China stellt 85 Prozent aller weltweit ausgelieferten humanoiden Roboter. Im ersten Halbjahr wurden 19.100 humanoide Roboter ausgeliefert.
Humanoide Roboter: China überrollt den Weltmarkt
Im ersten Halbjahr diesen Jahres stiegen die weltweiten Auslieferungen von humanoiden Robotern um mehr als das 3,7-Fache an. Mit 19.100 Einheiten lag das Verkaufsvolumen deutlich über dem Vorjahreszeitraum, in dem zwischen Januar und Juni lediglich 5.100 Geräte ausgeliefert wurden. Etwa 85 Prozent dieser menschenähnlichen Roboter liefert China.
Mit Unitree wurde vergangene Woche das erste chinesische Unternehmen der Branche am STAR-Markt der Shanghaier Börse gelistet. Die Nachfrage übertraf das Angebot im Offline-Segment um das 2.760-Fache. Als zweites chinesisches Unternehmen der Branche startete AgiBot im Juli seinen Listungsprozess in Hongkong und strebt dabei eine Bewertung von bis zu 5,6 Milliarden Euro an. Ende Juli reagierte die US-Regierung mit einem Importverbot für neue chinesische humanoide Roboter und vierbeinige Systeme.
Vom Labor in die Fabrik: Roboter erobern den Markt
Werbung.
Der Vorsprung beschränkt sich allerdings nicht auf die Produktionszahlen, sondern mit der zunehmenden Zahl industrieller Anwendungen verschiebt sich der Markt von der reinen Entwicklung und Präsentation hin zum tatsächlichen Einsatz. In der 3C-Fertigung, auf Produktionslinien, in der Logistik und im Dienstleistungssektor übernehmen humanoide Roboter inzwischen Aufgaben, die von der Montage über die Handhabung empfindlicher Bauteile bis zum Falten von Kleidung und der Zubereitung von Kaffee reichen. Ein Vertrag über den Einsatz von fast 100 Einheiten bei Fulin Precision Engineering zeigt zudem, dass erste Unternehmen bereits größere Flotten planen.
Einen erheblichen Vorteil verschafft chinesischen Herstellern dabei die industrielle Basis, denn die Fertigung moderner Systeme setzt auf eine Vielzahl bereits etablierter Komponenten und Lieferketten, die in China in großer Breite vorhanden sind. Motoren, Elektronik, Batterien, Sensoren und mechanische Bauteile lassen sich innerhalb eines dicht vernetzten Produktionssystems beschaffen und skalieren. Bei einem Produkt, dessen Kosten mit steigenden Stückzahlen sinken müssen, ist diese industrielle Infrastruktur ein ausschlaggebender Faktor.
Mit den beiden Börsenkandidaten hat die Branche inzwischen Unternehmen hervorgebracht, deren Geschäft deutlich über die Entwicklungsphase hinausgeht. Unitree erzielte vergangenes Jahr einen Umsatz von rund 220 Millionen Euro und einen Nettogewinn von rund 36 Millionen Euro. Zwischen 2023 und vergangenem Jahr verkaufte das Unternehmen 5.632 humanoide Roboter sowie mehr als 33.000 vierbeinige Modelle. AgiBot überschritt vergangenes Jahr ebenfalls die Umsatzmarke von rund 130 Millionen Euro und hatte bis Juni 2026 insgesamt 15.000 Einheiten verschiedener Typen ausgeliefert.
Während Unitree bereits einen Gewinn ausweist, liegen für AgiBot keine entsprechenden Angaben vor. Trotzdem bewegt sich die angestrebte Bewertung in einer ähnlichen Größenordnung. Mit bis zu 6 Milliarden Euro für Unitree und bis zu 5,6 Milliarden Euro für AgiBot setzt der Kapitalmarkt damit hohe Erwartungen an eine Branche, deren wirtschaftliche Entwicklung noch längst nicht abgeschlossen ist.
Die bisher erreichten Stückzahlen belegen, dass chinesische Hersteller humanoide Roboter in vergleichsweise großer Zahl produzieren und verkaufen. Noch fehlt jedoch der Nachweis, dass sich daraus dauerhaft hohe Gewinne erzielen lassen. Bei AgiBot ist die Profitabilität ohnehin nicht dokumentiert. Hinzu kommen fehlende Daten zu den Verkaufspreisen einzelner Modelle und zu den tatsächlichen Produktionskosten. Ohne diese Angaben lässt sich kaum beurteilen, wie viel wirtschaftlicher Wert hinter den hohen Umsätzen tatsächlich steckt.
Hardware-Macht mit Chip-Schwäche: Der Roboter-Konflikt
Auch technologisch fällt die Bilanz weniger eindeutig aus als bei den Auslieferungen. Bei der Hardware und der industriellen Fertigung hat China einen deutlichen Vorsprung aufgebaut. Bei der Software bleibt die Situation wesentlich offener. Gerade die Fähigkeit, humanoide Roboter zuverlässig in unstrukturierten Umgebungen einzusetzen, ist noch nicht abschließend gelöst. Die hohen chinesischen Marktanteile belegen deshalb vor allem eine starke industrielle Position, nicht automatisch eine uneingeschränkte technologische Führungsrolle.
Der schnelle Börsengang von Unitree wurde durch einen speziellen Pre-Review-Mechanismus des STAR-Marktes unterstützt. Die Zulassung innerhalb von nur 73 Tagen zeigt den politischen Willen, so schnell wie möglich ein Leuchtturm-Projekt an der Börse zu positionieren.
Mit dem Ende Juli von Washington verhängten Importverbot verliert der US-Markt für Hersteller wie Unitree und AgiBot zunächst an Bedeutung. Für die Unternehmen dürfte das wirtschaftlich jedoch verkraftbar sein, weil ihre Produktionsmengen noch überschaubar sind und allein der chinesische Binnenmarkt ein erhebliches Absatzpotenzial bietet. Hinzu kommen Europa, Asien und weitere Regionen, in denen chinesische Anbieter ihre Produkte absetzen. Interessanter allemal ist die Frage nach den Komponenten, denn bei KI-Chips und Sensoren bleibt China trotz seiner starken Position bei der Robotik auf ausländische Technologie angewiesen. Die tatsächliche Größe dieser Abhängigkeit lässt sich anhand der verfügbaren Daten nicht beziffern.
Subventionen und Überkapazitäten: Die staatliche Roboter-Wunde
Damit sind humanoide Roboter ein weiteres Beispiel dafür, wie chinesische Industriepolitik funktioniert. Als Teil von „Made in China 2025“ wurde der Sektor mit den bekannten Instrumenten aufgebaut: Subventionen, staatlich finanzierte Forschung und Entwicklung an Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie eine politische Flankierung, die nun bis an die Börse reicht. Der erfolgreiche Start der beiden Unternehmen wurde von der Börsenaufsicht beschleunigt und vom „Team China“ kräftig beworben. Gleichzeitig zeigt sich auch in dieser Sparte das bekannte Problem: Staatlich geförderte Investitionen treiben zahlreiche Unternehmen in denselben Zukunftsmarkt und schaffen Kapazitäten, für die die Nachfrage noch nicht ausreicht.
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken
