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Inflation Juni „nur“ 7,6 Prozent – optische Täuschung – Experte erläutert

Die Inflation im Juni ist geringer ausgefallen als erwartet. Es gibt Faktoren, die für eine optische Täuschung sorgen. Ein Experte erklärt.

Tankstelle

Um 14 Uhr hat das Statistische Bundesamt die Inflation für Juni mit „nur“ 7,6 Prozent Steigerung veröffentlicht nach 7,9 Prozent im Mai. Das war schon überraschend bei Erwartungen von 8,0 Prozent Steigerung. Was ist passiert? War das der Höhepunkt der Steigerung der Verbraucherpreise? Wohl kaum. Es geht wohl eher um eine optische Täuschung, die nur kurzfristig anhalten wird.

Tankrabatt dämpft Energiepreise – optische Täuschung für die Inflation

Die staatlichen Statistiker hatten es bereits um 14 Uhr mit angesprochen, und dazu geschrieben, dass man erst bei der Veröffentlichung der ausführlichen Daten am 13. Juli näher ins Detail gehen kann. Aber sie schrieben, dass die preisdämpfenden Faktoren 9 Euro-Ticket und Tankrabatt in diesen heutigen Daten zur Inflation enthalten waren.

Die Ökonomen der Commerzbank haben sich vor wenigen Minuten zu diesen Daten geäußert. Natürlich ist dabei erwähnenswert, dass die Lebensmittelpreise von +11,1 Prozent im Mai auf jetzt 12,7 Prozent im Juni steigen! Aber abseits davon wirken die staatlichen Eingriffe offenbar klar preisdämpfend, zumindest auf kurze Sicht. Denn beide Maßnahmen sind ja zeitlich befristet.

Senior Economist Dr. Marco Wagner von der Commerzbank schreibt aktuell, dass wegen der Senkung der Steuer auf Benzin- und Diesel (der Tankrabatt) der Vorjahresvergleich bei den Energiepreisen trotz steigender Öl- und Gaspreise mit 38 Prozent ähnlich hoch ist wie im Vormonat (38,3 Prozent). Maßgeblich verantwortlich für den merklichen Rückgang der gesamten Inflation sei somit die Kernteuerungsrate, die nach Berechnung der Commerzbank von 3,8 Prozent auf 3,2 Prozent zurückgegangen ist.

9 Euro-Ticket im Fokus

Laut Dr. Marco Wagner hat bei der Kerninflation die Einführung des 9 Euro-Tickets im Regionalverkehr anscheinend stärker durchgeschlagen als erwartet. Dass die Kernteuerung nicht noch weiter gefallen ist, liege alleine an einem saisonalen Effekt bei den Pauschalreisen, deren Preise im Juni ungewöhnlich stark gestiegen sind. Ohne die kräftige Preiserhöhung bei Pauschalreisen wäre die Kerninflation seiner Aussage nach wohl unter 3 Prozent gefallen. Der deutliche Rückgang der Kernteuerungsrate im Juni sei aber wohl kaum ein Signal dafür, dass die Zeit der kräftigen Teuerung allmählich zu Ende geht. Denn das 9 Euro-Ticket werde es nur für eine begrenzte Zeit geben.

Das große Bild

Wichtiger ist aber laut Dr. Marco Wagner, dass sich an den Material- und Lieferengpässen bis zuletzt nichts geändert hat. Nach den heute vom ifo-Institut veröffentlichten Umfrageergebnissen würden sich nach wie vor drei von vier Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe durch Lieferengpässe in ihrer Produktion behindert fühlen. Dies werde die Verbraucherpreise insbesondere von Waren weiter antreiben. An dieser Situation dürfte sich seiner Aussage nach so schnell nichts ändern. Solange China an seiner Null-Covid-Strategie festhält – was noch einige Zeit andauern dürfte  – und Millionenstädte abriegelt, werde es immer wieder zu Produktionsstilllegungen und einer lahmgelegten Infrastruktur kommen, was die Material- und Lieferengpässe verschärft und die Kosten treibt.

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Auch auf längere Sicht würden etliche Gründe für einen hohen Druck auf die Inflation sprechen. Auch wegen der Pandemie sei in den vergangenen Jahren viel zu viel Liquidität in Umlauf kommen, was die Inflation noch einige Zeit antreiben werde. Hinzu kommen laut Dr. Marco Wagner eher strukturelle Faktoren wie der sinkende Anteil der Arbeitsbevölkerung in vielen Weltregionen, die Kosten des Kampfes gegen den Klimawandel sowie das Stocken der Globalisierung. Die deutschen Verbraucherpreise haben „zweifelsohne“ die Erwartungen der Commerzbanker nach unten enttäuscht. Gleichzeitig sei aber die Inflation in Spanien kräftiger als prognostiziert gestiegen. Daher bleibt man bei seiner Prognose für den Euroraum von 8,4 Prozent Inflation im Juni.



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3 Kommentare

  1. Kriegen wir jetzt wieder erklärt, das es der Peak war bei der Inflation?

  2. Dr. Sebastian Schaarschmidt

    Das haben nicht mal wir im Sozialismus hingekriegt, die“ kreative “ Berechnung der Inflation. Jeder der Statistik studiert hat, im Bereich Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft ist es Basiswissen, weiß das nirgends so viel getrickst wird, wie bei der Inflation.

    Schon allein die Zusammensetzung des Warenkorbes ist höchst unterschiedlich. Und was kommt überhaupt in den Warenkorb hinein…?
    Ja, ja die „Trickser“ vom Statistischen Bundesamt waren heute wieder sehr kreativ….

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