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2022: Chronik eines teuren Mißverständisses Inflation, Zinsen: Märkte nahmen Fed nicht ernst – und bluteten

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Das Drama der Aktienmärkte und Anleihemärkte im Jahr 2022 mit Billionen an „verschwunnenden“ Marktkapitalisierungen begann eigentlich bereits im November 2021 mit der Neunominierung von Jerome Powell als alter und neuer Chef der Fed: in einer kurzen Erklärung machten er selbst und die neu ernannte Fed-Vize-Chefin Brainard klar, dass für die US-Notenbank nun die Bekämpfung der Inflation oberste Priorität habe, ergo die Zinsen steigen werden.

Die Märkte aber glaubten es nicht, wollten lieber „weiter spielen“ – der US-Leitindex S&P 500 erreichte Anfang Januar 2022 sein Allzeihoch über der Marke von 4800 Punkten. Dann aber, am 05.Januar 2022, wurde das FOMC-Protokoll veröffentlicht – und die Märkte begannen zu realisieren, dass die Fed es wirklich ernst meint mit der Bekämpfung der Inflation.

Märkte nahmen Fed nicht ernst – immer wieder Bärenmarktrallys

Seitdem ging es für die Aktienmärkte bergab – unterbrochen durch impulsive, aber stets kurzlebige Bärenmarktrallys, deren Motiv die Hoffnung auf den „Fed Pivot“ war. Jedesmal, wenn die Märkte siegessicher waren und eine Wende der Fed erwarteten, kam die hawkishe Reaktion von Jerome Powell: ob bei seiner Rede in Jackson Hole oder bei seinen Pressekonferenzen nach Fed-Sitzungen – stets killte der Fed-Chef die Rallys, weil er die zu starke Lockerung der financial conditions vermeiden wollte, die wiederum die Inflation hartnäckiger machen würde.

Wieder und wieder aber hofften die Märkte auf den Pivot – der aber nie kam. Ein teures Mißverständnis. Die Märkte waren durch die Jahre ultralaxer Geldpolitik konditioniert wie Pawlowsche Hunde, wollten sich nicht vom jahrelang gültigen „Fed Put“ verabschieden, glaubten also weiter an das Sicherheitsnetz der US-Notenbank, die den Märkten stets geholfen hatte, wenn es eng wurde. So wie zuletzt 2020 im Corona-Crash.

Inflation geringer, also wird Fed 2023 Zinsen senken – wirklich?

Ein Narrativ der Märkte aber lebt noch weiter: die Fed werde 2023 die Zinsen senken, weil die Inflation zurück gehen wird. Bei seiner Pressekonferenz bei der Dezember-Sitzung vor gut einer Woche hat Powell diese Vorstellung klar zurück gewiesen – aber die Märkte wollen es immer noch nicht wirklich glauben. Nur so ist zu erklären, warum gestern die Aussagen des an der Wall Street stark beachteten David Tepper zu einem Abverkauf an den Märkten führte:

“I’m gonna lean short. I’ll be short bonds,” says David Tepper. “I’m an optimist but I would lean short on the equity markets because so many Central banks are telling me what they’re going to do.”

Das war eine klare Absage an die Vorstellung, dass die Fed bald umkippen würde mit Senkungen der Zinsen. Das hatte zwar Fed-Chef Powell immer wieder gesagt – aber nun sagte es eben eine Wall Street-Größe. Und das war etwas Neues, Schockierenes. Tepper brachte es auf den Punkt:

„Don’t ignore what these guys (Central bankers) are saying.“

Es hat lange gedauert, bis diese Aussage von einer wichtigen Wall Street-Persönlichkeit kam: Nehmt die Fed endlich ernst! Hätten Investoren diese Erkenntnis doch bloß früher gehabt!

Die Aktienmärkte sind nun in einer schwierigen Situation: kommt keine Rezession, hat die Fed keinen Grund, die Zinsen zu senken. Kommt die Rezession aber doch, ist das auch schlecht für die Aktienmärkte – weil nicht garantiert ist, dass die US-Notenbank schnell mit Zinssenkungen reagiert. Inflation ist für die Fed eine größere Bedrohung als eine (nicht allzu krasse) Rezession.

Das bedeutet: auch das Jahr 2023 wird immer wieder von der Hoffnung geprägt sein, dass bei einer Rezession die Fed die Zinsen zeitnah senken werde. Aber wahrscheinlich ist, dass die Fed viel langsamer reagieren wird als die Märkte erwarten. Und viel langsamer, als die Liquidität der Glücksritter aus den Zeiten ultralaxer Geldpolitik reichen wird – etwa bei meiner „zweitbesten Freundin“, Cathie Wood..

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3 Kommentare

  1. Dr. Sebastian Schaarschmidt

    Ich nehme die Notenbanken schon seit Whatever it takes nicht mehr ernst und das war im Sommer 2012 !

    Und was die FED betrifft, so waren sämtliche QEs nach dem Jahr 2010 sinnlos und dienten nur dazu die Kurse hochzutreiben.
    Zum Beispiel das Bernanke QE, Ankündigung im Herbst 2012 welches bis Ende 14 lief.

  2. Zinsen weiter erhöhen und sehr bald wieder senken wäre total unlogisch und würde bedeuten, dass die Zinsen zu stark angehoben wurden und die FED sich wieder getäuscht hat.Denkbar ist eher, die Zinserwartungen verbal hoch zu halten, um dann doch weniger machen zu müssen. Eine 10järige Schuldenorgie mit Tiefstzinsen ist nicht so schnell zu reparieren.Jeder Private wäre ruiniert. Staaten können das anscheinend.

  3. Ich frage mich, warum für die Märkte Zinserhöhungen wirklich ein Problem sind. Es ist einfach ein Narrativ, das man ewig aufrechterhalten und bewirtschaften muss.
    Der Konsum, Arbeitsmarkt etc. ist doch robust und QE findet auch nach wie vor statt, zumindest für die öffentlichen Haushalte. Muss ja, denn wie sonst sollen die hochverschuldeten Staaten überleben? Für die höheren Schulddienste werden wohl einfach neue Anleihen direkt von den Zentralbanken gekauft. Die Staaten haben ihre eigenen Regeln.
    Wenn es keine Rezession gibt, gibt es erst recht keinen Grund für taumelnde Märkte.
    Möchten also die superschlauen „Marktaustrickser“ noch deutlich länger mit Shorts Geld verdienen, müsste noch ein gewaltiger Schwung nach unten kommen, dass sich das finanziell auch lohnt. Wie wahrscheinlich das ist, wird man sehen, ich glaube eher dass die Luft langsam aber sicher raus ist.
    Und an länger seitwärts laufenden Märkten verdient niemand, deshalb ist das unerwünscht.
    Also wird man bestimmt bald einen Grund finden, um wieder zu steigen, Zinsen hin oder her. „Logisch“ muss das nicht sein, aber wer die Börse mit Logik versucht zu begreifen, hat es sehr schwer.

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