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Ein Teufelskreis Immobilien und der gebrochene Gesellschaftsvertrag in China

China Immobilien Gesellschaftsvertrag zerbricht
Foto: evening_tao - Freepik.com

In China bröckelt der einst solide Grund des Wohlstands, und mit ihm wanken die Säulen des Gesellschaftsvertrags: Die Immobilien-Krise hat nicht nur die Märkte erschüttert, sondern auch das Vertrauen der Bürger in die Versprechen der Regierung. Sichtbar wird das brüchige Verhältnis zwischen Partei und Bürgern in zwei Parametern.

China: Immobilien – Absturz der Mittelschicht-Träume

In den letzten Jahren hat China einen signifikanten Rückgang der Immobilien-Preise verzeichnet, was zu erheblichen ökonomischen und sozialen Verwerfungen geführt hat. Besonders stark betroffen ist die Mittelschicht, die einen Großteil ihres Wohlstands in Wohn-Immobilien gebunden hat. Seit 2021 sind die Preise für neue Wohnungen im Landesdurchschnitt um 4,3% und die Preise für bestehende Wohnungen um 7,5% gesunken, für existierende Wohnungen beträgt der Preisrückgang 12%.

Und ein Ende dieser Abwärtsspirale ist noch nicht in Sicht. Analysten warnen, dass sich dieser Trend fortsetzen könnte, was langfristige Auswirkungen auf die wirtschaftliche und soziale Stabilität des Landes haben wird.

Michael Pettis, Finanzprofessor an der Peking-Universität, erklärte kürzlich: „Der Wert von Wohnimmobilien entsprach ungefähr 350% des BIP, was zwei- bis dreimal so viel ist wie in den meisten Ländern. Es gab Fälle von anderen Ländern, die so hohe Wohnimmobilienpreise im Verhältnis zum BIP verzeichneten, z. B. Japan in den 1980er Jahren, Spanien und Irland in den 2000er Jahren, aber als ihre Immobilienblasen platzten, kehrten sie schließlich viel näher an den Durchschnitt zurück. Wenn Wohn-Immobilien in China nicht nach radikal anderen Bewertungsprinzipien funktionieren, deutet dies darauf hin, dass die Immobilienpreise letztendlich um mindestens die Hälfte im Verhältnis zum BIP und möglicherweise noch mehr fallen sollten, bevor sie einen Boden erreichen.“

Der populäre chinesische Finanzkommentator „Shanghai Macro Strategist“ bemerkt: „Die internationale Erfahrung deutet darauf hin, dass es noch erhebliches Abwärtspotenzial für chinesische Immobilien-Ireise gibt, insbesondere da sie trotz der jüngsten Korrektur die höchsten der Welt geblieben sind. Warum sollten Haushalte also weiter Kredite aufnehmen, um ein abwertendes Asset zu kaufen?“

Der Rückgang der Immobilien-PPreise hat zu einem massiven Vermögensverlust für viele chinesische Haushalte geführt. Da etwa 70% des chinesischen Wohlstands in Wohnimmobilien gebunden ist, bedeutet ein Preisverfall einen direkten und spürbaren Verlust an Vermögen. Dieser Vermögensverlust beeinträchtigt das finanzielle Sicherheitsgefühl und führt zu einer Zurückhaltung bei den Konsumausgaben, was das Wirtschaftswachstum weiter hemmt.

Die Auswirkungen des Immobilienmarktrückgangs auf die breitere Wirtschaft lassen sich deutlich anhand der Entwicklung der industriellen Produktion und der Einzelhandelsumsätze ablesen. Während die industrielle Produktion eine Erholung zeigt und weitgehend den vorpandemischen Trends folgt, zeichnet sich im Einzelhandel ein anderes Bild ab. Hier ist die Erholung deutlich verhaltener, was darauf hindeutet, dass die Verbraucherstimmung durch den Vermögensverlust und die Unsicherheit auf dem Immobilienmarkt gedämpft wird. Dies verdeutlicht, dass trotz der Fortschritte in der Produktion der Konsum hinterherhinkt.

Der Vermögensverlust, der durch den Rückgang der Immobilien-Preise verursacht wird, hat weitreichende Auswirkungen auf die Wirtschaft und das Wohlergehen der Bürger. Besonders betroffen ist der Markt für existierende Immobilien, der den Großteil des privaten Vermögens darstellt. Hier ist der Preisrückgang besonders spürbar, da die Preise für bestehende Wohnungen um 12% gefallen sind. Dieser Rückgang ist nicht nur eine Zahl auf dem Papier: er repräsentiert einen realen Verlust an finanzieller Sicherheit für die Eigentümer.

Immobilien-Krise erschüttert Chinas Wirtschaftsstabilität

Für viele Menschen in China ist ihr Zuhause mehr als nur ein Ort zum Leben – es ist eine Investition in die Zukunft und ein wesentlicher Bestandteil ihres Vermögens. Wenn die Preise fallen, schrumpft auch das Nettovermögen der Haushalte.

Der Rückgang der Immobilien-Preise in China reduziert den Wert bestehender Wohnungen und erhöht die finanzielle Belastung vieler Haushalte. Haushalte, die Kredite für den Immobilien-Kauf aufgenommen haben, stehen nun vor dem Risiko, dass ihre Immobilien weniger wert sind als die ausstehenden Kreditbeträge, was zu negativen Eigenkapitalpositionen führt. Diese „Unterwasser-Hypotheken“ erhöhen das Risiko von Zahlungsausfällen und Zwangsvollstreckungen und verschärfen die finanzielle Belastung der betroffenen Familien.

Ein anhaltender Rückgang der Immobilien-Preise erschüttert das Vertrauen der Verbraucher in die wirtschaftliche Stabilität. Die daraus resultierende Unsicherheit veranlasst Haushalte, ihre Ausgaben einzuschränken und mehr zu sparen, was die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und das Wachstum dämpft.

Soziale Unzufriedenheit und Proteste entstehen, wenn Menschen das Gefühl haben, dass ihre Investitionen und Ersparnisse bedroht sind. In einem Land, in dem Immobilien als sicherer Hafen für Investitionen gelten, erschüttert ein breiter Vermögensverlust das Vertrauen in die Regierungspolitik und die wirtschaftlichen Aussichten des Landes.
Die Ungleichheit verschärft sich, da wohlhabendere Haushalte diversifiziertere Anlageportfolios besitzen und Verluste im Immobiliensektor besser verkraften können. Ärmere Haushalte, die einen größeren Teil ihres Vermögens in Immobilien investiert haben, sind überproportional stark betroffen.

Ein Rückgang der Immobilien-Preise begrenzt die soziale Mobilität. Für viele Chinesen ist der Besitz einer Immobilie ein wichtiger Schritt zur Verbesserung ihrer sozialen und wirtschaftlichen Stellung. Ein anhaltender Preisverfall schränkt insbesondere für jüngere Generationen, die bereits mit hohen Immobilienpreisen und einem angespannten Arbeitsmarkt konfrontiert sind, die Aufstiegschancen ein.

Gesellschaftsvertrag wankt: Heirats- und Geburtenraten im Sinkflug

Der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag Chinas, der auf einem Tauschgeschäft zwischen der Kommunistischen Partei und der Bevölkerung beruht, steht unter Druck. Die Partei hat sich verpflichtet, den wirtschaftlichen Wohlstand zu fördern und die Lebensstandards zu erhöhen, während die Bevölkerung im Gegenzug politische Unterstützung gewährt. Dieser Vertrag hat sich über Jahrzehnte bewährt, da China ein beispielloses Wirtschaftswachstum erlebt hat.

Die jüngsten Erschütterungen des Immobilienmarktes und der damit verbundene Vermögensverlust untergraben jedoch das Vertrauen in die Fähigkeit der Partei, ihre Versprechen zu halten. Wenn es der KPCh nicht gelingt, die wirtschaftliche Stabilität zu sichern und den Immobilienmarkt zu stabilisieren, führt dies zu einer Vertrauenskrise.

Dieser Vertrauensverlust manifestiert sich in messbaren Indikatoren wie der Heirats- und Geburtenrate. Im ersten Quartal 2024 ist die Heiratsrate in China um 8,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken, was die Herausforderungen für die Arbeitskraft in einer stark auf Produktion ausgerichteten Wirtschaft verdeutlicht. Die Geburtenrate zeigt ebenfalls einen Abwärtstrend, mit einem Rückgang auf 10,478 Geburten pro 1000 Personen im Jahr 2024, was einem Rückgang von 1,57 Prozent gegenüber 2023 entspricht.

Diese rückläufigen Trends bei Heirat und Geburten haben weitreichende Konsequenzen für die demografische Struktur und die wirtschaftliche Zukunft Chinas. Weniger Eheschließungen über einen längeren Zeitraum führen zu weniger Geburten und einer schrumpfenden Arbeitskraft in einem Land, das stark von seiner Fertigungsindustrie abhängt. Dies wiederum verringert die Nachfrage nach Wohnraum, was den Immobilien-Markt weiter belastet.

China befindet sich somit in einem gefährlichen Teufelskreis: Ein schwächelnder Immobilien-Markt führt zu Vermögensverlusten und vermindertem Verbrauchervertrauen, was wiederum die Heirats- und Geburtenraten beeinflusst und die wirtschaftliche Dynamik des Landes hemmt. Die Regierung steht vor der Aufgabe, diesen Kreislauf zu durchbrechen und Maßnahmen zu ergreifen, die sowohl die wirtschaftliche als auch die soziale Stabilität wiederherstellen.



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5 Kommentare

  1. Zustimmung. Aber ist das nicht das Problem der ganzen Welt? Versuchen wir nicht alle, nur graduell unterschiedlich stark ausgeprägt, mittels einiger Ponzi-Schemata allgemeinen Wohlstand zu erreichen?

  2. .Was ist der Unterschied zwischen bestehenden und existierenden.

    1. Das habe ich mich auch gefragt…

  3. Ich lese die Beiträge von Doi Ennoson immer sehr detailliert, weil sie einen Blick auf die Dinge in Fernost werfen, die man in anderen Medien so nicht finden kann. Bitte machen Sie weiter so,

    1. Das solltest du tunlichst vermeiden! Der Typ bauscht alles nur auf! Wenn du wirklich etwas über China und Asien erfahren möchtest, informiere dich im Internet! Es gibt sehr gute internationale Medien (keine westliche!)
      Alles Andere ist leider nur Propaganda!

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