Allgemein

Singapur statt Hongkong? Firmen ziehen weiter Hongkong im Wandel: Mehr China, weniger Weltstadt

Ausländer verlassen die Stadt

Foto: Bloomberg

Hongkong verändert sich: Westliche Einflüsse weichen, der Einfluss Chinas wächst: Wirtschaft, Sprache und Kultur wandeln sich – die Stadt wird zur gewöhnlichen Metropole in China.

Hongkong im Wandel: Mehr China, weniger Weltstadt

Die Sonderstellung Hongkongs weicht zunehmend Pekings Einfluss. Internationale Unternehmen ziehen sich zurück, während Festlandchinesen die Stadt prägen. Tourismus und Handel schwächeln, Immobilienwerte fallen. Was eine kosmopolitische Metropole war, wird immer stärker in Chinas wirtschaftliches und politisches System eingebunden.

Ein Land, zwei Systeme – das lange Sterben eines Versprechens

Am 25. Januar 1841 hisste ein britisches Marinekommando die britische Flagge an der Nordküste Hongkongs. Einen Tag später nahm der Kommandant der britischen Expeditionsstreitkräfte die kleine Insel im Perlflussdelta offiziell für die Krone in Besitz. Mit Ausnahme der dreieinhalb Jahre während des Zweiten Weltkriegs, als Hongkong Teil des kurzlebigen japanischen Imperiums war, blieb die Stadt bis zur Nacht des 1. Juli 1997 unter britischer Herrschaft. Dann wurde Hongkong zur Sonderverwaltungszone der Volksrepublik China. Chinesische Zeitungen feierten die Rückkehr mit Schlagzeilen wie „Hongkong ist endlich zu Hause“.

Werbung


Von Beginn an stellte sich die Frage, wie sich Hongkong unter dem Modell „ein Land, zwei Systeme“ entwickeln würde. Der Politikwissenschaftler James Hsiung stellte 1999 fest, dass die Prognosen vor der Übergabe überwiegend düster waren. Viele befürchteten, Peking werde sich in Hongkongs Politik und Wirtschaft einmischen und Freiheiten wie Presse-, Justiz- und Wissenschaftsfreiheit sowie freie Wahlen untergraben. Es drohten Korruption, Vetternwirtschaft und andere Missstände aus dem chinesischen Festland. Doch zwei Jahre nach der Rückgabe schien sich für die meisten Hongkonger im Alltag wenig geändert zu haben. „Trotz des Wechsels von Symbolen und Machthabern“, so Hsiung, „blieb das Leben für die Menschen auf der Straße weitgehend unverändert.“

Erbarmen – zu spät! – die Chinesen kommen!

Im März 2025 zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Wer in der U-Bahn auf die Handys der Menschen schaut, erkennt eine auffällige Veränderung: Die traditionellen chinesischen Schriftzeichen, die in Hongkong lange üblich waren, sind auf den Displays kaum noch zu sehen. Stattdessen schreiben die Hongkonger zunehmend in den vereinfachten Zeichen, die in den 1950er Jahren in der Volksrepublik eingeführt wurden. Dasselbe Muster zeigt sich in der Öffentlichkeit – auf Werbetafeln, Aushängen, Speisekarten und in Büchern. Die traditionelle Schrift verschwindet langsam.

Auch in der Bevölkerungsstruktur macht sich der Wandel bemerkbar. Es sind weniger Ausländer zu sehen – eine Entwicklung, die durch die Pandemie beschleunigt wurde. 2021 lebten laut Volkszählung noch 593.000 Expats in Hongkong, im Juli letzten Jahres waren es nur noch 270.000.

Und mit ihnen verschwindet die einst florierende Restaurantszene mit internationaler Küche. Ausländer – ob Touristen oder Expats – waren oft die treibende Kraft hinter diesem gastronomischen Angebot. Doch nicht nur die Auswahl an internationaler Küche hat abgenommen, auch das Nachtleben hat spürbar gelitten.

Dass in der U-Bahn immer mehr Kurzzeichen zu sehen sind, liegt nicht nur daran, dass sie inzwischen an den Schulen unterrichtet werden. Es liegt auch daran, dass Hongkong eine neue Bevölkerung bekommt. Nach Jahren des Bevölkerungsrückgangs verzeichnete die Stadt 2024 wieder ein leichtes Wachstum von 0,1 Prozent auf 7,53 Millionen Einwohner. Doch dieser Zuwachs ist weniger ein Zeichen von Stabilität als Ausdruck eines tiefgreifenden demografischen Wandels. Während 19.000 Hongkonger die Stadt verließen und der Sterbeüberschuss bei fast 15.000 lag, zogen 40.000 Festlandchinesen nach. Hongkong wird hanisiert – ein Prozess, der sich bereits in Xinjiang, Tibet und der Inneren Mongolei beobachten ließ: Die alteingesessene Bevölkerung schrumpft, während Neuankömmlinge aus dem Festland deren Platz einnehmen.

Hongkong Population Growth

Leere Straßen, leere Kassen: Hongkong und seine schwächelnde Wirtschaft

Neben den Expats bleiben auch die Touristen fern. 2024 zählte Hongkong 44,5 Millionen Besucher – deutlich weniger als die 55,91 Millionen vor der Pandemie. Auch wenn es mehr als im Vorjahr waren, der Tourismus-Sektor erholt sich nur langsam. Zwar kamen wieder mehr Festlandchinesen, doch sie gaben weniger aus. Der Einzelhandel verzeichnete im August 2024 den sechsten Monat in Folge rückläufige Umsätze, mit einem Rückgang von 10,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Einkaufsstraßen wirken leerer, einst gefragte Lagen verlieren an Bedeutung.

Peking selbst untergräbt Hongkong als Einkaufsparadies. Die Sonderwirtschaftszone Hainan soll als neue Destination für Luxusshopping aufgebaut werden. Doch während sich die chinesischen Behörden um die Umsiedlung der Kaufkraft bemühen, entscheiden sich die chinesischen Touristen anders: Sie fahren lieber nach Japan.

Sinkende Mieten, steigender Leerstand – Hongkong und seine Abwärtsspirale

Auch im Bürosektor zeigt sich das Bild des Niedergangs. Die Mieten für Büroflächen fielen 2024 um 5 bis 10 Prozent, begleitet von einer Leerstandsquote von 13,4 Prozent. Besonders betroffen sind Central und Wanchai, wo ganze Etagen verwaist sind.
Der Immobilienmarkt erodiert weiter. Seit 2021 sind die Preise um 30 Prozent gefallen. Wohnungen, die einst zu astronomischen Summen gehandelt wurden, verlieren Monat für Monat an Wert. Die Politik versucht gegenzusteuern, senkt Zinsen, lockert Vorschriften – doch die Käufer bleiben zurückhaltend. Sinkende Immobilienpreise bedeuten für viele Hongkonger einen direkten Wohlstandsverlust.

Singapur statt Hongkong? Firmen ziehen weiter

Dennoch gibt es Wachstum – allerdings auf eine Weise, die den Charakter Hongkongs weiter verändert. Im ersten Halbjahr 2024 haben 322 Unternehmen aus dem Ausland ihre Geschäfte in Hongkong neu gegründet oder erweitert, ein Anstieg von 43 Prozent. Doch es sind nicht die alten internationalen Konzerne, die den Standort nutzen, sondern Unternehmen aus dem chinesischen Festland, die von hier aus ihre globalen Geschäfte steuern. Westliche Firmen dagegen orientieren sich zunehmend in Richtung Singapur.

Und schließlich das große Ganze: das Bruttoinlandsprodukt. Hongkongs Wirtschaft wuchs 2024 um 2,5 Prozent – ein Rückgang gegenüber den 3,2 Prozent des Vorjahres. Das dritte Quartal war so schwach, dass die Regierung ihre Prognose nach unten korrigieren musste. Ein Blick auf den Konsum zeigt das ganze Dilemma: Die privaten Ausgaben sanken um 0,6 Prozent, die Menschen sparen oder geben ihr Geld lieber in Shenzhen aus.

Das Ende eines Sonderstatus – Hongkong auf Kurs China

Hongkong war lange das Tor des Westens nach China. Mit britischem Recht und Verwaltung bot es eine sichere Basis, von der aus westliche Firmen das Riesenreich jenseits der Felsen erkunden konnten. Die Hoffnung, die Hsiung 1999 noch hatte, hat sich nicht erfüllt. Die düsteren Prognosen haben sich nur zum Teil bewahrheitet. Noch zumindest ist das Internet nicht hinter der „Golden Firewall“ verschwunden. Doch kritische Medien schließen oder werden von Festlandinteressen übernommen.

Das Nationale Sicherheitsgesetz, auch bekannt als Artikel 23, hat Hongkong tiefgreifend verändert. Es stellt die chinesische Justiz, die der Partei untersteht, über die Justiz Hongkongs, die zumindest formal noch unabhängig ist. Das Gesetz betrifft nicht nur lokale Aktivisten, sondern auch Expats und internationale Geschäftsleute. Immer mehr Unternehmen überlegen, ob Hongkong noch der richtige Standort für sie ist, weil sie für die Sicherheit ihrer Angestellten nicht bürgen können.

Während Corona haben viele Ausländer die Stadt verlassen. Jetzt kehren sie nicht mehr zurück. Und mit ihnen verschwinden auch die alten Netzwerke, die Hongkong einst zu einer einzigartigen Brücke zwischen Ost und West machten. Die Hongkonger kehren der Stadt, in der sie immer weniger partizipieren, für immer den Rücken. Dafür wandern Festlandchinesen ein.

Trotz alledem behauptet Hongkong seine Stellung als globales Finanzzentrum. Im Global Financial Centres Index belegt die Stadt weiterhin den dritten Platz und baut den Abstand zu ihrem Rivalen Singapur aus. Der Finanzsektor bleibt stabil, die Stadt ist weiterhin ein bedeutendes Handelszentrum. Doch das Ranking täuscht nicht darüber hinweg, dass die einstige Dynamik Hongkongs schwindet.

Hongkong verliert seine Identität. Es wird Tag für Tag ein wenig chinesischer. Und mit jedem Tag auch ein wenig austauschbarer.



Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Lesen Sie auch

2 Kommentare

  1. toral demagogischer artikel.
    Hkg wird nicht chinesisch…es war immer chinesisch.
    Die zeit der britischen besatzung war eine folge des kriminellen opiumkrieges den die briten angezettelt hatten um china zu vergiften…diese zeit ist zum glueck vorbei.

    1. @Jean
      Vor allem war HK unter den Qing ein übles Piratennest.
      Und vor lauter Freude über die Rückgabe haben 10% der Bevölkerung den Felsen verlassen.
      Aber für diesen Kommmentar wird die Volksrepublik gerne 5 Mao ünerweisen.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert




ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung


Meist gelesen 7 Tage

Die mobile Version verlassen
Place this code at the end of your tag:
Place this code at the end of your tag:
Capital.com CFD Handels App
Kostenfrei
Jetzt handeln Jetzt handeln

69,0% der Kleinanlegerkonten verlieren Geld.