Allgemein

Offizielle Rhetorik konterkariert wirtschaftliche Realität Iran-Krieg und China: Energie-Schock trifft Propaganda

Hunde, die bellen, beißen nicht

Iran-Krieg und China Energie-Schock trifft Propaganda
Foto: Avigatorphotographer - Freepik.com

Energieknappheit, steigende Preise und wachsende Unsicherheit setzen in China die Industrie unter Druck und legen die Kluft zwischen Realität und politischer Rhetorik offen.

Iran-Krieg und China: Energie-Schock trifft Propaganda

In China driften wirtschaftliche Realität und politische Botschaften derzeit auseinander. Während Li Qiang weiterhin Stabilität beschwört, läuft sich im industriellen Kern Chinas ein Schock fest, der sich nicht mehr durch optimistische Rhetorik überdecken lässt.
Nach der faktischen Sperrung der Straße von Hormuz fließen nur noch ein Bruchteil der bisherigen fünf Millionen Barrel Öl in das Reich der Mitte. Neben den Störungen in der Versorgung von Öl, schlägt der Krieg auch auf die Versorgung von Gas und Kohle durch. China kann zwar Teile der Versorgung durch seine bisherige Diversifizierungstrategie und Rückgriff auf seine Öl- und Gasreserven ausgleichen, dennoch werden die Folgen sichtbar. Beijing reagiert mit Markteingriffen, Abwertung des Yuan und Beschwichtigung.

Industrie spürt steigenden Energiedruck

Die steigenden Energiepreise fangen an, sich in den Fabriken den Fabriken niederzuschlagen. Dies trifft auf eine Wirtschaft, die in den ersten beiden Monaten des neuen Jahres Zeichen der Erholung zeigte. Die Industrieprofite stiegen im Januar und Februar um 15,2 Prozent, nachdem sie im gesamten letzten Jahr um magere 0,6 Prozent gestiegen waren. Der kräftige Anstieg markierte den besten Jahresanfang seit 2018.
Allerdings ist das konjunkturelle Umfeld innerhalb Chinas weiter fragil. Besonders bei den Unternehmen, die sich auf den Binnenmarkt konzentrieren, lassen sich die Kostensteigerungen durch die erhöhten Energiekosten weder intern auffangen noch vollständig weitergeben. Besonders betroffen sind die Branchen Chemie, Stahl, Zement und die weiterverarbeitenden Sektoren.

Die Unsicherheit, wie lange und mit welchem Ergebnis der Krieg enden wird, verstärken die Verwerfungen entlang der Lieferketten. Sie führt zu noch weniger Planungssicherheit, womit Investitionsentscheidungen vertagt werden. Gerade die industriellen Zentren, wie das Perlfluss-Delta im Süden oder das Jangtse-Delta mit dem Wirtschafts- und Finanzzentrum Shanghai im Mittelpunkt, werden die Entscheider der Situation eher mit Schadensbegrenzung begegnen.

Markteingriffe bremsen Energiekrise teilweise

Der Staat reagiert mit einer Mischung aus Preisdeckel, teilweise Freigabe der Reserven, Exportverbote und Umsteuerung bei den Bezugsquellen und Abwertung des Yuan gegenüber dem US-Dollar.

Vor dem Krieg liefen täglich rund 5,35 Millionen Barrel Rohöl aus dem Persischen Golf über Hormuz nach China. Seit Anfang März ist dieses Volumen auf etwa 1,22 Millionen Barrel pro Tag gefallen. Der verbleibende Fluss stammt nahezu ausschließlich aus iranischen Lieferungen, die gezielt priorisiert werden. Selbst wenn einzelne chinesische Tanker bevorzugt behandelt werden, bleibt der Verlust erheblich und trifft genau jene Raffinerien, die auf kontinuierliche, planbare Zuflüsse angewiesen sind.

Parallel dazu hat sich das globale Angebotsdefizit auf bis zu acht Millionen Barrel pro Tag ausgeweitet. Die Preise für Brent-Rohöl haben sich entsprechend nach oben verschoben und notieren stabil über 100 US-Dollar, mit Ausschlägen bis auf 126 Dollar. Noch stärker fällt der Anstieg bei den Transportkosten ins Gewicht. Frachtraten für Supertanker auf der Route vom Golf nach Ostasien haben sich vervielfacht und liegen inzwischen bei rund 480.000 US-Dollar pro Tag. Diese Kosten schlagen unmittelbar auf die Importpreise durch und verstärken den Druck entlang der gesamten industriellen Wertschöpfungskette.

China hat versucht, sich gegen genau ein solches Szenario abzusichern. Die strategischen Ölreserven belaufen sich auf etwa 1,2 Milliarden Barrel und wurden bereits vor Kriegsbeginn gezielt aufgestockt. In den ersten beiden Monaten des Jahres stiegen die Importe um rund 15,8 Prozent im Jahresvergleich. Diese Vorbereitungen verschaffen Zeit, ersetzen jedoch keine stabilen Lieferströme. Mit jedem weiteren Tag der Blockade verschiebt sich das Problem von einem Preisschock hin zu einer realen Versorgungslücke.

In den Fabriken wird dieser Übergang bereits sichtbar. Während große Staatskonzerne auf Vorräte und privilegierte Bezugsquellen zurückgreifen, geraten kleinere Betriebe zunehmend unter Druck, die aber gerade das Rückgrat der chinesischen Wirtschaft bilden.

Die staatliche Preisregulierung kann diesen Effekt nur begrenzt abfedern. Das System der Preisobergrenzen für Benzin und Diesel, das seit 2013 besteht, wurde im März mehrfach angepasst. Während Anfang März die stärkste Anhebung der Obergrenze seit Jahren beschlossen wurde, verzichtete die mächtige Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) in dieser Woche darauf, die gesamte Preissteigerung an den internationalen Ölmärkten and die Endverbraucher weiterzugegeben und legte die Deckelung bei etwa der Hälfte der Preissteigerung fest. Ein Teil der Kosten wird also auf staatliche Akteure und die Raffinerien verschoben, ohne dass die zugrunde liegenden Kosten verschwinden.

In dem Einkaufsmanagerindex für März begann sich dieser Druck niederzuschlagen, auch wenn er insgesamt leicht im expansiven Bereich lag. Gleichzeitig zogen die Verkaufspreise deutlich an. Im vorgestern veröffentlichten PMI zeigt sich nun noch klarer, dass vor allem die Inputkosten spürbar gestiegen sind. Treiber ist dabei vor allem die Blockade der Straße von Hormuz, die sich unmittelbar über höhere Energiepreise, steigende Transportkosten und verteuerte Rohstoffe in die chinesische Industrie überträgt und den Kostendruck entlang der gesamten Wertschöpfungskette erhöht.

Russland stabilisiert Energieversorgung begrenzt

Die Veränderungen bei den Importen zeigen deutlich, wo die Grenzen für weitere Anpassungen liegen. Russland hat seine Öl-Lieferungen nach China im Januar und Februar auf etwa zwei Millionen Barrel pro Tag erhöht und sich so als Hauptlieferant etabliert. Dabei wurden Teile dieser Liefermengen von anderen Märkten abgezogen. Trotzdem sind die Möglichkeiten einer Ausweitung begrenzt: Die russische Produktion befindet sich nahe ihrer maximalen Kapazität, und zusätzliche Einschränkungen entstehen durch Engpässe in der Infrastruktur sowie durch Angriffe auf Exportanlagen.

Selbst unter günstigen Annahmen lässt sich das chinesische Defizit nur zu einem kleinen Teil ausgleichen. Zusätzliche Lieferungen im Bereich von einigen hunderttausend Barrel pro Tag stehen einem Ausfall von mehreren Millionen Barrel gegenüber. Die bestehende Pipeline-Infrastruktur läuft bereits auf hohem Niveau, während zusätzliche Seetransporte längere Routen und höhere Kosten verursachen. Russland wirkt damit stabilisierend, ersetzt aber keinen Ausfall dieser Größenordnung.

Ein ähnliches Bild zeigt sich im Gasmarkt. Ein erheblicher Teil der LNG-Importe aus Katar fällt durch die Blockade und die Angriffe auf Infrastruktur aus. Die Spotpreise in Asien sind stark gestiegen und liegen zeitweise mehr als doppelt so hoch wie vor dem Krieg. China reagiert mit einer Kombination aus Nachfragerückgang, verstärktem Rückgriff auf Pipelinegas und einer Ausweitung der Kohleverstromung. Letztere hat in den vergangenen Wochen deutlich an Bedeutung gewonnen, da sie kurzfristig die verlässlichste Energiequelle darstellt.

Die Kohlepreise ziehen entsprechend an, bleiben jedoch unter staatlicher Kontrolle. Die heimische Produktion, die bei rund 4,8 Milliarden Tonnen jährlich liegt, ermöglicht eine vergleichsweise stabile Versorgung. Gleichzeitig steigen die Kosten für stromintensive Industrien, was sich wiederum in den Produktionspreisen niederschlägt. Der kurzfristige Rückgriff auf Kohle stabilisiert die Energieversorgung, verschiebt jedoch die Belastung in andere Teile der Wirtschaft.

Auch auf der Währungsseite lässt sich der Effekt des Krieges klar ablesen. Der Yuan hat gegenüber dem US-Dollar seit Anfang März leicht abgewertet und bewegt sich inzwischen nahe der Marke von 6,92. Diese Bewegung verläuft kontrolliert und wird von der Zentralbank eng gesteuert. Die Abwertung wirkt dämpfend auf den externen Schock, da sie Exporte verbilligt, verteuert jedoch gleichzeitig die ohnehin gestiegenen Energieimporte.

China: Offizielle Rhetorik konterkariert wirtschaftliche Realität

Während sich die wirtschaftlichen Spannungen entlang der Energie- und Industrieketten sichtbar aufbauen, bleibt die offizielle Kommunikation aus Beijing bemerkenswert stabilitätsorientiert. Ministerpräsident Li Qiang zeichnet in seinen öffentlichen Auftritten ein Bild Chinas als „Hafen der Stabilität“ und „Eckpfeiler der Gewissheit“ in einer zunehmend fragmentierten Weltwirtschaft.

Auf dem China Development Forum 2026 räumte er zwar ein, dass der Konflikt rund um den Iran „kritische Energie- und Schifffahrtsrouten“ beeinträchtige. Gleichzeitig betonte er jedoch vor allem die Chancen: China werde seine Öffnung weiter vorantreiben, ausländischen Unternehmen verlässliche Rahmenbedingungen bieten und als stabiler Anker für globale Investitionen fungieren.

Parallel dazu verlagerte sich der Fokus in der innenpolitischen Kommunikation schnell auf strukturelle Antworten. Bei einer Inspektionsreise in Sichuan stellte Li Qiang den Ausbau der Energieinfrastruktur, die stärkere Nutzung heimischer Ressourcen und die Beschleunigung der Energiewende in den Mittelpunkt. Der Krieg selbst spielte dabei kaum eine Rolle, sondern die Botschaft lautete, dass China proaktiv Resilienz aufbaue und externe Schocks kontrolliert absorbieren könne.

China bleibt geopolitisch in Wartestellung

Wie so oft in China driften Realität und Propaganda auseinander. Zwar greifen die Puffer und staatlichen Eingriffe, doch sie wirken nur kurzfristig und treffen auf eine bereits geschwächte Wirtschaft.

Daneben bleibt das Land diplomatisch auffallend passiv. Es ist der dritte große geopolitische Konflikt seit der erneuten Amtsübernahme von Donald Trump, und in keinem spielte China eine maßgebliche Rolle. Nicht in Syrien, nicht im Zwölf-Tage-Krieg, nicht in Venezuela. Dabei betrifft jeder dieser Konflikte Staaten, die zur chinesischen Einflusssphäre zählen oder sogar als Verbündete gelten.

Hunde, die bellen, beißen nicht. Das scheint auch für die viel beschworenen Wolfskrieger zu gelten. China kann sich den geopolitischen Verwerfungen nicht entziehen, ist aber nicht in der Lage, sie zu gestalten. Selbst die Schwächen der USA unter Trump schlagen sich nicht in zusätzlichem Einfluss für China nieder.



Dói Ennoson
Über den RedakteurDói Ennoson
Dói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte.
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Lesen Sie auch

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert




ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung


Meist gelesen 7 Tage