Europas Wirtschaft steht vor einer harten Bewährungsprobe: Iran-Krieg, steigende Gas- und Ölpreise, eine mögliche Rückkehr der Inflation und die EZB-Politik bestimmen die nächsten Wochen. Entscheidend ist, ob der Konflikt im Nahen Osten rasch endet oder sich zu einem langwierigen Energie- und Preisschock ausweitet.
Zeitfenster für Europas Wirtschaft
Laut einem Bericht von Bloomberg kann Europas Wirtschaft einen Krieg mit dem Iran verkraften – vorausgesetzt, er endet innerhalb der von US-Präsident Donald Trump vorgegebenen vier Wochen. Dieser Zeitraum dürfte darüber entscheiden, ob der Euroraum in eine neue Krise abrutscht oder lediglich einen vorübergehenden Dämpfer in seiner wirtschaftlichen Erholung hinnehmen muss.
US-Präsident Donald Trump zufolge sollen die Angriffe auf den Iran – die bereits Ayatollah Ali Chamenei getötet, eine Welle von Gegenschlägen im Nahen Osten ausgelöst und die Energiepreise nach oben getrieben haben – zeitlich begrenzt bleiben. Doch ein längerer militärischer Einsatz birgt erhebliche Risiken für die fragile Wirtschaft im Euroraum. Gleichzeitig könnten durch die stark steigenden Gas- und Ölpreise inflationäre Kräfte neu entfacht werden, die die Europäische Zentralbank (EZB) in den vergangenen Jahren mühsam eingedämmt hat.
Nach Einschätzung von ING-Ökonom Carsten Brzeski ist Europa aufgrund seiner Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten aus der Region die „am stärksten exponierte große Volkswirtschaft“ gegenüber möglichen Spillover-Effekten aus dem Iran-Konflikt.
Antonio Barroso und Simona Delle Chiaie von Bloomberg Economics betonen: Bei einem kurzlebigen Konflikt mit nur vorübergehend steigenden Energiepreisen bliebe der wirtschaftliche Schaden begrenzt. Ein anhaltender Krieg hingegen, der Gas- und Ölreise dauerhaft auf hohem Niveau hält, könnte Regierungen zwingen, Haushalte stärker zu entlasten. Das würde die Staatsfinanzen belasten und amtierende Regierungen politisch unter Druck setzen.

Konjunktur zwischen Hoffnung und Risiko
Dabei hatte sich die wirtschaftliche Lage in Europa zuletzt aufgehellt. Höhere Staatsausgaben – insbesondere in Deutschland – sollten eine moderate Expansion stützen. Gleichzeitig bewegte sich die Inflation weitgehend im Einklang mit dem EZB-Ziel von zwei Prozent.
Die Eskalation im Iran folgt jedoch auf neue Unsicherheiten im transatlantischen Handel. Nachdem der US-Supreme-Court Trumps ursprüngliche Zölle kassierte, herrscht erneut Verwirrung über die künftige US-Handelspolitik.
An den Finanzmärkten ist bislang keine ausgeprägte Panik erkennbar. Holger Schmieding, Chefvolkswirt bei Berenberg, hält an seiner Prognose fest, wonach der Brent-Ölpreis im Durchschnitt zwischen 65 und 70 Dollar pro Barrel liegen dürfte. Der jüngste Anstieg auf über 80 Dollar sei vermutlich lediglich ein kurzfristiger Ausschlag. Diese Einschätzung steht jedoch auf unsicherem Fundament: Entscheidend ist, wie lange der Konflikt andauert und ob eine Blockade der Straße von Hormus die Gas- und Ölpreise weiter nach oben treibt.
Schmieding argumentiert, dass Trump alles daransetzen werde, einen dauerhaften Energieschock zu verhindern, da hohe Verbraucherpreise ihm innenpolitisch schaden würden. Bereits vor den Angriffen auf den Iran hätten US-Wähler ihn für hohe Lebenshaltungskosten verantwortlich gemacht.
Auch der Iran selbst hat ein starkes Interesse daran, die Spannungen in der Straße von Hormus nicht eskalieren zu lassen. Durch diese Meerenge wird rund ein Fünftel des weltweit auf dem Seeweg transportierten Öls und Gases verschifft.
China, neben Russland die einzige Großmacht, die den Iran unterstützt, ist erheblich auf diese Route angewiesen. Entsprechend dürfte Peking Druck auf Teheran ausüben, um eine Blockade zu verhindern, so UniCredit-Ökonom Edoardo Campanella.

Inflation, Wachstum und EZB
Bloomberg Economics warnt jedoch vor erheblichen Risiken. Die US-israelischen Angriffe sowie die iranische Reaktion hätten den Ölpreis bereits von durchschnittlich 65 auf rund 80 Dollar steigen lassen. Im Falle einer Unterbrechung der Lieferungen durch die Straße von Hormus seien sogar Preise von über 100 Dollar möglich. Auch die europäischen Gaspreise ziehen an, mit weiterem Aufwärtspotenzial bei einer Eskalation.
Modellsimulationen zeigen: In den großen Industrieländern würde die Verbraucherpreisinflation steigen, während das Bruttoinlandsprodukt sinkt. Für Zentralbanken entstünde damit ein Zielkonflikt zwischen Inflationsbekämpfung und Wachstumsstützung.
EZB-Ratsmitglieder wie Gabriel Makhlouf und Martin Kocher mahnen zur Zurückhaltung bei vorschnellen Bewertungen. Belgiens Notenbankchef Pierre Wunsch erklärte, man werde nicht reflexartig auf kurzfristige Energiepreisschwankungen reagieren. Sollten die Preissteigerungen jedoch anhalten und stärker ausfallen, müssten neue Modellrechnungen erfolgen.
Trotz konjunktureller Belastungen wäre ein anhaltender Rohstoffpreisanstieg per saldo inflationär. Entsprechend reduzierten Händler zuletzt ihre Erwartungen an weitere Zinssenkungen der EZB in diesem Jahr.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dem europäischen Gasmarkt. Die Preise stiegen zeitweise um bis zu 54 Prozent, nachdem Katar infolge eines iranischen Drohnenangriffs die Produktion an seiner größten Exportanlage stoppte. Der Zeitpunkt ist ungünstig: Europas Gasspeicher sind vergleichsweise leer, sodass im Sommer große Mengen LNG importiert werden müssen, um die Versorgung im Winter zu sichern.
Morgan Stanley schätzt, dass ein dauerhafter Ölpreisschock von 10 Dollar pro Barrel die Inflation im Euroraum um 0,4 Prozentpunkte erhöhen und das Wachstum der Wirtschaft um 0,15 Prozentpunkte dämpfen würde.
Die aktuellen EZB-Projektionen gehen davon aus, dass die Inflation bis 2028 unter dem Zielwert bleibt, während das Wachstum im kommenden Jahr auf 1,4 Prozent anzieht – nach 1,2 Prozent im Jahr 2026.

FFinanzmärkte setzen auf Entspannung
Bislang werten viele Marktteilnehmer den Anstieg der Ölpreise nicht als strukturelle Verschiebung, sondern als vorübergehendes Phänomen. Investoren agieren zwar vorsichtig, setzen jedoch auf einen relativ kurzen Konflikt, so Tobias Basse von der NordLB. Der deutsche Leitindex DAX – aktuell bei rund 24.100 Punkten – nähert sich nun der nächsten psychologisch wichtigen Marke von 24.000 Punkten an. Der Druck auf die Kurse hat seit dem Rutsch unter 24.500 Punkten weiter zugenommen.
Auch der Vermögensverwalter BlackRock teilt diese Einschätzung. In Gesprächen mit Kunden werde der aktuelle Preisanstieg eher als Volatilitätsschock denn als nachhaltiger Angebotsschock interpretiert. Der Unterschied sei zentral: Es handle sich bislang nicht um einen fundamentalen Inflationsschock mit langfristigen Folgen für Europas Wirtschaft.
FMW/Bloomberg
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Der Gaspreis ist an den Ölpreis gekoppelt, mit aktuellen Auswirkungen für die Metallindustrie, und für die Chemieindustrie.
Ist eh immer gleich. Irgendwo ein verkehrter Furz und Europa taumelt schon.
Man kann ja jetzt bei Gazprom wieder fragen….