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Iran: Ist ein Krieg unausweichlich? Exklusivinterview

Stefan Kasper-Behrs

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am

Exklusivinterview- mit der deutsch-iranischen Handelskammer. Merkel und Co gießen Öl ins Feuer! Die Chance war da in dieser Woche bei der UN-Generalversammlung in New York, Wege zur Deeskalation zu finden. Doch stattdessen schwenkten Merkel, Macron und Johnson ein und gehen mit den USA auf einen Konfrontationskurs gegen den Iran. Damit goß man Öl ins Feuer! Der iranische Präsident Rohani wollte bei der UNO eine Initiative zur Deeskalation am Persischen Golf vorstellen. Von den Houthi-Rebellen kam, durch Druck von Rohani, vor Beginn der UN-Generalversammlung, ein Signal der Entspannung. Doch durch die drei europäischen Regierungschefs bekommen die Hardliner im Iran nun wieder Rückenwind, und eine Eskalation – die angeblich niemand haben will – steht kurz bevor!

US-Flugzeugträger Beispielfoto - gibt es Krieg mit dem Iran?
Beispielfoto der USS George H.W. Bush aus dem Jahr 2011. Foto: U.S. Navy photo by Mass Communication Specialist 3rd Class Nicholas Hall Public Domain

Interview über möglichen Krieg mit dem Iran

Hierzu befragten wir in einem Interview Herrn Michael Tockuss, den Vorstand der Deutsch-Iranischen Handelskammer e.V., aus Hamburg.

FMW: Herr Tockuss wie geht das iranische Volk momentan mit der Situation um, dass jederzeit ein Krieg gegen den Iran ausbrechen kann?

MT: Die normalen Bürger im Iran sind natürlich sehr besorgt angesichts der militärischen Drohungen, die aus den USA sehr regelmäßig kommen. Die Iraner erinnern sich durchaus noch an die Kriegssituation mit dem Irak und wissen was das praktisch für die Menschen bedeutet. Und deshalb haben die normalen Leute durchaus Angst davor, dass es zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kommen kann.

FMW: Wie ist aktuell die humanitäre Situation im Iran?

MT: Die humanitäre Situation im Iran ist eindeutig so zu beschreiben, dass es im Augenblick schwer fällt notwendige humanitäre Güter zu importieren. Das gilt insbesondere für den Bereich von Medikamenten, aber auch teilweise für den Bereich von Lebensmitteln. Es ist nicht so, dass man jetzt im Lebensmittelbereich leere Regale findet. Nur die Preise steigen deutlich an, und das führt natürlich dazu, dass Dinge des alltäglichen Bedarfs für die Bevölkerung immer teurer werden. Im Bereich der medizinischen Produkte hat man eine zweigeteilte Situation. Es gibt eine pharmazeutische Industrie im Iran, die Basismedikamente herstellt, und auch zu sehr günstigen Preisen im Iran selbst verkauft. Wofür unsere Handelskammer immer wieder Anfragen bekommt, sind Importe aus dem Ausland nachgefragt. Uns erreichen auch durchaus Anfragen von einzelnen Kranken oder Ärzten aus dem Iran, die bestimmte Krebsmittel aus dem Ausland haben möchten, weil sie im Augenblick im iranischen Markt selbst nicht verfügbar sind.

FMW: Was bewirken die Sanktionen gegen den Iran ?

MT: Die stärksten Auswirkungen der amerikanischen Sanktionen gegen den Iran treffen im Augenblick den Öl- und Gassektor des Iran. Das bedeutet der Iran kann deutlich weniger Öl exportieren, wie zum Beispiel noch vor einem oder zwei Jahren. Das wirkt sich selbstverständlich auf die konkrete Liquidität des Landes aus, und die Möglichkeiten damit auch wieder zu importieren.

Auf der anderen Seite benötigt auch die iranische Industrie sehr viele Produkte aus dem Ausland um Fabriken und Produktionsanlagen am Laufen zu halten. Dort ergibt sich eine deutliche Verteuerung der Importe, einfach weil häufig ein Iran-Risiko von deutschen Exporteuren mit eingepreist wird, weil die Transportkosten ansteigen und auch die Kosten der Finanzabwicklung jeweils noch zugerechnet werden müssen. Von daher ist die ökonomische Entwicklung und der Austausch insbesondere mit Europa in den letzten sechs Monaten deutlich zurückgegangen und die Handelsstatistiken weisen aus, dass der Iran heute ungefähr die Hälfte von dem aus Europa importiert, was noch vor einem Jahr normal war.

FMW: Was passiert wenn die Sanktionen auch in Europa verschärft werden, oder durch die USA noch erhöht werden?

MT: Es steht zu befürchten, dass der Iran sich hier weiter asiatischen Lieferanten zuwendet. Wir sehen im Augenblick mit gewisser Sorge, dass der Iran seine Handelsströme verändert. Als erstes ist ja ganz klar China zu nennen. Das Land wird nach wie vor seinen Marktanteil im Iran ausbauen, aber auch andere asiatische Länder wie Malaysia, Indonesien, Thailand und mit gewissen Abstrichen Russland. Diese Marktanteile waren traditionell eigentlich eher von deutschen und europäischen Unternehmen besetzt.

FMW: Was passiert aus ihrer Sicht, wenn das Druckmittel „Sanktion“ gegen den Iran ausgeschöpft ist?

MT: Nun, eigentlich sehen wir im Augenblick schon eine Situation, wo es schon eine Menge Phantasie braucht sich vorzustellen womit die Sanktionen der Amerikaner gegen den Iran noch erhöht werden sollen. Wir haben bei den letzten Neuerungen der Sanktionen schon gesehen, dass da Einzelpersonen noch mal auf Sanktionslisten gesetzt worden sind, oder die iranische Zentralbank noch mal auf die Sanktionsliste gesetzt worden war, obwohl sie schon seit über einem Jahr auf den Listen stand. Im Augenblick fällt es ein bisschen schwer sich vorzustellen was die Amerikaner dann noch tun sollen, und es scheint ja auch in einzelnen Kreisen in den USA durchaus eine gewisse Frustration zu herrschen, weil man merkt, dass man auch mit diesen sehr umfassenden US-Sanktionen bisher die Grundposition der iranischen Politiker nicht verändern konnte.

FMW: Wie hoch schätzten Sie die aktuelle Kriegsgefahr ein?

MT: Nun, wir warnen natürlich auch vor der Gefahr einer kriegerischen Auseinandersetzung, in die man mehr hinein rutscht, als dass es eine bewusste Entscheidung ist. Ich glaube nicht, dass die Trump-Administration oder auch die iranische Regierung irgendein Interesse an einem Krieg haben. Auf der anderen Seite haben wir amerikanische Truppen in der Region, wir haben amerikanische Schiffe in der Region, wir haben Drohnen der Amerikaner in der Region. Da kann es durch Missverständnisse oder durch mangelnde Kommunikation zu einer Situation kommen, wo plötzlich ein kriegerischer Konflikt entstehen könnte, den eigentlich beide Seiten
gar nicht haben wollen.

FMW: Die USA haben sofort nach dem Anschlag auf Saudi-Arabien den Iran beschuldigt, Urheber der Anschläge zu sein. Mittlerweile schließen sich auch Deutschland, Großbritannien und Frankreich der Meinung der USA an. Wie sehen Sie das?

MT: Für uns war es sehr erstaunlich, dass keine 24 Stunden nach dem Anschlag der amerikanische Außenminister Pompeo sofort den Iran für die Anschläge verantwortlich gemacht hat. Was deutlich wurde war, dass Präsident Trump deutlich vorsichtiger formulierte und zunächst abwarten wollte,welche Ergebnisse die Saudis mit ihren eigenen Untersuchungen liefern.

Mittlerweile haben wir Untersuchungen der Vereinten Nationen, und ich denke es wäre sehr klug nun zunächst einmal abzuwarten was diese Untersuchung der Vereinten Nationen ergeben. Es ist für uns etwas unverständlich, dass die europäischen Staaten, unter anderen auch Deutschland, nun eine klare Verantwortlichkeit, so hat sich Außenminister Maas ausgedrückt, beim Iran sehen.

Was genau eine „klare Verantwortlichkeit“ bedeutet, das erschließt sich uns so im Augenblick noch nicht. Ist es eine konkrete Unterstützung, sind das Drohnen die irgendwann mal aus dem Iran kamen, sind es Nachbauten von iranischen Drohnen ? Also, es eröffnet eine Menge Interpretationsspielraum, und ich glaube so lange die sachlichen Ergebnisse der UN-Untersuchung nicht vorliegen, sollte man sich dort eher zurückhalten, weil man ansonsten natürlich wieder in eine Spirale von möglichen Reaktionen kommen wird, beziehungsweise die USA dadurch mit einer gewissen Berechtigung an die Europäer herantreten können und sagen – gut, wenn auch ihr die Iraner für verantwortlich haltet, was tut ihr denn nun? Für mich ist das ganze sachlich noch nicht aufgeklärt, und bevor es keine sachliche Aufklärung gibt, kann es auch keine harten Konsequenzen geben.

FMW: Der Iran gab in den Jahren 2014-2018 durchschnittlich 12,1 Milliarden US-Dollar pro Jahr für Rüstungsgüter aus, und Saudi-Arabien im gleichen Zeitraum durchschnittlich pro Jahr 70,4 Milliarden US-Dollar. Im Juni diesen Jahres schoss der Iran eine hochtechnisierte US-Drohne am Golf ab. Wie erklären Sie sich, das Saudi-Arabien, was gegenüber dem Iran fast das sechsfache an Rüstung ausgibt, nicht den Drohnenangriff abwehren konnte?

MT: Inwieweit die saudische Luftabwehr in der Lage ist oder nicht in der Lage ist ein solchen Angriff auf die Öleinrichtungen von Aramco in Saudi-Arabien abzuwehren, kann ich nicht beurteilen. Ich habe im Augenblick noch keine verlässliche Information darüber ob es tatsächlich Drohnenangriffe waren, oder ob das Raketenangriffe waren. Man findet alles mögliche dazu, in jedem Fall wirkt es etwas merkwürdig, dass das ökonomische Herz Saudi-Arabiens, und darüber sprechen wir sicherlich wenn wir über die Öl-Anlagen im Osten Saudi-Arabien sprechen, so schlecht geschützt wurde, dass so ein Angriff erfolgreich sein kann. Aber wir halten uns immer an die Dinge, die tatsächlich klar und Fakt sind, und deshalb kann ich das im Augenblick noch nicht wirklich beurteilen.

FMW: Was muss passieren, dass sich die Situation zwischen den USA und dem Iran wieder entspannt und beide aufeinander zugehen?

Ich glaube der erste und wichtigste Punkt wäre, dass beide Seiten ihre Extrempositionen aufgeben, denn daran scheitern bisher auch die Gespräche. Die Iraner verlangen von den USA eine komplette Rücknahme der US-Sanktionen, bevor sie in direkte Gespräche mit den Amerikanern eintreten. Und auf der anderen Seite verlangt die Trump-Administration die Erfüllung eines Zehn Punkte-Programms von den Iranern, wo im Grunde alles verlangt wird zur Wiedereinhaltung des Atomprogramms der Iraner.

Mit diesen extremen Ausgangspositionen wird man sicherlich nicht mehr zusammen finden. Zudem ist es für den iranischen Präsidenten Ruhani nicht einfach sich in solche direkten Gespräche zu bewegen, weil es natürlich auch im Iran eine Menge Leute gibt die sagen, wir hatten doch ein Atomabkommen, wir haben uns auch an das Atomabkommen gehalten. Warum müssen wir jetzt neue Konzessionen machen um überhaupt wieder Verhandlungen zu führen? Diese Position hat eine gewisse Logik und die große Gefahr ist, dass sich im Iran die Kräfte durchsetzen, die das Atomabkommen zwischen der westlichen Welt und den USA als Beispiel dafür nehmen, dass es sowieso sinnlos ist mit den westlichen Staaten irgendwelche Deals, Agreements oder Vereinbarungen abzuschließen, weil im Zweifel sich die andere Seite nicht daran hält.

Was ich besonders ärgerlich finde ist aktuell unsere deutsche Position und auch die Aussagen von Herrn Maas. Die deutsche Regierung hat sich in den letzten Wochen und Monaten nun nicht gerade dadurch hervorgetan, dass sie irgendwelche konkreten Vorschläge gemacht hat, diesen Konflikt zu entschärfen.

Es wirkte verwunderlich wenn Herr Maas jetzt am Rande der UN-Generaldebatte den Iran auffordert sich ohne Vorbedingungen in einen Dialog mit den Amerikanern einzubringen. Denn schlussendlich waren es ja die Amerikaner, die sich aus dem Abkommen verabschiedet haben. Selbst aus Frankreich gibt es klare Vorschläge den Iran in der augenblicklichen Situation wirtschaftlich zu unterstützen, um auch dort wiederum ein politisches Klima zu schaffen, was die Möglichkeit zu direkten Verhandlungen wieder erhöht.

Frankreich brachte eine Kreditlinie über 14-15 Milliarden Euro für den Iran ins Gespräch um zunächst einmal den wirtschaftlichen Druck von den Iranern zu nehmen. Herr Maas hat sich da sehr zurückgehalten, und das entspricht eigentlich nicht der Tradition der deutschen Außenpolitik. Wir hatten zur Zeit von Kinkel, oder zur Zeit von Steinmeier immer wieder eine sehr aktive Position.

Im Augenblick sieht es für uns so aus, wie wenn sich das deutsche Außenministerium eher hinter den Europäern versteckt. Die entscheidenden Vorschläge kommen von anderen, und es sind doch recht allgemeine Äußerungen die wir im Augenblick aus Berlin zum Thema Iran bekommen.

2 Kommentare

2 Comments

  1. Avatar

    Zimmermann

    27. September 2019 16:11 at 16:11

    Was die EU weltpolitisch auf die Bühne bringt, ist nur noch blamabel. Die EU funktioniert intern nicht und nach aussen hin auch nicht. Deshalb sieht die USA die EU auch nicht als gleichwertigen Partner und verachtet die EU. Die USA haben ja nicht mal eine Telefonnumer wo sie bei der EU anrufen können, wenn es grundsätzlich was abzuklären gibt.

  2. Avatar

    rote_pille

    28. September 2019 17:38 at 17:38

    Kreditlinien hier, Sanktionen da, das hört sich nicht nach einem Plan an.

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Karstadt Kaufhof erhält Sonderkredite vom Staat – Pro und Contra zur Staatsräson

Claudio Kummerfeld

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am

Beispielbild für Rolltreppen in einem Kaufhaus

Der in der Coronakrise vom Bund aufgelegte Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) ist nichts anderes als eine Art Staatsfonds, der in das Eigenkapital von Unternehmen investieren kann in Form von Kapitalerhöhungen. Er kann aber auch Kredite gewähren. Das prominenteste Beispiel in der Coronakrise war die Lufthansa mit 9 Milliarden Euro an Hilfen (hier die Details). Bei der Airline ist der Steuerzahler jetzt Miteigentümer. Die letzte verbliebene deutsche Fluggesellschaft ist ein Musterbeispiel in Sachen Staatsräson. Jetzt kommt noch Karstadt Kaufhof hinzu. Laut aktuellen Berichten erhält man 460 Millionen Euro als Nachrangdarlehen aus dem WSF – geht die Kaufhauskette pleite, steht der Steuerzahler also bei den Forderungen ganz hinten in der Schlange, und geht wohl leer aus.

Was haben die beiden gemeinsam? In ihrer Branche sind sie die letzten verbliebenen Anbieter in Deutschland. Außer Karstadt Kaufhof gibt es keine Kaufhausketten mehr hierzulande, die in Innenstädten ein breites Sortiment anbieten, und oft in kleinen und mittelgroßen Städten der Ankerpunkt in Fußgängerzonen sind. Und die Lufthansa ist quasi der letzte Anbieter aus Deutschland für Flüge in die große weite Welt. Beide kann man in die Kategorie „Systemrelevant im Sinne der Staatsräson“ verbuchen. Es gibt gute Gründe solche Unternehmen zu retten, aber auch gute Gründe es nicht zu tun.

Pro Rettung von Karstadt Kaufhof

Zur Staatsräson kann man sagen: Es geht um das Selbstverständnis des Staates, etwas bestimmtes zu sein, darzustellen, zu präsentieren, und öffentlich einen bestimmten Eindruck zu vermitteln. Und so wie jeder Staat zum Beispiel eine große Airline haben will (Air France, Alitalia usw), braucht Deutschland vermeintlich die Lufthansa. Und so braucht auch ein Land wie Deutschland zumindest eine einzige Kaufhauskette, als Ankerpunkt für die Fußgängerzonen? So darf man es wohl verstehen. Aus aktuellen Berichten kann man als Begründung der Bundesregierung für den Kredit an Karstadt Kaufhof entnehmen, dass diese Kaufhäuser „unverzichtbare Publikumsmagneten“ in vielen Fußgängerzonen seien. Das mag auch durchaus so sein.

Mit der Unterstützung leiste die Bundesregierung einen wichtigen Beitrag, um Arbeitsplätze zu sichern und die aktuell schwierige Lage für das Unternehmen zu überbrücken. Und ja, auch die Rettung von zahlreichen Arbeitsplätzen auf einen Schlag, damit kann man als Politiker natürlich auch punkten. Und in der Tat. Trotz jahrelangen Miss-Managements und Ausschlachten von Karstadt wären die einfachen Mitarbeiter die Opfer einer endgültigen Pleite. Gerade in der Coronakrise würden sie wohl kaum schnell eine neue Stelle finden. Auch das kann man als Argumentation für diesen frischen Kredit anführen – wobei man dann auch fragen könnte, warum der Bund nicht gleichzeitig auch kleine Betriebe mit wenigen Mitarbeitern rettet – etwa weil sie zu wenige Mitarbeiter haben, und weil das zu wenig mediale Beachtung finden würde?

Contra

Karstadt, Kaufhof und zahlreiche andere stationäre Einzelhändler hatten schon seit Jahren strukturelle Probleme. Nicht nur im Kampf gegen Amazon und Co versagten sie seit Jahren, auch ihre Angebote in den Innenstädten wirkten verstaubt und aus der Zeit gefallen. Neue Konzepte waren Fehlanzeige. Durch eine weitere Rettung verzerrt man den Markt, und hindert die Marktkräfte daran auch im stationären Einzelhandel neuen, besseren Angeboten für die Konsumenten Raum zu geben. So werden alte, unrentable Geschäftsmodelle am Leben gehalten, und neuen wird der Marktzutritt erschwert.

Auch spricht gegen die Rettung von Karstadt Kaufhof, dass eine Pleite auch nach der Coronakrise wahrscheinlich bleibt, weil sich am Geschäftsmodell ja nichts ändert. Wie gesagt, auch vor Corona ging es nur bergab mit den Kaufhäusern. Also könnten die 460 Millionen Euro für den Steuerzahler womöglich verloren sein. Der Ökonom Daniel Stelter bringt es im folgenden Tweet auf den Punkt. Man kann es auch so sagen: All die kleinen Gewerbetreibenden, die sich abrackern und noch funktionierende Geschäftsmodelle haben, zahlen Steuern bis zum Abwinken, und dürfen eine erfolglose Firma durchfüttern und künstlich am Leben erhalten. Das ist nicht gerecht, und im Sinne einer sich ständig erneuernden modernen Volkswirtschaft auch sinnbefreit.

Aber nochmal: Tragisch ist, dass bei einem Dichtmachen von Karstadt Kaufhof die Mitarbeiter den größten Preis gezahlt hätten – also genau diejenigen, die seit Jahren hilflos und ohne Eigenverschulden dem Niedergang beiwohnen müssen. Denn sie müssen das umsetzen, was unfähige Manager ihnen auftischen.

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Aktien

Shortsqueeze: Shortselling – so gefährlich wie selten zuvor!

Junge Trader handeln Aktien mit einer hohen Shortquote – und bringen Hedgefunds durch einen Shortsqueeze an den Rand des Abgrunds!

Wolfgang Müller

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Es war die Meldung des gestrigen Tages an der Wall Street: Der Hedgefonds Melvin Capital hat sein Engagement bei GameStop beendet, damit seine leerverkauften Aktien zurückgekauft, als Opfer eines Shortsqueeze hat Melvin Capital gewaltige Verluste eingefahren.

Sicherlich das Extrem in einer Entwicklung, die aber schon längere Zeit zu beobachten ist. Wetten auf fallende Kurse – Shortselling – sind derzeit gefährlicher denn je! Ein Überblick über das Coronajahr 2020 offenbart ein Fiasko.

Shortsqueeze: Eine Idee macht Schule

GameStop ist kein Einzelfall. Die jungen Trader der Generation RobinHood haben aus ihren Erfolgen anscheinend den Schluss gezogen, dass man bei Aktien mit einer hohen Shortquote sehr leicht Gewinne einfahren kann – durch einen Shortsqueeze, der Leerverkäufer zu Eindeckungskäufen zwingt. Durch organisierte Käufe von Aktien und Optionen, die die Shortseller unter Druck bringen. Diese müssen ihre Positionen schließen, sprich die Aktien kaufen und die Spirale dreht sich weiter nach oben. So realisiert beim Kinobetreiber AMC Entertainment oder beim Einzelhändler Bed Bath & Beyond. Der Name für das Spiel heißt Shortsqueeze, ein Begriff, der bei Google im Januar mit dem Faktor 15 nachgefragt wurde und dreimal so oft, wie beim bisherigen Hoch.

Generation Z oder doch Y?

Vermutlich Letztere, denn die unter 25-Jährigen haben wohl mehr mit ihren Studentenkrediten zu tun, von denen viele unter Wasser stehen. Das Durchschnittsalter der 13 Millionen RobinHooder ist zuletzt leicht über 31 Jahre gestiegen, entsprechend dem Median der Generation Y. Da die durchschnittliche Depotgröße vor Kurzem noch bei unter 5000 Dollar lag, bedeutet, dass es schon großer konzertierten Aktionen bedarf, um Marktbewegungen auszulösen. Deshalb auch das große Interesse an Pennystocks und Werten mit einer kleinen Marktkapitalisierung. Bei einer über 3000 Dollar schweren Amazon-Aktie wird man mit diesen Depotgrößen nicht so viel ausrichten, ist ein Shortsqueeze viel schwieriger in Gang zu setzen.

Die Verluste der Shortseller

Wie oft hatte der Finanzdienstleister S3 im letzten Jahr über die Höhe der Shortquote bei Tesla berichtet? Ein ständiger Quell für Kursanstiege, weil es dem Marketingtalent Elon Musk immer wieder gelungen war, seine Fangemeinde zu begeistern. Seine Wut auf die Shortseller hatte ihn vor zwei Jahren fast um seinen CEO-Posten gebracht. Hat er vielleicht die Gelegenheit genutzt, um sich mit seinen Twitter-Botschaften (GameStonk u.a.) verspätet zu rächen? Jedenfalls haben Shortseller im Jahr 2020 mit Tesla 40 Milliarden Dollar Verlust eingefahren, der höchste Verlust, der je mit einem US-Unternehmen erzielt wurde. Das war der bisher größte Shortsqueeze aller Zeiten!

Auf den nächsten Plätzen in der Rangliste Apple (-6,7 Mrd.), Amazon (-5,78 Mrd.), Pinduodo (-4,74 Mrd.) und Square (.4,70 Mrd. Dollar).

Insgesamt kommt S3 Partners auf Verluste in Höhe von 240 Milliarden Dollar.

Bescheiden hingegen die Gewinne der Shorties: Exxon Mobile (1,29 Mrd.), AT&T (1,26 Mrd.) und Raytheon (1,20 Mrd. Dollar). Da war in Deutschland bei einer Wirecard vermutlich mehr zu holen.

Für einige Hedgefonds wurde es durch die Aktionen der Bubble-Boomer, wie FMW sie bezeichnet, so richtig gefährlich. Hedgefonds mussten sich gegenseitig helfen, um eine gigantische Pleite zu verhindern. Citadel und Point72 Asset Management sahen sich gezwungen, 2,75 Milliarden Dollar in Melvin Capital Management zu investieren, um das Schlimmste abzuwehren.

Bloomberg berichtet, dass Melvin Capital mit seinen aggressiven Strategien seit 2014 durchschnittlich 30 Prozent Rendite erwirtschaften konnte. Zu Beginn des Jahres war es noch ein verwaltetes Vermögen von 12,5 Milliarden Dollar, der Verlust der letzten Tage wird auf ebenso 30 Prozent geschätzt.

Was man auch nicht vergessen sollte: Von den bis zu 10.000 Hedgefonds, die es weltweit gibt, gehen jährlich Hunderte pleite, die aggressive Strategien fahren, die ihnen immer wieder auf die Füße fallen. Über die redet keiner, wenn es um die Bilanz der Superfonds geht, die bis zu 20 Prozent Gewinnbeteiligung verlangen konnten – die so genannten versunkenen Geheimnisse. Und in diesen Zeiten geht man einfach besonders risikoreich zu Werke. Short-Strategien, mit über 100 Prozent der verfügbaren Aktien (durch naked shortselling – oder ungedeckte Leerverkäufe) – es ist ein Spiel mit dem Feuer, welches mitunter durch einen Shortsqueeze gewaltige Verluste produziert.

Fazit

Das Finanzkonstrukt Leerverkauf ist nicht nur durch die Sondersituation Corona sehr riskant geworden. Die gemeinsamen Aktionen der Jungen Zocker hat eine große Dimension erreicht, die aber bald die Aufsichtsbehörden auf den Plan rufen wird. Es handelt sich bei organisierten Aktionen, einen Shortsqueeze auszulösen, schlichtweg um Marktmanipulation. Bei aller Verwunderung über die Kursexplosion und den explosiven Anstieg von GameStop im Januar von über 1000 Prozent: es geht bei diesem Nebenwert „nur“ um eine Marktkapitalisierung von 10 Milliarden Dollar.

Der S&P 500 hat eine Marktbewertung von 33.000 Milliarden Dollar und richtig marktbewegend sind natürlich Kursveränderungen von Tesla oder Facebook, wie zum Beispiel um 5 Prozent nach den gestrigen Zahlen nachbörslich. Nur fünf Prozent, aber bereits eine Veränderung um 75 Milliarden Dollar. Wie bereits dargestellt, die große Korrektur dürfte von den Big Seven ausgehen, die allein das Doppelte auf die Waage bringen, als alle Aktien im Russel 2000 zusammen.

Shortseller leben aktuell gefährlicher denn je - es droht der Shortsqueeze!

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Ein Wunder? Gewerbeumsätze deutlich besser als im Frühjahr 2020

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

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Qualmende Schornsteine

Einzelhandel, Gastronomie und Hotellerie sind im zweiten Lockdown, die Umsätze brechen dramatisch ein. Nur die Industrie glänzt. Millionen von Solo-Selbständigen sind beruflich und finanziell womöglich am Ende, oder kurz davor. Dennoch präsentiert das Statistische Bundesamt heute mehr als glänzende Zahlen für die Gerwerbeumsätze in Deutschland, basierend auf den monatlichen Umsatzsteuervoranmeldungen an die Finanzämter. Warum es eine Verzerrung der Realität sein kann? Nun, viele Betriebe melden nur quartalsweise, und gerade kleine Selbständige mit wenigen Einnahmen reichen gar keine Umsatzsteuermeldungen ein, weil sie gar nicht umsatzsteuerpflichtig sind. Die staatlichen Statistiker definieren die „gewerbliche Wirtschaft“ mit den Branchen Industrie, Energie- und Wasserversorgung, Bau, Gastgewerbe sowie Handel und Dienstleistungen.“ Also so ziemlich alles.

Laut aktueller Aussage des Statistischen Bundesamts ist der Umsatz der gewerblichen Wirtschaft in Deutschland im Dezember 2020 trotz erneutem Lockdown gegenüber dem Vormonat deutlich gestiegen, nämlich um 5,1 Prozent. Seit dem Tiefpunkt im April 2020 ist der Umsatz der gewerblichen Wirtschaft kontinuierlich angestiegen und liegt im Dezember 2020 nun 6,6 Prozent höher als im Februar 2020, dem Monat vor Beginn der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie in Deutschland. Mit reichlich Sarkasmus könnte man nur anhand dieser Zahlen glatt sagen: Sämtliche Hilfs- und Stützungsmaßnahmen für Wirtschaft, Selbständige und Beschäftigte kann der Staat sofort einstellen, denn es läuft ja deutlich besser als Anfang 2020. Aber die Realität ist (abgesehen von der Industrie) eine andere. Man schaue nur welche Ladenketten jetzt schon platt sind, und wer im Bekanntenkreis finanziell und beruflich ruiniert ist, oder kurz davor steht.

Aber zurück zu den offiziellen Zahlen. Die Grafik zeigt die Gewerbeumsätze seit dem Jahr 2015. Für Februar 2020, dem letzten Monat vor Ausbruch der Coronakrise, sehen wir einen Indexwert von 132,5, und im Tief im April einen Wert von 109,3. Jetzt sehen wir für Dezember einen Wert von 141,3. Also, alles bestens? Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei der Commerzbank, hat aktuell auch noch einen Hinweis, warum es im Dezember so gut aussieht:

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Grafik zeigt Gewerbeumsätze seit 2015

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