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Inflation in Deutschland: Druck auf die EZB – Realität gegen Elfenbeinturm

Wie kann die europäische Notenbank gesichtswahrend umsteuern?

Inflation: die EZB und die Realität

Die Inflation in Deutschland ist im Januar deutlich höher ausgefallen als erwartet: +0,4% zum Vormonat statt des erwarteten Rückgangs von -0,3%, zum Vorjahresmonat mit +4,9% (Prognose war +4,3%) hat es somit faktisch keinen Rückgang der Inflation gegeben (auch im Dezember letzten Jahres lag der Anstieg bei +4,9%). Weil nun die Senkung der Mehrwertsteuer in Deutschland aus dem Vergleich heraus gefallen ist, sind diese Daten ein erneutes Signal dafür, dass die Inflation dauerhaft höher ist und bleibt als uns die EZB immer wieder suggerieren will. Denn ohne den Mehrwertsteuer-Effekt wäre die Teuerung auch im Januar weiter deutlich gestiegen!

Inflation und die EZB: Realität und Elfenbeinturm

Alle wichtigen Notenbanken – ob die Fed, die Bank of England oder auch die Bank of Canada, die als erste aktiv gegen die Teuerung mit einer Zinsanhebung reagierte – haben erkannt, dass wir mit und nach Corona ein neues Paradigma haben: die Zeit der Deflation ist absehbar vorbei, es droht das erste Mal seit gut vierzig Jahren wieder ein Jahrzehnt der Inflation.

Die strukturellen Faktoren dafür sind eindeutig: die immens teure grüne Wende (deren Kosten den Wählern verschwiegen werden), die Deglobalisierung als Reaktion auf Lockdowns, Lieferengpässe und Materialmangel – und schließlich die Demografie mit Millionen von Babyboomern, die aus dem Berufsleben in den nächsten Jahren ausscheiden werden. All das spricht für strukturelle game changer von Deflation zu Inflation.

Aber die EZB lebt eben noch in der Vergangenheit – und sie will nicht wahr haben, dass die Lage sich nun grundlegend verändert hat. Die Notenbank Europas gleicht dabei einem Kind, das die Hand vor sein Gesicht hält und glaubt, man könnte es nun nicht mehr sehen.

Bei der EZB ist der Wunsch Vater des Gedankens: denn wenn die Inflation dauerhaft hoch ist, dann ist diese Geldpolitik nicht mehr zu rechtfertigen. Ohnehin ist der Druck durch die hawkishe Wende der Fed im Rahmen des globalen monetären Klimawandels (Ausnahme: China) immens: wenn mit der Fed die wichtigste Notenbank der Welt voll auf die Bremse tritt, dann kann die EZB nicht so tun, als ginge sie das nichts an. Denn weitere Passivität der EZB bei der Bekämpfung der Inflation bei gleichzeitigen Zinsanhebungen (und Bilanzreduzierung) durch die Fed würden den Euro zum Dollar weiter unter Druck bringen – die Eurozone hätte dadurch deutlich höhere Importkosten als zuvor, mit dann wiederum inflationärem Effekt.

EZB-Sitzung und Madame Lagarde am Donnerstag: Ende der Inflations-Leugnung?

Am Donnerstag wird die EZB ihr Sitzungsergebnis präsentieren, danach Madame Lagarde eine Pressekonferenz halten – und es wird sicher kein leichter Gang für die Französin. Denn Fed-Chef Powell hatte wie sie auch monatelang das Problem ignoriert: die Inflation sei „transitory“ (vorübergehend). Powell hat mit seiner Neu-Nominierung durch US-Präsident Biden im November bereits lange umgesteuert – das hat seine Pressekonferenz in der letzten Woche klar gezeigt.

Und diese klare Wende von Powell und anderen Notenbanken kann und wird die EZB nicht ignorieren. Daher ist am Donnerstag davon auszugehen, dass die Rehtorik der EZB und Lagardes dem hawkishen Duktus der Fed näher kommen wird, wenngleich die Unterschiede immer noch beträchtlich bleiben werden (längeres QE, deutlich spätere Zinsanhebungen etc.).

Was die EZB faktisch umtreibt ist die günstigstmögliche Refinanzierung der hoch verschuldeten Südstaaten der Eurozone. Da für die EZB der Zweck die Mittel heiligt, bestehen die Mittel bislang in der Anwendung der Ignoranz: man leugnet das Problem so lange, bis es nicht mehr zu leugnen ist. Aber der Preis für die Leugnung wird immer höher – denn wer zu spät kommt, den bestraft das Leben (und die Märkte!).

So sind in Deutschland seit Anfang 2019 die Lebenshaltungskosten in Deutschland um 7,8% höher als Anfang 2019 – pro Jahr stiegen sie damit um +2,5%. Viele Unternehmen werden erst in den nächsten Monaten beginnen, ihre gestiegenen Kosten weiter zu geben an die Konsumenten. Die Konsumenten werden wiederum höhere Löhne fordern – anders geht es gar nicht, wenn der Konsum nicht einbrechen soll.

Wenn eine Notenbank diese Dynamik ignoriert, ist sie so weit hinter der Kurve, dass sie die Kurve nicht einmal sieht. Es wäre kein Wunder, wenn die Konsumenten und die Märkte angesichts der Ignoranz mit den Füßen abstimmen würden – dann würde die EZB die Kontrolle über die Inflations-Erwartung verlieren.

Daher wird der Donnerstag spannend: wird das Wunschdenken in Sachen Inflation bei der EZB weiter dominieren? Wie kann die europäische Notenbank gesichtswahrend umsteuern? Gut, dass Madame Lagarde als gelernte Politikerin in solchen Fragen ziemlich bewandert sein sollte..



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4 Kommentare

  1. „gesichtswahrend“ kann es ja eigentlich nicht sein. Sie haben zu aller erst dem Volk zu dienen.

  2. @Markus Fugmann, im Sinne einer ausgewogenen Berichterstattung sollte auch benannt werden, was den Wählern ebenfalls verschwiegen wird: Es sind gerade die fossilen Energieträger wie Öl und Gas, die traditionell mit ihren starken Preisschwankungen maßgeblich für die Inflationsentwicklung verantwortlich sind, bis hin zu schweren Krisen wie dem Ölpreisschock oder der aktuellen Gaspreisexplosion. Man darf das Kind ruhig einmal beim Namen nennen und von einer „Fossilflation“ sprechen. Mittlerweile ist Strom aus erneuerbaren Energiequellen wie Sonne und Wind deutlich günstiger als aus herkömmlichen Energieträgern. Die Erneuerbaren können im Gegenteil sogar die Inflation dämpfen und vor allem stabilisieren, da sie keinen schwankenden Rohstoffpreisen für Brennstoffe unterliegen. Zudem sind in den Preisen für herkömmliche Energieerzeugung viele der Kosten gar nicht enthalten, etwa die Versicherungs- und Endlagerkosten für Nuklearkraftwerke oder die immensen Kosten durch Extremwetterereignisse.

    Falls Sie auf den CO2-Preis anspielen, der sorgt lediglich dafür, dass sich die wahren Kosten, die fossile Energieträger beispielsweise durch den Klimawandel verursachen, im Preis widerspiegeln. Er sorgt also für Transparenz. Diese enormen externen Kosten wurden bisher sozialisiert und daher von der Gesellschaft getragen. Richtig ist natürlich, dass der Umbau der Infrastruktur mit dezentralen Netzen und Speichern unvermeidliche weitere Kosten verursachen wird. Diese müssen aber natürlich gegen die genannten externen und bisher abgewälzten Kosten abgewogen und ins richtige Verhältnis gesetzt werden.

  3. Daten vom 31.1.2022
    Frankreich – Auktion 12-monatiger BTF Anleihen : -0,643 %
    Deutschland Harmonisierter Verbraucherpreisindex (HVPI) (Monat) : 0,9 %
    https://de.investing.com/economic-calendar/

    Die EZB betreibt primär Staatsfinanzierung. Vive la France ;-)
    Inflationsbekämpfung?

    „‚ ‚The problem with fiat money is that it rewards the minority that can handle money, but fools the generation that has worked and saved money. ‚ “
    Adam Smith

  4. Sebastian Schaarschmidt

    Eigentlich müsste die EZB die Zinsen auf die 4,75 Prozent, vom Herbst 2000 treiben und gleichzeitig die Bilanzsumme auf eben dieses Niveau von 850 Mrd EUR reduzieren.

    Dann würde zwar die Eurozone auseinanderfliegen, aber die Inflation bliebe unter Kontrolle. Wahrscheinlich war der „Punkt of No Return“ schon mit Draghis „Whatever it takes “ überschritten.

    „Wir werden alles tun um den Euro zu retten“. Gemeint war natürlich Italien zu retten. In dem Sinne betrieb Draghi eine extrem nationalistische, reaktionäre Politik, auf Kosten Deutschlands.
    Denn würde er den „Marktkräften“ den freien Lauf lassen, das wusste er, würde sein Land den Euro verlassen ( Zinsen Italiens und Spaniens damals bei über 7 Prozent! )
    Lagarde führt nun die Dragische „Whatever it takes “ Politik fort.

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