentum bei der US-Wahl, aufgrund der Besonderheit mit den Briefwahlstimmen, auch Covid-19 geschuldet. Dies führte zu einer gewaltigen Short Squeeze bei manchen Titeln, durch einzudeckende Leerverkäufe. Diese wurden am 9. November durch die Impfstoffmeldung potenziert, als man plötzlich mit einer baldigen Verfügbarkeit eines Impfstoffes in großem Stil rechnen konnte. Investoren, die sich sehr sicher sein konnten, dass es noch lange Zeit nichts werden sollte mit der Luftfahrt-, Hotel-, oder Reisebranche, mussten sich in Stunden umpositionieren – ein Game Changer, wie es in seit vielen Jahren nicht mehr gegeben hat. Was im Rückblick auf den großartigen November vergessen wird: Drei Viertel der Kursanstiege fanden schon bis zum 9. November statt, nach der Monatshälfte gab es weitere Umschichtung, aber die Aktienmärkte liefen nur noch seitwärts/aufwärts. Kein Abverkauf – könnte man dies nicht als Marktstärke interpretieren?

Jeder spricht vom Wundermonat November, aber wie ist der Blick auf drei Monate beim marktschweren S&P 500, der 75 Prozent der US-Marktkapitalisierung abdeckt?

September: minus 3,9 Prozent

Oktober: minus 2,8 Prozent

November: plus 10,9 Prozent

Was könnte die Jahresendrally ausbremsen?

Zum Beispiel 300 Milliarden Dollar Abflüsse aus globalen Investmentfonds bis zum Jahresende, etwa Mischfonds, die eine feste Allokation Aktien-Anleihen mit 60 zu 40 Prozent befolgen müssen. Richtig, aber was ist mit den reinen Aktienfonds, die ständig neue Zuflüsse, auch von regelmäßigen Sparplänen erhalten? Bei einer Welt-Marktkapitalisierung von 98 Billionen US-Dollar und zwei Notenbanksitzungen mit neuen Geldspritzen! 120 Milliarden Dollar monatlich durch die Fed sind zugesichert, dazu die Aufstockung von PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme), welches mit seinen 1,35 Billionen Euro durch die Europäische Zentralbank nochmals deutlich ausgeweitet werden soll. Ach, und nicht zu vergessen die Erweiterung des Volumens des laufenden Wertpapierkaufprogramms um 150 Milliarden auf 895 Milliarden Pfund durch die Bank of England.

Natürlich ist auch das Platzen der Spekulationswelle durch die hohen Call-Bestände ein ständiges kleines Damoklesschwert für die Aktienmärkte,  auch Verzögerungen im Zusammenhang mit der Impfstoffzulassung.

Letzteres ist die größte Achillesferse der derzeitigen Rally, die eigentlich in der letzten Oktoberwoche begonnen hat. Echte Zweifel an der Wirksamkeit des Impfstoffes, das würde zu heftigen Gewinnmitnahmen führen – die Jahresendrally wäre vermutlich abgesagt.

Einige sich widersprechende Daten

War in den letzten Tagen nicht überall die Rede davon, dass die Investoren voll investiert sind, mit teilweise über 100 Prozent gehebelt und dass die Cashquote sehr niedrige 4,1 Prozent betrage? Dass Insider sehr viel Aktien auf den Markt werfen würden? Klar mussten viele Fonds blitzschnell auf den Zug aufspringen, als es am 9. November den großen Game Changer mit der Impfstoffmeldung gab. Leerverkaufspositionen wurden in historischer Größenordnung aufgelöst und zurückgebliebene Aktien auch aus dem Energiesektor gekauft.

Und wieder schlug die Finanzmathematik zu, wie schon nach dem 2. Katastrophenquartal prognostiziert: Wenn ein Wert 50 Prozent oder mehr gefallen ist, können absurd wirkende Kursavancen folgen, ohne dass der Wert das Ausgangsniveau erreicht hat. Doch zurück zu den Aktienfonds und ihrem starken Engagement im November. Wenn man der Grafik von Goldman Sachs Glauben schenken kann, wären die Mittelzuflüsse nur der Anfang.

Klar geht die Übersicht nur bis zum 11. November, aber da waren 80 Prozent des Monatsanstiegs schon gelaufen.

Starten die Aktienmärkte jetzt eine Jahresendrally?

Meilensteine, oder das Spiel mit den großen Zahlen

Ein schönes Beispiel dafür, dass man bei Vergleichszahlen mit der Vergangenheit stets die logarithmische Darstellung wählen soll und nicht so sehr die lineare, ist die Entwicklung des Dow Jones im letzten Jahrhundert – Stichwort Dow 30.000.

Der altehrwürdige Index hatte im Dezember 1906 die 100-er-Marke erreicht und es brauchte 66 Jahre bis zum ersten Tausender, immerhin ein Anstieg von 900 Prozent. Bis zu den 2000 Punkten dauerte es dann 15 Jahre, ein Anstieg von 100 Prozent. Die 50 Prozent bis zu den 3000 schaffte man dann schon in vier Jahren, im April 1991.

Wie war es in der jüngeren Vergangenheit, zu Amtsbeginn von Donald Trump? Es ging in nur 42 Tagen von 19.000 auf 20.000 Punkte, was aber auch nur noch eines Anstiegs um 5,3 Prozent bedurfte. Dann ging es Schlag auf Schlag, bis der Zinsanstieg durch die Federal Reserve und der Kommunikationsgau von Jerome Powell im Dezember 2018 eine längere Pause einleitete. Von den im Januar 2018 erreichten 26.000 Punkten dauerte es doch ganze 372 Tage bis der nächste Tausender erklommen wurde. Aber auch die Pandemie konnte den weiteren Anstieg auf die runde Marke von 30.000 Punkten nur auf gut 10 Monate hinauszögern. Vom 15. Januar diesen Jahres bis zum 24. November, umgerechnet war es aber nur noch ein Plus von 3,4 Prozent.

Vorsicht also, vor all den großen Schlagzeilen, die so gerne die Medien bestimmen. Hier muss ich nochmals den 90-jährigen Investor Warren Buffett zitieren, der sich für die Gefahren der Aktienanlage rechtfertigen musste: „Im 20. Jahrhundert durchlebten die USA zwei Weltkriege und weitere traumatische und teure militärische Konflikte, eine Depression, mehrere Rezessionen, Börsenpaniken, Ölschocks, Virenpandemie und den Rücktritt eines Präsidenten. Dennoch stieg der Dow Jones von 66 auf 11497 Punkte.“

Wer vom Zusamnenbruch der Aktienmärkte fabuliert, träumt auch vom Ende der zugrundeliegenden Wirtschaft, mit allen Konsequenzen. Auch der Bitcoin wird da nichts retten können, denn wer soll dann noch die Kohlekraftwerke betreiben, die die Terrawatt- Stromleistung für die Kryptowährung liefern müssen?

Auch geht dann ganz rasch der Strom für die Sendemasten der börsennotierten Deutschen Telekom oder Vodafone zur Neige.

Fazit

Wir befinden uns in der Woche nach Thanksgiving, einer traditionell nicht so starken Phase der Aktienmärkte, was im Coronajahr 2020 aber nichts heißen muss. Welche saisonale Börsenregel ist in diesem Jahr überhaupt eingetroffen? Dennoch muss die Schwerkraft an den Aktienmärkten zum Zuge kommen, selbst in der stärksten Aufwärtsphase, selten gab es zehn steigende Börsentage in Folge. Welche Kräfte werden dann wirken im Monat Dezember: die von Gewinnmitnahmen oder durch Umschichtungszwänge oder aber die von sehr viel von Notenbankgeld-Stimuli unterstützte Konjunkturhoffnung für die zweite Hälfte des Jahres 2021? Ich rechne mit Letzterem, denn warum sollte ein Wal wie der größte Staatsfonds der Welt (Norwegens Statens Pensjonsfonds) seine Quoten groß verändern? Gegenüber dem Jahresende 2019 sind Indizes wie der S&P 500 derzeit gerade mal 12 Prozent gestiegen, der Dow Jones gute drei Prozent und der Dax liegt sogar noch im Minus.

Startet nach dem Rekord-November jetzt die Jahresendrally?

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