Allgemein

Helmut Schmidt über Putin und russisches „Kolonial-Reich“

Helmut Schmidt: Russland war ein "Kolonialreich", das Putin wieder aufzurichten versucht

Helmut Schmidt war ein „Großmeister“ der internationalen Politik – der sich zu seinen Lebzeiten immer wieder auch zu Putin und Russland geäußert hat. Warum aber hat Putin den Ukraine-Krieg durch seine Invasion entfesselt?

Helmut Schmidt, Putin, Russland und die NATO

Hat Helmut Schmidt die Attacke auf die Ukraine voraus gesehen? Das wäre sicher zu viel behauptet. Aber der Ex-Kanzler hat dennoch klarer als die Meisten erkannt, worum es Putin wirklich geht! Nämlich um die Wiederherstellung des russischen „Kolonalreichs“, wie Schmidt es nennt.

Aber gehen wir zunächst einen Schritt zurück. In der „Zeit“ erschien kürzlich ein bemerkenswerter Artikel über Putin und seine Sicht auf die vermeintliche Einkreisung Russlands durch die NATO. Putin, so die „Zeit“, „meldete (..) sich in einem einstündigen Wutausbruch im Staatsfernsehen zu Wort. Dabei schrie der russische Präsident fast eine Stunde lang die Geschichte des 20. Jahrhunderts an, die Russland so sehr benachteiligt habe. Putin rechtfertigt seine Militärpolitik mit einer langen Leidenssaga von Russland, das vom Westen betrogen und durch die Ukraine verraten worden sei. Diese Erzählung bildet den Hintergrund der russischen Invasion der Ukraine. Falsch gedeutete Geschichte kann Krieg begründen.“

Und die „Zeit“ weiter:

„Putin beansprucht ein moralisches Recht für sich. Damit versucht er, seine Revision der europäischen Ordnung zu legitimieren; stellt er den Westen als vertragsbrüchig dar“.

Der Artikel stellt chronologisch den faktischen Verlauf der NATO-Osterweiterung dar – und gleicht das mit Putins Narrativ des vermeintlich wortbrüchigen Westens ab:

Als etwa die baltischen Staaten in die NATO aufgenommen worden waren, sagte Putin 2004 bei einem Treffen mit dem Ex-Kanzler Schröder, dass sich die Beziehungen Russlands zur NATO „positiv entwickeln“. Und Putin weiter: „Hinsichtlich der Nato-Erweiterung haben wir keine Sorgen mit Blick auf die Sicherheit der Russischen Föderation.“  Jedes Land habe, so Putin 2004, das Recht, seine „eigene Form der Sicherheit zu wählen„.

Heute klingen die Aussagen von Putin ganz anders – die Integration des Baltikums in die NATO sei ein Beleg für die Einkreisung Russlands. Der Knackpunkt für diesen Sinneswandel des russischen Staatschefs ist die Ukraine, der vor allem die USA einen Aussicht auf eine Mitgliedschaft in der NATO gegeben hatte (nicht jedoch Deutschland unter Merkel) – wodurch Russland seinen „Vorhof“ zu verlieren und in eine auch geostrategisch ungünstige Lage zu kommen drohte (siehe hierzu den Artikel „Ukraine und Russland – die Krise aus geopolitischer Perspektive„).

Helmut Schmidt: Putin und das Kolonialreich Russlands

Was im Westen unterschätzt wird, aber von Helmut Schmidt klar gesehen wurde, ist die Bedeutung der Sowjetunion als die Supermacht neben den USA im Kalten Krieg. Für Russland begann mit dem Zerfall der Sowjetunion ein herber Abstieg zur „Regionalmacht“, wie der einstige US-Präsident Obama zu Putin gesagt haben soll.

Putin selbst hat als KGB-Offizier diesen Abstieg 1989 in der DDR, und dann zwei Jahre später mit der Implosion der Sowjetunion hautnah miterlebt. Diese Kränkung, dieses Trauma traf nicht nur Putin, sondern große Teile der russischen Gesellschaft – vielleicht vergleichbar mit dem Trauma der Deutschen durch den Versailler Vertrag, der in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit als „Schande“ wahrgenommen wurde, die es wiedergutzumachen gelte.

Helmut Schmidt sagt daher in einem Interview aus dem Jahr 2015:

„Ich sehe deutlich, dass Putin beleidigt ist durch die Tatsache, dass nach seiner Vorstellung der Westen ihn nicht ernst genug nimmt“.

Man müsse verstehen, so Helmut Schmidt, dass Russland ein „Kolonialreich“ gewesen sei (eben das Sowjetimperium), das Putin wieder aufzurichten versuche, was aber „von einem 140-Millionen-Volk nicht beherrscht werden kann„.

Man würde sich wünschen, dass die russische Führung dieser Erkenntis von Hemut Schmidt folgen würde:

Helmut Schmidt über Putin und das russische Kolonialreich
Von Kleinschmidt / MSC, CC BY 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30975893



Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Lesen Sie auch

16 Kommentare

  1. Sehr guter Bericht. Ja er hatte ein Auge und Ohr. Konnte Situationen, wie man an Ihrem Bericht sieht gut einschätzen. Dieser Helmut Schmidt fehlt! Er wäre heute ein guter Ratgeber für die westlichen Regierungen.

    Erfahrung ist durch nichts außer durch Erfahrung zu ersetzen…..

  2. Harter Tobak!
    „von einem 140-Millionen-Volk nicht beherrscht werden kann„
    Was sollen die den machen? Etwa Platz räumen für diejenigen, die die eine vermeintlich bessere Nutzung im Auge haben?

    1. Er meint hier schlicht das Problem der imperialen Überdehnung. Um ein Imperium zu halten müssen schlicht ausreichende Ressourcen (wirtschaftlich und personell) vorhanden sein. Und umso größer und heterogener umso mehr.

    1. Danke für die Informationen, ergänzt sie doch den Artikel von Herrn FUGMANN .
      Jetzt mit der Androhung von Sanktionen von BIDEN an China.
      Dessen Sohn in der Ukraine bei einem grossen Konzern……………..
      Die Richtung der USA ist klar?
      Nein zu allem ? Wer blickt da noch durch?
      Wer hat die Wahrheit gepachtet?

    2. Ich bin erstaunt über das Wissen über Putin, die Struktur Russlands und der ehemaligen Sowjetunion des Ex-Kanzlers Schmidt. Das ist Erfahrung, Interesse und Diziplin, was ich bei der jetzigen Regierung vermisse, insbesondere von den Grünen.
      Brandt bleibt mein Lieblingskanzler, aber er schafft es allein durch seine Weitsichtigkeit von vor acht Jahren auf die kommenden Probleme hinzuweisen, auf die die jetzigen Emporkömmlinge quälend reagieren.
      Die Essenz Klasse statt Masse, denn solche Berufspolitiker sind Gift für jede Gesellschaft!

  3. Die Zeiten der Römer ist vorbei, auch diejenigen der Kaiser und Könige und doch gibt es immer noch Herrscher, die noch nicht mitbekommen haben, dass die Welt sich weitergedreht hat. Einem Volk den alten Zopf mit Zwang aufzudrücken wird nie zu einem Erfolg des Staates führen. Internet lässt auch Russen an der neuen Geisteshaltung der Welt teilhaben, ob Putin dies will oder nicht. Den Chinesen wird es zu gegebener Zeit auch nicht anders ergehen… aber da haben wir ja noch etwas Zeit, nicht?

    1. Die Zeiten der Römer vielleicht. Die der Herrscher und Despoten keineswegs. Tatsächlich sind die Zeiten der Freiheit und allgemeinen Prosperität in der Geschichte sehr seltene Ausnahmen und räumlich wie zeitlich immer eng begrenzt.

      Und andere Kulturen finden am (alten) „Westen“ häufig höchstens das materielle Niveau erstrebenswert. Der Rest kann ihnen gestohlen bleiben. Und diese Kulturen werden nicht bis zum Ende dieses Jahrhunderts schon rein biologisch weitgehend verschwunden sein. Im Prinzip vertreten Sie den Ansatz des „Endes der Geschichte“, allerdings gegenüber Fukujama dramatisch unterkomplex.

      Übrigens hat „die Welt“ gar keine Geisteshaltung. Noch nicht mal innerhalb sehr kleiner Inzuchtblasen.

    2. Young Global Leader

      Das Volk ist das Kapital seiner Eliten.

      Sein Wert bemisst sich in Bildung, psychischer und körperlicher Gesundheit, Wehrhaftigkeit Innovationsfähigkeit, in seiner Reproduktionsrate und seinen zivilisierten Verhaltensformen. Ist die liberale Demokratie nicht mehr geeignet, den Wert seiner Völker zu erhöhen und weisen alle Indikatoren stattdessen nach unten, dann setzen sich irgendwann neue Eliten und auch neue Regierungsformen durch. Da nützen Glaubensbekenntnisse und auch gutes Marketing wenig, denn beides stirbt mit den älteren Generationen aus. Die aufstrebenden Eliten werden immer eine Geisteshaltung bekämpfen, die dazu führt, dass ihr Kapital an Wert verliert und sie werden sich immer auch als Speerspitze des Fortschritts verstehen, selbst wenn sie auf ältere Formen, älteres Wissen usw. zurückgreifen. Man lese nur, was für Polemiken Vasari über die Gotik und über Byzanz geschrieben hatte, die z.T. auch chauvinistisch waren. Kein Epochenwechsel ohne Feindbilder, die für Propaganda herhalten müssen.

      Es ist freilich nie ausgeschlossen, dass die neuen Eliten ungeschickt agieren und einfach nur ihr Volk unter Druck setzen, bis hin zum Staatsterror, die wirtschaftlichen Überschüsse absorbieren und bei all dem nur wenig erreichen. Ich glaube, das ist unsere Default-Hypothese in Bezug auf Diktaturen. Helmut Schmidt, der Deng Xiaoping bewunderte, war in der Lage über den Tellerrand zu blicken. Er misstraute dabei der Selbstbeweihräucherung des siegreichen westlichen Systems.

  4. man muss selbst hier im Forum aufpassen vor pro russischen Verdrehungen der Fakten. Ich denke deutsche Foren und Medienplattforen sind durchseucht von Usern die nur dafür abgestellt werden Desinformationen zu streuen um den deutschen Bürgern ein falsches Bild darzustellen und Argumente für die Russen zu liefern.

    1. @deutsche Eiche

      Absolut richtig! Schön, dass das mal einer bemerkt bzw. thematisiert. Leider schweigen viel zu viele, sodass immer der Eindruck entsteht, eine deutliche Mehrheit der Leser sei der Meinung von Bloodimir Putolf.
      Gleiches gilt auch in Friedenszeiten, da sind nur die Zielgruppen der Aggressoren andere. Und ganz speziell vor Wahlen…

      1. @michael,meine Devise, absichtlich aus allen Richtungen informieren,auch mit der Propaganda und so gut es geht Rückschlüsse ziehen.Am besten ist immer selbst nachrechnen.Gut ,geht jetzt beim Völkerrechtsbrechern Putin ,Bush,Obama,Merkel etc. schlecht. Im Prinzip aus der Gruppe der G8 hat immer einer die Finger dreckig.
        Ich finde hier auf FMW ist es aber okay. Wo Reibung ist, entsteht Leistung.

    2. Sie haben recht, sie könnten aus ihrer Sicht denken………lauter verdrehte.
      Von P. Installiert. Leider ist es so, das hier selbstdenkende Menschen ihren eigenen Senf abgeben. Mitnichten will hier Herrn P. In Schutz nehmen.
      Unsere Ideale der Demokratie halten wir hoch, durch gleichzeitiger Kritik.
      Jeder verurteilt die Agression P.Russland, gleichzeitig denk ich an 2003.
      Und und und und und und und und warum?warum?warum?warum?

  5. Ein Artikel der mir sehr gut gefällt, und die Denkweise und Motivationen von Putin sehr schön darstellt. Vielleicht hätte vor der Krim-Annektion eine Regelung mit Putin über die Ukraine gefunden werden können, aber Landesgrenzen und die Souveränität eines Staates müssen respektieren werden – ob es einen passt oder nicht – falls nicht kann das nur Gewalt und Krieg bedeuten. Irgendwelche (auch legitime) Ansprüche können nur über den Verhandlungsweg gelöst werden.

  6. Sorry, ein hab ich noch.

    Fundstück von 2014 ,aktueller den je. ZDF -Die Anstalt ,amüsante 6 min.

    https://youtu.be/1LONPFtP1GY

    1. Die vorletzte folge(also nicht von diesem Dienstag) war auch ziemlich gut!!!!

      Die europäischen Werte…

      https://www.youtube.com/watch?v=pXxUsWhw3CM&list=PLhtjufTH4Nq5dT1DlMRAvyxstQSLUjBd1

      aber eigentlich die ganze Folge vor allem der Anfang

      leider ist der beste Mann (kommt halt aus Hessen gelle) aber schon lange in Rente…..

      https://www.youtube.com/watch?v=c8H58ccYaLk

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.




ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Meist gelesen 7 Tage