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Hyperschall-Raketen – die neue Superwaffe in der Hand von Putin

Hyperschall-Raketen und Putin

Russland – und damit Putin – hat im Ukraine-Krieg bereits Hyperschall-Raketen eingesetzt. Was sind Hyperschall-Raketen – und wer produziert sie?

In den letzten Tagen ist in den Medien immer wieder der Begriff Hyperschall-Raketen gefallen. Was sind das für spezielle Waffen und stellen sie eine überlegene Waffentechnik dar?

Blickt man auf die Geschichte der Menschheit zurück, ist diese voll von kriegerischen Auseinandersetzungen. Oft gaben überlegene Waffentechniken einer Seite den entscheidenden Vorteil, den Sieg zu erringen. Der T-34 Panzer der russischen Armee, die Spitfire-Jagdflugzeuge der Royal Air Force, die Stinger Raketen im Afghanistan-Krieg – diese Aufzählung lässt sich noch beliebig weiter ergänzen. Wie verhält es sich nun mit Hyperschall-Raketen?

Was genau sind Hyperschall-Raketen? Putin und seine Superwaffe

Hyperschall-Raketen fliegen tief, sehr schnell und sind hoch manövrierfähig. Sie können mit konventionellen und atomaren Sprengköpfen bestückt werden. Hyperschall, auf Englisch Hypersonic, bedeutet allgemein gesprochen eine Geschwindigkeit über Mach 5, also schneller als fünffache Schallgeschwindigkeit. Mach 5 sind mindestens 6000 Km/h, je nach Flughöhe und Luftdruck. Hyperschall-Raketen fliegen deutlich schneller und erreichen bis zu Mach 10 (ca. 12.000 Km/h). Das unterscheidet sie noch nicht von Intercontinental-Raketen (ICBM – Intercontinental Ballistik Missile), die beim Eintritt in die Atmosphäre teilweise bis zu Mach 20 erreichen können. Hyperschall-Raketen sind während der gesamten Flugdauer hoch manövrierfähig und folgen somit einem nicht im Voraus berechenbaren Kurs. Und sie können sehr tief fliegen. Das macht sie für die bestehenden Flugabwehrsysteme so schwer bis gar nicht abfangbar. Bei einem ballistischen Flugkörper, der immer bogenförmig fliegt, lässt sich die Flugbahn ziemlich genau berechnen.

Das erste Überschall-Konzept stammt noch aus der Zeit des Nationalsozialismus. Deutschland war damals, als erste Nation, der entscheidende Durchbruch in der Raumfahrttechnik gelungen. In Peenemünde entwickelte Wernher von Braun, mit seinen Ingenieuren, die V1 und V2. Dort wurde auch am frühen Vorläufer der Hyperschall-Rakete geforscht. Das Konzept wurde aber nicht weiter verfolgt und auch in den folgenden Jahrzenten nicht weiter nachhaltig erforscht.

Das Konzept wurde erst wieder entschlossen von China und Russland aufgegriffen, als die USA 2002 ihren Rückzug aus dem ABM-Vertrag ankündigte. Ausschlaggebend hierfür war 9/11; die USA wollten ihr eigenes National Missile Defense Programm entwickeln. Der ABM-Vertrag, der 1972 zwischen den USA und Russland geschlossen wurde, beinhaltete nämlich die Begrenzung von Systemen zur Abwehr von Ballistischen Waffen. Russland ließ daraufhin verlauten, sich nun nicht mehr an den START II Vertrag zu halten. START steht für Strategic Arms Reduction Treaty und war ein Abrüstungsabkommen zur Reduktion von strategischen Trägersysteme für Nuklearwaffen. Die Gespräche liefen aber in diplomatischen Kreisen stetig weiter. So wurde am 24. Mai 2002 ein neuer Abrüstungsvertrag ausgehandelt, das SORT-Abkommen. Unterzeichnet wurde dieses Abkommen von George W. Bush und Wladimir Putin.

Der entscheidende Unterschied zwischen START und SORT war, dass START auch Trägersysteme beinhalte, SORT aber nur einsatzbereite Sprengköpfe. 2010 wurde unter Barack Obama ein neues Abkommen ausgehandelt, der New-START-Vertrag, der bis 2020 gültig war. Ende Januar 2021 unterzeichnete Präsident Wladimir Putin eine mit den USA ausgehandelte Verlängerung um fünf Jahre, die Anfang Februar auch von Präsident Joe Biden unterzeichnet wurde.

Soweit zu den verschiedenen Abrüstungsabkommen, die zwischen den USA und Russland geschlossen wurden. Tiefpunkt der Abrüstungsverhandlungen war sicherlich der Rückzug der USA aus dem ABM-Vertrag und die Reaktion Russlands, den START II-Vertrag zu kündigen. Bemerkenswert ist hier die zeitliche Lücke von ca. acht Jahren (2002 – 2010), in der es keine Vereinbarung über die Abrüstung atomarer Trägersysteme gab. Die verantwortlichen Akteure für diese Lücke auf amerikanischer Seite waren George W. Bush, Donald Rumsfeld und Collin Powell, ihr damaliger Gegenspieler Wladimir Putin.

Aufbau der National Missile Defense in den USA

Dieser neue Rüstungsimpuls der USA löste Unbehagen bei der chinesischen und russischen Führung aus. Putin und die Chinesen fürchtete die eigene Zweitschlag-Fähigkeit, da die erhöhte Flugabwehr der USA die eigenen ICBMs im Anflug neutralisieren könnten. Also nahm man die Hyperschall-Raketen-Forschung wieder auf. Und das mit Erfolg, China testete bereits 2014 einen Hyperschall-Gleitflug-Gefechtskopf, laut Einschätzung des amerikanischen Geheimdienstes ist die Waffe seit 2020 im Einsatz. Russland hat laut eigenen Angaben bereits zwei dieser neuen Raketentypen, die CH-47M2 Kinschal, im Kampf gegen die Ukraine eingesetzt. Die Kinschal ist eine Abwandlung der Iskander-Rakete und kann bis zu 12.000 Km/h erreichen, das sind über 3 Km pro Sekunde. In Fachkreisen gilt die Kinschal aber nicht als Hyperschall-Waffe, da sie immer noch eine ballistische Rakete ist.

Was ist die technische Herausforderung bei Hyperschall-Raketen?

Hyperschall-Raketen fliegen so schnell, dass sie die Luftmoleküle um sie herum verändern. Es kommt zu einer Ionisierung der Luft und zur Plasmabildung. Dies führt zu einer extremen Belastung des Materials, insbesondere beim Flug durch die Atmosphäre. Plasma stört zudem die Kommunikation mit der Rakete und macht sie sichtbar für gegnerische Ortungssysteme. Die Erforschung der Hyperschall-Technik ist nicht grundsätzlich zu verurteilen, schließlich kann sie auch für die Raumfahrt eingesetzt werden.

Die USA versuchen nun fieberhaft, eigene Hyperschall-Raketen zu entwickeln und investieren großzügig in die Forschung. Der US-Rechnungshof schätzt, dass zwischen 2015 und 2024 insgesamt 15 Milliarden Dollar für die Entwicklung von Hyperschallwaffen ausgeben werden. Für 2022 sind 3,8 Milliarden Dollar vorgesehen, mit dem Ukraine-Krieg und der neuen Sicherheitslage könnte dieser Etat aber auch großzügig aufgestockt werden. Für Rüstung wir traditionell in den USA gerne und viel Geld ausgegeben, unabhängig ob Demokraten oder Republikaner regieren. Im Kampf gegen Putin und Russland dürften die Ausgaben der Amerikaner hier weiter deutlich steigen.

Es gibt drei große US-Rüstungsfirmen, die an der Entwicklung und Produktion von Hyperschall-Raketen forschen. Lockheed Martin (LMT), Northrop Grumman (NOC) und Raytheon Technologies (RTX). Lockheed Martin hat in 2021 eine neue Fabrik für Hyperschallwaffen in Alabama eröffnet. Northrop Grumman unterhält seit Juli 2021 ein Hypersonic Center of Excellence. Dies ist eine Forschungseinrichtung für Hyperschalltechnologie. Zusammen mit Raytheon Technologies entwickelt man für die US-Armee die Hyperschall-Rakete HAWC, die bereits erfolgreiche Testflüge hinter sich hat. Lockheed Martin und Northrop Grumman entwickeln eine Langstrecken Hyperschall-Rakete für die US-Streitkräfte. Die Kosten für eine solche Rakete liegen bei rund 100 Millionen Dollar pro Stück.

Sind Hyperschall-Waffen eine Wunderwaffe?

Um auf die anfangs gestellte Frage zurück zu kommen: Hyperschall-Waffen sind ein Game-Changer. Russland und China sind bei der Hyperschall-Technik den USA wohl mehrere Jahre voraus. Man könnte vielleicht sogar von einem „Sputnik-Moment“ sprechen. Hyperschall-Raketen können Flugzeugträger zerstören, das macht sie strategisch so wertvoll. Ihre Reichweite hält jeden feindlichen Flugzeugträger außer Reichweite.

Der Einsatz in der Ukraine ist mehr eine Warnung als eine militärische Notwendigkeit. Das Rückgrat der amerikanischen Armee und Politik sind die Flugzeugträger; die Kanonenboot-Politik der letzten Jahrzehnte ist angreifbar geworden. Daher werden die USA weiterhin mit Hochdruck an der Entwicklung von Hyperschall-Waffen arbeiten. Russland, China und die USA sind nicht die einzigen Länder, die diese Waffentechnik beherrschen wollen. Frankreich, Japan, Deutschland, Indien und Nordkorea forschen auch an der Hyperschall-Technik. Wer wird das Rennen machen?

Aktuelle Unternehmensmeldungen zu Lockheed Martin und Northrop Grumman

Letzte Woche gab es zu Lockheed Martin verschiedene Meldungen, die den Aktienkurs kurzfristig belastet haben. Das Pentagon hat eine Bestellung über 94 F-35 Jets um 33 Stück reduziert. Am 17. März allerdings bewilligte das U.S. State Department den Verkauf eines 700 Millionen Dollar teuren Raketen Abwehr Systems an das Vereinigte Königreich England. Offensichtlich ist die Luftabwehr des Buckingham Palastes lückenhaft. Das Defense Set umfasst Befehls-, Kommunikations- und Kommandoinfrastrukturen und ein mobiles ballistisches Raketenabfang-System.

Die SEC (amerikanische Börsenaufsicht) veröffentlichte zu Northrop Grumman einen Insider-Verkauf. Insider haben in der Vergangenheit oft ein gutes Gespür für ihr eigenes Unternehmen gehabt. Mark A Caylor, Corporate Vice President von Northrop, hat am 3. März Anteilsscheine im Wert über 1,8 Millionen Dollar zu einem Kurs von 452 Dollar verkauft.

Lockheed Martin Corporation (LMC) – Schlusskurs 21.03.22: 440 US-$; Marktkapitalisierung: 117 Milliarden US-$; Dividenden-Rendite: 2,55%; KGV: 18,72

Northrop Grumman Corporation – Schlusskurs 21.03.22: 446,60US-$; Marktkapitalisierung: 69 Milliarden US-$; Dividenden-Rendite: 1,41%; KGV: 9,85

Raytheon Technologies Corporation – Schlusskurs 21.03.22: 99,94 US-$; Marktkapitalisierung: 149 Milliarden US-$; Dividenden-Rendite: 2,04%; KGV: 38,07

Hyperschall-Rakete und Aktien

Chart: Lockheed Martin, Northrop Grumman und Raytheon Technologies relativ zum S&P500 seit Jahresanfang (4Std-Chart)

Kursdaten aus: https://de.tradingview.com

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3 Kommentare

  1. Lieber Herr Hartz,
    ich reibe mir die Augen.

    Am 21.3.22 gegen 18.04h soll ein „Raketenexperte“ namens Frank Sauer in der Tagesschau verbreitet haben, daß die Technik der Kinschal-Rakete aus den 80-Jahren stammt und eben nicht hochmodern ist und eine großartige Manövrierfähigkeit besitzt, sondern eher (dröge) einer ballistischen, d. h. eher passiven Flugkurve folgt. Und eben auch kein Marschflugkörper darstellt.

    Wenn nun 2 Experten das Gegenteilige behaupten ruft das Neugierde hervor wer denn Recht hat. Vielleicht möchten Sie sich dazu äußern? Vielen Dank.

    1. Hier einmal das Interview zum Nachlesen:
      https://www.tagesschau.de/ausland/asien/russland-hyperschall-kinschal-101.html

      Ich glaube mal, nix Genaues weiß niemand… 🙄

    2. Guten Abend Herr Sallister,

      dazu lesen Sie im gleichen Artikle: “ Die Kinschal ist eine Abwandlung der Iskander-Rakete und kann bis zu 12.000 Km/h erreichen, das sind über 3 Km pro Sekunde. In Fachkreisen gilt die Kinschal aber nicht als Hyperschall-Waffe, da sie immer noch eine ballistische Rakete ist.“

      Dies ist kein technischer Artikel über die Waffe, dieses Feld überlasse ich den Rüstungsexperten. Aber ein Überblick, wer an dieser Technik forscht, erschien mir interessant.

      Viele Grüße
      Thomas Hartz

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