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Anteil an variabel verzinsten Krediten sehr hoch Inflation und Zins-Anhebungen der EZB: Crash-Gefahr im Baltikum

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Die Staaten des Baltikum Estland, Lettland und Litauen leiden bereits unter der höchsten Inflation in der Eurozone – und nun kommen noch die Zins-Anhebungen der EZB hinzu und könnten so einen Crash am Immobilienmarkt in diesen Ländern auslösen! Denn ähnlich wie in Australien ist im Baltikum der Anteil an variabel verzinsten Krediten sehr hoch – je höher die Zinsen steigen, umso schwerer wiegen also die Schulden der Kreditnehmer: Steigen die Zinsen kräftig an, müssen die Schuldner dramatisch steigende Monatsraten hinnehmen – was viele ab einem bestimmten Punkt dann nicht mehr verkraften können.

Inflation und Zinsen durch die EZB: Baltikum vor schwerem Winter

In Estland, Lettland und Litauen liegt der Anstieg der Verbraucherpreise zum Vorjahresmonat bei über 20% – die Notenbankchefs der baltischen Länder drängen die EZB zur Bekämpfung der hohen Inflation auf ein Bekenntnis zu weiteren Zins-Anhebungen, wie Bloomberg berichtet.

Doch mit der letzten Zins-Anhebung der EZB um 75 Basispunkte in diesem Monat, die auf die 0,5% Zins-Anhebung im Juli folgte, ist ein weiteres Problem aufgetaucht: Neun von zehn Hypothekennehmern im Baltikum sind an variabel verzinste Darlehen gebunden, deren Kosten zuletzt stark in die Höhe geschnellt sind.

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Baltische Hypothekennehmer sind von den Zinserhöhungen betroffen – Anteil der variabel verzinsten Darlehen für den Hauskauf

Die Umstellung könnte zu keinem schlechteren Zeitpunkt erfolgen. Die Inflation, die im letzten Monat in Estland auf über 25 % gestiegen ist, gepaart mit einer sich verlangsamenden Weltwirtschaft und absehbar steigenden Energiekosten im Winter, treibt die Region auf eine Rezession zu.

„Dies wird sich auf bestehende Kredite in einem viel größeren Ausmaß auswirken als in anderen Ländern der Europäischen Union“, sagte Martins Abolins, Wirtschaftswissenschaftler bei Citadele Banka in Riga. „Alles kommt für in diesem Winter zusammen.“

Der Schlag ist beträchtlich. Haus- und Geschäftskredite passen sich im Gleichschritt mit den Interbankensätzen an, wobei der sechsmonatige Euribor seit Juni um etwa 160 Basispunkte gestiegen ist – was laut Rasmus Kattai, einem Wirtschaftswissenschaftler bei der Bank von Estland, bei einer typischen 100.000-Euro-Hypothek 75 Euro mehr pro Monat entspricht.

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Inflation im Baltikum höher als andernorts in der Eurozone: Anstieg der Verbraucherpreise zurm Vorjahr

Bei monatlichen Nettogehältern von durchschnittlich 1.350 Euro in Estland und weiteren bevorstehenden Zins-Erhöhungen durch die EZB wird dies ein Schock für Kreditnehmer sein, die sich an ultrabillige Kredite gewöhnt hatten: acht Jahre lang lag der EZB-Einlagenzins unter Null.

Inflation hat im Baltikum früher begonnen

Die Notlage der baltischen Staaten unterstreicht einen Nachteil der Euro-Mitgliedschaft für einige der kleineren Länder des Blocks. Während die Inflation in der gesamten 19 Mitglieder zählenden Währungsunion in die Höhe geschnellt ist, hat sie in den baltischen Ländern schon früher eingesetzt, und zwar lange bevor die EZB die Zinsen anhob.

Im Moment akzeptieren die baltischen Länder – ehemalige Sowjetrepubliken, die sich unwillig noch daran erinnern, von Moskau aus regiert worden zu sein – dass die höheren Kosten, die sie zu tragen haben, eine berechtigte Folge der Unterstützung der Ukraine bei der Verteidigung gegen die russische Aggression sind.

Der Energiepreisanstieg ist „eine Kriegssteuer, die wir zahlen müssen“, sagte der lettische Ministerpräsident Krisjanis Karins diese Woche. Die Ukraine bezahle „mit Leben und, für uns, mit Geld“.

Doch die Kosten werden zunehmend spürbar sein – trotz der staatlichen Hilfe und der Bemühungen der Behörden, die Situation schönzureden.

Der Chef der litauischen Zentralbank, Gediminas Simkus, hofft, dass höhere Zins-Sätze dazu beitragen werden, den übermäßigen Anstieg der Immobilienpreise abzumildern. Für einen durchschnittlichen Kreditnehmer mit einer ausstehenden Hypothek von 50.000 Euro und einer Laufzeit von 20 Jahren würde ein Anstieg des Euribor um 1,5 Prozentpunkte die Zahlungen um 38 Euro pro Monat erhöhen.

„Ich überlasse es Ihnen“, so Simkus, „wie bedeutend dieser Anstieg ist“.

FMW/Bloomberg

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2 Kommentare

  1. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall.

    An Stelle dieser Länder würde ich ganz kleine Brötchen backen, statt sich ständig weit aus dem Fenster zu lehnen.

  2. Wer 2014 sein Bauvorhaben in Deutschland mit 1 % Zinsen für den Bankkredite auf 10 Jahre (ohne Absicherung) finanziert hat, wird sicherlich auch schon Probleme bekommen, wenn mit den aktuellen 3 % Zinsen neue Darlehen in Anspruch genommen werden müssen. Gut, in den 10 Jahren ist ja auch schon ein kleines Stück von der Grundschuld abgetragen worden.
    Bei 2% Tilgung, sind von z. B. 300.000 Baudarlehen (nach 10 Jahren) immer noch 240.000 über.
    Das bedeutet, dass bei 3 % sich das Anschlussdarlehen, von 3.000 Euro Zinsen im Jahr, auf etwa 7.200 Euro Zinsen im Jahr verteuern würden.
    Wer weiß, wo die Zinsen 2024 stehen werden.
    Und wer weiß, wie hoch die Immobilie 2024 bewertet werden, wenn es um ein erneutes Darlehen geht. In 2 Jahren kann auf dem Immobilienmarkt einiges passieren.

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

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