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Insolvenzen deutlich rückläufig – es steckt mehr dahinter als die Corona-Hilfen

Schild mit Aufschrift Insolvenz

Bereits am Dienstag berichteten wir über die vom IW Halle veröffentlichten Daten zu stark rückläufigen Insolvenzen. Heute nun haben die staatlichen Statistiker gemeldet, dass die Insolvenzen in Deutschland deutlich gesunken sind. Im ersten Halbjahr 2021 gab es bei den beantragten Unternehmensinsolvenzen einen Rückgang von 17,7 Prozent im Jahresvergleich, und einen Rückgang von 22,9 Prozent gegenüber dem von der Coronakrise unbeeinflussten 1. Halbjahr 2019. Wie kann das sein?

Hinter sinkenden Insolvenzen steckt mehr als die Corona-Hilfen der Regierung

Nun, auf den ersten Blick wirkt die Erklärung einfach. Die Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung in der Coronakrise und die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht helfen den Unternehmen dabei Insolvenzen zu vermeiden. Aber da ist noch mehr. Der Verband der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID) hat heute dazu eine Erläuterung veröffentlicht. Neben den politischen Einflussfaktoren lassen sich laut VID die weiterhin niedrigen Insolvenzzahlen auch auf langfristige Faktoren zurückführen.

Die Entwicklung der Gewerbeanmeldungen sei ein Indikator dafür, dass unsere Gesellschaft nicht nur immer älter, sondern auch weniger risikofreudig werde. In den letzten 15 Jahren sei die Zahl der Gewerbeanmeldungen von 960.000 (im Jahr 2004) auf 660.000 (im Jahr 2020) zurückgegangen (siehe Grafik, die Gewerbeanmeldung und Insolvenzen zeigt). Junge Unternehmen seien in den ersten fünf Jahren nach Gründung deutlich insolvenzanfälliger als ältere Unternehmen. Der Rückgang wirke sich deshalb direkt auf das Insolvenzgeschehen aus.

Das Gründungsklima und damit auch die Bereitschaft zum unternehmerischen Risiko müsse in Deutschland wieder verbessert werden. Insbesondere die Angst vor der völligen Existenzvernichtung sieht der VID als Indikator für die fehlende Risikofreude. Mit einem verbesserten Schutz der individuellen Altersvorsorge würde vielen Unternehmern die Angst vor der Insolvenz genommen werden. Der drohende Verlust der Altersvorsorge habe in vielen Fällen den notwendigen und befreienden Schritt in die Insolvenz verzögert oder verhindert.

Die Koalitionsparteien hatten sich laut VID im aktuellen Koalitionsvertrag bereits für die Einführung einer insolvenzsicheren Altersvorsorge für die Verbesserung des sozialen Schutzes von Selbständigen ausgesprochen. Die neue Regierung solle an dieses Vorhaben anknüpfen und deren Umsetzung voranbringen, um insbesondere Betroffenen, die durch die Pandemie in eine untragbare Überschuldung geraten sind, einen schnellen Neustart zu ermöglichen.

Grafik zeigt Insolvenzen und Gewerbeanmeldungen



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4 Kommentare

  1. @Claudio Kummerfeld
    Es ist erfreulich, dass inzwischen sogar Sie die polleit-krallsche Pleite-Dystopie nach jahrzehntelangem Ausbleiben ansatzweise hinterfragen. Betrachtet man die Entwicklung im dargestellten Chart der VID seit etwa 5 Jahren, ist die Entwicklung der Gewerbeanmeldungen eher rudimentär rückläufig, während die der Insolvenzen deutlich steiler nach unten tendiert.

    Ein weiterer versteckter Hinweis auf unsichtbare Zombies?
    Oder doch eine Bestätigung, dass existierende Unternehmen widerstandsfähiger sind, als man vermuten möchte?
    Einen drohenden Verlust der Altersvorsorge als befreienden Schritt in die Insolvenz kann ich aus diesen Daten beim besten Willen nicht heraus lesen.

    Der drohende Verlust der Altersvorsorge habe in vielen Fällen den notwendigen und befreienden Schritt in die Insolvenz verzögert oder verhindert. Letztendlich unterstellen Sie damit unterschwellig, willkürlich und völlig unbewiesen Hunderttausenden von älteren Unternehmern und Millionen von Solo-Selbständigen eine Insolvenzverschleppung ihrer Firmen bis ins Rentenalter. Was ist mit Erben, Nachfolgern? Was mit der Flexibilität und Anpassungs- und Überlebensfähigkeit?
    Nicht alle Firmen sind so unflexibel und träge wie ein dubioses Handelsunternehmen glänzender Schwermetalle, die kaum jemand braucht.

    Aber warum nicht, wenn alle anderen Stricke reißen? Brillante Köpfe können sich nicht dauerhaft irren, irgendwann einmal nach unzähligen Peinlichkeiten und vielen Jahrzehnten falscher Analysen und Prognosen schlägt auch irgendwann deren Zeit für einen kurzen Zufallstreffer. Vielleicht…

    1. Die Zusammenhänge, sind wie sie zu Recht schreiben, deutlich komplexer als in den üblichen Verlautbarungen, übrigens aller Auguren egal in welcher Richtung sie sich äußern. Was hier fehlt ist die Anzahl der Gewerbeabmeldungen und vor allem ein Blick auf die Struktur.

      Wenn man sich die ansieht, ist zu erkennen, das insbesondere die Zahl der Handelsunternehmen einen immer breiteren Raum einnimmt. Auch Makler und ähnliche „Kaufvermittlungsunternehmen“ erhöhen ihren Anteil ständig. Was ja auch nicht verwundert. Denn in Zeiten, in der jede Hausfrau ihren eigenen Internetshop als Nebenverdienst aufmacht und die Hälfte aller Jugendlichen hofft von einem You Tube Kanal leben zu können ist auch nichts anderes zu erwarten.
      Wenn die Leute dabei nicht ganz blöd sind, dann liegen auf diesen Mikrofirmen (wie auch bei „Selbstständigen Paketfahrern“) keine Verbindlichkeiten. Werfen sie nicht mehr genug ab, werden sie einfach dicht gemacht.

      Unternehmensrisiken sinken auch aus anderen Gründen. Der Zinsrückgang verringert Kapitalkosten. Hinzu kommt, das die Investitionstätigkeit der Wirtschaft massiv nachgelassen hat (seit 2012 übersteigen die Abschreibungen die Investitionen). Ohne Investment kein Investitionsrisiko. Und gerät jemand größeres in Schieflage wird er vom Staat mit Kohle zugeschissen (und zwar völlig unabhängig von „Corona“).

      „Letztendlich unterstellen Sie damit unterschwellig, willkürlich und völlig unbewiesen Hunderttausenden von älteren Unternehmern und Millionen von Solo-Selbständigen eine Insolvenzverschleppung ihrer Firmen bis ins Rentenalter.“

      Das sehe ich ähnlich. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Viele, gerade kleinere Unternehmer, hängen ja auch emotional an ihrem Unternehmen (ich weiß aus persönlicher Erfahrung wo von ich rede) und verballern da eher noch ihre eigenen Rücklagen, an statt die Bude rechtzeitig dicht zu machen. Und inzwischen hat jeder nicht völlig Unbedarfte aus seiner Firma eine Kapitalgesellschaft gemacht um der Durchgriffshaftung zu entgehen. Sie werden dann die Rettung ihres Geschäfts am Ende mit Altersarmut „bezahlen“.

      Daher interpretiere ich die seit Jahren zurückgehende Insolvenzquote auch nicht als „Aufstauungseffekt“, wie Krall das tut (was sich dann tatsächlich irgendwann entladen muss), sondern als Folge einer erschlaffenden Wirtschaft. Die grundlegende Ursache liegt darin, das das Produktivitätswachstum schon seit mindestens 20 Jahren in den westlichen Staaten auf 0 gefallen ist (die Statistiken weißen systematisch zu hohe Werte aus, warum das so ist führt hier zu weit). In einem solchen System werden keine Risiken mehr eingegangen, das System verliert an Dynamik und damit sinkt auch der systemische „Korrekturbedarf“.

      Ich erwarte daher auch keinen „großen Knall“, sondern eher einen sich weiter fortsetzenden kontinuierlichen Niedergangsprozess. Der ist in der Geschichte auch viel häufiger als der große Bums. Lässt sich damit aber auch viel schwieriger in Hollywoodfilmen dramatisieren und ist auch in Büchern und Interviews nicht so spannend.

      1. Ick sach’s ja: Noch mal langgezogen auf dem letzten Loch pfeifen, und dann diskret den Löffel abgeben… ;-)

      2. @ thinkSelf

        Ich gebe zu bedenken, dass die Mehrheit der Insolvenzen noch nie von den dazu verpflichteten Geschäftsführern angemeldet wurde, sondern von dritten Stellen (Finanzämter, Rentenversicherungsträger).

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