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Inflation: Gipfeltreffen zwischen Hans-Werner Sinn und Thomas Mayer

Wie durch Inflation die Bürger doppelt geschröpft werden!

Inflation - Hans-Werner Sinn trifft Thomas Mayer

Hans-Werner Sinn ist alarmiert: Die Inflation klettert auf breiter Front und in beängstigendem Tempo. Der langjährige Präsident des renommierten Münchener ifo-Instituts hat deshalb Thomas Mayer, den führenden Finanzökonomen des Landes, zu einem Vortrag eingeladen. Mayer hielt seinen Vortrag zur aktuellen Inflationslage vor dem „Wirtschaftsbeirat Bayern“. „Der Wirtschaftsbeirat Bayern versteht sich als Stimme der gesamtwirtschaftlichen Vernunft“, heißt es in der bunten Broschüre, die der Verein herausgegeben hat. Die Selbstbeschreibung lässt außer Acht, dass es sich um eine CSU-nahe Gruppierung handelt, die als „Wirtschaftsbeirat der Union e.V. (WBU)“ im Herzen Münchens ihr Domizil hat.

Die Qualität der Beiträge des WBU zu aktuellen politischen und wirtschaftlichen Fragen der Zeit ist schwankend. Sichtbarkeit erfährt der Verein immer dann, wenn Hans-Werner Sinn den Veranstaltungen präsidiert. Hans-Werner Sinn ist das intellektuelle Zugpferd des Beirats und eines von 12 Mitgliedern des geschäftsführenden Präsidiums. Vermutlich verdanken wir es seiner Initiative, dass Thomas Mayer eingeladen worden ist. Thomas Mayers Vortrag mit dem sperrigen Titel „Die Verschmelzung von Geld- und Fiskalpolitik im Versicherungsstaat“, gehalten am 30. November 2021, hat es in sich, denn er ist ein Lehrstück über die Entstehung von Inflation!

Staat auf Abwegen

Was meint Mayer genau, wenn er vom „Versicherungsstaat“ spricht? Mayer zufolge ist der Staat die letzte und einzige umfassende Vorsorge-Anstalt, die wir heute besitzen. Der moderne Staat begleitet seine Bürger von der Wiege bis zur Bahre. Ende des 19. Jahrhunderts trat er damit das Erbe der einst omnipotenten Kirche an, die nicht imstande war, die sozialen Gräben, welche die Industrielle Revolution aufgerissen hatte, effektiv zuzuschütten. Das übernahm deshalb die Sozialgesetzgebung Bismarcks. Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zum modernen Versicherungsstaat war dann die erste Nachfragesteuerung durch F. D. Roosevelt im sogenannten „New Deal“ während der „Great Depression“. Der Staat sollte nicht nur soziale Sicherheit und den wohlverdienten Lebensabend der Menschen organisieren, sondern auch für auskömmliche Arbeit sorgen.

Modern Monetary Theory (MMT)

Eine unabwendbare Folge des Versicherungsstaats ist sein Hunger nach Geld. Denn die zahlreichen Wohltaten, die er als Füllhorn über seine Bürger ausschüttet, wollen finanziert sein. Als willkommenes Finanzierungsinstrument bedient sich der moderne Staat der Zentralbanken. Sie werden von ihm zur Staatsfinanzierung direkt oder indirekt herangezogen. Hier schließt sich übrigens historisch ein Kreislauf, denn seit jeher finanzierten die Herrschenden – vom Mittelalter bis zum Neoabsolutismus – ihre Ausgaben mit Hilfe ihrer eigenen Münzstätten, in Gestalt der Seignorage, also dem Münzprägegewinn.

Da wir heute allerdings kein Gottesgnadentum mehr kennen, sondern in Zeiten evidenzbasierter Wissenschaft leben, benötigt der Versicherungsstaat eine „wissenschaftliche“ Theorie zur Legitimierung seines Tuns. Diese Rolle übernimmt die sogenannte „Modern Monetary Theory (MMT)“. Für Mayer ist die sogenannte MMT weder monetär noch eine Theorie. Sie ist vor allem eins: modern, sprich: momentan angesagt. Allein, modern ist nur eine chronometrische Aussage. Was heute neu und modern, ist morgen bereits schal und abgestanden.

Verschmelzung von Fiskal- und Geldpolitik

Zinssenkungen ohne starke Geldmengenausweitung, wie geschehen nach der Weltfinanzkrise 2008, befeuert so gut wie immer die Vermögenswerte, so Mayer. Wird nun aber die Geldmenge ausgeweitet und der Staat bringt das frisch gedruckte Geld in Form von Coronahilfen direkt unter seine Bürger, dann kommt es so gut wie immer zur Inflation. Die Verschmelzung von Fiskal- und Geldpolitik führt nach Ansicht Mayers in die „finanzielle Repression“. Finanzielle Repression, das sind negative Realzinsen, die es dem Staat erlauben, sich billig zu verschulden: der Staat drückt durch seine Organe direkt oder indirekt den Realzins auf Null, um auf diesem Wege neue Schulden aufzunehmen mit Geld, dass die Zentralbank ihm über die Notenpresse zur Verfügung gestellt hat.

Inflation

Kritisch wird die Geldflut in einem Nullzinsumfeld, wenn es aufgrund verschiedener Faktoren zur Inflation kommt. Denn dann werden die Bürger doppelt geschröpft: zum einen über den Ihnen entgangenen Zinsgewinn und zum anderen durch die Geldentwertung. Die Mittelschicht wird sowohl durch die Zinverluste bei ihren Ersparnissen als auch durch die Teuerung existentiell in die Zange genommen und beginnt zu erodieren. Anders als die Unterschicht hat die Mittelschicht noch etwas zu verlieren. Und im Unterschied zur vermögenden Oberschicht, die in Aktien inverstiert ist und Konten in Singapur oder woanders besitzt, ist die Mittelschicht dem Schwundgeld und Nullzinsregime hilflos ausgeliefert. Denn sie ist nach wie vor kulturell verankert und ortstreu. Insofern wirkt das gegenwärtig obwaltende monetäre Regime repressiv gegenüber einer Bevölkerungsschicht, die noch vor 20 Jahren das Rückgrat des Staates bildete. Die Mittelschicht ist also das große Opfer der Inflation.

Geld ist Geltung

Was sind die gesellschaftlichen Auswirkungen der ultralaxen Fiskalpolitik? Antwort: Wirtschaftliche, politische und kulturelle Instabilität durch Inflation. Denn Geld ist das, was in einer Gesellschaft zählt: Geld ist Geltung! Und der Geldschein jener Zipfel Staat, den ein jeder in seiner Brieftasche bei sich trägt. Mit der fatalen Konsequenz, dass jede Geldkrise notwendig auf den Staat zurückfällt und sich unversehens zu einer Staatskrise ausweiten kann. Inflation ist also eine Geldkrise, die Staaten destabilisieren kann.

Ein Zuhörer von Mayers Vortrag bemerkt bedauernd in seinem Chatbeitrag: „so ein wichtiges Thema […] und nur 160 aktive Zuschauer“. Das stimmt – das Thema Versicherungsstaat und Inflation hätte mehr Zuseher verdient. Doch inzwischen sind es weit über 17.000 (Stand 16. Februar 2022). Schade nur, dass man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen einen Vortrag dieser Güte zu unserer finanzökonomischen Zukunft nicht zu Gesicht bekommt, ganz zu schweigen von einer Diskussion zweier Herren solchen Formats wie Hans-Werner Sinn und Thomas Mayer..



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3 Kommentare

  1. Hat denn wirklich Jemand geglaubt, dass uns nur die 5 % Inflation in den nächsten Monaten begleiten werden, wenn gleichzeitig die Erzeugerpreise das Vielfache schon vor Wochen und Monaten überschritten haben?
    Geld, für das nicht gearbeitet wurde, im Billionenbereich drucken, hat eben seine Folgen.
    Ich will nicht behaupten das es falsch war, aber es hat eben die Allen bekannten Nebenwirkungen.
    Wir müssen nun für das übermäßig gedruckte Geld entweder etwas produzieren, oder erarbeiten, oder durch die Inflation an Wohlstand verlieren.
    Da ja auch die Politik uns auf Verzicht vorbereitet (Energie, Nahrungsmittel, Hausbau, nicht Bekämpfung der Inflation, usw.)
    sollten wir zumindest erahnen können, was auf uns zukommt.

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

  2. Die exorbitante Geldschöpfung musste ja irgendwann eine enorme Inflation zur Folge haben. Das sind einfachste volkswirtschaftliche Zusammenhänge. Entgegen den Ausführungen von Prof. Sinn gehe ich jedoch davon aus, dass die Zinsen in der Eurozone in Zukunft massiv steigen werden.
    Das wird zur Folge haben, dass Länder aus dem Euro ausscheiden werden – wahrscheinlich zunächst Griechenland, dann Italien und anschließend Frankreich und Spanien. Der Euro wäre damit gescheitert und somit auch Europa!
    @ Markus Fugmann: Es ist nicht verwunderlich, warum die EZB immer noch nicht den Fuß vom Gaspedal nimmt. Mme Lagarde ist in ihrer Seele nach wie vor Politikerin und keine Notenbankerin. In der letzten desaströsen Pressekonferenz der EZB ist das ganz offensichtlich zum Ausdruck gekommen und das schlimme ist, sie macht diese Politik unbeirrt weiter, wie sie erst kürzlich vor dem EU-Parlament bewiesen hat.

  3. Ja sie ist nicht nur Politikerinund sie macht Politik hauptsächlich für Frankreich und den Süden und nicht für die grössten Finanzierer.Wer zählt befiehlt, gilt hier nicht.

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