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Inflation und dann Stagflation? Das Dilemma beim Tapering

Inflation - und dann Stagflation?

Bekommen wir erst eine Inflation, dann aber eine Stagflation (Stagnation der Wirtschaft bei gleichzeitig steigenden Preisen)?

Das virtuelle Treffen der Notenbanker in Jackson Hall rückt näher und damit der Tag, an dem man sich Hinweise über einen Zeitplan für den Beginn der Verringerung der Anleihekäufe durch die Fed erhofft – dem Tapering. Dass ein eigentlich überfälliger Schritt aus einem Notprogramm in Zeiten großen Wirtschaftswachstums bei gleichzeitig in die Höhe schießender Inflation nicht so einfach sein wird, sollen ein paar Gedanken verdeutlichen. Das Gespenst der Stagflation sitzt mit in der Videokonferenz.

Inflation und das Ziel der Preisstabilität

Viele Jahre lang hatten die Notenbanken diesseits und jenseits des Atlantiks ihre Geldpolitik, insbesondere das Anleihekaufprogramm – Quantitative Easing – mit der Angst vor Deflation begründet. Als „offizielle“ Argumentation, die Inflation sollte sich in Richtung zwei Prozent bewegen was man – ziemlich willkürlich – als Preisstabilität auslobt. Notenbanken fürchten die Deflation wie der Teufel das Weihwasser, weil ihr dann ihre geldpolitischen Instrumente ausgehen, wenn Konsumenten in der Hoffnung Produkte später billiger zu bekommen, in einen Käuferstreik treten und damit die Gesamtwirtschaft in ernsthafte Probleme stürzen. Deflation wird als größeres Übel angesehen als Inflation. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 gab das große Lehrbeispiel für die Ökonomen.

Die Inflation blieb auch ein ganzes Jahrzehnt recht gedrosselt, bei den Rohstoffen sieht man selbst nach der Preisexplosion des letzen Jahres eine extreme Dekade des Preisverfalls.

Der langfristige Rohstoff-Preischart

Inflation und Rohstoffe

Jetzt ist es also wieder an der Zeit einen Wechsel in der Geldpolitik einzuläuten, wie man es schon vor ein paar Jahren versucht hat. Dann aber umsteuern musste, nicht nur wegen der Börsen, sondern auch wegen des US-Wachstums, wie es diese Langzeitübersicht von Advisors Perspektives zeigt. Das US-Wachstum geht im Tend stetig zurück:

Wachstum in den USA

Was vom ehemaligen US-Finanzminister Larry Summer als Gefahr einer Stagnation bezeichnet wurde, hat ihn nach knapp fünf Billionen Dollar Konjunkturhilfen später zum Umdenken gebracht. Jetzt warnt dieser vor einer dauerhaften Inflation.

Andere Ökonomen sehen die Gefahr einer Stagflation aufziehen, mit einem Bündel an Begründungen. Die Inflation werde sich zu einem längeren Problem ausweiten, Schuld daran sei, dass die Zahl der Konsumenten stärker steige, als die Anzahl der Werktätigen. Globalisierung und Freihandel würden sich etwas zurückentwickeln und damit hätten Arbeitnehmer zum ersten Mal seit Langem wieder etwas mehr Macht bei der Lohngestaltung. Zum andern verschiebe sich das Pendel von der Nachfrage – zur Angebotsseite. Aber das eigentlich Bedrohliche sei, dass sich das Wachstum nach dem Sugar Rush wieder auf das niedrige Trendwachstum reduzieren werde.

Das Szenario einer Stagflation, die Produktivität lässt bereits schon seit längerer Zeit nach, es fehlt hierfür nur noch die demographische Entwicklung.

Das Dilemma der Fed

Aus dieser Großwetterlage erklärt sich die missliche Lage, in die sich die Notenbanken selbst zum Teil manövriert haben. Kommt zum Wegfall der Not-Anleihekäufe noch ein Anstieg der Kapitalmarktzinsen oder gar Zinserhöhungen, so könnte sich der Wachstumstrend noch weiter verschlechtern. Ignoriert man diese Gefahr, lauert eine weitere und kurzfristig noch gefährlichere – ein weiterer Schub der Inflation, dem dann nur noch mit drastischen Maßnahmen zu Leibe rücken könnte.

Ein bisschen die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Auf der anderen Seite steht die Wirtschaft vor einer neuen Phase der Automatisierung, Robotisierung und allgemein der Digitalisierung.

Kaum ein Mensch kann sich derzeit autonomes Fahren oder Läden ohne Kassen vorstellen: Das Regulativ für die Demografie?

Fazit

Noch dürfte sich diese Entwicklung etwas hinziehen, nicht jedoch der Kampf gegen die aktuellen Probleme. Ob Lieferengpässe, globale Impfkampagne, der Inflationsschub, die Engpässe am Arbeitsmarkt und die Verstetigung des Wirtschaftswachstums. Mitten drin als Katalysator bestimmter Entwicklungen, die Notenbanken, die vor einer Entscheidung stehen.

Auch wenn die aktuelle Corona-Lage der US-Notenbank wieder ein bisschen Zeit verschafft haben könnte mit ihrer Entscheidung über ein Tapering, so ist der Schritt sicherlich unvermeidlich.

Auch wenn sich die großen Notenbanken in diesem Jahr nicht in Jackson Hole treffen werden, so dürfte das Thema Tapering das am meisten diskutierte in diesen Kreisen sein.

Die Notenbanken fürchten Inflation, Deflation, Stagflation – und ein Taper Tantrum.



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