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USA, Frankreich, Deutschland rücken vor Indien wendet sich von Russland ab – neue Partner im Westen

Indiens Strategiewechsel

Indien wendet sich von Russland ab - neue Partner im Westen
Foto: inkdrop - Freepik.com

Indien löst sich schrittweise von Russland und setzt auf neue Partner im Westen. Der Strategiewechsel verändert das militärische Machtgefüge in Asien dauerhaft.

Indien wendet sich von Russland ab – neue Partner im Westen

Mit der strategischen Neuausrichtung seines Militärs verabschiedet sich Indien schrittweise von der bisherigen Dominanz Russlands als Hauptlieferant. Indiens militärische Ordnung beruhte jahrzehntelang auf einem klaren Fundament. Russland lieferte Kampfjets, Panzer, U-Boote und Flugabwehrsysteme. Noch zwischen 2010 und 2014 stammten laut Daten des Stockholm International Peace Research Institute rund 72 Prozent der indischen Waffenimporte aus Russland. Diese Abhängigkeit war politisch gewollt und strategisch akzeptiert. Moskau bot robuste Systeme, langfristige Zahlungsmodelle und kaum politische Auflagen.

Doch dieses Gefüge hat spürbare Risse bekommen. Der russische Angriff auf die Ukraine band industrielle Kapazitäten, verzögerte Lieferketten und lenkte moderne Systeme in den Eigenbedarf. Für Neu-Delhi bedeutete das nicht nur verspätete Auslieferungen, sondern wachsende strategische Unsicherheit. Selbst die ausstehenden Regimenter des S-400 Triumf verschoben sich um Jahre – ein deutliches Signal für die veränderten Rahmenbedingungen.

Druck von China und Pakistan wächst

Parallel dazu wuchs der Druck an zwei Fronten. Im Norden steht China, technologisch aufgerüstet und maritim expansiv. Im Westen bleibt Pakistan ein permanenter Risikofaktor. Die Operation Sindoor im Frühjahr letzten Jahres legte operative Lücken offen, vor allem bei Luftverteidigung, Präzisionsmunition und maritimer Aufklärung. Der Verteidigungshaushalt 2025 stieg auf rund 86 Milliarden Dollar, mit deutlichem Schwerpunkt auf Kapitalausgaben. Es ging nicht mehr um graduelle Modernisierung, sondern um Beschleunigung.

Das sichtbarste Zeichen dieses Kurswechsels ist der Rafale-Auftrag. Der Defence Acquisition Council genehmigte Mitte Februar die Beschaffung von 114 zusätzlichen Maschinen von Dassault Aviation. Das Volumen liegt bei umgerechnet knapp 40 Milliarden Dollar. Ein Großteil der Jets soll in Indien gefertigt werden, mit einem lokalen Wertschöpfungsanteil von über 50 Prozent. Frankreich ist damit vom Nischenanbieter zum zentralen Partner aufgestiegen.

Auch unter Wasser verschiebt sich das Gewicht. Im Rahmen von Project 75-I verhandelt Indien mit ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) über sechs konventionelle U-Boote mit luftunabhängigem Antrieb. Gebaut sollen sie gemeinsam mit Mazagon Dock Shipbuilders Limited in Mumbai werden. Das Auftragsvolumen liegt zwischen acht und zehn Milliarden Dollar. Die Marine ersetzt damit alternde Kilo und Typ 209 Boote und reduziert zugleich die einseitige Bindung an Moskau. Der finale Vertragsabschluss ist für Ende Maerz vorgesehen.

USA, Frankreich, Deutschland rücken vor

Während Deutschland und Frankreich an Gewicht gewinnen, bauen auch die Vereinigten Staaten ihre Rolle aus. Genehmigt wurden Javelin-Panzerabwehrraketen und Excalibur Artilleriemunition. Hinzu kommt das Leasing weiterer MQ-9B SeaGuardian-Drohnen für die maritime Überwachung. Besonders sensibel ist die Triebwerksfrage. Für das indische Kampfflugzeugprogramm Tejas laufen Lieferungen von F404-Aggregaten, während über eine lokale Produktion der stärkeren F414-Variante verhandelt wird. Hier berühren sich operative Notwendigkeit und industriepolitischer Anspruch.

Der russische Anteil schrumpft dennoch nicht auf null. Zwischen 2020 und 2024 lag er laut SIPRI immer noch bei etwa 36 bis 38 Prozent. Die letzten Regimenter des S-400 Systems stehen weiterhin aus, zugleich genehmigte Indien zusätzliche Raketen zur Auffüllung der Bestände. Auch das Leasing eines atomgetriebenen U-Boots der Akula Klasse bleibt Teil der Kooperation. Das Boot, in Indien als INS Chakra III vorgesehen, dient vor allem Ausbildungszwecken und der Überbrückung bis eigene SSN-Programme greifen. Russland bleibt damit ein strategischer Partner, jedoch nicht mehr der dominierende.

Entscheidend ist, dass der Wandel nicht als Bruch inszeniert wird. Offiziell spricht Neu-Delhi weiterhin von einer privilegierten Partnerschaft mit Moskau. Tatsächlich aber verteilt Indien Risiken systematischer als früher. Die Beschaffung wird mit Technologietransfer verknüpft, der Import mit lokaler Fertigung kombiniert.

Diese Neujustierung folgt einer nüchternen Logik. Wer an zwei umkämpften Grenzen steht und zugleich im Indischen Ozean Präsenz zeigen will, darf sich keine Lieferunsicherheit leisten. Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie schnell industrielle Prioritäten sich verschieben. Frankreich und Deutschland bieten Technologie und industrielle Kooperation, die USA Zugang zu High-End Komponenten. Russland liefert weiterhin bewährte Systeme, doch unter veränderten Rahmenbedingungen.

Indiens Rüstungspolitik wirkt damit weniger ideologisch als kalkuliert. Sie löst sich schrittweise von einer historischen Abhängigkeit, ohne sie demonstrativ zu kappen. Das Ergebnis ist eine breitere Beschaffungsbasis, ein wachsender industrieller Eigenanteil und ein Westen, der im indischen Arsenal heute sichtbarer ist als je zuvor.



Dói Ennoson
Über den RedakteurDói Ennoson
Dói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte.
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