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Hans-Werner Sinn rechnet mit der EZB-Politik ab – hat er recht?

Redaktion

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am

FMW-Redaktion

Der ehemalige ifo-Präsident Hans-Werner Sinn ist lauter denn je und fordert die Bundesregierung aktiv dazu auf die EZB in ihre Schranken zu verweisen. Das widerspräche auf den ersten Blick ganz klar der Unabhängigkeit der EZB. Aber andererseits muss man fragen: Ist ein Eingriff der Politik nicht doch notwendig, wenn eine Notenbank offensichtlich ihr Mandat in großen Stil überschreitet? Hat Sinn recht?

Hans-Werner Sinn
Hans-Werner Sinn rechnet groß ab mit der EZB-Politik. Foto: Hanswernersinn.de

Das ist die Kernthese von Hans-Werner Sinn. Die EZB überschreitet ihr Mandat und muss daher gestoppt werden. Und in der Tat kann man die Denkweise nachvollziehen. Die Unabhängigkeit einer Notenbank ist solange in Ordnung, wie sie nur das tut, was im Rahmen des ihr gegebenen Mandats liegt. In einem Artikel für die „Zeit“ holt Sinn umfassend gegen die EZB aus. Er erwähnt, dass alles damit anfing, dass die EZB bereits im Jahr 2010 mit dem „Securities Markets Programme“ anfing Staatsanleihen für 223 Milliarden Euro zu kaufen, was eigentlich eine Art Vorläufer für das aktuelle viel gigantischere PSPP-Programm war im Wert von bald mehr als 1 Billion Euro. Auch erwähnt er, dass schon damals der EZB-Chefvolkswirt wie auch der Bundesbankpräsident Weber protestiert hatten. Genau so ist es heute, wo ziemlich alleingelassen Bundesbankpräsident Jens Weidmann beharrlich gegen fast sämtliche „Lockerungsmaßnahmen“ der EZB protestiert.

Neben den reinen Anleihekäufen erwähnt Sinn auch die über das sogenannte ANFA-Abkommen getätigten Käufe der nationalen Notenbanken in Eigenregie, in dessen Zuge z.B. die italienische Notenbank für mehr als 100 Milliarden Euro italienische Staatsanleihen kaufte. Und da wären noch die ELA-Kredite, eine Art Dispo des Eurosystems (EZB + nationale Notenbanken) für Banken in der Eurozone. Nur mit diesen Notkrediten, über die wir auch schon diverse Male berichteten, konnten griechische Banken in den letzten Jahren überhaupt am Leben gehalten werden. Und nur mit diesem Geld waren sie überhaupt in der Lage ständig kurzlaufende neue Anleihen des griechischen Staates zu kaufen. Aber ach je, auch dies ist natürlich keine direkte Staatsfinanzierung der durch die EZB, stimmts?

Sinn vergleicht das EZB-System mit dem Fed-System in den USA, was man in einem bestimmten Umfang auch tun kann, so meinen wir. Bundesstaaten in den USA (im Vergleich zu Euro-Staaten) könnten dort pleite gehen, und somit seien die Gläubiger in der Haftung bei einem Zahlungsausfall, was in Europa dank der umfangreichen EZB-Stützung nicht der Fall sei, so Sinn. Er erwähnt auch eine Reihe weiterer Maßnahmen der EZB wie der in ca. 6 Wochen startende Aufkauf von Unternehmensanleihen in der Eurozone, oder auch dass die EZB jetzt Banken Zinsen für ihre Kreditaufnahme zahlt. All das diene dazu das gesamte Zinsspektrum ins Negative zu drücken, so drückt er sich aus.

Letztlich, so Sinn´s Schlussfolgerung, sei es bei all den Rettungsmaßnahmen der EZB darum gegangen europäische Banken (vor allem französische) und Staaten zu retten. Letztlich läuft alles auf eine verdeckte und irgendwann offene Staatsfinanzierung hinaus, die das Mandat der EZB natürlich weit überschreitet. Die EZB selbst, so kann man es ausdrücken, findet für alles eine Erklärung. Die ELA´s z.B. sind ja keine Staatsfinanzierung, sondern lediglich Notkredite für Banken, kurzfristig!?! Und die Anleihekäufe erfolgen nur am freien Anleihemarkt und nicht in der Primärauktion, sie sind also für die EZB offiziell keine direkte Staatsfinanzierung. So kann man sich die Wahrheit zurechtbiegen, wie man sie braucht.Sinn schreibt im Originalwortlaut:

„So wird es immer weitergehen, wenn keiner die EZB stoppt.“

„Der Bestand der deutschen Lebensversicherungsverträge, die Sicherheit der Riester-Renten und das Überleben des deutschen Sparkassensystems stehen auf dem Spiel.“

Er fordert die Bundesregierung dazu auf aktiv gegen die EZB zu handeln. Es gehe nicht darum ihre Unabhängigkeit zu beschneiden, sondern ihr Handeln außerhalb ihres Mandats zu beenden, also die verbotene Staatsfinanzierung und die Rettung von Pleitestaaten. Die Bundesregierung könne z.B. jederzeit den Maastrichter Vertrag kündigen und eine Neuregelung verlangen, was die Basis für die EZB darstellt. Aber aller Wahrscheinlichkeit nach wird das nicht passieren. Denn es gibt ja genau wie für Deutschland auch eine Art europäische Staatsraison, der sich Angela Merkel und Co verpflichtet fühlen. Das „große Ganze“ muss gewahrt werden.

Wir sehen es ähnlich wie Hans-Werner Sinn. Addiert man alle von ihm aufgelisteten EZB-Maßnahmen zusammen, ergibt das Gesamtbild letztlich eine Verschiebung der Staatsfinanzierung in Europa weg von privaten Investoren hin zur EZB, womit sich die Euro-Staaten quasi selbst durch die Druckerpresse am Leben halten. Durch die Nullzinspolitik sind in der Tat alle gefährdert, die etwas sparen, wie auch kleine Banken und Sparkassen, die immer mehr Filialen schließen und Personal abbauen müssen. In allen Fällen zahlt letztlich immer der Endverbraucher die Zeche. Gewinner dieser Politik sind die Regierungen einiger Euro-Staaten, die sich so wunderbar weiterverschulden können zu Nullzinsen, und sich daher nicht die Mühe machen müssen strukturelle wirtschaftliche Reformen angehen zu müssen – denn das Geld ist ja da!

8 Kommentare

8 Comments

  1. Avatar

    leser

    10. Mai 2016 09:58 at 09:58

    Von der Bundesregierung ist hier nichts zu erwarten. Ohne die EZB wäre der „Schwarze-Null“-Traum Schäubles längst ausgeträumt. Und Weidmann ist Merkels Buddy und hat jüngst seine moderate und – angesichts der Stimmverhältnisse im EZB Rat – völlig ungefährliche Kritik am Kurs der EZB gegen eine Pro-Draghi Rhetorik getauscht.
    Die Bevölkerung wacht ganz langsam aus ihrem Tiefschlaf auf. So interpretiere ich die 30%, die sich für einen Austritt Deutschlands aus der EU aussprechen. Dies wäre gleichbedeutend mit einem Ende der EZB.

  2. Avatar

    FR

    10. Mai 2016 10:00 at 10:00

    Was würden wir ohne den Hans Werner nur machen? Alles wäre so Sinnlos.

    Guter Artikel – schön komprimiert uns auf den Punkt.

    Beste Grüße & gute Trades

  3. Avatar

    Wolfgang Koch

    10. Mai 2016 10:19 at 10:19

    Klasse Artikel!Den Worten von Ex-Käptn Ahab ist nichts mehr hinzuzufügen,ausser:Er fordert die Bundesregierung auf…Diese grosskotzerische(ehemalige)Bundesregierung zu irgendwas, dem Bürger nützlichen, aufzufordern,ist ähnlich sinnvoll wie einem Ochsen ins Horn zu zwicken!Einzig und allein die AFD(das erkaudert!!mich als Demokrat!)scheint in der Lage zu sein der Diktatur der EZB Einhalt gebieten zu können!Stoppt TTIP,CETA,DRAGHI,wenn Ihr selbstbestimmt überleben wollt!Mutti go Faymann&gut is!

  4. Avatar

    Lars Hoffmann

    10. Mai 2016 11:31 at 11:31

    Die EZB hat ein Mandat: Es heiß Preisstabilität. Das wiederum heißt laut Mandat knapp 2 % Inflation. Davon ist die Eurozone weit weg. Und wenn man Mario Draghi immer so schön kritisiert: Was sollte denn die EZB stattdessen tun? Wäre es nicht an der Zeit, mal Draghi zu zitieren. Die Maßnahmen der EZB werden sich nur richtig entfalten, wenn die Staaten Strukturreformen durchführen. Kaputtsparen ist dabei wahrscheinlich eher nicht gemeint. Wenn Inflation geschaffen werden soll, muss die Nachfrage angekurbelt werden. Man kann natürlich auch das Mandat überdenken. Auch hier wäre die Politik gefragt. ich sehe daher ein Politikversagen – auch, wahrscheinlich sogar besonders in Berlin.

    • Avatar

      Wolfgang Koch

      10. Mai 2016 14:04 at 14:04

      Kaputtsparen!Was für ein Begriff!So ähnlich wie verdursten durch Waterboarding.Was manche Leute so von sich geben-erstaunlich!

      • Avatar

        N. Ritter

        10. Mai 2016 21:06 at 21:06

        Erstaunlich nur deshalb, weil Sinn, Schäuble und ähnliche „Sparfüchse“ seit vielen Jahren propagieren, es wäre für die Volkswirtschaft als Ganzes genauso erstrebenswert zu sparen, wie für eine brave Hausfrau. Zu der Auffassung kommt man, wenn man immer nur sein eigenes Haushaltsbuch anschaut, sich über das Gesparte freut und nicht berücksichtigt, dass jeder Euro den A spart, B als Einnahme fehlt und zwingt, die eigenen Ausgaben weiter zu senken, um sein eigenes Sparziel zu erreichen. Wenn alle gleichzeitig sparen wollen (also weniger ausgeben als einnehmen), fallen zwangsläufig für alle die Einnahmen – für die einen früher, für die anderen später. Da kann sich die EZB zweimal den Wolf drucken, es wird nichts ändern.

  5. Avatar

    Sebastian Schaarschmidt

    10. Mai 2016 17:59 at 17:59

    In den Präambeln der EZB heißt es ganz klar:“Die Zentralbank und alle ihr unterstellten Landesbanken haften NICHT für jedwede Verbindlichkeiten ihrer Mitgliedsstaaten und auch nicht der Regionen oder Länder oder Organisationen.“
    Desweiteren steht da:“Die EZB strebt eine geordnete Geldwertstabilität an“.
    Also ist der Ankauf von Staatsanleihen verboten.Und von einer 2% Inflation als erstrebenswertes Ideal lese ich da auch nichts.

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Aussicht für deutsche Exporte verfinstern sich spürbar

Claudio Kummerfeld

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Über den Hamburger Hafen laufen viele Exporte Richtung Übersee

Die Stimmung der deutschen Industrie für ihre Exporte in den nächsten Monaten verfinstert sich gerade spürbar. Denn laut aktueller Veröffentlichung des ifo-Instituts hat sich die Stimmung unter den deutschen Exporteuren merklich verschlechtert. Die ifo Exporterwartungen der Industrie sind im November von plus 7,0 auf minus 2,1 Punkte gefallen. Der Chart zeigt nach der Erholung aus dem „Corona-Tal“ den Absturz bei den Erwartungen an die Exporte. Erstmals seit Juni ist der Erwartungsindex wieder negativ.

Insbesondere die Heftigkeit der zweiten Corona-Welle in vielen europäischen Ländern belastet laut ifo-Institut die Exporte. Einen deutlichen Dämpfer beim künftigen Auslandsgeschäft musste die Automobilbranche verkraften. Der Optimismus der vergangenen Monate ist verflogen. Mit deutlichen Rückgängen beim Export rechnet die Nahrungsmittelindustrie. Der Maschinenbau geht eher von einer konstanten Entwicklung bei den Exportumsätzen aus. Gleiches gilt für die Metallbranche. Weitere Zuwächse erwarten hingegen die Chemische Industrie und die Elektrobranche.

Der Chart vom ifo-Institut zeigt Erwartungen für die deutschen Exporte

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EZB warnt wieder vor Risiken, die sie selbst geschaffen hat!

Markus Fugmann

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In ihrem heute veröffentlichten Finanzstabilitätsbericht warnt die EZB wieder einmal vor Risiken und dem Platzen einer Blase, die sie letztlich selbst geschaffen hat!

Die EZB zur permanenten Intervention verdammt

So beklagt Europas Notenbank etwa die „Konzentration von Risiken“ in einigen Bereichen – und man sollte doch die Frage stellen, warum es diese Konzentration von Risiken wohl gibt! Die Antwort ist fast schon unterkomplex: wegen der finanziellen Repression, die durch die EZB ausgeübt wird. Wie ließe sich etwa sonst erklären, dass griechische Staatsanleihen mit Laufzeit bis vier Jahren negative Renditen aufweisen  – Anleger also bereits sind, einem de facto bankrotten Staat für den Kauf von Schuldpapieren sogar noch Geld zu bezahlen?

Dazu kommt: die Notenbank beklagt die schwache Profitabilität der Banken der Eurozone,  die ja eben aufgrund der Zinspolitik der EZB mit Negativzinsen schlicht kaum profitabel arbeiten können.

Mit anderen Worten: die EZB betreibt eine massive Manipulation nicht nur der Märkte für Staatsanleihen, sondern zerstört im Grunde die Existenzgrundlage europäischer Banken, die nicht zufällig deutlich schlechter dastehen als die amerikanische Konkurrenz. So entsteht eine Situation, die immer neue Eingriffe verlangt, um die weitgehend selbst verursachten Schieflagen zu korrigieren. Wer die Büchse der Pandora öffent, sollte sich eben nicht wundern, dass ungeahnte Konsequenzen entstehen. Die EZB hat den Limes überschritten – und ist damit zur permanenten Manipulation verdammt, weil die Schulden schneller wachsen als die Wirtschaft, aber die Illusion des ewigen Wohlstands aufrecht erhalten weredn muß! Die Notenbank ist gewissermaßen die Kraft, die stets das Gute will – und das Böse schafft.

Nun hat die Coronakrise letztlich auch die Staaten gezwungen, immer stärker in die Wirtschaft einzugreifen und zu retten. Ein Risiko sieht die europäische Notenbank nun darin, dass diese eigentlich als einmalige Maßnahme gedachten Eingriffe zu früh enden könnten. Die Coronakrise scheint sich als „door opener“ für den staatlich gelenkten Kapitalismus zu erweisen, der Weg zu MMT ist wohl endgültig geebnet!

Für Schmerzbefreite hier die Kurzfassung des Berichts der EZB zur Finanzstabilität im Wortlaut:

 

  • Dispersed economic and financial market impact on countries and sectors could lead to concentration of risks in some areas
  • Policy measures have addressed liquidity challenges but risks can arise from premature or delayed withdrawal of fiscal support
  • Bank profitability prospects remain weak with losses potentially materialising with a lag relative to the recover

Vulnerabilities in the corporate sector are increasing as the pandemic evolves and their unearthing could test the resilience of euro area banks in the future, the European Central Bank (ECB) says in its latest Financial Stability Review (FSR). Current extensive policy support is helping euro area corporates and households to cope with the fallout of the pandemic, but risks can arise either from a premature end to measures or from prolonged support. Premature withdrawal of fiscal support – including government loan guarantees and statutory loan moratoria – could set back the economic recovery, transforming the corporate liquidity challenges observed at the outset of the pandemic turn into solvency issues. The sharp rise in corporate and sovereign indebtedness increases the risks to financial stability from an emerging sovereign-corporate bank nexus in the medium-term, as banks and sovereigns alike are exposed to pandemic-induced risk faced by euro area firms.

“Bank profitability is expected to remain weak. Provisions have increased but look optimistic in some cases, while guarantees and moratoria may have lengthened the time it takes for weak economic performance to translate into loan losses,” said Luis de Guindos, Vice-President of the ECB. “Government support schemes are essential currently but should remain targeted towards pandemic-related economic support and avoid giving rise to debt sustainability concerns in the medium term,” he added.

For euro area banks, which entered the pandemic with stronger balance sheets than at the time of the global financial crisis, a premature end of government guarantees and moratoria could lead to an additional wave of losses. They are also expected to face continued pressures on profitability, including from a weaker outlook for lending and continued structural challenges. Banks’ capital buffers remain comfortable and should remain available to absorb losses and support lending for an extended period. Authorities need to monitor the effectiveness of policies to support buffer use and avert deleveraging. Looking beyond the pandemic, it is important for banks, together with the rest of the financial system, to manage the financial stability risks posed by climate change and support the transition to a greener economy.

A return to risk-taking by non-banks, including investment funds, also increases their vulnerability to outflows and losses should corporate credit risks rise materially. These risks are accentuated by continued gaps in the macroprudential framework for non-bank financial institutions.

Die EZB ist die Kraft, die stets das Gute will - und das Böse schafft

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EZB soll Make-Up-Strategie umsetzen

Hannes Zipfel

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Die Zentrale der EZB in Frankfurt

Es ist schon ein makaberes Wortspiel in Zeiten zwangsgeschlossener Kosmetikstudios sowie arbeitsloser Maskenbildner und Visagisten, dessen sich der finnische Zentralbank-Gouverneur und Ratsmitglied der EZB, Olli Rehn, bedient. Auf einer Konferenz in Helsinki forderte Rehn am Dienstag neben einem symmetrischen Inflationsziel die Umsetzung einer Make-Up-Strategie. Was konkret ist damit gemeint und was kommt als Nächstes?

EZB braucht Make-Up

Ohne die Europäische Zentralbank hätte sich das Thema Eurozone längst erledigt. Das will aber die Masse nicht hören und die Zentralbanker nicht sagen. Also werden seit dem Beginn der Weltfinanzkrise und der Eurokrise alle unkonventionellen Maßnahmen mit dem nicht Erreichen des Inflationsziel der Europäischen Zentralbank begründet, da dieses den Kern des EZB-Mandats darstellt.

Da aber mittlerweile jedem Geld- und einigen Fiskalpolitikern dämmert, dass bei einer Gesamtverschuldung der Industrieländer laut Institute for International Finance von knapp 400 Prozent des Bruttoinlandsprodukts dieses Mandat nicht mehr ausreicht, wird es nun angepasst. Dazu gehört auch, dass man das Inflationsziel von zwei Prozent p. a. (Konsumententeuerung) irgendwie umgehen muss. Denn selbst wenn die jetzige Ausnahmerezession vorüber ist, bleiben die hohen und weiter steigenden Schulden. Die EZB kauft einen Großteil davon auf und hält die Zinsen nominal bei null und real im negativen Bereich, um den Schuldendienst erträglich zu machen.

Am Beispiel der USA, wo die US-Notenbank Fed mit dem Versuch in den Boom nach Trumps Steuerreform hinein die Zinsen zu normalisieren, scheiterte, will man bei der EZB nun vorsorgen. Sollte es zu einer wirtschaftlichen Erholung kommen und die Inflation (Konsumententeuerung) über zwei Prozent hinausschießen, will und kann man wegen der extrem hohen privaten und öffentlichen Verbindlichkeiten die Zinsen dennoch unten halten. Ein eventuelles Überschießen des Inflationsziels soll daher via Make-Up überdeckt werden.

Dazu fordert unter anderem und erneut Olli Rehn die Einführung eines flexiblen Inflationsziels. Die Präsidentin der EZB, Madame Lagarde, spricht sich neben anderen Rats-Mitgliedern ebenfalls dafür aus. Um ein Überschießen der Inflation zu überdecken, soll statt des bisherigen asymmetrischen Inflationsziel ein symmetrisches Inflationsziels eingeführt werden. In der Praxis bedeutet dies, dass die Notenbanker statt eines festen Wertes einfach einen Durchschnittswert eines bestimmten Zeitraums der Vergangenheit ausrechnen. Solange dieser Wert sich nicht allzu lange und allzu massiv über zwei Prozent befindet, muss die EZB nicht inflationsbekämpfend eingreifen. Angepeilt wird ein Zeitraum der letzten fünf Jahre zur Durchschnittsbildung der Inflationsrate.

Im Falle der Eurozone bedeutet dies eine durchschnittliche Inflationsrate seit Oktober 2015 in Höhe von knapp einem Prozent p. a. Durch Überdeckung einer zukünftigen höheren Inflation mit statistischem Make-Up könnte die Teuerungsrate für eine lange Zeit über zwei Prozent liegen, ohne dass das symmetrische Inflationsziel der EZB übertroffen wird. Die für die Errechnung des symmetrischen Inflationsziels relevanten Parameter (betrachteter Zeitraum etc.) sollen flexibel gehalten werden. Somit ist gewährleistet, dass selbst bei steigender Konsumententeuerung die EZB ihre ultralaxe Geldpolitik gemäß ihrem Kernmandat der statistischen Preisstabilität (ohne Vermögenspreise) beibehalten kann.

Welche Ziele hat die Zentralbank laut EU-Vertrag?

Doch auch der u. a. von Rehn sowie Lagarde und seit dem virtuellen Notenbanker Treffen in Jackson Hole sogar vom Präsidenten der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, geforderte „Monetary Shift“ könnte nicht ausreichen, um die explodierende Gesamtverschuldung durch das symmetrische Inflationsziel zu managen. Daher gräbt man nun bei der EZB im EU-Vertrag nach weiteren Möglichkeiten des geldpolitischen Make-Ups. Und siehe da, man wurde fündig: Ebenso wie bei der US-Fed gestattet der EU-Vertrag auch zwei Nebenmandate, wie Olli Rehn in Helsinki am Dienstag klarstellte: „Wenn wir unser gesetzliches Mandat respektieren, müssen wir danach streben, Vollbeschäftigung, ausgewogenes Wachstum und eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen“. Das symmetrische Inflationsziel wurde zwar im Nebensatz noch mit erwähnt, aber es wird immer deutlicher, dass die EZB nach einer Legitimation ihrer dauerhaften Krisenpolitik sucht.

Wie weit kann die EZB ihr Mandat auslegen?

Schon seit Längerem hat die EZB das Thema Nachhaltigkeit für sich entdeckt und möchte verstärkt Unternehmen Kredite durch den Ankauf von Firmenanleihen zu sehr vorteilhaften Konditionen (für die Schuldner) vornehmen. Mit Nachhaltigkeit ist dabei gleichwohl nicht die geldpolitische Nachhaltigkeit oder gar die Schuldentragfähigkeit gemeint, sondern der Klimawandel. Die EZB trägt daher bei einigen Ökonomen schon scherzhaft den Beinamen „Grüne EZB“. Anders als Lagardes Vorgänger Draghi, für den der Klimawandel kaum ein Thema war, ist dies ein Lieblingsthema der jetzigen EZB-Chefin Lagarde. Mit dem neuen deutschen EZB-Ratsmitglied Elisabeth Schnabel hat sie eine Gleichgesinnte gefunden, die ebenfalls durch Billigkredite aus der digitalen Notenpresse den Wandel der Wirtschaft hin zur Klimaneutralität unterstützen möchte.

Das gibt der EZB weiteren Spielraum, denn bislang befinden sich Unternehmensanleihen in Höhe von einer viertel Billion Euro im Portfolio der EZB, von denen laut Greenpeace gemäß einer aktuellen Studie vom 3. November 63 Prozent von klimaschädlichen Unternehmen stammen. Um diese Zahl prozentual kosmetisch zu relativieren, könnte man das Portfolio einfach umschichten und mehr „Grüne-Anleihen“ kaufen. Doch das wäre der Todesstoß für unzählige Unternehmen und Arbeitsplätze, was wiederum die anderen Mandate der EZB untergraben würde.

Also geht man den anderen Weg und kauft noch mehr Unternehmensanleihen (vornehmlich Grüne), um die Anzahl der Klimaschädlinge im eigenen Anleiheportfolio zu relativieren. Auch die Mandate Vollbeschäftigung und ausgewogenes Wachstum geben der EZB praktisch einen Freibrief für die Beibehaltung ihrer ultralaxen Geldpolitik.

Fazit und Ausblick

Die Umstellung von einem asymmetrischen auf ein symmetrisches Inflationsziel ist eine weitere „unkonventionelle“ geldpolitische Maßnahme, um die Notfallgeldpolitik zu prolongieren. Richtig spannend wird es am 10. Dezember, wenn die nächste EZB-Ratssitzung mit anschließender Pressekonferenz stattfindet, auf der neue Maßnahmen bekannt gegeben werden sollen – auch kosmetische. Noch spannender wird es dann im Januar 2021, wenn das Thema „Worldwide-Reset“ von den wichtigsten Notenbankern und anderen supranationalen Institutionen erneut besprochen wird. Höflich ausgedrückt ist ein Reset ein Neustart. In der Praxis geht es aber um einen globalen Schuldenschnitt inkl. Währungsreform, also einen Neustart mit Enteignung breiter Bevölkerungsschichten und Sparer.

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