IBM steht massiv unter Druck: Nach der Vorstellung eines neuen KI-Tools von Anthropic, das die Modernisierung von Cobol-Systemen deutlich vereinfachen soll, reagierten Anleger mit einem historischen Ausverkauf. Die Aussicht, dass künstliche Intelligenz tief in das traditionelle Mainframe-Geschäft eingreifen könnte, schürt Zweifel an der Stabilität eines bislang verlässlichen Umsatzpfeilers des Tech-Konzerns.
Anthropic schickt IBM-Aktie auf Talfahrt
Die Aktie von IBM erlitt am Montag ihren stärksten Kurseinbruch seit mehr als 25 Jahren. Wie Bloomberg berichtet, war der Auslöser eine Ankündigung des KI-Start-ups Anthropic: Das hauseigene Tool „Claude Code“ könne Unternehmen dabei unterstützen, Cobol zu modernisieren – eine veraltete, aber weiterhin geschäftskritische Programmiersprache, die auf vielen IBM-Großrechnern (Mainframes) läuft.
Der Kurs stürzte um 13 Prozent ab – der höchste Tagesverlust der Aktie seit Oktober 2000. Insgesamt summiert sich das Minus im Februar auf 27 Prozent. Damit steuert die IBM-Aktie auf den stärksten Monatsrückgang seit mindestens 1968 zu, wie aus von Bloomberg zusammengestellten Daten hervorgeht.
Anthropic schrieb in einem Blogbeitrag: „Die Modernisierung eines Cobol-Systems erforderte früher Heerscharen von Beratern, die über Jahre hinweg Arbeitsabläufe analysierten. Tools wie Claude Code können die Erkundungs- und Analysephasen automatisieren, die den Großteil des Aufwands bei der Cobol-Modernisierung ausmachen.“

KI bedroht Mainframe-Geschäft
Der Großteil der Cobol-basierten Mainframes stammt von IBM. Entsprechend heftig fiel die Reaktion am Markt aus. Anleger befürchten, dass leistungsfähige KI-Tools das traditionelle Geschäftsmodell des Konzerns unter Druck setzen könnten. Damit trifft IBM ein ähnliches Schicksal wie zahlreiche Softwaretitel, die aus Sorge vor KI-bedingter Disruption zuletzt deutlich korrigierten. Zugleich erwirtschaftet der Konzern weiterhin einen erheblichen Teil seines Umsatzes im Mainframe-Segment.
Diese leistungsstarken, kundeneigenen Serversysteme betreiben geschäftskritische Anwendungen, häufig auf Basis von Cobol – einer Programmiersprache, die älter ist als viele der heute dominierenden Technologien. Dennoch bleiben Mainframes insbesondere in regulierten Branchen wie Finanzwesen oder öffentlicher Verwaltung gefragt, wo Zuverlässigkeit und Stabilität oberste Priorität haben.
Bereits am Freitag hatte Anthropic eine neue Sicherheitsfunktion für sein Claude-KI-Modell vorgestellt. In der Folge gerieten auch Cybersecurity-Aktien wie Crowdstrike massiv unter Druck. Generell zeigen sich Softwaretitel seit Jahresbeginn schwach. Ein bedeutender Software-ETF (IGV) liegt 27 Prozent im Minus und steuert damit auf den stärksten Quartalsverlust seit der Finanzkrise 2008 zu.
Disruption durch „Vibe Coding“
Ein Großteil der Verkäufe wurde durch neue KI-Tools von Unternehmen wie Anthropic, OpenAI und Alphabet ausgelöst. Investoren sorgen sich insbesondere um das sogenannte „Vibe Coding“ – also die Möglichkeit, mithilfe von KI eigenständig Softwarecode zu generieren.
Die Befürchtung: Wenn Anwender ihre Anwendungen zunehmend selbst erstellen können, sinkt die Nachfrage nach etablierten Softwareprodukten. Das könnte Umsatzwachstum, Margen und Preissetzungsmacht klassischer Anbieter erheblich beeinträchtigen.
Amit Daryanani, Analyst bei Evercore ISI, relativierte jedoch die Sorgen: „Auch wenn wir verstehen, warum eine Mainframe-Migration als potenziell negativ für IBM wahrgenommen wird, möchten wir darauf hinweisen, dass IBM seinen Kunden bereits mehrere Modernisierungsoptionen anbietet.“ Er fügte hinzu: „Unser Eindruck ist, dass Kunden schon bisher die Möglichkeit hatten, vom Mainframe zu migrieren – sich jedoch weiterhin bewusst für die Plattform entscheiden.“
IBM setzt selbst auf KI
Die Idee, Cobol mithilfe moderner KI-Tools zugänglicher zu machen, ist keineswegs neu. Zahlreiche große Technologieunternehmen haben entsprechende Lösungen entwickelt. IBM selbst brachte bereits 2023 ein KI-gestütztes Werkzeug auf den Markt, das Cobol-Code analysiert und unter anderem in die populärere Programmiersprache Java überführen kann.
Im Juli 2025 betonte IBM-CEO Arvind Krishna, der KI-Coding-Assistent für Mainframes habe „eine sehr breite Akzeptanz gefunden“. „In der Mehrzahl der Fälle nutzen Kunden das Tool, um ihre Cobol-Codebasis besser zu verstehen und zu entscheiden, was modernisiert werden soll“, erklärte Krishna.
Damit zeigt sich: Während Investoren kurzfristig auf Disruptionsrisiken reagieren, setzt IBM strategisch selbst auf KI-Integration im Mainframe-Umfeld. Ob dies ausreicht, um das Vertrauen des Marktes zurückzugewinnen, bleibt jedoch offen.
FMW/Bloomberg
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