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Inflation in Deutschland: Viel höher als prognostiziert – warum?

Die Inflation ist höher als prognostiziert

Nicht nur der Chef der US-Notenbank, Jerome Powell, musste bei seiner letzten Pressekonferenz eingestehen, die aktuelle Inflation auf Verbraucher-und Produzentenebene falsch eingeschätzt zu haben. Auch in Deutschland hat die hohe Inflation im Juli die Mehrzahl der Ökonomen in dieser Hinsicht völlig überrascht, wie ein Vergleich mit früheren Prognosen der Institute aufzeigt.

Inflation: Prognosen sind unsicher, vor allem, wenn sie…?

Ohne den alten Kalauer von Mark Twain (oder doch Karl Valentin) ganz auszuformulieren, die Entwicklung der letzten Monate auf die Inflationsraten in Deutschland hat sich so ganz und gar nicht im Sinne der Ökonomen entwickelt, wie es ein Blick auf die Prognosen zum Ende des vergangenen Jahres beweist:

Von 1,2 Prozent für 2021 (IWH), 1,5 Prozent (RWI), 1,6 Prozent (Ifo), 1,8 Prozent (Bundesbank) bis zu 2,6 Prozent des IfW reichten die Annahmen – aber bei 3,8 Prozent sind wir bereits im Juli angekommen. Der Chef der Bundesbank, Jens Weidmann, rechnet sogar mit weiteren Steigerungen zum Jahresende, auf fünf Prozent. Was hat sich zwischenzeitlich verändert, dass es zu einem so krassen Überschießen der Prognose gekommen ist? Das Handelsblatt mit seinem Team um Professor Rürup hat hierfür mehrere Gründe festgemacht:

Der Erste ist sehr überraschend, denn dieser musste auch Nichtökonomen bekannt sein. Das Bundesfinanzministerium hatte im letzten Sommer die Mehrwertsteuer von 19 auf 16, beziehungsweise von sieben auf fünf Prozent gesenkt und diese wurde in diesem Jahr wieder zurückgenommen. Dass die Unternehmen bei der Senkung nicht so stark zugeschlagen haben, bei der Anhebung aber umso mehr, dies hatten die Ökonomen nicht auf der Rechnung.

Dass die Lieferengpässe so drastisch ausfallen könnten, wurde vollkommen unterschätzt. Klar hatten viele Menschen im Lockdown Möbel und Elektronik geordert, sodass ein gewaltiger Schub entstehen musste. Wenn das Geld da ist, aber nicht für Reisen und Dienstleistungen ausgeben werden konnte. Potenzierend kommt hinzu, dass 2020 laut IWF 165 Länder in eine Rezession gerutscht sind und sich fast alle wieder (gleichzeitig) aus der Schrumpfung herausarbeiten. Kein Logistiker hatte so etwas auf dem Schirm.

Ein weiterer Punkt ist die überragende Sparrate, denn in dieser Rezession ist das Geldvermögen der Menschen nicht zurückgegangen, sondern deutlich angestiegen. Das IfW schätzt für die letzten eineinhalb Jahre für Deutschland einen Betrag von mindestens 200 Milliarden Euro an Pandemie-Ersparnissen, die jetzt wieder in den Markt fließen, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Preise. Nicht alles davon wird davon ausgegeben werden, die Sparquote sollte sich allerdings wieder normalisieren. Das Kapital trifft dennoch auf ein ausgedünntes Angebot.

Erstaunlicherweise haben die Ökonomen den ganz großen Treiber für Inflation – die Energiekosten – unterschätzt. Obwohl die gesetzliche Anhebung durch die CO2-Abgabe schon lange bekannt war. Das Barrel der Sorte Brent Oil gab es im Januar noch für 47 Euro, bis Anfang Juli war der Preis auf über 63 Euro gestiegen. Die Erklärung klingt seltsam: die Profis hätten sich an den Preisen der Terminmärkte orientiert und dort hatte man diesen Anstieg nicht eingepreist. Ebenso wie den Anstieg des Strompreises.

Eine Anomalie ergibt sich auch aus statistischen Effekten. Das Handelsblatt weist auf eine Besonderheit hin, wie zum Beispiel im Reise- und Tourismusbereich. Hier vergleicht man die Preise von 2015 (Laspeyres-Index) mit den jetzigen, bei völlig anderen Umsätzen infolge Corona. Damals waren es 50 Milliarden Euro, zuletzt 21 Milliarden Euro (für 2021 erwartet). Da Anbieter Ausfälle und Zusatzkosten auf die Preise aufschlugen, entstehen große Steigerungen, die aber weniger Verbraucher treffen, weil einfach noch weniger verreist wird. Bei einem anderen Preisindex (Harmonisierter Güterpreisindex HVPI) würde die Inflationsrate geringer ausfallen.

Zusammengefasst sind sich die Ökonomen derzeit uneinig, ob es sich bei dem Anstieg der Inflation um ein vorübergehendes Phänomen handelt oder ob es nachhaltige Entwicklungen gibt. Vieles basiere auf vorübergehenden Effekten, aber in Krisenzeiten sind Prognosen unsicherer denn je.

Was mir persönlich etwas seltsam vorkommt ist, dass derzeit viele Prognostiker die Engpässe weit in die Zukunft fortschreiben. Als ob die Wirtschaft so statisch wäre, um durch einen temporären Wirtschaftsboom auf Jahre gesehen überlastet zu sein.

Sind die Frühindikatoren der beiden größten Wirtschaftsnationen, die Einkaufsmanagerindizes der USA und China nicht bereits seit Monaten im Fallen begriffen?

Der PMI Composite Index USA sank von seinem Höchststand im Mai von 68.7 Punkten auf aktuell 55,4 Zähler.

Das Pendant in China lag zuletzt bei 53,1 Punkten, der Industrie-Index auf 50,4, nicht mehr allzu weit im Expansionsbereich.

Fazit

Wieder einmal zeigt sich, dass trotz ausgeklügelter Modellrechnungen ein refrentielles System wie die Wirtschaft mit all ihren interagierenden Subjekten, nicht seriös prognostizierbar ist. Dies gilt einmal mehr für das nächste Jahr. Die Inflation hat Höhen erreicht, wie seit Jahrzehnten nicht mehr, angetrieben durch Pent-up-Demand (Nachholeffekte) infolge Corona, große Sparsummen, überlastete Lieferketten und hohe Aktienkurse, die vielen Depotinhabern beim Blick in die Depotstände ein sicheres Gefühl vermitteln.

Was aber passiert, wenn die höheren Kosten die Reserven vieler Konsumenten (besonders in den USA) aufgebraucht haben, Verbraucher ihre Ausgaben drosseln, das Angebot sich durch die guten Verdienstmöglichkeiten ausweitet, die Kapitalmarktzinsen nur ein wenig steigen (mit sofortigen Auswirkungen auf alle Kredite in den USA), die Federal Reserve sich doch zum Tapering entschließt, Chinas Wirtschaft doch weniger wächst, und, und, und? Aus einem Boom plötzlich also wieder Magerkost wird? Oder die Wirtschaft sogar noch an Fahrt gewinnt, weil die Lieferengpässe das Wachstum in das Jahr 2022 verschieben? Da sage einer, er hätte für diese Wirtschaftsgleichung mit so vielen Unbekannten eine Lösung!



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