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ifo-Index zeigt nicht die aktuelle Angst der Wirtschaft? Expertenkommentar

Es kann gut sein, dass die Stimmung in der Wirtschaft bereits viel schlechter ist als im ifo-Index dargestellt. Dazu ein Expertenkommentar.

Schornsteine und Windrad

Dafür kann das ifo-Institut nun wirklich nichts – aber Dr. Jörg Krämer (Chefvolkswirt der Commerzbank) weist darauf hin, dass das ifo-Institut die meisten Umfrage-Antworten von den befragten Unternehmen wohl erhalten hat, kurz bevor Russland seine Gaslieferungen jüngst reduzierte. Daraus resultierte nach Meinung von Dr. Jörg Krämer der eher moderate Abfall im heute veröffentlichten ifo-Index von 93,0 auf 92,3 Indexpunkte. Würden die in Deutschland befragten Unternehmen mit dem jetzigen Wissen einer verstärkten Verknappungsangst bei Gas viel pessimistischer abstimmen?

Tatsächlich ist die konjunkturelle Situation in Deutschland laut Dr. Jörg Krämer labil. Zum einen könnte es nach einer weiteren Reduzierung der russischen Gaslieferungen zu einer folgenschweren Rationierung von Gas in der Industrie kommen. Zum anderen dürften die massiven Zinserhöhungen der US-Notenbank in den USA im kommenden Jahr eine Rezession auslösen. Wegen all dieser gestiegenen Risiken haben die Experten der Commerzbank ihre Deutschland-Prognose für 2023 von 2,5 auf nur noch 1,0 Prozent gesenkt. Hier dazu Aussagen von Dr. Jörg Krämer.

Unternehmen antworteten kurz vor Reduzierung der Gaslieferungen

Zwar war der Rückgang des ifo-Geschäftsklimas etwas größer als erwartet (Konsens: 92,9; Commerzbank: 92,0). Aber mit Blick auf die reduzierte Lieferung russischen Gases sei der Rückgang moderat. Denn die am 13. Juni verkündete Beschränkung der Gaslieferungen dürfte sich laut Dr. Jörg Krämer nur in einem Teil der Antworten bei der ifo-Umfrage niedergeschlagen haben. Ein Großteil der befragten Unternehmen antworte nämlich normalerweise bereits zu Beginn des Monats. Erst zur Monatsmitte fasst das ifo-Institut bei den Unternehmen nach, die noch nicht geantwortet haben. FMW: Es kann also gut sein, dass die Stimmung in der Wirtschaft jetzt schon viel schlechter ist, als es der heutige ifo-Index zeigt.

Gasstopp und US-Rezession als größte Risiken identifiziert

Nach der jüngsten Reduktion russischer Gaslieferungen ist laut Dr. Jörg Krämer ein kompletter Stopp der Lieferungen nicht auszuschließen. In diesem Falle würde Gas für viele industrielle Großverbraucher rationiert. Dies würde in den betroffenen Branchen die Produktion einbrechen lassen. Unter den ausfallenden Lieferungen würden auch andere Branchen leiden. Außerdem käme es zu einem Kostenschub bei den Konsumenten, weil in diesem Szenario auch die Preise aller anderen Energieformen massiv steigen würden. Eine schwere Rezession wie nach der Finanzkrise (BIP 2009: -5,7% Prozent) wäre wohl unvermeidlich.

Wegen der umfangreichen Zinserhöhungen in den USA erwarten die Experten der Commerzbank nun für die US-Wirtschaft für die erste Hälfte des kommenden Jahres eine Rezession. Schrumpft die US-Wirtschaft, strahle das negativ auf die Unternehmen hierzulande ab. Wegen dieser gestiegenen Risiken hat Dr. Jörg Krämer mit seinem Team die Deutschland-Prognose für 2023 von 2,5 Prozent auf nur noch 1,0 Prozent Wachstum gesenkt. Die im Vergleich zu den meisten anderen Häusern sehr niedrige Wachstumsprognose für dieses Jahr belässt man bei nur 1,5 Prozent.



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